Wer schaut Fussball-Streams auf ukrainisch mit 34 Unterbrüchen?
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Wer schaut Fussball-Streams auf ukrainisch mit 34 Unterbrüchen?

Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger
Zürich, am 09.12.2020
Fussball ist Volkssport. Egal, ob er aktiv oder passiv ausgeübt wird. Ich bin eher passiv bei der passiven Art dabei und beobachte dabei Eigenartiges. Ein Spielbericht.

Es ist Dienstagabend. Chelsea spielt in der Champions League gegen den FC Krasnodar. Rückspiel. Das muss geschaut werden. Finde nicht ich, sondern mein Freund. Da müssen sonstige Pläne irgendwie dran vorbei kommen. Mich stört das nicht. Ich schaue eigentlich ganz gerne Fussball. Ich habe mir schon als Kind mit meinem Vater regelmässig am Samstagabend die Sportschau angeschaut. Zweite und Erste Bundesliga versteht sich, auch wenn letztere deutlich mehr Aufmerksamkeit bekam. Ich sitze dementsprechend nicht grantig daneben, buhle mit dem Sport um Aufmerksamkeit, serviere brav Bier und halte ansonsten den Mund. Oder was einem stereotype Filme und Werbungen sonst noch so weismachen wollen.

Minute 0

Bevor das Spiel losgeht, muss ein passender Stream gefunden werden. Mein Freund schaut sich zwar so ziemlich jedes Chelsea-Spiel an und besitzt einen Hoodie des Teams, aber SkySports oder DAZN wird sich nicht geleistet. Zu geizig. Ich verstehe schon, finde das auch eine Frechheit, dass unterdessen für so ziemlich alles extra bezahlt werden muss. Aber irgendwo hat Sturheit ihre Grenzen. Bei mir wären die spätestens erreicht, wenn jedes Spiel mindestens 34 Mal unterbrochen wird – und das nicht vom Schiedsrichter. Wenn’s dann ohne Verzögerung läuft, stimmt der Ton auf einmal nicht mehr mit dem Bild überein. Aber ist nicht so schlimm, ist ja eh auf ukrainisch.

Na gut, dann vielleicht in eine Bar, immerhin zwischendurch? Zürich ist ein hartes Pflaster für alle, die nicht FCZ- oder Bayern-Fan sind, da gebe ich meinem Freund recht. Aber da gibt’s noch Pubs, die sind sozusagen dafür erfunden worden, nicht? Ay, schwieriges Thema. Die seien entweder an der Europaallee und demnach voll mit Gentrifizierungsfreunden oder feierten Oktoberfest. Das habe er bei dem in seiner Nachbarschaft gesehen. Gut, dann eben die Übertragung auf dem 15-Zoll-Bildschirm im heimischen Wohnzimmer mit Bild- und Tonqualität aus Zeiten des Kalten Kriegs.

Minute 28

Ich schaue mit, hör mir die teils rationalen, teils missgünstigen, teils wütenden und teils arroganten Kommentare meines Freundes an. Ab und zu sage ich auch was dazu oder stelle eine Frage zur Taktik. Doch irgendwann lässt mich meine Aufmerksamkeitsspanne im Stich, weil viele Spiele doch eher mit Toren und offensiven Glanzleistungen geizen. Die dritte VAR-Absicherung in der ersten Halbzeit lässt mich kalt und bei Fouls schaue ich gar nicht mehr richtig hin. Oh, es gibt Penalty? Nicht so wichtig, die zählen in meinem persönlichen Regelwerk eh nur halb. Dafür sollte es doppelt Abzug geben, wenn jemand so hochmütig daneben schiesst, wie Jorginho beim Hinspiel gegen Krasnodar. Immerhin macht er ihn dieses Mal rein.

Minute 45

Wenn die Ermüdung einsetzt, dann zahle ich nebenher Rechnungen oder mache etwas ähnlich Unangenehmes. Oder ich beobachte meinen Freund, wie er simultan zum Spiel dauernd die Statistik checkt. Wie viel Ballbesitz hat Chelsea? Gewinnen sie auch ihre Zweikämpfe? Und wie schlagen sich die einzelnen Spieler bei der Passgenauigkeit? Aus dem Spiel, das nun auch im vierten Stream hakt, ist das nicht einfach herauszulesen. Wut schäumt über und bahnt sich ihren Weg tröpfchenweise zum Bildschirm. Was für eine Scheisse das doch sei, nicht eine kompletter Angriff sei ihm unterbruchsfrei vergönnt. Meine Anmerkung, dass der erste Monat bei DAZN sogar gratis sei, versteht er eher als Provokation als als hilfreichen Tipp. War vielleicht auch so gemeint. Zur Halbzeit jedenfalls läuft das Bild wunderbar. Deutlich höre ich die Zwischenanalyse aus dem Sky Studio. Meinen Freund interessiert das nicht, jetzt ist es Zeit für eine Zigarette auf dem Balkon. Natürlich nicht ohne Statistik auf dem Handy.

Minute 74

Langsam vernehme ich auch bei meinem Freund Ermüdungserscheinungen. Als ich auf seinen Handybildschirm schiele, sehe ich dort nicht etwa die aktuellen Eckballzahlen, sondern die Startseite der NZZ. Die echte Welt hält wieder Einzug in den Fussballkosmos. Corona und die beabsichtigten Massnahmen des Bundes werden wieder Thema. Wir diskutieren, während auf dem Platz eine Auswechslungstirade stattfindet. Vielleicht bringt die neuen Schwung ins Spiel. Er hätte das ja genauso gemacht wie Frank Lampard oder “Lamps”, wie ihn mein Freund kumpelhaft nennt. Zwischendurch bin ich unsicher, ob er tatsächlich glaubt, Co-Trainer zu sein. Ob er glaubt, jemand würde ihn und seine Ratschläge an der Stamford Bridge hören. Wie dem auch sei, gegen diese Leidenschaft ist nichts einzuwenden. Konzentration auf den Endspurt.

Minute 90 + 5

Das Spiel ist zu Ende. Unentschieden steht es am Schluss eines meines Erachtens unspektakulären Spiels. Ungeschlagen seien die Blues in der Champions League, was für eine Leistung. So kann man’s auch sagen. Ein umfangreicheres Debriefing gibt’s nicht. Vielleicht, weil’s schon 23 Uhr ist. Vielleicht, weil er Rücksicht auf mich nimmt. Vielleicht, weil er selber nicht mehr mag. Fussball ist Fokus, von der 0. bis zur 95. Minute. Danach aber drängen sich andere Themen und Fragen in den Vordergrund. Fussball ist nicht Leben, sondern Hobby. Das merke ich spätestens an seiner Weigerung, ein paar Franken für eine lückenlose Übertragung zu bezahlen.

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Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger

Editor, Zürich

Meinen Horizont erweitern: So einfach lässt sich mein Leben zusammenfassen. Ich liebe es, neue Menschen, Gedanken und Lebenswelten kennenzulernen,. Journalistische Abenteuer lauern überall; ob beim Reisen, Lesen, Kochen, Filme schauen oder Heimwerken.

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