Hintergrund

20 Jahre «Battlefield»: Von der Multiplayer-Sensation zum Retorten-Shooter

Philipp Rüegg
Philipp Rüegg
19.09.2022

Mit «Battlefield 1942» hat Entwickler Dice Multiplayer-Shooter anno 2002 auf ein neues Level gehievt. Die Schlachtfelder sind seither grösser geworden, aber leider nicht unbedingt besser.

Vom Ersten Weltkrieg bis in die Zukunft hat die «Battlefield»-Reihe an zahlreichen Fronten gekämpft. Die erste Schlacht liegt mittlerweile 20 Jahre zurück. Am 19. September 2002 erscheint «Battlefield 1942» für den PC. Darin können sich bis zu 64 Spielerinnen und Spieler auf einer Karte bekämpfen. Das ist doppelt so viel wie bei jedem anderen Shooter. Noch spannender ist, dass du nicht nur zu Fuss unterwegs bist, sondern Jeeps, Panzer, Flugzeuge und sogar Schiffe benutzen kannst. «Battlefield 1942» ist unberechenbar, chaotisch, voller Action und ein gigantischer Spass. Kein anderer Shooter bietet so viele Freiheiten. Nach fast zehn Jahren mit Pinball-Spielen für den Amiga, einigen Race Games sowie dem Spiel zum Film «Shrek» gelingt dem schwedischen Entwicklerstudio Dice mit «Battlefield 1942» der Durchbruch.


Wake Island ist und bleibt eine der legendärsten Maps der Serie.
Wake Island ist und bleibt eine der legendärsten Maps der Serie.

Dank des Erfolges wird in Kanada ein weiteres Studio gegründet, das zwei Jahre später mit «Battlefield Vietnam» an den Erfolg anknüpft. Das Game fühlt sich zwar eher wie ein Zwischenschritt an, wird aber nicht nur für mich als Highlight der Reihe verbucht. Nichts macht mehr Freude als mit dem Jeep über die Schlachtfelder zu rasen, während aus den Boxen in einer Lautstärke Edwin Starrs «War» erklingt. Kein Helikopter-Flug ist komplett ohne Richard Wagners «Ritt der Walküre». Dass jeder Gegner im Umkreis von Kilometern weiss, dass ich komme, gehört zum Spass dazu.

«Battlefield 2»: Erfolgreicher Sprung in die Gegenwart

2005 kauft EA einen Grossteil von Dices Aktien. Im gleichen Jahr erscheint «Battlefield 2», wieder Made in Sweden. Während «Call of Duty 2» den mittlerweile übersättigten Markt an Zweit-Weltkrieg-Shootern bedient, weicht «Battlefield» auf das moderne Schlachtfeld aus. Das Ergebnis ist eines der besten «Battlefields» aller Zeiten. Die modernen Waffen und Fahrzeuge beschleunigen das Spiel und sorgen für noch mehr Action. Nirgends zeigt sich das besser als auf der legendären Map «Strike at Karkand». Ganz anders als noch in «Battlefield 1942» oder späteren Teilen, bist du hier sofort mittendrin in der Action. Wenige Meter vom Spawnpunkt entfernt fliegen die Fetzen. Hinter jedem Mauervorsprung lauert ein Panzer, der mit einem Schuss dein unkoordiniertes Squad auslöscht – oder du rennst blindlings dem nächsten MG-Schützen ins Visier. Dann heisst es, Zähne zusammenbeissen, Cooldown abwarten und direkt zurück an die Front.


Bei diesem Fussgängerstreifen hast du keine Zeit für «Lose, luege laufe.»
Bei diesem Fussgängerstreifen hast du keine Zeit für «Lose, luege laufe.»

«Battlefield 2142»: Mutig und futuristisch, aber nicht für alle

Statt weiter in die gleiche Kerbe zu schlagen, wagt Dice mit «Battlefield 2142» etwas Neues. «Battlefield 2142» spielt in der Zukunft und bringt einige frische Ideen ins Multiplayer-Genre. Die zwei Teams starten in zwei riesigen schwebenden Mutterschiffen. Dort kannst du dich rauskatapultieren und teilweise sogar hinter den feindlichen Linien landen. Das macht den Start in den Kampf viel dynamischer. Die Basen dienen aber nicht nur als Startpunkt, sie können auch erobert und gesprengt werden. Die Verteidigung und die Angriffe auf die Festungen gehören zu den hitzigsten Gefechten im Spiel. Obendrauf gibt es riesige Mechs zu steuern. Was könnte da noch besser sein? Offenbar viel, denn finanziell ist «Battlefield 2142» ein Flop.


«Battlefield: Bad Company»: Eine Kompanie spielt sich in mein Herz

Bis zu diesem Zeitpunkt ist «Battlefield» eine reine Multiplayer-Serie. Das ändert sich mit «Bad Company». Als US-Infanterist Preston Marlowe wirst du in eine absolute Chaostruppe versetzt, bestehend aus drei liebenswerten Klischees: Dem grossmäuligen Sprengstoffexperten George Gordon Haggard, dem überängstlichen Sanitäter Terrence Sweetwater und dem toughen Anführer Samuel D. Redford. Im Verlauf des Spiels wachsen sie dir richtig ans Herz. Die Missionen bieten für damalige Verhältnisse viele Freiheiten und der Multiplayer-Teil ist auch wieder richtig Klasse – besonders, weil du erstmals Gebäude zerstören konntest. Etwas, das zum Markenzeichen der Serie wird.

Weil das Spiel nur für die Konsole erscheint und ich Ego-Shootern mit Controller nichts abgewinnen kann, fühl ich mich gezwungen, mir einen Spezial-Controller zu kaufen: Den FragFX V2. Eigentlich ein völliger Schwachsinn, denn der Controller simuliert lediglich die Maus-Steuerung. Trotzdem besser als nichts. Und um wenigstens einigermassen in «Bad Company» mithalten zu können, ist es mir den Preis wert.

«Battlefield: «Bad Company» liefert erstmals eine spielenswerte Kampagne
«Battlefield: «Bad Company» liefert erstmals eine spielenswerte Kampagne

Der Nachfolger «Bad Company 2» kann zwar mit der Kampagne nicht mehr überzeugen, dafür macht der Multiplayer richtig Bock. Besonders, weil das Zerstörungssystem weiterentwickelt wurde und du nun Häuser fast komplett dem Erdboden gleich machen kannst.

«Battlefield Heroes»: Der schlimmste Ohrwurm aller Zeiten

Ein Free-To-Play-«Battlefield» im Comic-Design und in der Third-Person-Perspektive? Klingt frevelhaft, aber ich und meine WG-Genossen von 2009 lieben auch diesen Teil. Weil Anfangs der Zugang beschränkt ist, müssen wir uns einen Account teilen und uns beim Spielen abwechseln. Das hält uns nicht davon ab, diesen simplifizierten Ableger, der dir an allen Stellen das Geld aus der Tasche ziehen will, unzählige Stunden zu spielen. Der ikonische Intro-Sound hallt noch Monate später durch unsere Wohnung – und noch länger durch unsere Gehirne.

Hören auf eigene Ohrwurm-Gefahr.

«Battlefield 3»: Die neue Messlatte

EA schielt schon lange neidisch auf die Verkaufszahlen von «Call of Duty», das sich jedes Jahr millionenfach verkauft. Krampfhaft wird versucht, die eigene Marke massentauglicher zu machen. Mit «Battlefield 3» gelingt das Kunststück schliesslich, ohne dass die eigene Identität verloren geht. Hier passt alles zusammen. Die Grafik ist dank Frostbite Engine 2.0 ein Augenschmaus, es gibt ein motivierendes Level-System, unzählige Waffen zum Freischalten und jede Menge fantastischer Maps. Das bis anhin grösste Schlachtfeld Caspian Border balanciert Fusstruppen und Fahrzeuge perfekt aus und garantiert ein wildes Seilziehen bis zum Schluss. Operation Métro wiederum bietet hitzige Schlachten in engen Gassen und Metro-Tunnels. Als Medic kannst du hier massig Punkte sammeln, weil deine Kameradinnen und Kameraden reihenweise ins Gras beissen. Medics sind auch der einzige Grund, warum die Runden trotz rekordverdächtiger Abschuss-Zahlen nicht innerhalb von Minuten zu Ende sind.


«Battlefield 3» kann in der Kampagne nicht ganz mit «Call of Duty» mithalten, aber beim Multiplayer passt alles zusammen.
«Battlefield 3» kann in der Kampagne nicht ganz mit «Call of Duty» mithalten, aber beim Multiplayer passt alles zusammen.

Lediglich das Battlelog ist ein Graus. Es ist das Gegenstück zu «Call of Duty Elite»: Eine Browser-basierte Lösung, um Multiplayer-Matches beizutreten oder die Kampagne zu starten. Regelmässig gibt es Probleme mit der Browser-Kompatibilität oder weiss der Teufel was.

Besser wird das auch mit dem Nachfolger «Battlefield 4» nicht. Die Leaderboards der Freunde zu inspizieren und sich freuen, wenn die eigene Kill/Death-Ratio besser ist, ist zwar toll. Die ständigen Verbindungsabbrüche und sonstige Crashes trüben aber das sonst sehr solide Gameplay. «Battlefield 4» ist insgesamt ein konservatives Upgrade. Zwar gibt es mit «Levolution» ein neues Zerstörungsmodell, das ganze Hochhäuser einstürzen lässt und grosse Teile der Map durcheinander wirbelt. Dafür können normale Gebäude nicht mehr komplett platt gemacht werden. Im Grossen und Ganzen fühlt es sich wie ein hübscheres «Battlefield 3» an, nur mit etwas langweiligen Karten. Zum ersten Mal verspüre ich Ermüdungserscheinungen.

«Hardline»: Ein Zwischentief zum Vergessen

Ja und dann gibt es da noch «Battlefield Hardline». Ein von EA forcierter Nachfolger, um die Zeit zwischen «Battlefield 4» und dem nächsten Hauptteil zu überbrücken. Die Singleplayer-Kampagnen sind meist nicht mehr als ein mit Schwarzpulver gewürztes Amuse-Bouche. In «Hardline» wird die Kampagne zum Hauptgang hochstilisiert. Statt Weltkriege zwischen verfeindeten Nationen auszufechten, zeigst du hier Kriminellen deine Polizeimarke, bevor du ihnen Handschellen anlegst. Kein Witz. Dass für diese Zeitverschwendung auch noch das talentierte Entwickler-Team Visceral Games herangezogen wurde, statt es an einem neuen «Dead Space» arbeiten zu lassen, ist der grösste Skandal.


Ein Lückenfüller zum Vergessen: «Hardline».
Ein Lückenfüller zum Vergessen: «Hardline».

«Battlefield 1»: Erfolgreich zurück in die Vergangenheit

Mit «Battlefield 1» beweisst Dice nicht nur, dass sie spielenswerte Kampagnen immer noch beherrschen, sie wagen sich mit dem Ersten Weltkrieg auch an ein bisher unverbrauchtes Szenario. Trotz Karabiner und langsamer Panzer mangelt es dem Spiel nicht an Tempo. Hinzu kommt die absolut kolossale Inszenierung mit epischen Sandstürmen in der Wüste und brennenden Zeppelinen in den italienischen Alpen. «Battlefield 1» hebt sich deutlich vom Ego-Shooter-Einheitsbrei ab und bringt frischen Wind die Serie…


«Battlefield 1» ist besonders optisch eine Wucht.
«Battlefield 1» ist besonders optisch eine Wucht.

…, der mit dem Nachfolger gleich wieder verpufft. «Battlefield V» kehrt zurück aufs altbekannte Schlachtfeld des Zweiten Weltkriegs. Auch sonst gibt es wenig Neues. «Battlefield V» fehlt es an einem Alleinstellungsmerkmal, es ist ein weiterer Shooter in der Serie ohne klare Identität. Solide, aber nichts Besonderes.

«Battlefield 2042»: Das vorzeitige Ende

Leider wird es mit «Battlefield 2042» nicht besser. Bereits die Jahreszahl macht deutlich, dass Dice oder EA der Mut fehlt, etwas wirklich Neues zu wagen. Was sind schon läppische 20 Jahre in der Zukunft? Drohnen und Enterhaken sind ja ganz nett, aber das verleiht dem Spiel noch keinen Charakter. Die Verdoppelung der Spielerzahl auf 128 klingt in der Theorie gut, sorgt aber in der Realität bloss für chaotische Massenschlachten – nicht das schöne Chaos, das einmal das Herz der Serie war. Nerviges Chaos, bei dem du reihenweise langweiliger Tode stirbst, ohne eine Ahnung zu haben, wo überhaupt die Action spielt. Dice hat den 128-Spieler-Modus mittlerweile entfernt. Ein Funken von Kreativität zeigt sich lediglich im Portal-Modus. Dort lassen sich eigene Szenarien erstellen mit verschiedenen Waffen, Maps und Modi aus allen möglichen «Battlefield»-Teilen. Aber wenn ich dort lieber «Battlefield 3» spiele als das eigentliche «Battlefield 2042», verdeutlicht das nur das Problem.


Mit «Battlefield 2042» befindet sich Dice im freien Fall.
Mit «Battlefield 2042» befindet sich Dice im freien Fall.

Nach 20 Jahren mit Hochs und Tiefs ist «Battlefield» an einem Wendepunkt. Wie bisher kann es nicht weitergehen. Dice sollte aufhören, «Call of Duty» nachzuäffen und sich wieder auf die eigenen Stärken besinnen: Solides Klassensystem, grosse dynamische Maps, gute Balance aus Fusstruppen und Fahrzeugen – und natürlich: ein Zerstörungssystem, das seinem Namen gerecht wird.

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Philipp Rüegg

Als Game- und Gadget-Verrückter fühl ich mich bei digitec und Galaxus wie im Schlaraffenland – leider ist nichts umsonst. Wenn ich nicht gerade à la Tim Taylor an meinem PC rumschraube, oder in meinem privaten Podcast über Games quatsche, schwinge ich mich gerne auf meinen vollgefederten Drahtesel und such mir ein paar schöne Trails. Mein kulturelles Bedürfnis stille ich mit Gerstensaft und tiefsinnigen Unterhaltungen beim Besuch der meist frustrierenden Spiele des FC Winterthur. 


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