Apple WWDC: Ciao iTunes, Hallo absurd teurer Mac Pro!
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Apple WWDC: Ciao iTunes, Hallo absurd teurer Mac Pro!

Aurel Stevens
Aurel Stevens
Zürich, am 04.06.2019
Auf der Worldwide Developer Conference stellt Apple die Weichen, wo es 2019 softwaremäßig hingehen soll. Endlich wurde mal wieder ein neuer Mac Pro vorgestellt. Ein tolles Gerät – wenn nur nicht das heftige Preisschild wäre.

Auf der WWDC stellt Apple jeweils die neuen Versionen seiner Betriebssysteme vor. Voller Fokus auf Software: Was kann das neue iOS? Was tut sich bei MacOS? App-Entwicklern wird durchgegeben, was sich ändert und wo neue Chancen liegen, um im Apple-Ökosystem anzudocken.

Apple-Events folgen einer strengen Choreografie. Zunächst wird das eigene Ökosystem gelobt, dann folgen wohldosierte und bekömmliche Informationshäppchen zu allem möglichen. Am 3. Juni hat Tim Cook überraschenderweise gleich mit der Hardware losgelegt.

Ich drehe es um und sortiere nach Wichtigkeit. Der Mac Pro kann nicht wichtig sein, denn, pardon, nach fünf Jahren ist auch der letzte Power-User längst umgestiegen.

Die Strategie

Den WWDC-Event musst du von der Warte aus betrachten, was Apple eigentlich will. Am 25. März 2019 hat Tim Cook verkündet, dass Apple sich strategisch als Mediendienstleister positioniert:

Apples Roadmap mit vielen blinden Flecken
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Apples Roadmap mit vielen blinden Flecken

In Kürze:

  • Apple wird mit «Apple TV+» zum Content-Anbieter und liefert eigene, exklusive Shows und Serien à la Netflix. Flatrate für die nähere Verwandtschaft, egal mit welchem Apple-Gerät
  • Apple bündelt die Entwicklung neuer Mobile-Spiele unter dem Label «Apple Arcade». Die Entwicklung von kuratierten, iOS-exklusiven Spielen wird mit erheblichen Ressourcen unterstützt
  • beim Print-Angebot gibt es mit «Apple News+» einen imposanten Strauss an wertigen Hochglanz-Magazinen.
  • Apple bietet eine virtuelle – nur optional physische – Kreditkarte an und baut Apple Pay aus. Ein Angriff, um Banken aus der Nahrungskette auszuschließen. Und der Weg, um aufstrebenden Diensten wie Revolut Marktanteile abzujagen.

Nur logisch, dass Apple wie im Vorfeld vermutet die vernachlässigte Medienzentrale iTunes beerdigt. Will heißen, dass iTunes durch eigene Apps für Musik, Filme, Spiele und Magazine von neuen Apps abgelöst werden. Das sind Apple Music, Apple Podcasts sowie die bereits angekündigte Apple TV App, die auch auf einigen Smart-TVs laufen wird. Auf den hauseigenen Apple-TV-Boxen ist die App ein eigenes OS, tvOS 13. Sie bietet neuerdings eine Mehrnutzer-Verwaltung mit personalisierten Empfehlungen wie bei Netflix.

Die Backup-Funktionalität, bisher ebenfalls in iTunes integriert, wandert endlich an einen sinnvollen Ort: In den Finder. Der Wechsel ist Bestandteil der neuen MacOS-Version 10.5, die Catalina heißt.

Gleichzeitig lanciert Apple einen eigenen Login-Service à la Google und Facebook. Das könnte durchaus interessant werden, da Apple in Sachen Privatsphäre einen deutlich geringeren Appetit auf Userdaten zeigt. Der Apple-Login-Service wird die Möglichkeit bieten, sich bei Drittdiensten mit Wegwerf-Mailadressen anzumelden. Das tönt vielversprechend.

Ein eigenes OS für die iPads

Die iPads bekommen ein eigenes Betriebssystem namens iPadOS. Die Abspaltung bringt die Apple-Tablets weg von iOS und näher zu MacOS. Der Grund ist, dass iOS nicht wirklich multitaskingfähig ist. Mit dem eigenen Betriebssystem kann man auf iPads endlich mit mehreren Fenstern hantieren und Applikationen können die deutlich grösseren Bildschirme der Tablets besser ausreizen.

A propos Bildschirme: Mit MacOS Catalina und dem aus der Taufe gehobenen iPadOS können Apple-Tablets als externer Bildschirm für Macs benutzt werden.

Die Nähe zu MacOS zeigt sich auch darin, dass iPad-Apps unkompliziert zu Desktop-Applikationen umgewandelt werden können. Die Entwickler werden dabei von einer Software namens Catalyst unterstützt. Als Beispiel zeigte Softwarechef Craig Federighi eine native Twitter-Applikation für MacOS.

Die iPads erben aber auch einige Eigenschaften vom Desktop-OS. Namentlich sind das ein Download-Manager, die Desktop-Version von Safari. Endlich kann man auch USB-C-Sticks direkt an iPads anschließen und bequem Dateien transportieren.

Bisher musste man proprietäre Insel-Lösungen mit speziellen Apps und die «Teilen»-Funktion dafür benutzen. Ich finde es beeindruckend, dass Apple sich traut, die banale Funktion als Feature anzupreisen. Peinlich, dass das erst im Jahr 2019 nativ geht.

iOS 13

Bei iOS stehen die Zeichen auf Evolution, nicht Revolution. Unter der Haube wird Apple weiterhin fleißig gewerkelt haben. Sichtbar für den Endanwender ist vor allem der neue Dark Mode. Den gibt es seit knapp einem Jahr auf MacOS. Auf OLED-Displays soll damit sogar etwas Energie gespart werden können. (Auf LCD-Displays wie dem iPhone XR benötigt Schwarz alle drei Dioden und benötigt dafür mehr Strom.)

Aufgebohrt wurde Apple Maps. Neu kann dort à la Street View von der Vogelperspektive in die First-Person-Ansicht gewechselt werden. Siri wird etwas schlauer, liest Nachrichten direkt vor und lässt Benutzer mündlich eine Antwort verfassen.

Nichts, was einen vom Hocker reißt, aber solange das stabil und sicher läuft, soll es mir recht sein. iOS 13 läuft auf denselben Geräten wie iOS 12, also ab dem iPhone 6s aufwärts. Das 6s wurde im Herbst 2015 vorgestellt. Damit ist Apple wieder bei fünf Jahren Softwareunterstützung angekommen, nachdem sich der Zeitraum zuletzt etwas verlängert hatte.

Diese Nachricht dürfte jedem Android-Fan die Tränen in die Augen treiben. Selbst Update-Primus Google garantiert bei seinen eigenen Pixel-Smartphones nur zwei Betriebssystem-Versionen.

Ein neuer Mac Pro

Bei den Notebooks hält Apple mit dem Macbook Pro und dem iPad nennenswerte Marktanteile. Die portablen Geräte von Apple erfreuen sich großer Beliebtheit. Sie sehen nicht nur gut aus, sondern sind auch wertig verarbeitet und werden ständig weiterentwickelt.

Bei den Desktops herrscht hingegen seit längerem Stillstand. Insbesondere bei der leistungsfähigen Workstation-Serie Mac Pro, die mit gehobenen Intel-Prozessoren und Flexibilität punktete, gab es seit Jahren kein Update mehr. Seit Längerem wird Apple dafür kritisiert, dass es kein neues Arbeitstier mit ordentlich Rumms mehr gibt.

Am 3. Juni war es endlich so weit und der Neue wurde vorgestellt. Gott sei gelobt, die ulkige, sündhaft teure Tonne aus dem Jahr 2013 wird endlich abgelöst. Ich taufe ihn «die Käsereibe». Das Gehäuse ist von allen Seiten aus zu öffnen.

Im neuen Mac Pro steckt ein Xeon mit bis zu 28 Kernen. Das Mainboard bietet Platz für acht PCI-Boards und erlaubt bis zu 1.5 TB Arbeitsspeicher. Die Leistung der AMD-Grafikkarte wird mit 56 TFlops angegeben. Entsprechend dick ist das Netzteil, das bis zu 1400 Watt liefert. Die Preise für die neuen Workstations beginnen bei 5999 Dollar, die Geräte sind ab Herbst erhältlich.

Der edle Rechenknecht will natürlich ein gebührendes Display verpasst bekommen. Das gibt es ebenfalls ab Herbst mit dem Pro Display XDR. Es punktet mit 6K-Auflösung und «extremem Dynamikumfang». Das Display kostet nochmals 4999 Dollar. Ohne Standfuß. Du musst entweder eine Wandhalterung für 199 Dollar oder den «Pro Stand» kaufen. Kostenpunkt: 999 Dollar.

Du hast richtig gelesen: Der Bildschirm-Standfuß kostet einen Tausender. Für das günstigste Gespann aus Mac Pro, Pro Display XDR und Standfuß sind also knapp 12 000 Dollar fällig. Okay...das bietet einen gewissen Unterhaltungswert. Ich pack mal das Popcorn aus und freue mich auf eure Kommentare.

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Aurel Stevens
Aurel Stevens
Chief Editor, Zürich
Ich bändige das Editorial Team. Hauptberuflicher Schreiberling, nebenberuflicher Papa. Mich interessieren Technik, Computer und HiFi. Ich fahre bei jedem Wetter Velo und bin meistens gut gelaunt.

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