Das Tageslicht aus der Steckdose wirkt besser als Kaffee

Das Tageslicht aus der Steckdose wirkt besser als Kaffee

David Lee
David Lee
Zürich, am 04.11.2020
Normalerweise lasse ich mich ungern blenden. Aber wenn es gegen die trübe Winterstimmung hilft, wieso nicht? Die ersten paar Wochen mit einem Therapielicht sind vielversprechend.

Die dunkle und graue Jahreszeit schlägt mir aufs Gemüt. Im Winter werde ich morgens oft nicht richtig wach und bleibe den ganzen Tag antriebslos. Jetzt, wo ich im Homeoffice arbeiten muss, verstärkt sich das. Es fehlen die Kolleginnen und Kollegen, die etwas Leben in die Bude bringen.

Früher habe ich das Problem mit industriellen Mengen von Kaffee zu bekämpfen versucht. Nicht die cleverste Idee. Besser die Ursache bekämpfen und mir mehr Licht gönnen. Am liebsten wäre ich den ganzen Winter im sonnigen Engadin, aber das geht nicht. Die praktisch machbare Lösung: eine Lichttherapie-Lampe.

Lux versus Lumen

Warum braucht es überhaupt ein spezielles Therapielicht? Eine normale Zimmerbeleuchtung ist viel weniger hell als Tageslicht und kann dieses darum nicht ersetzen. Das gilt insbesondere dann, wenn du nicht ganz nahe bei der Lampe bist. Die Distanz zur Lichtquelle ist entscheidend, damit du genug Licht abbekommst.

Die Lichtmenge des Therapielichts wird darum nicht in Lumen angegeben wie bei normalen Leuchtmitteln, sondern in Lux. Lumen gibt die Leuchtkraft an, die von der Quelle aus geht, während Lux die Lichtmenge misst, die auf der beleuchteten Fläche ankommt. In diesem Fall auf meinem Gesicht. Das bedeutet, dass Lux von der Entfernung zur Lichtquelle abhängig ist .

Das Therapielicht TL 90 ist laut Hersteller bei einer Entfernung von 15 cm 10 000 Lux stark. Bei 30 cm sind es noch 5000 Lux und bei 50 cm nur noch 2500 Lux. Weiter weg sollte das Licht nicht aufgestellt sein. Das ist auf jeden Fall mehr, als du mit irgendeiner Deckenbeleuchtung hinkriegst.

Bei der vollen Dröhnung von 10 000 Lux reicht laut Hersteller Beurer eine halbe Stunde pro Tag für einen Therapieeffekt, bei 5000 Lux eine Stunde und bei 2500 Lux zwei Stunden.

Unter freiem Himmel sind 10 000 Lux gar nicht so viel. Im Sommer hast du immer mehr, selbst bei schlechtem Wetter. An einem trüben Wintertag kann es weniger sein; aber selbst dann ist ein Aufenthalt im Freien empfehlenswert. Denn es ist immer noch heller als mit einer normalen Innenbeleuchtung.

Auspacken und Einschalten

Beim Auspacken bleiben Freudensprünge aus. Das Ding ist gross, hässlich und hat ein zu kurzes Kabel. Die Leuchtfläche ist mit Milchglas überzogen, aber dennoch blendet es mich, wenn ich direkt hinein schaue. Es wird empfohlen, dies immer wieder kurz zu tun, da die Aufnahme von Licht über die Netzhaut erfolgt.

Das kalte Licht erinnert mich an eine Röhrenbeleuchtung, dies wiederum lässt mich an triste Dezembertage im Büro denken. Durch die negativen Assoziationen bewirkt das Licht erst mal das Gegenteil von dem, was es sollte. Es verbreitet eine depressive Stimmung.

Doch anders geht es leider nicht. Tageslicht ist kälter als eine Wohnzimmerbeleuchtung. Nach dem heutigen Stand der Forschung scheint vor allem kaltes Licht wach zu halten. Bildschirme haben üblicherweise ebenfalls kaltes Licht. Dies kann dazu führen, dass du am Abend zu lange wach bleibst. Aus diesem Grund können die meisten Smartphones, Tablets und PC-Bildschirme heutzutage zu einer selbst gewählten Stunde in einen Nachtmodus umschalten, der wärmeres Licht erzeugt.

Erste Erfahrungen

Am nächsten Morgen – ein trüber und regnerischer Oktobertag – nehme ich die Lampe erstmals ernsthaft in Betrieb. Die Lampe wirkt wie Doping, ich arbeite etwa zwei Stunden lang wie ein Verrückter. Da das Licht von der Seite kommt und nicht von oben, erinnert es mich nicht mehr so stark an das verhasste Leuchtröhren-Feeling.

Die Lampe hat nur eine Taste: Der Ein-Aus-Schalter. Rundherum zeigen Leuchtdioden, wie lange sie schon brennt. Die Anzeige geht bis 120 Minuten. Danach passiert nichts. Die Lampe brennt einfach weiter.

Der Timer kann nicht pausiert werden. Das Ausschalten der Lampe setzt den Timer zurück. Das vermisse ich, denn ich will zwar das Total von 120 Minuten erreichen, aber nicht unbedingt am Stück.

Simpler geht’s nicht.
Simpler geht’s nicht.

Im Dauertest

So krass wie am ersten Morgen hat die Lampe später nicht mehr gewirkt. Da hat mich wohl auch die Freude am Neuen beflügelt, sprich: Placebo-Effekt. Dennoch, die Lampe nützt eindeutig. Ich bin wacher und meist auch konzentrierter, wenn sie brennt.

Wobei zur Konzentration ja auch gehören würde, einen kühlen Kopf zu bewahren. Und das ist – im wortwörtlichen Sinn – schwierig. Die Leuchtfläche erwärmt sich. Sie wird nicht heiss, ich kann problemlos die Hände drauf legen. Bei der kurzen Distanz zum Kopf, die gefordert ist, spüre ich die Wärme aber deutlich.

Übrigens hellt die Lampe meine Stimmung nicht so sehr auf wie schönes Wetter. Ich bin zwar wacher und leistungsfähiger, als ohne simuliertes Tageslicht, aber kaum besser gelaunt.

Beim TL-90 kann ich den Neigungswinkel verstellen. Aufgrund der grossen Fläche, die gleichmässig abstrahlt, wäre das nicht unbedingt nötig. Etwas angenehmer ist es aber schon, wenn ich den Winkel exakt auf meinen Kopf ausrichten kann.

Die Beleuchtung besteht aus zwei Leuchtstoffröhren, es handelt sich also nicht um LED-Lampen. Dementsprechend verbraucht das Gerät relativ viel Strom. Mein Messgerät zeigt im Betrieb 55 Watt an. Die Lebensdauer der Röhren gibt Beurer mit 10 000 Stunden an. Bei zwei Stunden pro Tag wären das 5000 Tage. Brauchst du das Licht drei Monate im Jahr, reicht das für 55 Jahre. Damit überschreitet die Lebensdauer der Röhren höchstwahrscheinlich meine eigene Lebensdauer.

Mehrzweckverwendung

Die Lampe lässt sich problemlos mit einer Hand an einen anderen Ort tragen. Sie ist leicht und hat auf der Rückseite einen Tragegriff.

Ich setze die Lampe auch ein, um mein Orangenbäumchen durch den Winter zu bringen. Das war bisher immer ein Problem: Auf dem Balkon erfriert die Pflanze, und drinnen ist es im Verhältnis zur Raumtemperatur zu dunkel. Seit ich den Stromverbrauch der Lampe kenne, bin ich mir aber nicht sicher, ob ich das den ganzen Winter durchziehen werde.

Wellness für die Zimmerpflanze.
Wellness für die Zimmerpflanze.

Kevin, der auch ein Therapielicht gekauft hat, schreibt mir zudem, dass er die Lampe als Beleuchtung zum Fotografieren verwende. Für kleinere Objekte funktioniert das tatsächlich sehr gut. Das Licht ist hell, wirft aber keinen harten Schatten, genau wie eine Softbox. Dass es die Temperatur von Tageslicht hat, ist auch ideal, wenn du neutrale Farben willst.

Dieser Beitrag wird besser mit Knoblauch.
Dieser Beitrag wird besser mit Knoblauch.

Wie Tag und Nacht

Das Problem im Winter ist nicht nur die Lichtmenge an sich, sondern auch, dass der Unterschied zwischen Tag und Nacht zu wenig deutlich ist. Zumindest bei mir ist das so. Ende Dezember fliege ich jedes Jahr aus meinem gewohnten Schlafrhythmus. Ich bin dann meistens um 22 Uhr topfit und kann nicht einschlafen, obwohl ich eigentlich ein Tagmensch bin. Am nächsten Morgen bin ich umso schläfriger.

Im Homeoffice sind Aktivitäts- und Erholungsphasen ohnehin weniger klar getrennt, als wenn du ins Büro pendelst. In Kombination mit dem fehlenden Tag-Nacht-Unterschied besteht die Gefahr, dass ich in einen dauerhaften Dämmerzustand gerate, in dem weder gute Erholung noch gute Leistung möglich ist.

Ob das künstliche Tageslicht dieses Problem behebt, weiss ich jetzt noch nicht, aber ich bin optimistisch. Allerdings muss dafür das Licht an einem trüben Tag mehr als nur zwei Stunden brennen. Ich habe es schon oft länger brennen lassen. Schaden kann das nicht, solange ich das Licht nur bis am Mittag einsetze.

Fazit nach drei Wochen

Das Therapielicht vollbringt – anders als ich am ersten Tag geglaubt habe – keine Wunder. Aber es nützt eindeutig. Es macht nicht nur vorübergehend wach, sondern hilft auch, Aktivitäts- und Ruhephasen klarer zu trennen, was gerade bei der ständigen Arbeit im Homeoffice wichtig ist.

Sehr kurze Entfernungen zur Lampe wären zwar therapeutisch ideal, ich empfinde das jedoch als eher unangenehm. Die Wärmeabstrahlung der Lampe ist dann spürbar und das Licht kann leicht blenden.

Das TL-90 hat keinerlei Features wie Pausieren oder Helligkeitsregulierung. Dafür ist es extrem simpel zu bedienen und günstig. Bei Dingen, die einen therapeutischen Effekt versprechen, werden ja gern einfach mal ein paar Hundert Franken draufgehauen. Wer will schon sparen, wenn es um die eigene Gesundheit geht? Dass Beuer diesen Effekt nicht ausnutzt, finde ich lobenswert.

Wenn du im Homeoffice durch den Winter kommen musst, kann ich dir ein Therapielicht empfehlen. Allerdings würde ich wohl nicht mehr genau dieses Gerät kaufen, sondern eines mit LED-Beleuchtung.

40 Personen gefällt dieser Artikel


David Lee
David Lee

Senior Editor, Zürich

Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.

Diese Beiträge könnten dich auch interessieren