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«Der Energieverbrauch von Ethereum sinkt um 99,5 Prozent»

Samuel Buchmann
Samuel Buchmann
15.09.2022

Das Kryptonetzwerk Ethereum soll grüner und leistungsfähiger werden. Dazu wurde heute Morgen der sogenannte Merge vollzogen. Im Interview erklärt Krypto-Kenner Harry Büsser, was das heisst.

Heute Morgen wurde am zweitgrössten Kryptonetzwerk Ethereum ein grundlegendes Update durchgeführt – der «Merge». Er soll unter anderem den bisher hohen Energieverbrauch von Transaktionen senken. Doch was ist genau passiert? Was heisst das für Anleger? Welchen Einfluss hat es auf den Grafikkarten-Markt? Das frage ich Harry Büsser. Er ist Mitglied der Chefredaktion der Handelszeitung und beschäftigt sich seit langem mit Kryptowährungen – insbesondere Ethereum, wo er selbst als Anleger investiert ist.

Was ist der Ethereum-Merge?
Harry Büsser: Der Merge ändert den Mechanismus der Blockchain der Kryptowährung Ether. Blockchains funktionieren nach einem einfachen Prinzip, das es schon im alten Rom gab: Eine Transaktion findet unter Zeugen statt. Das lässt sich mit einem Notar vergleichen, der einen Hauskauf beglaubigt und dafür bezahlt wird. Eine solche Gebühr wird auch in der Krypto-Welt fällig.

Beim Merge wurde der Mechanismus von Ethereum von «Proof of Work» auf «Proof of Stake» umgestellt. Neu müssen Miner einen gewissen Betrag an Kapital an Ether binden, quasi als Pfand.

Jetzt stellt sich die Frage, wie ein Notar in der Blockchainwelt ausgewählt wird. Bisher funktionierte das nach dem Prinzip «Proof of Work»: Vereinfacht formuliert, versuchen dabei alle «Notare» im Netzwerk, eine schwierige Rechenaufgabe zu lösen. Wer sie als Erster löst, darf die Transaktion validieren und erhält dafür eine Belohnung in Form von Ether. Um erster zu sein, muss man sehr viel investieren in Form von Rechenleistung und Elektrizität.

Mit dem Merge ändert sich dieses System. Es erhält nicht mehr der Notar den Zuschlag, der die meiste Rechenpower hat. Stattdessen müssen die Miner einen gewissen Betrag an Kapital in Ether binden, quasi als Pfand. Das nennt sich «Proof of Stake.» Unter allen, die das tun, wird nach dem Zufallsprinzip jemand ausgewählt – und nur dieser Notar benötigt Rechenleistung, um am Ende die Transaktion zu validieren.

Warum dieser Wechsel?
Das alte System, nach dem übrigens auch Bitcoin nach wie vor funktioniert, hat Nachteile: Es verbraucht sehr viel Energie und ist eher langsam.

Ich habe Schätzungen gesehen, dass die globalen Ether-Transaktionen bisher jährlich etwa halb so viel Strom verbrauchten wie die ganze Schweiz.

Von wie viel Energie sprechen wir?
Ich habe Schätzungen gesehen, dass die globalen Ether-Transaktionen bisher jährlich etwa halb so viel Strom verbrauchten wie die ganze Schweiz. Die Schätzungen für den Energieverbrauch von Bitcoin liegen weit darüber. Mit der Umstellung von «Proof of Work» auf «Proof of Stake» sinkt der Energieverbrauch von Ethereum um 99,5 Prozent.

Was bedeutet der Merge für Ethereum-Besitzer wie dich?
Ether-Besitzer merken direkt nichts davon. Aber mit dem neuen System reduziert sich die Menge an neuem Ether, der jährlich auf den Markt kommt, um 90 Prozent. Das ist tendenziell gut für den Kurs. Allerdings ist dieser Umstand längst eingepreist und es gab heute keinen Kursprung. Als Anleger ändert sich finanziell gesehen also erstmal nichts. Persönlich finde ich den Umstieg auf «Proof of Stake» eine gute Sache, weil es Ethereum effizienter macht. Schon heute laufen die meisten praktischen Blockchain-Anwendungen auf Ethereum. Da in Zukunft die sogenannten Gas-Fees – die Transaktionsgebühren – tiefer sein dürften, wird sich dieser Trend verstärken.

Ein Teil der Miner hat sich bereits mit dem diesjährigen Kurseinbruch von Ethereum abgewendet.

Ether-Mining braucht viel Rechenpower. Der Boom der letzten Jahre hat zu einer Grafikkarten-Knappheit beigetragen, weil sie sich besonders zum Minen eignen. Nun muss weniger gerechnet werden – sinken jetzt die Preise für Grafikkarten?
Ein Teil der Miner hat sich bereits mit dem diesjährigen Kurseinbruch von Etherum abgewendet. Auch der Merge ist wahrscheinlich bereits im Markt eingepreist. Einige Miner sind auf andere Kryptowährungen umgestiegen, andere haben das Geschäft vielleicht ganz aufgegeben. Die Nachfrage nach Grafikkarten dürfte deshalb schon länger nachgelassen haben. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass noch mehr Miner jetzt ihre Rechner liquidieren oder umrüsten und ihre gebrauchten Grafikkarten verkaufen.

Hat «Proof of Stake» Nachteile?
«Proof of Work» gilt nach wie vor als das vertrauenswürdigste System, wobei auch hier die Meinungen auseinandergehen. Währungen wie «Cardano» oder «Cosmos» funktionieren schon nach «Proof of Stake», es ist also nicht gänzlich unerprobt. Trotzdem stellt sich bei einer so wichtigen Währung wie Ether die Frage: Funktioniert das alles so wie gewünscht oder ist irgendwo der Wurm drin? Das wird sich zeigen, aber bisher läuft der neue Mechanismus ohne Probleme.

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Samuel Buchmann

Mein Fingerabdruck verändert sich regelmässig so stark, dass mein MacBook ihn nicht mehr erkennt. Der Grund: Wenn ich nicht gerade vor einem Bildschirm oder hinter einer Kamera hänge, dann wahrscheinlich an meinen Fingerspitzen mitten in einer Felswand.


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