Die smarte Wäsche von Formsense macht Athleten gläsern
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Die smarte Wäsche von Formsense macht Athleten gläsern

Michael Restin
Michael Restin
Zürich, am 23.06.2020
Das Start-up Formsense hat Sportkleidung entwickelt, die Bewegungen misst und Verletzungsrisiken erfasst. Biomechanische Daten in Echtzeit zu sammeln, könnte das nächste grosse Ding im Leistungssport sein – und danach den Massenmarkt erobern.

Was liebst du am Sport? Oft sind es Zufälle, Unwägbarkeiten und irre Wendungen, die für Dramen sorgen und die Massen begeistern. Trainern und Athleten dagegen sind sie verhasst. Legionen von Leistungssportlern, Wissenschaftlern, Scouts und Informatikern arbeiten daran, Zufallselemente auszuschalten und die Leistung zu optimieren. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass individuelle Belastungssteuerung im Mannschaftssport ein Fremdwort war.

Heute wird jeder Meter und jeder Herzschlag gemessen. Pulsgurte, GPS-Tracker und Wearables sind selbst bei Freizeitsportlern Standard und die Entwicklung geht weiter. Sensoren im Schuh analysieren den Laufstil, die Beinpresse agiert wie ein künstlicher Muskel und Datenanalysten versuchen, dem Erfolgsgeheimnis im Teamsport auf die Schliche zu kommen. Wer das lesenswerte Buch Matchplan kennt, der ahnt, wohin die Reise im Fussball geht. Und bekommt aufgezeigt, dass sich die tatsächliche Leistung nicht immer mit der Wahrnehmung des Zuschauers deckt. Sie zeigt sich in den grossen Zusammenhängen, dem Einfluss der Aktionen aufs Spielgeschehen. Und im Kleinen, in der Eleganz und Effizienz der Bewegungen eines Athleten. Sie zu messen, Abläufe zu optimieren und Verletzungsrisiken zu erkennen, ist relativ aufwändig.

Smarte Shirts und Shorts statt Studiobedingungen

Bewegungsanalysen sind oft eine Sache fürs Labor oder Studio, wo beispielsweise Motion-Capture-Verfahren mit Reflexionsmarkern am Körper zum Einsatz kommen, um ein 3D-Modell zu erstellen. Messis Finten oder Federers Vorhand können so erfasst und auf ihren Magiegehalt hin untersucht werden. EA Sports macht das mit Profis, um realistische Bewegungen in den FIFA-Games zu animieren. Formsense will ähnliche Daten in Echtzeit und ohne störendes Zubehör verfügbar machen.

Unser Körper besitzt Propriozeptoren in der Muskulatur, über die wir die Stellung und Bewegung des Körpers im Raum wahrnehmen und die unter anderem Informationen zur Muskelspannung ans Gehirn weitergeben. Etwas Ähnliches sollen die je 20 Sensoren leisten, die in den Shirts und Shorts des Unternehmens stecken – mit dem Unterschied, dass sie die gesammelten Informationen nicht ins Hirn, sondern in die Cloud und aufs iPad schicken. So können sie im Training, vor, während oder nach dem Wettkampf unkompliziert von Spezialisten analysiert werden. Diese Freiheit macht Formsense interessant.

Tests mit Premier-League-, NBA- und MLS-Klubs

NBA-Spieler Mason Plumlee zählt zu den Investoren. Das Start-up wird als eine der «Cool Companies» San Diegos unterstützt und testet seit 2017 seine smarte Wäsche in Kooperation mit Premier-League-, NBA- und MLS-Klubs.

Die Sensoren hat das Team um Gründer Nathan Ramasarma, der früher bei Qualcomm eine der ersten Smartwatches mitentwickelt hat, von Grund auf selbst konstruiert. Kombiniert mit lernfähigen Algorithmen, sollen sie in der Lage sein, einzelne Übungen und individuelle Probleme zu erkennen. Nun sind die Kompressions-Shirts und -Hosen marktreif – und natürlich zielt «Formsense Pro» zunächst auf Profisportler ab. Die smarten Teile sollen sogar leichter sein als marktübliche Kompressionswäsche und zunächst bei Teams der Major League Soccer eingesetzt werden.

Mit Formsense Pro kann ein ganzes Team ausgestattet werden.
Mit Formsense Pro kann ein ganzes Team ausgestattet werden.
Bild:Twitter/@formsenseHQ

Der Massenmarkt ist das Fernziel, wenn sich die Technik bewährt. In der Trainingssteuerung, Prävention und Rehabilitation entstünden dadurch neue Möglichkeiten. Trainer und Therapeuten könnten nicht nur die Qualität der Übungsausführung besser beurteilen und durch Korrekturen optimieren, sie würden auch aktiv gewarnt, wenn sich aufgrund der Bewegungsmuster eine Verletzung anbahnt. All das wäre mit relativ geringem Aufwand bei ganzen Mannschaften oder grösseren Trainingsgruppen realisierbar – der digitale Klon auf dem Display macht es möglich.

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Michael Restin
Michael Restin

Editor, Zürich

Sportwissenschaftler, Hochleistungspapi und Homeofficer im Dienste Ihrer Majestät der Schildkröte.

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