Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Activision-Blizzard-Übernahme
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Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Activision-Blizzard-Übernahme

Philipp Rüegg
Philipp Rüegg
Zürich, am 20.01.2022

Microsoft kauft Activision Blizzard für 68,7 Milliarden Dollar. Nach dieser Ankündigung sind viele Fragen offen. Was bedeutet das für die Games, für Sony und wie geht es mit dem Missbrauchsskandal weiter?

Vor wenigen Tagen verkündete Take Two für 11 Milliarden Dollar die Mobile-Spiele-Firma Zynga zu übernehmen. Es war die bis dato grösste Übernahme in der Game-Branche. Ein Sackgeld im Vergleich zu den 68,7 Milliarden, die Techgigant Microsoft nun für Activision Blizzard ausgeben wird.

Wie kam es dazu?

Der laufende Gerichtsfall gegen Activision Blizzard wegen schwerwiegenden Missbrauchsvorwürfen hat Microsoft aufgeschreckt, schreibt das Branchen-Portal Bloomberg. Als Folge haben Microsoft-Kadermitglieder Xbox-Chef Phil Spencer zu Gesprächen mit Activision Blizzard CEO Bobby Kotick animiert. Mit dem Ziel, einen wichtigen Partner zu unterstützen, aber auch Bedenken anzubringen über die Behandlung der Mitarbeiterinnen, heisst es im Artikel. Gleichzeitig habe Spencer durchblicken lassen, dass Microsoft an einer Übernahme interessiert wäre.

Microsoft würde sich mit dem Deal ein immenses neues Portfolio schaffen.
Microsoft würde sich mit dem Deal ein immenses neues Portfolio schaffen.
Bild: Microsoft

Activision, respektive Kotick, ist zu Beginn von der Übernahme nicht überzeugt, so Bloomberg. Dies zum Zeitpunkt als die Aktie nach einer weiteren Skandalaufdeckung durch das Wall Street Journal um 15 Prozent abstürzt. Mittlerweile liegt sie gar 30 Prozent unter dem Wert, den sie vor der Klage durch die kalifornischen Behörden hatte. Aber die Suche nach weiteren Interessenten, darunter Facebook, verläuft erfolglos. Activision lenkt schliesslich ein und über Weihnachten wird der Deal finalisiert.

Für Microsoft ist es nach «Minecraft»-Entwickler Mojang für 2,5 Milliarden und Bethesda für 7,5 Milliarden Dollar der nächste grosse Zukauf im Game-Bereich. Spencer hat in der Vergangenheit mehrfach verkündet, dass das Unternehmen weitere Übernahmen plane – besonders im Bereich Casual und Social Games. Das ist wohl gelungen. Zu Activision gehört seit 2016 auch King Digital, die Macher von «Candy Crush». Der Kaufpreis belief sich auf 5,9 Milliarden US-Dollar.

Wie sicher ist der Deal?

Auch wenn sich beide Seiten freudig die Hand schütteln, ist der Deal noch längst nicht sicher. Sowohl die amerikanische Handelsbehörde FTC als auch die EU müssen ihre Zustimmung geben. Darum wird es wohl noch mindestens bis Juni 2023 dauern, bis Activision Blizzard zu Microsoft gehört.

Die meisten Experten sind sich einig, dass Microsoft von den Behörden grünes Licht erhält. Zwar gehört das Gesamtunternehmen mit einem Umsatz von über zwei Billionen US-Dollar zu den grössten der Welt, im Game-Bereich sieht das anders aus. Dort liegt Sony umsatztechnisch weiterhin an der Spitze, gefolgt von Tencent. Auf Platz drei liegt aktuell Nintendo. Mit der Activision-Blizzard-Übernahme wird Microsoft, bisher Platz vier, die japanische Spieleschmiede überholen. Auf dem fünften Platz folgt Activision Blizzard. So kann argumentiert werden, dass das Machtgefüge ausgeglichen bleibt.

Trotzdem betont Microsoft, dass der Deal auch eine strategische Investition bezüglich Metaverse sei. Dort sind die Mitspieler wie Facebook und potenziell Google deutlich grösser als Sony. Das könnte einem Monopolvorwurf im Game-Bereich ebenfalls entgegenkommen.

Was passiert mit Bobby Kotick?

Es wird zwar noch etwas dauern, aber der CEO von Activision Blizzard Bobby Kotick sitzt wohl nicht mehr lange auf dem Chefsessel. Offiziell heisst es zwar, Bobby Kotick fungiere weiterhin als CEO von Activision Blizzard und treibe das Unternehmen voran. Etwas anderes können die Unternehmen auch gar nicht kommunizieren, bis der Deal unter Dach und Fach ist. Das Wall Street Journal berichtet aber, dass Kotick abtreten wird, sobald die Übernahme abgeschlossen ist.

Bobby Kotick ist «noch» CEO von Activision Blizzard.
Bobby Kotick ist «noch» CEO von Activision Blizzard.
Bild: Flickr//Thomas Hawk

Kotick ist bemüht, dass der Verkauf und sein Abgang nicht mit dem Missbrauchsskandal in Verbindung gebracht wird. In einem Interview mit Venturebeat begründet er den fallenden Aktienpreis mit der Verschiebung von «Diablo IV» und «Overwatch 2» sowie dem finanziell enttäuschenden «Call of Duty Vanguard». Dabei sind zumindest die Verschiebungen eine klare Folge der Skandalwelle und der damit verbundenen Entlassungen und Arbeitsunterbrüche.

Wie auch immer Kotick in die Geschichte eingeht, eins scheint schon jetzt klar: Der goldene Fallschirm ist ihm sicher.

Was passiert mit dem Missbrauchsskandal?

Der Missbrauchsskandal um Activision Blizzard, der im Wochentakt neue schockierende Enthüllungen hervorbrachte, ist mit der Übernahme nicht vom Tisch. Mitarbeitenden von Activision Blizzard wird eine Reihe sexueller Belästigungen vorgeworfen. Die Opfer seien von Führungskräften ignoriert, eine von Männern dominierte Kultur geschaffen und Täter geschützt worden. Microsoft wird sich bemühen, die Situation möglichst schnell zu entschärfen, wenn das Unternehmen für Frauen weiterhin ein attraktiver Arbeitsort sein soll. Auch Microsoft ist nicht von solchen Vorwürfen gefreit. Microsofts Aktionäre haben im November 2021 gegen den Willen des Unternehmens eine nicht bindenden Überprüfung der Richtlinien zu sexuellen Belästigungen verabschiedet, schreibt Bloomberg.

Was bedeutet das für die Mitarbeitenden?

Die Mitarbeitenden von Activision Blizzard, die sich seit Beginn des Missbrauchsskandals lautstark gegen das Management wehren, dürften aufatmen. Spätestens mit der Beförderung von Phil Spencer zum Chef von Xbox geniesst das Unternehmen einen positiven Ruf im Umgang mit Studioübernahmen. Microsoft dürfte aber wegen der Missbrauchsvorwürfe im Gegensatz zu früheren Käufen bei Activision Blizzard stärker Hand anlegen – zur Freude der Angestellten.

Phil Spencer ist neu offiziell der CEO von Microsoft Gaming. Bild: Microsoft
Phil Spencer ist neu offiziell der CEO von Microsoft Gaming. Bild: Microsoft

Microsoft hat nicht immer das richtige Feingefühl im Umgang mit den eigenen Game-Studios gezeigt. Das gibt das Unternehmen in der eigenen Doku-Reihe «Power On: The Story of Xbox» zu. Heute sind die meisten akquirierten Studios wie Double Fine voll des Lobes über den neuen Besitzer. Es ist nur Microsoft zu verdanken, dass «Psychonauts 2» mit allen geplanten Features veröffentlicht wurde, sagt Studio-Chef Tim Schaefer in einem Interview mit Game Rant. Vor der Übernahme wollte Double Fine aus Zeit– und Kostengründen die ikonischen Boss-Kämpfe streichen.

«Psychonauts 2» profitierte entscheidend von der Microsoft-Übernahme.
«Psychonauts 2» profitierte entscheidend von der Microsoft-Übernahme.

Mit Lohnerhöhungen sollten die neuen Mitarbeitenden aber nicht rechnen. Blizzard ist bekannt dafür, verhältnismässig schlechte Löhne zu zahlen. Das Argument: Es ist ein Privileg für das Unternehmen zu arbeiten. Da mittlerweile sehr viele Studios unter dem Microsoft-Dach vereint sind, wird zwischen diesen Firmen kaum ein Konkurrenzkampf auf Lohnbasis stattfinden.

Es wird so oder so noch Jahre dauern, bis sich positive Änderungen manifestieren. Wenn man bedenkt, wie lange es gedauert hat, bis Activision die eigene Firmenkultur Blizzard aufdrängen konnte, wird es Microsoft nicht viel schneller gelingen, die Fäden wieder entwirren.

Was bedeutet das für «Call of Duty» und Co.?

Mit dem Kauf von Activision Blizzard sichert sich Microsoft die Rechte an Blockbustern wie «Call of Duty», «Diablo» oder «Overwatch». Wie schon nach der Bethesda-Übernahme stellt sich die Frage, ob die Spiele in Zukunft auf Konkurrenz-Plattformen wie der Playstation erscheinen. An Beispielen wie «Starfield» zeigt sich bereits, dass Microsoft gewillt ist, Konsolen-Exklusivität über eine breitere Spielerschaft zu stellen. Das soll auch mit Activision-Games passieren, berichtet Bloomberg. Allerdings nicht mit allen.

Es bleibt abzuwarten, ob das nächste oder übernächste «Call of Duty» auf der Playstationen erscheinen werden.
Es bleibt abzuwarten, ob das nächste oder übernächste «Call of Duty» auf der Playstationen erscheinen werden.

Ich tippe darauf, dass das jährlich erscheinende «Call of Duty» weiterhin auf der Playstation erscheint. Zu gross wäre der finanzielle Verlust. Wobei es mich nicht wundert, wenn die Release-Kadenz zugunsten der Qualität zurückgeschraubt wird. Microsoft wird das neu gewonnene Portfolio ohnehin fein säuberlich über das Jahr verteilen, damit sich grosse Titel nicht im Game Pass kannibalisieren.

«Diablo IV» hingegen bleibt mit grosser Wahrscheinlichkeit PC- und Xbox-Spielern vorbehalten. Zumindest für eine Weile. Noch ist unklar, ob «Starfield» etc. zeitversetzt auf der Playstation erscheinen. Vielleicht launcht in ein paar Jahren der Game Pass auf der Playstation. Die Chancen dazu sind seit Dienstag deutlich gestiegen.

Ein positiver Effekt ist für verschmähte Activision-Titel zu erwarten. Je mehr sich das Unternehmen auf «Call of Duty» einschoss, desto mehr gerieten Klassiker wie «King's Quest», «Pitfall», «Prototype» oder «Blur» in Vergessenheit. Da Microsoft immer Neuzugänge für den Game Pass braucht, wird dieser Fundus sicher mehr Liebe erfahren.

Was bedeutet das für Sony?

Noch ist Sony mit der Playstation der unbestrittene Platzhirsch im Game-Bereich. Doch spätestens mit der aktuellen Akquise hat sich das Gleichgewicht exklusiver Blockbuster-Spiele zugunsten von Microsoft verschoben. Der Aktienkurs stürzte direkt nach der Ankündigung um 13 Prozent ab. Das entspricht einem Verlust von rund 20 Milliarden US Dollar. Sonys Führung wird nun noch aktiver nach eigenen Studioübernahmen suchen. Der nächstgrösste Fisch im Teich ist EA, gefolgt von Take Two, Nexon und Bandai Namco. Ein Knüller aus Sicht der Gamer:innen ist sicherlich auch Ubisoft. Mittlerweile ist kein Deal mehr undenkbar. «Assassin’s Creed» nur für die Playstation? Wer weiss?

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Philipp Rüegg
Philipp Rüegg

Senior Editor, Zürich

Als Game- und Gadget-Verrückter fühl ich mich bei digitec und Galaxus wie im Schlaraffenland – leider ist nichts umsonst. Wenn ich nicht gerade à la Tim Taylor an meinem PC rumschraube, oder in meinem privaten Podcast über Games quatsche, schwinge ich mich gerne auf meinen vollgefederten Drahtesel und such mir ein paar schöne Trails. Mein kulturelles Bedürfnis stille ich mit Gerstensaft und tiefsinnigen Unterhaltungen beim Besuch der meist frustrierenden Spiele des FC Winterthur.

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