
Hintergrund
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von Pia Seidel

Vom Teller zur Lampe: wie Contramar und Davidpompa Speisereste zu Design machen.
Mexico City, Art Week – mit einem Bein in der Design Week. Im Showroom von Davidpompa im Stadtviertel Roma Norte greifst du nach einer Lampe wie nach einer Muschel am Strand – weil sie schön ist und du sie haben willst, ohne genau zu wissen warum. Ein gesprenkeltes Muster, glänzende Metallschirme, Füsse in gedämpften Rottönen. Auf Nachfrage erfährst du, was du da eigentlich in den Händen hältst: Muschelschalen. Vom Restaurant um die Ecke.
Das Restaurant heisst Contramar, eine Institution der mexikanischen Meeresfrüchteküche. Über 800 Kilogramm Schalen – annähernd der gesamte Abfall eines halben Jahres – wurden zerkleinert, mit Beton und natürlichen Bindemitteln zu einem Komposit verarbeitet und in die Leuchten der Ausstellung «Fragmentos de Mar» gegossen. Die Muschelfragmente bleiben sichtbar und verraten, woher sie stammen.



Gründer David Pompa, halb Österreicher, halb Mexikaner, und sein Team arbeiten nicht zum ersten Mal mit Contramar zusammen. «Fragmentos de Mar» ist bereits die zweite Iteration dieser Kollaboration.
Was das Designstudio hier macht, ist im Grunde nichts Neues. Jahrhundertelang war es normal, mit dem zu arbeiten, was in der Nähe lag. Die Bäuerin, die Knochen zu Leim verarbeitete. Der Koch, der aus Fischresten Brühe zog. Die Idee, Materialkreisläufe lokal zu schliessen, ist keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Sie ist eine Rückkehr zu etwas, das wir im Laufe der Zeit schlicht verlernt haben.
In einer Welt, in der Rohstoffe aus Übersee eingeflogen werden und Nachhaltigkeit als aufwändiges Zertifizierungsverfahren gilt, wirkt die Geste radikal einfach. Das Material kommt vom Nachbartisch. Die drei Muschelarten – blanca, reina und roja – stammen aus Puerto Libertad, wo Contamars langjährige Zulieferer sie ernten.


Die räumliche Nähe ist dabei nicht Kulisse, sondern Kern. Pompa selbst sagt, die direkte Lieferkette mache das Projekt besonders persönlich. Nachhaltige Fischerei begrenzt den Zugang zu Schalen. Genau deshalb gibt's von diesen Lampen nur so viele, wie Muscheln in den vergangenen Monaten gegessen wurden. Nicht mehr, nicht weniger.
Muschelabfall ist übrigens kein kleines Problem. Schalen bauen sich nur langsam ab, riechen unangenehm fischig und stapeln sich auf Deponien. Dabei bestehen sie zu grossen Teilen aus Kalziumkarbonat – demselben Stoff, aus dem Kalkstein und Marmor entstehen. Als Werkstoff liegt das auf der Hand. Aber Pompa erklärt das nicht. Er zeigt es.
Im Showroom ist die gesamte Reise des Materials sichtbar gemacht: fossilierte Kunstwerke zeigen die Schalen so, wie sie auf den Tischen von Contramar lagen. Fotos an der Wand dokumentieren das Fischen. Dazwischen hängen die fertigen Leuchten.

Wer wollte, konnte sogar mitentscheiden: Besuchende wählten, welches Stück der Kollektion als nächstes in Produktion geht. Ein kleiner, aber bezeichnender Zug, der zeigt, dass hier kein fertiges Manifest präsentiert wird, sondern ein offener Prozess.
Hier liegt der entscheidende Unterschied zu vielen anderen Projekten, die auf lokale Materialkreisläufe setzen: Das Material wird zur Botschaft, das Produkt zur Nebensache. Die «Fragmentos de Mar»-Kollektion sieht aus, als wären Muschelschalen die erste Wahl gewesen – die schönste, die logischste. Die matten Rottöne kontrastieren mit hochglänzenden Metallteilen – und nichts wirkt kompromittiert. Und genau das ist der Moment, in dem die Kreislaufwirtschaft anfängt, wirklich zu funktionieren: wenn niemand mehr das Gefühl hat, einen Kompromiss einzugehen.
Die neue kabellose Tischlampe ist ein Beispiel dafür. Austauschbare LEDs, ein drehbarer Schirm, eine Eleganz ohne Abstriche. Die Gäste im Showroom staunten: «Beeindruckend, was du daraus machen kannst.» Oder: «Das möchte ich auch.»

Nachhaltigkeit wird oft als doppeltes Opfer kommuniziert: Verzicht auf Stil, Verzicht auf Komfort. Wer so argumentiert, scheitert an der menschlichen Natur. Pompa dreht das um: Die Lampe aus Muschelschalen ist schön, nicht trotzdem schön. Sie verändert Verhalten nicht durch Appell, sondern durch Begehren. «Stell dir vor, da stecken Muschelschalen drin, die bei Contramar gegessen wurden.» Plötzlich ist das Produkt eine Geschichte, die du erzählen willst. Keine Predigt.
«Fragmentos de Mar» ist ein Argument dafür, dass Kreislaufwirtschaft keine Frage der Ideologie ist, sondern des Handwerks. Dass lokal denken keine Grenze ist, sondern eine Quelle. Und dass das Revolutionäre manchmal darin besteht, etwas Altes wieder ernst zu nehmen.
Im Showroom in Roma Norte stapeln sich gebrauchte ockerfarbene Kisten zu Wänden. Oder sie bilden Bilderrahmen für die Fragmente aus dem Muschelmaterial in verschiedenen Produktionsstadien: roh, verarbeitet, fertig. Eine kleine Archäologie der Kreisläufe. Du verstehst, wie die Lampen entstehen. Und du willst sie trotzdem – nein, gerade deshalb.



Wie ein Cheerleader befeuere ich gutes Design und bringe dir alles näher, was mit Möbeln und Inneneinrichtung zu tun hat. Regelmässig kuratierte ich einfache und doch raffinierte Interior-Entdeckungen, berichte über Trends und interviewe kreative Köpfe zu ihrer Arbeit.
Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.
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