Ein Solospiel zum Selbermachen

Ein Solospiel zum Selbermachen

Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger
Zürich, am 14.04.2020
Auf einmal spielen wieder alle! Da ich alleine wohne und Puzzles hasse, muss ich mir was überlegen und komme auf Solitär. Nicht das Karten-, sondern das Brettspiel.

Meine Grosseltern waren streng. Geboren in den 20ern, haben sie ihre Jugend während und nach dem Zweiten Weltkrieg verbracht. Komfort, gar Luxus waren keine gängigen Begriffe für sie. So durfte ich als Kind nur fernsehen, wenn ich mit Opa die Nachrichten schaute. Ansonsten waren Lesen, mit Oma einkaufen, Kirche oder Spiele mit meiner Schwester angesagt. Wenn die mal keine Lust hatte, habe ich mir die Zeit mit einem quadratischen Stück Holz mit kreuzförmig angeordneten Löchern verbracht. Solitär.

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32 Steine werden auf 33 Felder verteilt, in der Mitte bleibt ein leeres Feld. Eigentlich eine umgekehrte Reise nach Jerusalem. Ziel ist es, mit einem Spielstein genau einen daneben liegenden zu überspringen, der dadurch vom Feld genommen wird. Steine dürfen nur in Zeilen und Spalten, nicht jedoch diagonal springen. Am Ende darf nur ein Stein genau in der Mitte des Spielfelds übrig bleiben. Geschafft habe ich das nie. Ambition und Frustration lagen immer sehr nah beieinander.

Alternative für Puzzlehasser

In diesen Tagen wünsche ich mir das Solospiel mit allen Hochs und Tiefs zurück. Ich wohne alleine und verbringe berufsbedingt den ganzen Tag am PC. Heisst: Irgendwann kann ich nicht mehr auf einen Bildschirm starren. Deshalb macht sich bei mir auf einmal ein innerer Drang nach Brettspielen breit. Normalerweise ist der bei mir so selten wie Lust auf Fencheltee oder eine Marathonteilnahme. Mein neu entflammter Spieltrieb wird aber sogleich auf die Probe gestellt. Ich bin alleine, die meisten Spiele verlangen nach mindestens zwei Personen. Mit den momentan so beliebten Puzzles kann ich nichts anfangen. Wenn mich irgendjemand zu Hause am Boden Einzelteile zusammensuchen sieht, bitte sofort als Hilferuf interpretieren. Dann hat mich die Quarantäne endgültig weichgeklopft. Da das bisher noch nicht der Fall ist, lande ich schliesslich in Gedanken bei meinen Grosseltern und der kleinen, solitärspielenden Caro.

Um das Szenario zurückzubringen, brauche ich:

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Der schwierigste Teil sind die Markierungen

Zuerst wähle ich ein Stück Restholz und setze alle Markierungen. 18 auf 18 Zentimeter soll das Quadrat am Ende messen. Das kreuzförmige Spielfeld hat 33 Felder: drei Reihen à sieben Felder von oben nach unten und dasselbe von links nach rechts. Dafür markiere ich die Mitte jeder Seite und zeichne je einen weiteren Punkt zwei Zentimeter links und rechts davon. Dann verbinde ich alle sich gegenüberliegenden Punkte zu Geraden. Wo sich die Geraden in der Mitte überschneiden, setze ich die ersten Punkte. Von dort aus arbeite ich mich nach aussen, immer mit zwei Zentimetern Abstand zwischen den einzelnen Markierungen. Erst dann schneide ich mein Stück Holz zurecht. Du kannst das natürlich auch am Anfang machen und erst dann die Löcher markieren.

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Die Löcher bohre ich so aus, dass sie etwas grösser als meine Holzdübel sind. Sie sollen dabei nur so tief sein, dass mindestens die Hälfte des Dübels herausschaut. Für deine Spielzüge musst du sie nämlich einfach greifen können. Sind alle 33 Löcher gebohrt, schleife ich die Ecken und Kanten meines Spiels. Ich mach das kurz von Hand mit einem Schleifstein, du kannst aber natürlich auch einen Exzenterschleifer drüberjagen. Sobald das Spielfeld weich und eben ist, kommt eine Schicht farbloser Lack drauf, um das Holz zu schützen und langlebiger zu machen. Pass auf, dass sich die Löcher dabei nicht mit Lack füllen. Gehe lieber ein paar Mal mit dem Pinsel drüber, anstatt einmal zu grosszügig. Sollte sich der Lack dennoch in den Löchern sammeln, kippst du sie vorsichtig aus.

Den Bohrer markiere ich mit einem Stück Klebeband, damit die Löcher nicht zu tief werden.
Den Bohrer markiere ich mit einem Stück Klebeband, damit die Löcher nicht zu tief werden.
Mit dem Schleifstein gehe ich auch in die Löcher, um letzte Späne zu entfernen.
Mit dem Schleifstein gehe ich auch in die Löcher, um letzte Späne zu entfernen.

Partie statt Party

Das war's auch schon. Wenn alles durchgetrocknet ist, steht der ersten Partie nichts mehr im Weg. Seit den Duellen gegen mich selbst bei Oma bin ich leider nicht besser geworden. Spass macht's mir aber trotzdem noch. Neben Netflix, Büchern und kleinen Projekten habe ich nun endlich auch ein Spiel, das mir den Feierabend in Zeiten von Selbstisolation versüsst.

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Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger

Editor, Zürich

Meinen Horizont erweitern: So einfach lässt sich mein Leben zusammenfassen. Ich liebe es, neue Menschen, Gedanken und Lebenswelten kennenzulernen,. Journalistische Abenteuer lauern überall; ob beim Reisen, Lesen, Kochen, Filme schauen oder Heimwerken.

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