Erst Mode, dann Müll
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Erst Mode, dann Müll

Patrick Bardelli
Patrick Bardelli
Zürich, am 21.11.2019
Kürzlich habe ich mal wieder einen Sack mit Altkleidern in einen dieser Container geworfen. So landen meine alten Pullis nicht einfach im Müll, sondern werden weiter getragen. Ein gutes Secondhand-Gefühl.

Tags zuvor hatte ich nämlich gelesen, dass in den USA jährlich Millionen Tonnen Textilabfälle entstehen. Im Jahr 2015 sollen es rund 16 Millionen Tonnen gewesen sein. Nur ein Drittel wird wiederverwendet, der Rest landet auf der Deponie. Ha, die Amis! Wollen die Welt beherrschen, aber kein Plan für die alten Jeans.

Und dann das. Mein gutes Gefühl ist nicht mehr sooo gut, nachdem ich Vanessas Beitrag gelesen habe. Auch in der Schweiz sind mehr als 30 Prozent der Altkleider untragbar. Landen meine Pullis jetzt auf dem Müll? Jein.

Die Zukunft des Textil-Recyclings
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Die Zukunft des Textil-Recyclings

Wie kommt man an Altkleider?

Wie lässt sich also verhindern, dass aus dem hochwertigen Baumwollshirt ein Putzlappen wird oder das Teil gleich im Müll landet? Viele Unternehmen, beispielsweise aus der Sportindustrie, suchen nach Lösungen für dieses Problem. Von einem echten Kreislauf kann man erst sprechen, wenn es gelingt, gebrauchte Produkte zu recyceln.

Um diese nach ihrem Gebrauch wieder in ihre Ausgangsstoffe zu verwandeln, muss man die Produkte erst einmal zurückbekommen. Beispiel Deutschland: Hier gibt es, wie in der Schweiz, ein seit Jahren etabliertes System von Altkleidercontainern und Sammelstellen. Pro Jahr werden so etwa eine Million Tonnen Altkleider eingesammelt und dann weiterverarbeitet.

Rund die Hälfte geht in den Second-Hand-Markt, etwa 40 Prozent werden zu minderwertigen Putzlappen etc., der Rest verbrannt oder anderweitig entsorgt. Die Altkleider werden also immerhin gesammelt und landen nicht wie in den USA in grossen Mengen auf Deponien oder in Verbrennungsanlagen. Aber aus dem Produktionskreislauf sind sie dennoch raus – mit echtem Recycling hat das wenig zu tun.

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Vaude schuf erstes Recycling-System

Einige Firmen haben deshalb angefangen, selbst Produkte wieder einzusammeln, vorzugsweise eigene, wie zum Beispiel Patagonia oder Vaude. Mit ihrem 1994 gegründeten «Vaude Ecolog Recycling Network» schuf das Unternehmen das erste Recycling-System der Branche für sortenreine Polyester-Produkte, mit Rücknahme und Recycling. Die Vaude Ecolog-Produkte waren technisch so beschaffen, dass sie problemlos in den Polyesterfasern-Kreislauf zurückfliessen konnten. Das Problem war, dass die Produkte ewig hielten. Gemäss Vaude habe man viel zu wenig gebrauchte Produkte zurückerhalten, als dass das System hätte funktionieren können. Deshalb wurde Ecolog wieder eingestellt. Ähnliche Erfahrungen haben inzwischen auch andere gemacht.

Pyua: Kooperation mit Textilverwertern

Dass es wenig Sinn macht, selbst zu sammeln, musste auch Pyua feststellen. Aus diesem Grund schloss das Unternehmen einen Kooperationsvertrag mit Textilverwertern über die Aussortierung von Pyua-Produkten ab, damit diese recycelt werden können. Gesammelt wird also nicht im Handel, sondern europaweit über die bekannten Altkleidercontainer. Alle Pyua-Produkte, die in einem Container landen, werden aussortiert und qualifizierten Recyclingfirmen zugeführt.

«Damit das Recycling gelingt, versuchen wir entweder ein Produkt möglichst sortenrein zu planen – also Aussenstoff, Membran, Futterstoff und Backing aus Polyester – oder wir achten bei der Planung darauf, dass unterschiedliche Materialien beim Recyclingprozess gut voneinander zu trennen sind», sagt Julian Stauber von Pyua. Resultat: Die Produkte von Pyua sind zu 100 Prozent kreislauffähig.

Nike: Schuhe im Abo

Wie bringt man den Kunden dazu, das gebrauchte Produkt am Ende des Lebenszyklus wieder zum Hersteller zu bringen? Durch ein Abonnement! Nike startete im August mit dem Nike Adventure Club, einem Programm für Kinder von zwei bis zehn Jahren. Eltern können für ihre Kinder in definierten zeitlichen Abständen Schuhe bestellen und zahlen dafür monatliche Gebühren. Hintergrund ist einerseits die Überlegung, dass der Schuhkauf viel Zeit kostet und in regelmässigen Intervallen stattfinden muss, wenn die Kinder aus den Schuhen herauswachsen.

Nike wirbt zudem mit mehr Nachhaltigkeit: Wenn die Schuhe nicht mehr passen, kannst du sie kostenlos zurückschicken. Sie werden dann entweder gespendet oder im Nike Grind-Programm zu Laufbahnen und Spielplätzen verarbeitet. Zwar ist das noch kein echtes Recycling, aber eine Idee, um Warenströme zu lenken.

Adidas: Erster recyclingfähiger Laufschuh

Bislang konnte man Schuhe so gut wie gar nicht recyceln. Zu viele verschiedene Materialien stecken in einem Schuh und lassen sich schwer voneinander trennen. Mit dem Futurecraft Loop präsentierte Adidas in diesem Jahr den ersten vollständig recycelbaren Laufschuh. Er besteht zu 100 Prozent aus wiederverwertbarem thermoplastischen Polyurethan (TPU) und verzichtet ganz auf Klebstoff. Am Ende ihres ersten Lebens sollen die Schuhe zu Adidas zurückkehren. Dort werden sie gewaschen, zu Pellets gemahlen und zu Material für neue Schuhkomponenten geschmolzen, ganz ohne Abfall.

Der Schuh ist noch nicht im Handel, sondern wird mit 200 Kreativen weltweit getestet. Sie sollen für Adidas die Schuhe tragen, zurückschicken und Feedback geben, bevor die zweite Schuh-Generation produziert wird. Und wie sollen die Schuhe in Zukunft zu Adidas zurückkommen? «Wir können eine kreisförmige Zukunft nicht allein schaffen, wir werden uns gegenseitig brauchen», heisst es von Adidas. In Zukunft schicke ich meine ausgelatschten Treter also proaktiv retour an den Hersteller.

Sympatex: Recycling von Mischgeweben

«Rohstoffe in die Verbrennungsanlage zu schicken ist wirtschaftlich einfach bescheuert», sagt Dr. Rüdiger Fox, CEO Sympatex Technologies. Er verkündete in diesem Jahr sein Ziel, innerhalb der nächsten fünf Jahre den Kreislauf für Funktionstextilien flächendeckend zu schliessen. Bereits 2020 will Sympatex in allen Geschäftsbereichen erste Laminate aus zirkulär gewonnenem Material anbieten. In fünf Jahren soll mindestens die Hälfte des Rohmaterials für Funktionslaminate aus dem zirkulären Textilkreislauf stammen und wieder recycelbar sein, bis 2030 dann 100 Prozent.

Möglich wird dies durch das Co-Investment in das britische Unternehmen Worn Again Technologies, das zum Beispiel auch von H&M und Asics unterstützt wird. Das Unternehmen hat ein Verfahren entwickelt, das Mischgewebe aus Polyester und nachwachsenden Fasern trennt und recycelt. Die Altkleider selbst einsammeln will Sympatex aber nicht. «Die eigene Rücknahme ist eine Möglichkeit, aber sie ist nicht effizient und daher keine industriefähige Lösung», sagt Fox. Er setzt auf die bestehenden Textilrecycling-Unternehmen, die sich jedoch neue Prozesse und intelligentere Trennungssysteme einfallen lassen müssen.

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Patrick Bardelli
Patrick Bardelli

Senior Editor, Zürich

Es zählt nicht, wie gut du bist, wenn du gut bist. Sondern wie gut du bist, wenn du schlecht bist.

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