Farbe, Form, Geruch: Lass uns über Kinderkacke sprechen

Farbe, Form, Geruch: Lass uns über Kinderkacke sprechen

Katja Fischer
Katja Fischer
Zürich, am 25.01.2022

Den Windel- und WC-Inhalt unserer Kinder thematisieren wir oft und gerne. Eine Expertin sagt, warum sich ein genauer Blick und tiefer Atemzug lohnen. Und warum wir auch über Erwachsenen-Exkremente reden sollten.

Mit der Geburt eines Kindes verändert sich dein Bezug zu Fäkalien. Ab dann sind sie schlicht Dauerthema. Hat das Baby heute schon mal gross? Wenn ja, wie viel? In welcher Farbe? Wie war die Form? Die Konsistenz? Und wie der Geruch? Nullkommaplötzlich ertappst du dich dabei, wie du beim Apéro mit befreundeten Eltern über die Ausscheidungen deines Nachwuchs’ plauderst – und das auch noch stinknormal findest. Intime WC-Anekdoten von dir selbst hättest du in der gleichen Runde dagegen nie und nimmer erzählt. In deiner Beziehung schon gar nicht. Es ist bekannt, dass es vielen auch nach Jahren noch peinlich ist, vor dem Partner oder der Partnerin das grosse Geschäft zu erledigen.

Während die Kacke von Kindern also das Normalste der Welt ist, fristet die von Erwachsenen ein trauriges, stinkendes Schattendasein. Schon paradox.

So wässrig und gelb wie nie zuvor

All das überlege ich mir, während ich die vierte Nacht in Folge die verschmutzten Bettlaken meiner Kinder wechsle. Und mich gleichzeitig mit meinem Mann detailliert über die oberen und unteren Ausscheidungen unserer von einer Magen-Darm-Infektion geplagten Töchter unterhalte.

Insbesondere über den Durchfall unserer Zweieinhalbjährigen. Der ist so wässrig und gelb, wie wir ihn noch nie zuvor gesehen hatten. Und in den knapp sechs Elternjahren, die wir nun schon auf dem Buckel haben, haben wir schliesslich schon einige Stuhlfarben und -konsistenzen durch. Wieder einmal ergoogle ich mir also Infos zu menschlichen Exkrementen. Vergleiche die Farbschemata mit unserem Toiletten-Inhalt. Und komme mir dabei saublöd vor. Ich frage mich, ob das auch andere Mütter und Väter tun.

«Wir schnuppern sowieso daran»

Tun sie, wie mir Lucia Cremer ein paar Tage später im Telefoninterview versichert. Die deutsche Pädiatrie-Pflegefachfrau ist Autorin von Babyratgebern und betreibt das Info-Portal Babytipps24.de. «Meine Beiträge über den Stuhl von Kindern werden vergleichsweise oft geklickt», sagt sie. Und das sei weder überfürsorglich noch panisch. «Ein veränderter Stuhlgang sollten Eltern immer ernst nehmen. Auch wenn er oft harmlos ist, vor allem bei Babys.»

Zusammen mit ihr als Expertin will ich der Frage nachgehen, welcher Stuhl tatsächlich besorgniserregend sein könnte. Lucia Cremer teilt zwei Faustregeln: Erstens sollten die Alarmglocken läuten, sobald sich der Geruch verändert. «Riecht der Stuhl plötzlich sauer, kann das ein Vorbote für einen Infekt sein», sagt sie. «Zum Glück schnuppern wir sowieso immer unbewusst daran. Das ist unser intuitives Warnsystem.» Zweitens sollten Eltern eine Kinderärztin oder einen Kinderarzt aufsuchen, wenn sie, abgesehen vom Geruch, ein ungutes Gefühl haben. Das ungeschriebene Gesetz, wonach Neo-Eltern sich auf ihren Instinkt verlassen sollen, gilt also auch bei Fäkalien.

Die grosse Stuhlfarbpalette

Gemeinsam gehen wir durch die Stuhlfarbpalette. Und ich stelle fest, dass die grösser ist, als ich gedacht hätte. Grundsätzlich habe die Farbe etwas mit dem Kindesalter und mit der Nahrung zu tun, stellt Lucia Cremer klar. «Das darf man nie ausser Acht lassen.»

Von pechschwarz über hellgrün bis lehmfarbig: Ein Stuhl ist nicht einfach ein Stuhl.
Von pechschwarz über hellgrün bis lehmfarbig: Ein Stuhl ist nicht einfach ein Stuhl.
Bild: Katja Fischer

Dunkelgrün-schwarz bei Neugeborenen

Das sogenannte «Kindspech» ist der erste, fast geruchlose Stuhlgang kurz nach der Geburt. Der Darminhalt des Babys enthält noch das, was es im Mutterbauch verschluckt hat.

Hellgrün bis gelb-cremig

Ob Still- oder Schoppenbaby, in den ersten Lebenswochen wird der Stuhl heller. «Zusätzlicher Schaum ist typisch für ein gestilltes Kind, das nicht gut saugt», sagt die Fachfrau. Falls das zutrifft, solltest du eine Stillberatung aufsuchen. Schoppenkinder haben einmal am Tag Stuhlgang, weiss Lucia Cremer, die auch Fachkräfte für Flaschen ernährte Säuglinge ausbildet. «Bei gestillten Babys ist es hingegen normal, wenn sie mal ein paar Tage lang keinen Stuhl haben.»

Grün

Ab dem vierten bis sechsten Lebensmonat beginnt die Beikost – ab dann findest du auch die Farben der Lebensmittel im Inhalt der Windel wieder. Spinat zum Beispiel ist verantwortlich für einen grünlichen Stuhl. Ebenso Eisenpräparate. «Gleichzeitig kann Grün aber auch ein Warnsignal für einen Magen-Darm-Infekt oder eine Erkältungskrankheit sein.» Der leicht saure Geruch sei hier ausschlaggebend.

Gelb

Auch hier: Zusammen mit dem säuerlichen Geruch könnte eine Infektion des Magen-Darm-Traktes oder eine andere Krankheit vorhanden sein. Wenn neben dem gelben Stuhl also auch noch Symptome wie Bauchschmerzen oder Durchfall hinzukommen, ist kinderärztlicher Rat gefragt. Manchmal können auch Eier oder Milchprodukte eine gelbe Farbe verursachen.

Ist der WC-Inhalt grün oder gelb? Und riecht er säuerlich? Dann könnte eine Magen-Darm-Infektion im Anmarsch sein.
Ist der WC-Inhalt grün oder gelb? Und riecht er säuerlich? Dann könnte eine Magen-Darm-Infektion im Anmarsch sein.
Bild: Shutterstock

Rot

Ist der Stuhl rot gefärbt, erschreckst du womöglich erstmal. Es könnte sich aber auch lediglich um rote Beete (Randen) handeln. «Blut würde oben aufliegen», sagt Lucia Cremer. Dann sollten Eltern sofort einen Kinderarzt oder -ärztin aufsuchen. «Auch schon beim kleinsten Tröpfchen Blut im Urin.»

Schwarz

Hier könnten ebenfalls Eisenpräparate schuld sein. Sehr selten kann es sich auch um eine Darmblutung handeln. Ausserhalb des Kindspechs sei Schwarz immer ein Grund für eine Fachperson, sagt Lucia Cremer.

Lehmfarben bis weisslich

Auch bei sehr hellem Stuhl rät die Expertin zur ärztlichen Abklärung. Die möglichen Gründe hier sind vielfältig: Ein Mangel von Gallenflüssigkeit wären eine mögliche Ursache. Manchmal sind aber auch einfach Medikamente gegen Durchfall verantwortlich. Oder kalkreiches Wasser bei einem Schoppenbaby.

«Kein unangenehm riechender, klebriger Geist»

Eine Dreiviertelstunde lang unterhalte ich mich mit der Pädiatrie-Expertin und Babyportal-Bloggerin über sämtliche Kot-Beschaffenheiten und -Farben bei Kindern, ohne auch nur einmal einen Funken Ekel zu verspüren. Wir könnten genauso gut über den neuesten Spielwaren-Trend oder Babykleidchen sprechen. Würden wir hingegen die Exkremente von Erwachsenen so ausführlich sezieren, würde ich wohl abwechslungsweise mit Schamgefühl und Würgereiz kämpfen.

«Bei Erwachsenen ist der Stuhlgang tatsächlich ein grosses Tabuthema», bestätigt mir Lucia Cremer. Zu Unrecht, wie sie findet. «Er sollte nicht einfach als unangenehm riechender, klebriger Geist abgetan werden.» Sie wünsche sich einen unverkrampfteren Umgang und empfehle ihren Studierenden drum regelmässig die Lektüre des Buch-Bestsellers «Darm mit Charme», um Hemmschwellen abzubauen.

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«Die Verdauung ist ein Milliardengeschäft, wir sehen täglich so viele Werbungen mit Mittelchen für den Darm. Aber offen darüber sprechen können wir trotzdem nicht», gibt Lucia Cremer zu bedenken. Und fügt an: In der Alterspflege sei das Thema dann wie bei den Kindern wieder omnipräsent.

Vom lauten zum stillen Örtchen

Das ist tatsächlich absurd. Zumal der Stuhlgang offensichtlich nicht immer ein Tabuthema war. Die alten Römer etwa hockten damals in der sogenannten Latrine, um nebeneinander und ohne Trennwändchen ihr Geschäft zu erledigen. Im Mittelalter erleichterten sich die Menschen schamlos auf offener Strasse oder düngten gleich die Felder mit ihren Fäkalien. Und heute schliessen wir uns in einer Kabine ein und nennen sie «stilles Örtchen» … Aber lassen wir das. Über die Geschichte des Klos hat schliesslich mein Kollege schon mal detailliert berichtet.

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Nach der fünften nächtlichen Bettwäsche-Waschaktion, einem Besuch bei der Kinderärztin, viel Zwieback und Salzbrezeln und mindestens genauso vielen verbrauchten Nerven ist der Spuk bei meinen Töchtern übrigens wieder vorbei. Bis zum nächsten Infekt. Dann aber mit dem Farbschema im Kopf über der WC-Schüssel.

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Katja Fischer

Anna-und Elsa-Mami, Apéro-Expertin, Gruppenfitness-Enthusiastin, Möchtegern-Ballerina und Gossip-Liebhaberin. Oft Hochleistungs-Multitaskerin und Alleshaben-Wollerin, manchmal Schoggi-Chefin und Sofa-Heldin.


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