Feed the Nerd 2: 100 Disketten für den Arsch
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Feed the Nerd 2: 100 Disketten für den Arsch

Martin Jud
Martin Jud
Zürich, am 19.06.2018

Mich plagt das schlechte Gewissen, denn ich habe es getan. Ich bin digitec wegen meinem 486er-Projekt fremdgegangen und habe mir ein vermeintliches Schnäppchen besorgt; hundert 3.5-Zoll-Disketten für 30 Franken. Doch nun scheint dieser Kauf ein Griff ins Klo gewesen zu sein.

Aber von Anfang an. Vielleicht hast du mitbekommen, dass ich mir einen Traum erfüllt habe. Wenn auch nur einen kleinen. Zurzeit bahnt sich ein 486er-Notebook seinen Weg aus Italien zu mir.

*Feed the Nerd 1:** Zurück zu MS DOS 6.22*Feed the Nerd 1:** Zurück zu MS DOS 6.22
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Feed the Nerd 1: Zurück zu MS DOS 6.22

Nun warte ich sehnsüchtig darauf, endlich wieder dieses Retro-Feeling zu erleben. In freudiger Erwartung mache ich mir bereits Gedanken über die Software für das Top-Notebook von anno 1995. Deshalb bestelle ich über einen Kleinanzeigenmarkt im Internet hundert Floppys.

Glücklicherweise habe ich Anfang der 2000er Backups meiner DOS-Software-Sammlung und diverser Betriebssysteme gemacht. Die meisten Original-Disketten funktionieren nicht mehr tadellos. Das ist kein Wunder, denn im Gegensatz zur Hard Disk, schleift bei der Floppy Disk der Magnetkopf direkt auf der magnetisierbaren Oberfläche, was mit der Zeit zu deutlichem Abrieb führt. Ausserdem sind Sonneneinstrahlung, Wärme und magnetische Störungen nicht zu unterschätzende Gefahren, welche eine Lagerung nicht ganz einfach machen.

Um das Notebook neu aufzusetzen, benötige ich mindestens vier Disketten für MS DOS 6.22 (Bootdisk und drei Installationsmedien). Möchte ich Windows 3.11 installieren, werden weitere neun Floppys fällig. Die erste Version von Windows 95 passt auf 14 Disketten. Games, wie Lands of Lore, benötigen deren acht... Ich brauche auf jeden Fall eine Menge Disketten. Die hundert bestellten sollten ja eigentlich locker reichen.

Die 3.5-Zoll-Disketten speichern 1.44 MB, wenn denn alle Sektoren noch funktionieren.
Die 3.5-Zoll-Disketten speichern 1.44 MB, wenn denn alle Sektoren noch funktionieren.

Natürlich nutzen Disketten nichts, wenn sie nicht bespielt werden können. Weshalb ich mir kurzerhand folgendes Produkt besorgt habe:

Defekte Sektoren noch und nöcher

Auf den eingeschweissten, originalverpackten Disketten steht «100% error free» und «formatted for IBM». Klingt vielversprechend. Doch mein erster Zugriffsversuch, respektive Kopierversuch auf eine Diskette scheitert kläglich und lässt mich Böses ahnen.

Es will nicht, wie ich gerne möchte.
Es will nicht, wie ich gerne möchte.

Und das Böse bestätigt sich nach und nach. Keine der gekauften Disketten scheint zu funktionieren. Zumindest nicht aus dem ersten 10er-Pack. Ich habe wohl unnützen Scheiss gekauft. Doch ich wäre nicht ich, wenn ich mein Scheitern von Anfang an als solches verbuchen würde. Klar, ich könnte mir noch immer direkt bei digitec Disketten bestellen.

Aber diese Blösse will ich mir nicht geben. Abgesehen davon empfinde ich 1.62 Franken für 1.44 MB als Wucherpreis. Gut, ich ahne ja, dass es in Angesicht der wenigen Hersteller der heutigen Zeit vielleicht doch ein fairer Preis ist. Doch erst mal abwarten, denn vielleicht kann ich noch die eine oder andere Diskette retten.

100 x «format a:»

Wer sich an die guten alten Floppy-Disks erinnert, weiss, wie lange eine Formatierung dauert – rund 125 Sekunden. Wenn defekte Sektoren während der Formatierung auftreten, kann sich eine Formatierung allerdings auch länger hinziehen. Dafür ist der Sound, das regelmässige Ticken des Laufwerks, relativ beruhigend und weckt Erinnerungen an vergangene Tage. Das Diskettenlaufwerk tickt insgesamt fast vier Stunden, ehe sämtliche Disketten formatiert sind.

Hier nagte das Rad der Zeit eindeutig: Beschädigte Sektoren auf beinahe jeder Diskette.
Hier nagte das Rad der Zeit eindeutig: Beschädigte Sektoren auf beinahe jeder Diskette.

Die Ausbeute ist ernüchternd. Ganze neun Disketten ohne defekte Sektoren. Das macht einen Preis von 3 Franken und 33 Rappen pro Diskette. Oder 2 Franken und 31 Rappen pro Megabyte.

Im Vergleich zu heutigen Speichermedien ist das verdammt viel. Schaust du dir beispielsweise die 500 GB grosse SSD «Samsung 860 EVO Basic» an, welche rund 150 Franken kostet, kommst du auf einen Preis von 0.029 Rappen pro Megabyte.

91 x Norton Disk Doctor?

Der gute alte Disk Doctor von Norton hat mir in den 90ern schon einige Floppy Disks gerettet. Das geht allerdings nur, wenn keine physikalischen Kratzer vorliegen. Und auch dann ist der Erfolg Glückssache.

Sind keine physikalischen Schäden vorhanden, können defekte Sektoren auf Disketten mit diversen Tools, Kniffs und Tricks wieder zum Leben erweckt werden.
Sind keine physikalischen Schäden vorhanden, können defekte Sektoren auf Disketten mit diversen Tools, Kniffs und Tricks wieder zum Leben erweckt werden.

Eigentlich wollte ich nun in eine zweite Runde mit sämtlichen defekten Disketten starten, allerdings geht das jetzt irgendwie zu weit. Mein innerer Nerd ist für den Moment gesättigt und ich habe keine Lust auf eine zweite Disk-Formatierungs-Session.

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben; doch für heute belasse ich es bei den gewonnenen neun Disketten. Dennoch werde ich die Disketten-Wiederbelebung nicht aufgeben (Niemals!).

Eine korrekte Lagerung ist wichtig. Aber mir gerade herzlich egal.
Eine korrekte Lagerung ist wichtig. Aber mir gerade herzlich egal.

Aber vorerst verstaue ich die wabbeligen Floppys wieder sicher. Ich werde allenfalls in einer anderen Folge von «Feed the Nerd» darauf zurückkommen. Sollte der Laptop heil durch den Zoll kommen, wirst du es jedenfalls im digitec-Magazin erfahren. Falls nicht, werde ich unbezahlten Urlaub nehmen und mich selbst bemitleiden.

Wäre ich ein dreister Autor, der auch mit harten Bandagen kämpft, dann wäre nun der Zeitpunkt gekommen, darauf aufmerksam zu machen, dass digitec eine Folge-Funktion hat. Mit einem Klick auf den entsprechenden Button folgst du mir. Doch das ist überhaupt nicht meine Art, weshalb ich auch diese Idee wieder in einer imaginären Schublade verstaue.

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Martin Jud
Martin Jud

Editor, Zürich

Der tägliche Kuss der Muse lässt meine Kreativität spriessen. Werde ich mal nicht geküsst, so versuche ich mich mittels Träumen neu zu inspirieren. Denn wer träumt, verschläft nie sein Leben.

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