Halbleiterkrise: Canon entfernt Kopierschutz, aber nur auf Bürodruckern
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Halbleiterkrise: Canon entfernt Kopierschutz, aber nur auf Bürodruckern

Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher
Zürich, am 13.01.2022

Tonerkartuschen aus dem Hause Canon werden nur noch ohne digitalen Kopierschutz ausgeliefert. Grund ist die andauernde Chip-Knappheit. Was nach Service Public aussieht, könnte aber ein cleverer Schachzug zur Gewinnmaximierung sein.

Mit den Worten «Druckerkartusche kann nicht erkannt werden» beginnt eine Fehlermeldung auf Canon-Druckern, wenn du eine Toner-Kartusche eines Drittherstellers einlegst. Der Drucker behauptet, dass der Füllstand des Toners nicht erkannt werde. Abhilfe ist möglich durch Einsetzen eines original Canon-Produkts.

Das Problem: Die Halbleiterkrise. Seit Wochen verunmöglicht sie es dem Druckerhersteller, die Chips herzustellen, die die Echtheit der eigenen Kartuschen verifizieren. Daher werden neuere Kartuschen ohne diese Chips ausgeliefert. Weil sie von Druckern darum nicht mehr verifiziert werden können, hat Canon Deutschland eine Anleitung zur Umgehung dieses Mechanismus publiziert. Der Witz: Damit kannst du neu auch Toner von Drittherstellern verwenden. Das ist zwar nicht Sinn der Anleitung, aber Canon scheint dazu gezwungen zu sein.

Damit ist das Digital Rights Management (DRM) auf Canon-Druckern für Büros Geschichte. Vorerst.

Geräte, die DRM-befreit werden können

Die ersten Geräte, die von DRM befreit werden können, gehören zur Imagerunner-Serie. Das sind grosse Geräte, die vor allem in Büros Anwendung finden.

  • Canon imageRUNNER 1435i/1435iF
  • Canon imageRUNNER 2625i/2630i/2645i
  • Canon imageRUNNER ADVANCE 4525i/4535i/4545i/4551i, II und III
  • Canon imageRUNNER ADVANCE C250i/350i/C351iF
  • Canon imageRUNNER ADVANCE C255i/C355i/C355iF/C256i/356i
  • Canon imageRUNNER ADVANCE C256i/356i II und III
  • Canon imageRUNNER ADVANCE C3320i/3325i/3330i
  • Canon imageRUNNER ADVANCE C3520i/3525i/3530i, II und III
  • Canon imageRUNNER ADVANCE C5535i/5540i/5550i/5560i, II und III
  • Canon imageRUNNER ADVANCE DX 4725i/4735i/4745i/4751i
  • Canon imageRUNNER ADVANCE DX 6000i
  • Canon imageRUNNER ADVANCE DX C257i/C357i
  • Canon imageRUNNER ADVANCE DX C3720i/3725i/3730i
  • Canon imageRUNNER ADVANCE DX C3822i/3826i/3830i/3835i
  • Canon imageRUNNER ADVANCE DX C5735i/5740i/5750i/5760i
  • Canon imageRUNNER C1325iF/1335iF
  • Canon imageRUNNER C3025i
  • Canon imageRUNNER C3125i
  • Canon imageRUNNER C3226i

Der Vorgang zur Umgehung ist einfach. Sobald auf dem Display des Imagerunners eine Fehlermeldung auftaucht, dann einfach auf «OK», «Weiter» oder «Einverstanden» drücken.

Warum solltest du das tun?

Druckerpatronen und Tonerkartuschen sind teuer. Die Drucker hingegen sind günstig. Druckerhersteller wie Canon machen mit den Geräten selbst nicht das grosse Geld. Die Gewinne sprudeln beim Verkauf von Tinte und Toner für den Laserdruck. Und diese sind teuer.

Ein Beispiel: Eine Tonerkartusche für einen Canon Imagerunner Advance kostet je nach Farbe zwischen 180 und 330 Franken.

C-EXV 58 (BK)
164,12
Canon C-EXV 58 (BK)
C-EXV 58 (C)
304,14
Canon C-EXV 58 (C)

Da das Digital Rights Management bisher die Verwendung von Kartuschen eines Drittherstellers unattraktiv oder gar unmöglich gemacht hat, hat sich eine Nebenindustrie gebildet. Diese verkauft Toner. Also das Pulver, das in der Kartusche ist. Eine kurze Suche zeigt da ein Angebot von Thinkshop.ch. Der Toner kostet 116.50 Franken. Nachfüllen musst du einfach selbst.

Warum die Hersteller das nicht wollen

Ersatzpatronen und Toner von Dritten sind schon seit Jahren auf dem Markt und existieren im Schatten der grossen Druckerhersteller. Sie bieten in vielen Fällen dieselbe Druckqualität zu tieferen Preisen an. Wenn da keine DRM-Mechanismen wären, könntest du einen günstigen Drucker kaufen und den mit günstiger Tinte oder Toner nachfüllen. Daher hat die Industrie – nicht nur Canon – DRM entwickelt. Der Drucker verlangt eine Identifikation vom Toner oder von der Patrone, sonst funktionieren gewisse Features nicht. Im Falle Canons ist das die Anzeige des Füllstandes. Es kann sein, dass der Füllstand des Toners nur vom Chip mit DRM gemessen werden kann. Es ist aber auch gut möglich, dass die Software des Druckers sich weigert, die Messwerte auszugeben, sofern kein DRM-Chip vorhanden ist.

Ähnliche Mechanismen finden sich in Videogames, Musik und allerlei Apps. Diese ergeben wirtschaftlich Sinn. Wenn ein Hersteller seine Kunden mit dem Mechanismus «Entweder unser Material oder das Gerät funktioniert nicht» an sich binden kann, dann kann das Gerät günstiger verkauft werden und das Verbrauchsmaterial danach verhältnismässig teuer.

Ein Beispiel mit Canon:

PIXMA TS3450 (Tintenpatrone, Farbe)
78,22
Canon PIXMA TS3450 (Tintenpatrone, Farbe)
131
PG-545 (BK, Tinte)
13,11
Canon PG-545 (BK, Tinte)
82
CL-546 (Color, Tinte)
18,96
Canon CL-546 (Color, Tinte)
119
PG-545/CL-546 (Color, BK, Tinte)
29,94
Canon PG-545/CL-546 (Color, BK, Tinte)
269

Der Drucker kostet dich 60 Franken, die Nachfüllpatronen 40 Franken, wenn du sie einzeln kaufst. Im Set kosten dich Farbpatrone und Schwarzweisspatrone nur 30 Franken. Das ist immer noch die Hälfte des Kaufpreises des gesamten Druckers. Nachfülltinten sind im Fachhandel – auch von Canon selbst hergestellt – erhältlich, Anleitungen online nachlesbar.

Warum nur Bürodrucker DRM-befreit sind

Canon, genau wie jedes andere dem Profit verpflichtete Unternehmen, hat kein Interesse daran, Kunden zu verlieren. Im Gegenteil, die Kunden sollen im Idealfall auf ewig ans Unternehmen gebunden werden. DRM ist ein mächtiges Werkzeug, um dieses Ziel zu erreichen.

Genau darum sind sehr wahrscheinlich nur Bürodrucker für Unternehmen aus dem DRM-Gefängnis zu befreien. Denn Unternehmen stehen in der Regel mit Canon in einer Vertragsbeziehung. Wenn der Toner leer wird, meldet der Drucker das Canon und bei Canon bringt jemand einen neuen Toner auf die Post, der am Folgetag beim Unternehmen im Briefkasten liegt. Sprich: Unternehmen müssen sich keine Gedanken darüber machen, wo die Toner herkommen, denn Canon liefert die ohnehin. Um den Absatz bei Tonern muss sich Canon aktuell keine Sorgen machen, weswegen die DRM-Chips aus dem Toner verschwinden können.

  • Review

    Tinte im Abo: In der Falle von Instant Ink gefällt's mir

Dieses Abo gibt es auch für Private, ist dort aber wohl noch nicht so verbreitet.

Einzig macht sich Canon Sorgen über die Fehlermeldung, die auf den Druckern auftauchen könnten. Denn diese führen dann bei den Kunden zu Ärger und allenfalls zu zusätzlicher Belastung des Kundendienstes.

Ein Buchtipp zum Schluss

  • Hintergrund

    Kindle ohne Amazon – wie du den Klauen des Online-Giganten entkommst

Wenn du ein gutes und unterhaltsames Beispiel zum Thema DRM willst, kann ich dir die DRM-verseuchte eBook-Version von Cory Doctorows Kurzgeschichtensammlung «Radicalized» auf Amazon empfehlen. Oder die DRM-freie Version von der Website des Autors.

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Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher

Senior Editor, Zürich

Journalist. Autor. Hacker. Ich bin Geschichtenerzähler und suche Grenzen, Geheimnisse und Tabus. Ich dokumentiere die Welt, schwarz auf weiss. Nicht, weil ich kann, sondern weil ich nicht anders kann.

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