
Kritik
Zeichnen statt Grübeln: Ich habe ein neues Lieblingsbuch gefunden
von Anna Sandner

Buchstaben zeichnen statt schreiben: Worum es beim Handlettering wirklich geht und was ich beim Einstieg unterschätzt habe. Ein erster Versuch mit Starter-Set.
Ich oute mich hier mal: Lange dachte ich, Handlettering wäre einfach nur die pseudo-hippe Bezeichnung für Schönschrift. Hübsch fand ich die individuellen Schriftzüge auf Grußkarten, Covern und in Social-Media-Posts dennoch. Und so wollte ich mich nach meiner Freude beim Slow Drawing auch mal an den kunstvollen Buchstaben versuchen.
Zunächst kurz zur Theorie. Mit meiner Vermutung, Handlettering wäre nur die künstlerische Version des Schreibens, lag ich falsch. Tatsächlich ist der entscheidende Unterschied die Methode. Beim Handlettering werden Buchstaben gezeichnet statt geschrieben. Jeder Buchstabe wird konstruiert – skizziert, korrigiert, überarbeitet – bis das Gesamtbild stimmt.
Schönschrift hingegen ist kontinuierliches Schreiben mit dem Ziel, ordentlich und lesbar zu sein. Kalligraphie liegt irgendwo dazwischen. Der Begriff stammt aus dem Griechischen (kalos = Schönheit, graphein = schreiben) und bezeichnet das kunstvolle, regelgebundene Schreiben – meist mit Feder oder Pinsel, nach fest definierten Stilvorgaben. In der Kalligraphie wird lange Zeit ein und derselbe Schwung geübt, bis er sitzt. Beim Handlettering dagegen sind Korrekturen nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich Teil des Prozesses.

Nachdem das geklärt ist, kann ich loslegen. Ich statte mich mit einem Handlettering-Set, zusätzlichen Stiften und Papier aus. Das Set bietet mir alles, was ich als Anfängerin für den Einstieg ins Handlettering brauche: ein kurzes Anleitungsbuch mit Vorlagen und Platz zum Üben, drei Stifte verschiedener Dicke und zwei Grußkarten zum Gestalten.
Ich arbeite mich durch die Anleitung und bin kurzzeitig ernüchtert. Was so einfach aussieht, braucht dann doch ein bisschen Übung. Insgesamt sind mir Anleitung und Übungen in dem Set etwas zu kurz gehalten. Eine Schritt-für-Schritt-Erklärung hilft mir hier eher. Macht nichts, davon gibt es zahllose kostenlos im Internet, etwa diese Handlettering-Anleitung für Anfänger und Anfängerinnen (konkret ab 2:53).

Eine der wichtigsten Handlettering-Grundlagen: Der Aufstrich bleibt dünn, der Abstrich wird dick gezogen. Das übe ich einige Zeit, bis ich keine Geduld mehr habe. Das Schöne ist, dass es nicht auf einen Strich sitzen muss. Ich kann vorzeichnen und die Buchstaben dann in aller Ruhe ausgestalten.

So geduldig ich beim Slow Drawing war, so ungeduldig bin ich nun beim Handlettering. Warum? Ich glaube, weil ersteres kein Ergebnis erwartet. Handlettering schon. Die Buchstaben sollen am Ende gut aussehen. Ich vergleiche mit der Vorlage, den anderen Buchstaben, dem, was ich mir vorgestellt habe, statt einfach ins Zeichnen abzutauchen.

Um die Schreibschrift ohne ewiges Vorzeichnen hinzubekommen, muss ich weiter üben. So richtig überzeugt davon bin ich noch nicht. Dafür gefallen mir die mitgelieferten Vorlagen für die Schmuckelemente: Girlanden, Pfeile, Ornamente, Blätter und Federn beflügeln meine Fantasie zum Ausgestalten.

Erst kommt der Bleistift. Buchstaben vorzeichnen, dann mit Brushpen oder Fineliner nachziehen.
Aufstrich dünn, Abstrich dick. Beim Aufwärtsziehen kaum Druck, beim Abwärtsziehen mehr. Dieses Grundprinzip verinnerlichen, bevor du dich an die Buchstaben wagst.
Mit Schwungübungen starten. Dünne Aufstriche, breite Abstriche so lange wiederholen, bis die Bewegung sitzt.
Stift locker halten, langsam ziehen. Verkrampfte Hände sind der häufigste Anfängerfehler. Lieber langsamer werden, als auf Kosten der Kontrolle Tempo machen.
Glattes Papier verwenden. Raues Papier zerstört die empfindliche Brushpen-Spitze schnell und erschwert gleichmäßige Linien.
Für neue Ideen suche ich im Internet nach Handlettering-Alphabeten und verschiedenen Schriftstilen. Ich habe Handlettering-Postkarten und -Poster im Kopf, die bei der Buchstabenwahl wesentlich mehr variieren als mein Vorlagenheftchen. Schnell werde ich fündig, zum Beispiel in dieser Übersicht verschiedener Schriftstile.

Mein nächstes Werk gefällt mir schon etwas besser, aber es bleibt Luft nach oben. Mit etwas Geduld und ein paar Anläufen mehr als erwartet kommen erste vorzeigbare Ergebnisse heraus. Üben werde ich sicher noch weiter. Ob Handlettering aber ein langfristiger Begleiter wird, weiß ich noch nicht. Anders als beim Slow Drawing geht es weniger ums Loslassen als ums Tüfteln – mehr Handwerk als Flow. Aber: Die nächste Grußkarte gestalte ich jedenfalls selbst.
Wissenschaftsredakteurin und Biologin. Ich liebe Tiere und bin fasziniert von Pflanzen, ihren Fähigkeiten und allem, was man daraus und damit machen kann. Deswegen ist mein liebster Ort immer draußen – irgendwo in der Natur, gerne in meinem wilden Garten.
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