HTC U12+ im Test: Das Flagship-Phone, das niemand kennt

HTC U12+ im Test: Das Flagship-Phone, das niemand kennt

Luca Fontana
Luca Fontana
Zürich, am 11.09.2018

Das HTC U12+ hat Ecken und Kanten, und sie reagieren auf Berührungen. Den Vergleich zur Konkurrenz braucht es nicht zu fürchten: die Leistung unter der Haube stimmt. Dank gelungenem Doppelkamera-System spielt es in der obersten Liga.

HTC war einst der Smartphone-Pionier, der den anderen das Smartphonen vorgemacht hatte. Dann kam die Apfel-Konkurrenz aus Kalifornien. Dann Südkorea, und jetzt China. Heute kämpft HTC erbittert um Marktanteile. Und nach der Regelmässigkeit, mit der Analysten HTCs Ausstieg aus der Smartphone-Branche ankündigen, könnte ich die Uhr stellen.

Der Hersteller aus Taiwan hat anscheinend nicht vor, aus der Smartphone-Branche auszusteigen.

Der Beweis dafür ist das neue HTC U12+. So viel vorneweg: Unter der Haube steckt genug Power, um in der Liga der Flagship-Handys mitzuspielen. Im Marketing setzt HTC auf die berührungsempfindliche Kanten, die ich überhaupt nicht spektakulär finde – live on the edge, heisst es da im Slogan. Aber das neue Doppelkamera-System samt Kamera-App macht alles wieder wett.

U12+ (64 GB, Translucent Blue, 6 ", Hybrid Dual SIM, 12 Mpx, 4G)
HTC U12+ (64 GB, Translucent Blue, 6 ", Hybrid Dual SIM, 12 Mpx, 4G)
U12+ (64 GB, Titanium Black, 6 ", Hybrid Dual SIM, 12 Mpx, 4G)
HTC U12+ (64 GB, Titanium Black, 6 ", Hybrid Dual SIM, 12 Mpx, 4G)
U12+ (64 GB, Flame Red, 6 ", Hybrid Dual SIM, 12 Mpx, 4G)
HTC U12+ (64 GB, Flame Red, 6 ", Hybrid Dual SIM, 12 Mpx, 4G)

Design: Eigentlich gibt’s nur eine richtige Wahl

Die grosse, weisse Verpackung mit den abgerundeten Ecken, die da auf meinem Tisch liegt, sieht bescheiden aus. Aber innen drin steckt ein Smartphone, das mit den Grossen mitspielen kann und will. Das weiss ich, weil ich das Handy vor ein paar Monaten bereits in Händen halten durfte.

*HTC U12+**: Über unsichtbare Designs und empfindliche Kanten*HTC U12+**: Über unsichtbare Designs und empfindliche KantenVideo
ProduktvorstellungSmartphone

HTC U12+: Über unsichtbare Designs und empfindliche Kanten

Das HTC U12+ gibt es in drei verschiedenen Farben: Titanium Black, Flame Red und Translucent Blue. Wirklich spannend ist aber nur letzteres. Das transparente Blau ist zwar nicht komplett durchsichtig, aber von hinten siehst du immerhin den Akku, die Kameralinse und den LED-Blitz. Das ist auffällig genug, wenn ich darauf achte, aber nicht so auffällig, dass es übertrieben wirkt. Das mag ich. Denn die schrillen Designs aus China, wo manche Phones ihre Farbe je nach Betrachtungswinkel ändern – die sind nichts für mich.

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Ich spiele mit dem halbdurchsichtigen Ziegel herum. Das Smartphone liegt sehr gut in der Hand; kein Vergleich zum unkontrolliert umher flutschenden Nokia 8. Das war zwar geschmeidig, aber beim Testen ging mir deswegen die Kameralinse kaputt. Das HTC U12+ wirkt auch nicht schwer wie ein Ziegel, trotz ordentlichem Gewicht von 188 Gramm. Seine Dimensionen erklären das Gewicht:

  • Höhe: 8.70 mm
  • Breite: 73.90 mm
  • Länge: 156.60 mm

Damit ähnelt es am ehesten dem 189 Gramm schweren Samsung Galaxy S9+. Huaweis P20 Pro oder Honors View 10 sind etwas leichter, aber auch kleiner.

Das Glasdesign nennt HTC «Liquid Surface». Glas macht mich generell skeptisch, weil es zwar edel wirkt, aber gleichzeitig eine magische Anziehungskraft für Fingerabdrücke und Fettflecken hat. So wie Brillen. Jeder, der eine Brille besitzt, weiss, wovon ich rede. Wir Brillenträger leiden zusammen, still und tapfer. Aber beim U12+ muss niemand leiden. Während meiner gesamten Testzeit habe ich kein einziges Mal den Drang verspürt, die Handyhülle zu putzen. Klar, ein paar Fingerabdrücke lassen sich nicht vermeiden, aber es ist nicht so schlimm, wie befürchtet. Schwarze Magie, HTC?

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Ein weiterer Vorteil vom Glasdesign: Schön weiche Kanten. Das Nokia 8 Sirocco macht’s zum Beispiel komplett falsch. Dort sind die Kanten so scharf, dass ich mich nicht getraut habe, das Handy ohne Topfhandschuhe anzufassen.

Etwas gewöhnungsbedürftig sind die Lautstärke- und Standbytasten an der Seite des Phones. Das sind nämlich keine mechanischen Tasten, sondern berührungsempfindliche Plättchen. Sieht schick aus, aber reagiert manchmal etwas träge. Auch wenn HTC verspricht, dass diese Plättchen im gegensatz zu mechanischen Tasten «unkaputtbar» seien – ich bevorzuge trotzdem letztere.

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Gute Nachricht für alle Notch-Hasser: Es hat keinen. Dafür ist der Screen mit seinen 6 Zoll kleiner als zum Beispiel jener vom Huawei P20 Pro (6.1 Zoll) oder Samsung Galaxy S9+ (6.2 Zoll).

Schöner Screen, viel Power im Gebälk und unnütze Kanten

Der erste Eindruck des eingeschalteten Screens ist gut: Zwar kein AMOLED oder OLED, aber die Farben sehen dennoch kräftig aus. Das Bildverhältnis beträgt 18:9, was heutzutage bei den meisten Smartphones üblich ist.

Alles andere als üblich ist die Bildauflösung. Diese beträgt nämlich 2880 × 1440 Pixel, was einer Pixeldichte von 537 points per inch (ppi) entspricht. Mir ist noch kein anderes Smartphone mit einer gleich hohen Pixeldichte unter die Augen gekommen. Nicht einmal das Huawei P20 Pro, das eine Pixeldichte von 408 ppi hat.

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Ein Blick auf die Spezifikationen verrät: Mol, hier steckt viel Power im Gebälk.

  • Android 8 Oreo, erweiterbar auf Android P (Zeitpunkt unbekannt)
  • Qualcomm Snapdragon 845 Prozessor mit 6 GB Arbeitsspeicher
  • Adreno 630 GPU
  • 64 GB interner Speicher, erweiterbar auf bis zu 2 TB
  • Dual Sim: Ja, Hybrid-Slot
  • 3500 mAh Akku
  • Schutzklasse IP68

Im HTC U12+ ist mit dem Snapdragon 845 der momentan leistungsfähigste System-on-a-Chip (SoC) von Qualcomm verbaut. Der kann zwar nicht ganz mit Apples A11-Bionic-Chipsatz mithalten, liefert aber dennoch ordentlich Rechenpower. Zusammen mit den 6 GB Arbeitsspeicher hat das Handy während meiner gesamten Testzeit kein einziges mal geruckelt oder ist abgestürzt. Wischen und swipen geht ganz geschmeidig und ohne Verzögerung, rechenintensive Apps wie Spotify oder WhatsApp liefen problemlos.

Etwas geschwächelt hat der Akku mit 3500 mAh Leistung. Einen vollen Tag Nutzung, ohne einmal aufzuladen, hat das Handy kaum hingekriegt. Abends bin ich immer wieder mit etwas zwischen 15 und 20 Prozent Akku nach Hause gerannt. Kein Wunder: Das Handy hat superviele Pixel, die alle Rechenleistung und somit mehr Strom benötigen. Alleine deswegen finde ich, dass der Akku mehr hätte leisten sollen. Das ist zwar kein GAU, aber andere Hersteller machen es besser.

Speziell sind die Kanten: Sie reagieren auf Berührungen. Durch gleichzeitiges Zusammendrücken beider Ränder oder doppeltes Antippen eines Randes lassen sich vordefinierte Aktionen ausführen. Etwa das Öffnen eines App-Rädchens, das mir ermöglicht, das Smartphone mit einer Hand zu bedienen.

HTC nennt die Funktion «Edge Sense 2» und möchte sich damit von der Konkurrenz abheben. Tut es aber nicht wirklich. Der Kamera-App fehlt beispielsweise die Möglichkeit, durch das Streicheln der Ränder rein- und raus zu zoomen. In einer Musik-App hätte ich mir gewünscht, dass dieselbe Geste die Lautstärke geregelt hätte. Und ein doppeltes oder gar dreifaches Tippen müsste doch bewirken, dass sich das Display ein- und ausschaltet – tut es aber nicht. Schade.

Wäre HTC konsequent, würden sie die seitlichen Knöpfe ganz abschaffen, und deren Funktionen auf das Edge-Sense-Feature verschieben. Das wäre ein Design mit echtem Alleinstellungsmerkmal. So ist das Feature eher überflüssig. Oder zumindest nicht relevant genug, um eine ganze Marketing-Kampagne darauf abzustützen.

Die Kamera ist grandios. Punkt

Das HTC U12+ brilliert mit seinem Doppelkamera-System. Und zwar sowas von. Zwei Kameras gab’s bei HTC schon einmal, aber nicht im Vorgängermodell U11. Dort war nur eine Kamera verbaut, weil HTC ihr Doppelkamera-System nicht für ausgereift genug hielt.

Nun ist es zurück, und lässt die Konkurrenz, die auch auf ein Doppelkamera-System zurückgreift, aufhorchen: Die Kameratester von DxOMark haben dem Handy die beste Bewertung gegeben, die ein Doppelkamera-System von ihnen je erhalten hat.

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Die Hardware in Kürze:

  • Hauptkamera Sensor 1: 12,2 MP Ultra Pixel 4 mit Blende f/1.75 und 25 mm Brennweite, optische Bildstabilisierung und EIS
  • Hauptkamera Sensor 2: 16 MP Tele Kamera mit Blende f/2.6 und 50 mm Brennweite und Realtime-Bokeh-Modus
  • Frontkamera: Dual-Cam, Blende f/2.0 mit 28 mm Brennweite
  • 4K Videos mit 60 Frames pro Sekunde

Bei mehr oder weniger bewölkten Verhältnissen gelingen gute Fotos mit natürlichen, nicht übersättigten Farben. Dank starkem Chip stehen der App genug Ressourcen zum Arbeiten und Optimieren zur Verfügung.

Foto aufgenommen mit dem HTC U12+

Rot, Grün, Blau… die Farben im Bild sehen sehr natürlich aus
Rot, Grün, Blau… die Farben im Bild sehen sehr natürlich aus

Gelungen ist auch der HDR-Modus. Dort, wo der unterschied zwischen dem dunkelsten und hellsten Bildpunkt besonders gross ist, mühen sich Kameras ab. Je nach Fokus sind teile des Bildes entweder total überbelichtet oder unterbelichtet.

Sommergewitter ohne HDR

Überbelichtete Wolken, wo Details verloren gehen. Die Hausfassade ist viel zu dunkel
Überbelichtete Wolken, wo Details verloren gehen. Die Hausfassade ist viel zu dunkel

Im HDR-Modus werden innerhalb des Bruchteils einer Sekunde drei Fotos mit unterschiedlicher Belichtung aufgenommen und durch die KI zusammengesetzt. Helle Bildbereiche wirken dadurch weniger grell, und dunkle Bildbereiche werden aufgehellt. Ein ausbalanciertes Bild entsteht.

Sommergewitter mit HDR

Die Hausfassade ist wieder da. Und in den Wolken sind viel mehr Details sichtbar
Die Hausfassade ist wieder da. Und in den Wolken sind viel mehr Details sichtbar

Das U12+ besitzt einen zweifachen optischen Zoom, und digital sogar einen zehnfachen. Die künstliche Intelligenz haut bei stark gezoomten Bildern einen Scharfzeichnungsfilter rein. Wirklich gut sieht das nicht aus. Aber ich gehöre sowieso zu jenen Fotografen, die lieber ein Bildbereich ausschneiden als den digitalen Zoom der Kamera zu benutzen.

Ich habe draussen vor dem Büro ein paar Bäume fotografiert. Bäume haben besonders viele Details, die so ziemlich jede Smartphone-KI in die Knie zwingen, besonders beim Zoomen. Wissend, dass ich den zehnfachen Zoom vermutlich nie in meinem Leben brauchen werde, will ich wissen, was die KI macht.

Das Originalbild

Ein Blick auf die Allee vor dem Westpark-Gebäude
Ein Blick auf die Allee vor dem Westpark-Gebäude

Cropped vs. digitaler Zoom

Der Ausschnitt enthält immer noch viele Informationen und die Pixel sind nicht einmal faustgross
Der Ausschnitt enthält immer noch viele Informationen und die Pixel sind nicht einmal faustgross
Mit dem digitalen Zoom vergrössere ich den Ausschnitt um ein Zehnfaches
Mit dem digitalen Zoom vergrössere ich den Ausschnitt um ein Zehnfaches

Oben: Links ein Ausschnitt, das etwa einer zehnfachen Vergrösserung entspricht. Rechts ein separates Bild, wo ich den zehnfachen Zoom benutzt habe. Die KI versucht, die Bäume schärfer zu zeichnen. Das gelingt nicht schlecht. Dafür verblassen die Farben, die im Ausschnitt der Originalbildes natürlicher wirken.

Live-Bokeh hat die Kamera auch. Live bedeutet in diesem Zusammenhang, dass du bei aktiviertem Bokeh – also künstliche Tiefenschärfe – das Ergebnis direkt im Viewfinder siehst. Die App berechnet den Effekt mit den verschwommenen Hintergründen also live, nicht erst nach dem Abdrücken.

Foto mit automatischem Bokeh-Effekt

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Den Beauty-Filter würde ich übrigens ausschalten. Wer immer das auf dem rechten Bild ist – ich bin das nicht.

Bokeh im Selfie-Modus

Bokeh gibt’s auch im Selfie-Modus. Finde ich super
Bokeh gibt’s auch im Selfie-Modus. Finde ich super
Aber der Beauty-Modus sieht unglaublich unnatürlich aus
Aber der Beauty-Modus sieht unglaublich unnatürlich aus

Im Pro-Modus kannst du Einstellungen an ISO-Werten oder Weissabgleich selber vornehmen. Für Profis besonders gut: Die Bilder lassen sich im RAW-Format abspeichern, was die nachträgliche Bearbeitung am Computer einfacher macht.

Die UI ist ordentlich und wirkt aufgeräumt, auch im Pro-Modus
Die UI ist ordentlich und wirkt aufgeräumt, auch im Pro-Modus

Fazit: Tolles Flagship Phone mit gelungener Kamera

Das HTC U12+ ist ein Flagship Phone, und niemand weiss es. HTC hat in den letzten Jahren viel von seinem Glanz eingebüsst. Mit dem HTC U12+ kommt aber ein Phone, das den Vergleich mit den grossen aus China oder Südkorea nicht zu scheuen braucht.

Edge Sense, das Feature mit den berührungsempfindlichen Kanten, ist für die Katz. Dafür überzeugt das Design, besonders die transparente Version. Das Glasdesign liegt gut in der Hand und hinterlässt einen edlen Eindruck. Unter der Haube steckt jede Menge Rechenpower, die das Smartphone auch für Power-User interessant macht. Der Akku schwächelt – nicht mehr, nicht weniger.

Umgehauen hat mich die Kamera samt App. Für wen ein Smartphone vor allem eine gute Kamera sein muss, um die ein Telefon gebaut worden ist, ist das HTC U12+ die richtige Wahl.

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Luca Fontana
Luca Fontana

Editor, Zürich

Abenteuer in der Natur zu erleben und mit Sport an meine Grenzen zu gehen, bis der eigene Puls zum Beat wird — das ist meine Komfortzone. Zum Ausgleich geniesse ich auch die ruhigen Momente mit einem guten Buch über gefährliche Intrigen und finstere Königsmörder. Manchmal schwärme ich für Filmmusik, minutenlang. Hängt wohl mit meiner ausgeprägten Leidenschaft fürs Kino zusammen. Was ich immer schon sagen wollte: «Ich bin Groot.»

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