Hundert Jahre Radio: Ein techniklastiger Rückblick

Hundert Jahre Radio: Ein techniklastiger Rückblick

David Lee
David Lee
Zürich, am 13.09.2018

Der Wechsel von UKW auf DAB+ ist ein Klacks in der Radiogeschichte. Es ist nur eine weitere Übertragungsart, von denen es schon viele gab und die auch immer modifiziert wurden. Ein Überblick auf hundert Jahre Schweizer Radiogeschichte.

Die Schweiz stellt von UKW auf Digitalradio um. Seit 20 Jahren. Jetzt aber wirklich. Gross angelegte Informationskampagnen laufen. Denn wie schlimm wäre es, wenn jemand nach 20 Jahren Vorbereitung auf dieses einschneidende Ergebnis völlig unvorbereitet sein Transistorradio einschaltet und entsetzt feststellt, dass er oder sie nichts empfängt? Nicht auszudenken, eine Katastrophe epischen Ausmasses.

Aber kommen wir doch mal wieder runter. Nüchtern betrachtet zeigt ein Blick auf die Geschichte des Radios, dass es schon früher Veränderungen gab, die nicht weniger bedeutend waren als der heutige Wechsel auf digital.

Die Anfänge des Radios in der Schweiz

Regelmässig betriebene Radiosender gibt es seit etwa 100 Jahren. In den 1920er-Jahren nahmen die ersten regulären Sender in der Schweiz ihren Betrieb auf. Sieben regionale Radio-Organisationen schlossen sich 1931 zusammen – die SRG war gegründet. Aus diesem Jahr stammen auch die beiden Mittelwellen-Landessender Beromünster und Sottens; für die italienischsprachige Schweiz kam 1933 der Sender auf dem Monte Ceneri hinzu.

Das Radio wurde schnell zu einem sehr wichtigen Medium, nicht zuletzt weil es noch kein Fernsehen gab. Gesendet wurde zunächst auf Mittelwelle, empfangen auf Röhrenradios.

Röhrenradio Philips Philetta von 1955
Röhrenradio Philips Philetta von 1955
wikimedia.org/Vitavia

Es war auch die Zeit, als das Radio als Propagandamittel voll einschlug. Nazi-Oberschreihals Goebbels war einer der ersten, die das Potenzial erkannten. Die Nazis brachten daher günstige Geräte («Volksempfänger») unter die Leute. Was das Radio für Propaganda interessant machte, war auch die Tatsache, dass es in andere Länder gesendet werden konnte. Dafür eignete sich vor allem die Kurzwelle gut. Zwar haben höhere Frequenzen am Boden eine geringere Reichweite, doch die Kurzwellen reflektieren an der Ionosphäre und können dadurch unter günstigen Umständen sehr lange Distanzen zurücklegen.

Das Radio war schneller als die Presse, und diese fürchtete die neue Konkurrenz. Sie lobbyierte gegen häufige Nachrichtensendungen. Auch die Musikindustrie hatte Angst und verbot der SRG das Abspielen von Schallplatten. Dem Radio schadete das alles nichts. 1931 zahlten in der Schweiz 150'000 Personen Radiogebühren, 1937 über 500'000 und 1950 über eine Million.

60er: Wechsel auf UKW und Transistoren

Ab den 50er-Jahren wurde vermehrt UKW (Ultrakurzwelle) eingesetzt. Die tieferen Frequenzbereiche (Langwelle, Mittelwelle und Kurzwelle) existierten weiterhin, verloren aber an Bedeutung.

Natürlich machte die Einführung von UKW auch neue Empfangsgeräte nötig. Zudem war der Frequenzbereich anfänglich auf 100 MHz beschränkt und wurde erst später allmählich auf 108 MHz erweitert, wobei es bis heute regionale Unterschiede gibt.

Ungefähr zur gleichen Zeit kamen die ersten Transistorradios auf den Markt. So fiel es den Leuten leicht, sich neue Geräte anzuschaffen, denn Transistorradios boten eine Menge Vorteile. Sie waren kleiner und leichter und brauchten weniger Strom – dadurch war es kein Problem mehr, mobile Geräte zu bauen. Transistorradios waren auch relativ günstig und erst noch langlebiger – Röhren nützen sich mit der Zeit ab und erzeugen einen immer dumpferen Ton.

Mobiles Transistorradio Philco QT-85 von 1966. Es ist nur ca. 6.5 x 5 cm gross.
Mobiles Transistorradio Philco QT-85 von 1966. Es ist nur ca. 6.5 x 5 cm gross.
wikimedia.org/Joe Haupt

UKW bietet eine bessere Tonqualität als Mittelwelle und kann in Stereo gesendet und empfangen werden. Auch das war aber nicht von Anfang an der Fall, erst ab den 60er-Jahren. Mittelwelle wurde in der Schweiz nie in Stereo verbreitet, obwohl das technisch möglich wäre.

Auf Stereo fuhren die Leute schon immer voll ab, hier 1892 mit Hilfe von zwei Telefonen, ein sogenanntes Theatrophon:

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80er: Privatradios und RDS

Technisch ist es nicht allzu schwierig, einen Radiosender selbst aufzusetzen. Wenn du so etwas benützt, betreibst du im Prinzip deinen eigenen UKW-Sender.

Von Beginn weg war dafür allerdings eine staatliche Zulassung (Konzession) erforderlich. Einzige Ausnahme sind eben diese winzigen Transmitter, die nur einige Zentimeter zum eigenen Autoradio senden. Eine Konzession hatte bis in die 80er-Jahre ausschliesslich die SRG. Privatradios waren nicht erlaubt.

Trotzdem gelang es 1979 dem «Piratensender» Radio 24, die Deutschschweiz zu beschallen – von Italien aus. In Italien gab es kein Gesetz, das solche Sender verbot. Der Pizzo Groppera war ausserdem nah und hoch genug, um die Deutschschweiz zu erreichen. Dazu war aber ein Monster von Antenne nötig, denn UKW hat eigentlich keine grosse Reichweite.

Ab 1983 wurden endlich die ersten Konzessionen für Privatradios erteilt. Ungefähr gleichzeitig führte die SRG ein drittes Programm ein, das die gleiche junge Zielgruppe wie die Privatradios ansprechen sollte.

UKW und Lokalradio – das passt zusammen. Die geringere Reichweite gegenüber den anderen Frequenzen hat nicht nur Nachteile: Ein Sender in der Schweiz kann die gleiche Frequenz nutzen wie ein anderer in Frankreich, ohne dass sich die beiden in die Quere kommen.

Die 80er waren auch die Geburtsstunde von RDS (Radio Data System). Damit können Zusatzinformationen wie der Name des Senders oder das gerade laufende Stück übertragen werden. Um das zu nutzen, waren natürlich wieder neue Geräte nötig.

Ab 90er: DAB, DAB+, Podcasts, Internetradio, etc.

In den 90er-Jahren wurde an einem Standard für digitales Radio gewerkelt. Eigentlich sogar an mehreren Standards. Kaum war DAB im neuen Jahrtausend endlich eingeführt, wurde es auch schon durch DAB+ ersetzt. Und noch immer hören die Leute UKW.

Dabei ist der Wechsel auf digital ist in der Praxis überhaupt kein Problem – auch für ältere Leute nicht – und an DAB+ ist auch gar nichts verkehrt. Der Hauptunterschied zu damals, als von Mittelwelle auf UKW umgestiegen wurde, ist der, dass das Medium Radio insgesamt an Bedeutung verloren hat.

*Laut Statistik hörst du täglich Radio**. Stimmt das?*Laut Statistik hörst du täglich Radio**. Stimmt das?
HintergrundAudio

Laut Statistik hörst du täglich Radio. Stimmt das?

Es gibt ganz einfach zu viele andere Dinge, die dein Bedürfnis nach akustischer Berieselung befriedigen. Wir haben Internetradio, Podcasts, Spotify, Live-Streams und dergleichen mehr. Aber das klassische Radio hat den Siegeszug des Fernsehens überlebt, es wird weiter existieren. Nur halt eine Nummer kleiner.

Radio
NR850 (DAB+, Bluetooth)
Soundmaster NR850 (DAB+, Bluetooth)
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Radio
Revival iStream2
Roberts Revival iStream2
2
Radio
R1 MKIII (DAB+, FM, Bluetooth)
Ruark Audio R1 MKIII (DAB+, FM, Bluetooth)
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Das Design so mancher heutiger Radios (drei Beispiele oben) zeigt, dass das Medium mit einer Menge Nostalgie verbunden ist. Kein Wunder, bei der langen Geschichte und der einst grossen Bedeutung des Radios. Aber die 50er-Jahre kommen nicht mehr zurück, ganz egal, wie unser Radiogerät aussieht und ob es nun analog oder digital funktioniert.

Bonusmaterial: Nutzloses Tech-Wissen zum Thema Radio

• Mittelwellenempfang ist nachts besser als tagsüber. • Die Qualität des Kurzwellenempfangs wird von den Sonnenflecken beeinflusst. • Die Abkürzungen AM und FM sind in der Praxis dasselbe wie Mittelwelle (MW) und Ultrakurzwelle (UKW), heissen aber etwas völlig anderes: Amplitudenmodulation und Frequenzmodulation. • Der Langwellen- und Mittelwellenempfang ist besser, wenn es regnet. • Kabelradio gab es laut Wikipedia in der Schweiz schon in den 30er-Jahren. • Digitalradio liegt in einem Frequenzbereich über UKW (ungefähr 230 MHz). • Das komische Geräusch, dass du in den 80er- und 90er auf der tiefsten UKW-Frequenz hören konntest, heisst Eurosignal und war für Pager gedacht.

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David Lee
David Lee

Senior Editor, Zürich

Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.

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