«Ich habe gelernt, dass sich Laufen richtig toll anfühlen kann»
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«Ich habe gelernt, dass sich Laufen richtig toll anfühlen kann»

Michael Restin
Michael Restin
Zürich, am 06.07.2020
Veronika Wanner hat es gehasst, laufen zu gehen. Sie zog die Schuhe aus und bildete sich weiter. Inzwischen ist die Sportwissenschaftlerin beschwerdefrei und bringt anderen die richtige Technik bei. Ein Gespräch über den Barfussgang und «Natural Running».

Ich will Schritt für Schritt lernen, richtig zu laufen. Barfuss. So, wie die Natur sich das ursprünglich ausgedacht hat. Okay, vielleicht auch in Minimalschuhen. Schliesslich hat sie uns genug Hirn geschenkt, um unsere Füsse zu schützen. Oder um sie in die neuesten Yeezy-Sneaker zu stecken. Oder, oder, oder. In den vergangenen Jahrzehnten ist die Schuhvielfalt explodiert und nicht jede Neuheit tut uns gut, denn mit dem vermeintlichen Fortschritt kommt der Körper nicht immer mit.

Es gibt namhafte Orthopäden und Biomechaniker, die im Zusammenhang mit Laufschuhen von «Vergewaltigung» oder einem «Gefängnis» für die Füsse sprechen. «Natural Running» ist die Gegenbewegung. Veronika Wanner coacht in Winterthur als Sportwissenschaftlerin und Bewegungstherapeutin ihre Klientinnen und Klienten auf dem Weg zum anatomisch-physiologisch korrekten Barfussgang. Am Telefon erzählt sie mir mehr darüber.

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Guten Morgen Veronika, hast du gerade Schuhe an?
Veronika Wanner, Sportwissenschaftlerin: NEIN (lacht)!!! Ich habe keine Schuhe an, ich bin barfuss unterwegs.

Sehr gut, ich auch. Wir wollen ja übers Barfusslaufen reden. Du bietest Coachings an und bringst den Leuten bei, ohne Schuhe oder in Minimalschuhen richtig zu gehen und zu laufen.
Die Coachings finden eigentlich immer barfuss statt. Dann sehe ich noch besser, was der Fuss macht. Und die Propriozeption, also die Körperwahrnehmung, ist eine andere. Es gibt Studien, die zeigen, dass selbst ein Minimalschuh die Kinematik verändert.

Wie bist du auf das Thema gekommen?
Letztendlich über meine eigene Problematik. Im Sportstudium bekam ich unterhalb des linken Knies so starke Schmerzen, dass gar nichts mehr ging. Dann fing die Odyssee an. Von Orthopäde eins zu Orthopäde zwei. Über die Physiotherapie zu Orthopäde drei. Irgendwann hatte ich die Diagnose Knick-Senk-Spreizfuss, Hallux-Valgus-Ansatz, O-Beine – das volle Programm. Einlagen und Physiotherapie haben mir nicht geholfen.

Das hört sich frustrierend an. Wie ging es weiter?
Es hiess irgendwann: Wir könnten Ihr Knie operieren. Nein, danke. Eine Osteopathin hat mich so hingekriegt, dass ich das Studium abschliessen konnte. Aber richtig gut wurde es nicht. Laufen gehen war ohnehin schrecklich für mich. Als die Barfussschuhe aufkamen, habe ich es damit wieder probiert und nach verschiedenen Weiterbildungen meine Probleme in den Griff bekommen. Inzwischen gehe ich super gerne laufen. Ich habe gelernt, dass es sich richtig toll anfühlen kann – fast wie fliegen!

Gibt es in deinen Coachings so etwas wie den typischen Kunden oder die typische Kundin? Mir haben nach dem ersten Beitrag zum Thema vor allem Männer geschrieben. Grösstenteils schon etwas älter.
Nein, den gibt es nicht. Beim therapeutischen Training habe ich Frauenüberschuss, im Barfuss-Coaching ist es ausgeglichener. Generell habe ich Kunden von Mitte zwanzig bis über 80, Männer wie Frauen.

Aus welchen Gründen kommen sie zu dir?
Es gibt zwei typische Motivationen. Bei den einen sind es Schmerzen. Sie haben oft eine ähnliche Odyssee wie ich hinter sich. Die anderen befassen sich mit Barfussschuhen und wissen nicht, wie sie damit laufen sollen. Was ist richtig, was nicht? Ballengang – ja oder nein? Das wird in den Barfuss-Communities diskutiert und es gibt ein grosses Informationsbedürfnis. Diese Leute kommen ohne vorherige Beschwerden. Viele fangen aber auch wegen Rückenschmerzen an, sich mit Barfussschuhen zu beschäftigen.

Mir ging es ähnlich. Ich weiss, dass ich wegen einer Fehlstellung etwas für meine Knie tun muss. Und ich hatte gelegentlich Schmerzen an der Lendenwirbelsäule. Beides scheint besser geworden zu sein, seit ich vermehrt barfuss oder in Minimalschuhen laufe.
Es kann gut sein, dass deine Verbesserung vom Barfusslaufen kommt. Es gibt aber keine Garantie dafür, dass Verbesserungen eintreten, sobald du auf Minimalschuhe umsteigst. Doch wenn ich mir anschaue, wie sich ein Fuss bewegen sollte, komme ich irgendwann fast automatisch zum Barfusslaufen oder Minimalschuhen. Wenn du weisst wie, kannst du den Fuss im konventionellen Schuh so anatomisch sinnvoll wie möglich bewegen und auch gezieltes Ausgleichstraining machen. Aber du kannst es dir auch sparen und ein Ausgleichstraining überflüssig machen, indem du erst gar keine Schuhe oder möglichst wenig behindernde Minimalschuhe anziehst.

Was verändert sich dadurch?
In den Barfussschuhen wird die Fussmuskulatur gekräftigt und die meisten Leute passen ihre Bewegungen darin zumindest ein klein wenig an, wenn sie gehen oder laufen. Schon das kann Beschwerden positiv beeinflussen. Aber nur, weil du einer Struktur die Freiheit gibst, heisst das nicht, dass sie automatisch zu einer guten Koordination zurückfindet. Ich sehe auch viele Leute in Barfussschuhen, die mit den Füssen einknicken. Ich habe definitiv zusätzliche Schulungen gebraucht, um meine Probleme in den Griff zu kriegen.

Es gibt Studien, die zu dem Ergebnis kommen, dass sich Minimalschuhträger nicht seltener verletzen, sondern einfach andere Probleme bekommen.
Genau. Ich sehe mit meiner Erfahrung inzwischen, wo man dem vorbeugen kann. Es geht darum, wieder in eine anatomisch sinnvolle Koordination zu kommen.

Was wären die ersten Schritte, wenn ich zu dir ins Coaching kommen würde?
Erstmal würde ich dich ein paar Meter gehen lassen. Ich würde mir deine Füsse anschauen und sehen, ob sie gut koordiniert sind. Meistens finden sich da schon ausreichend Ansätze. Ich hätte gerne, dass das Längsgewölbe stabil ist. Und das Quergewölbe stabil und aktiv. Ich hätte gerne, dass der Fuss nicht knickt und die Beinachse sauber läuft. Also mit dem Knie geradeaus. Das Becken, der untere Rücken und der Rumpf müssen ebenfalls mitmachen. Ich sehe sehr selten gut koordinierte Leute. Wir sitzen alle viel zu viel und haben selten gute Bewegungsvorbilder. Da lässt sich ganz viel verändern.

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Das betrifft nicht nur unsportliche Personen. Ich erinnere mich an eine Aquajogging-Einheit im Sportstudium, die wir unter Wasser beobachten durften. Ausser bei einer Sprinterin war das eine recht unkoordinierte Angelegenheit.
Ich bin selbst so ein Beispiel. Ich habe mit Turnen und Tanzen durchaus eine Bewegungsvergangenheit. Meine Füsse und Beine waren beim Laufen trotzdem völlig unkoordiniert, eine Katastrophe! Aber es ist lernbar. Du kannst ganz viel verändern. Mein Knick-Senk-Spreizfuss ist Vergangenheit, mein Hallux-Valgus-Ansatz ist weg, meine O-Beine auch.

Lass uns über die Spiraldynamik reden. Ein Konzept, in dem du dich weitergebildet hast. Damit ist es ähnlich wie mit dem Barfusslaufen: Einiges spricht dafür, es wird kontrovers diskutiert, aber es gibt keine Langzeitstudien, die die Wirkung belegen. Kannst du erklären, worum es dabei geht?
Die Spiraldynamik ist eine Gebrauchsanleitung für den ganzen Körper. Sie ist in der Therapie nutzbar, aber auch zur Prävention oder Leistungssteigerung. Ich habe damit einen wirklichen Plan bekommen, wie anatomisch sinnvolle Bewegung im Detail aussieht. Ich weiss, welches Gelenk sich wie und wann bewegen sollte und welche Strukturen an der Bewegung beteiligt sind. Vor allem weiss ich, wo ich ansetzen kann, wenn es nicht rund läuft. Mit einem unkoordinierten Fuss wird es auch beim Barfusslaufen richtig schwierig.

Das ganze Konzept basiert auf Anleitungen zur Koordination der Bewegungen?
Genau. Es ist ein Konzept, das sich im Detail daran orientiert, wie die Knochen geformt und angeordnet sind und welche Muskeln, Faszien, Sehnen und Bänder beteiligt sind. Es gibt im Moment noch sehr wenige wissenschaftliche Studien dazu. Es gibt aber Systeme, die sehr ähnlich arbeiten. Und für mich hat es sich bewährt. Ich kann jetzt laufen gehen, ohne Schmerzen zu bekommen. Das ist ein Highlight für mich! Ein ähnlich gezieltes Laufcoaching habe ich im Studium nicht bekommen, obwohl ich mich auf den Bereich Prävention und Rehabilitation spezialisiert habe.

Was bekommst du für Feedback von deinen Klienten?
Wenn mir mein ältester Teilnehmer mit strahlenden Augen erzählt, dass er wieder ohne Schmerzen Skitouren gehen kann und seine Knieoperation abgesagt hat – das freut mich natürlich.

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So ein Coaching ist eine sehr individuelle Geschichte. Gibt es generelle Fehler, die beim Barfusslaufen unbedingt vermieden werden sollten?
Der grösste Fehler wäre, sich Barfussschuhe zu kaufen und sofort damit seine normale Joggingrunde zu laufen. Im besten Fall gibt es mörderischen Muskelkater. Im schlechtesten Fall ziehst du dir gleich die ersten Überlastungsschäden zu.

Welchen Zeitraum muss jemand anpeilen, der seinen Gang umstellen will?
Monate. Die Muskulatur passt sich relativ schnell an. Die Fuss- und Wadenmuskeln werden innerhalb von Wochen kräftiger und ausdauernder. Aber es hängen nicht nur Muskeln an den Knochen, sondern auch ganz viele fasziale Strukturen. Die sind langsamer in der Anpassung und brauchen Monate, bis sie flexibel und stark genug werden, um die Belastungen gut abfedern zu können. Du solltest wirklich vorsichtig anfangen und dich ganz langsam steigern, es können anfangs nur zehn Minuten Gehen am Tag sein. Mit dem Laufen solltest du nicht direkt beginnen.

Gibt es für dich die «richtige» Lauftechnik? Es wird intensiv über den Vor- oder Mittelfusslauf diskutiert.
Der Fussaufsatz ist abhängig von deiner Geschwindigkeit und vom Untergrund. Die Begriffe Vor- oder Mittelfusslauf werden zum Teil unterschiedlich verwendet, das macht eine einfache Antwort schwierig. Beim Gehen landet die Ferse zuerst. Mit zunehmender Geschwindigkeit setzt der Fuss weiter vorne zuerst auf, beim Sprinten hat die Ferse gar keinen Bodenkontakt mehr. Barfuss oder in Minimalschuhen wechseln die allermeisten automatisch vom Fersen- zum Vorfusslauf. Auf jeden Fall ist ein stabiles, aktives und vorgespanntes Längs- und Quergewölbe wichtig.

Die Ferienzeit ist für viele die einzige Barfusszeit im Jahr. Kannst du den Leuten einen Tipp mit an den Strand oder ans Seeufer geben?
Du kannst dir selbst so etwas wie einen Barfusspfad machen. Vielfältiger Input ist für die Füsse ganz toll. Unterschiedliche Untergründe. Steine, runde Steine, Sand, Wiese, mal auf einem Baumstamm balancieren. Was eben zur Verfügung steht. Vielfältige Reize sind ein guter Anfang. Du solltest sie bewusst wahrnehmen und geniessen!

Wenn dich meine nächsten Barfuss-Schritte interessieren, kannst du mir hier als Autor folgen. Irgendwann führt mich mein Weg auch zu Veronika nach Winterthur.

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Michael Restin
Michael Restin

Editor, Zürich

Sportwissenschaftler, Hochleistungspapi und Homeofficer im Dienste Ihrer Majestät der Schildkröte.

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