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Jaromir Chalabala/Shutterstock
News & Trends

Insekten umgepolt: Haben Mücken gelernt, Insektensprays zu lieben?

Anna Sandner
5.6.2026

Forschende haben Mücken beigebracht, den Geruch von Mückenspray mit Nahrung zu verbinden. Sind Repellents jetzt unwirksam? Was wirklich hinter der Studie steckt.

Du hast dich hinter einem Nebel aus Mückenspray verschanzt, kurz gewartet – und zack! sticht doch wieder eine Mücke zu. Ärgerlich, passiert allerdings nicht selten. Jetzt liefert eine neue Studie im Journal of Experimental Biology vermeintlich eine Erklärung dafür und sorgt für Aufsehen: Forschende von der Universität Tours in Frankreich haben Mücken im Labor so trainiert, dass sie den gängigen Repellent-Wirkstoff DEET nicht mehr meiden, sondern gezielt anfliegen. Sie haben die Insekten quasi umgepolt.

Das klingt erst mal nach einem Problem für alle, die auf Insektenschutz setzen. Ein genauerer Blick auf die Studie zeigt aber: Kein Grund zur Panik, Mückensprays bleiben weiterhin so wirksam wie eh und je.

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Mückentraining nach dem Pawlow-Prinzip

Die Forschenden aus Frankreich haben sich ein Prinzip aus der Verhaltensforschung zunutze gemacht, um die Lernfähigkeit der Gelbfiebermücke (Aedes aegypti) zu erforschen – einer Art, die unter anderem das Dengue-Virus überträgt, hierzulande aber nicht heimisch ist. Dafür koppelten sie einen Reiz immer wieder mit einer Belohnung, um die Tiere zu konditionieren. Bekannt sind diese Art von Experimenten von Iwan Pawlow, der Hunden das Speicheln als Reaktion auf einen Glockenton «beibrachte», indem er diesen Ton immer wieder erklingen ließ, wenn er sie fütterte.

Bei den Gelbfiebermücken in der aktuellen Studie ging das so: Im Labor bekamen die Tiere Blutmahlzeiten, während gleichzeitig DEET in der Luft lag. Dieses Szenario wurde über längere Zeit wiederholt. Nach einiger Zeit änderte sich das Verhalten eines Teils der Mücken. Statt den DEET-Geruch zu meiden, flogen sie gezielt darauf zu. Für diese Tiere war der Stoff kein Warnsignal mehr, sondern ein Hinweis auf Nahrung. Die Wirkung hatte sich praktisch umgekehrt durch gezielte Konditionierung.

Schlaue Insekten: Lernfähigkeit bei Mücken ist nicht neu

Ganz aus dem Nichts kommt dieser Befund nicht. Frühere Studien haben bereits gezeigt, dass Mücken Gerüche mit negativen oder positiven Erfahrungen verknüpfen können – etwa mit Abwehrbewegungen oder erfolgreichem Blutsaugen. Die neue Arbeit reiht sich in diese Forschung ein, geht aber einen Schritt weiter, weil sie einen klassischen Repellent-Wirkstoff in den Fokus rückt.

Die Forschenden konnten zeigen, dass selbst ein Stoff, der normalerweise abschreckt, unter bestimmten Bedingungen für die Mücken positiv verknüpft werden kann.

Warum das nicht heißt, dass Insektenschutz unwirksam ist

Der gedankliche Sprung ist also naheliegend: Wenn Mücken lernen können, DEET positiv wahrzunehmen, erklärt das doch, warum sie trotz Spray zustechen. Das ist aber zu kurz gedacht.

Die Experimente fanden unter stark vereinfachten Laborbedingungen statt. Keine menschliche Haut, kein Schweiß, keine Atemluft, keine Bewegung. In der Realität ist DEET aber nur ein Signal unter vielen – und konkurriert mit Körpergerüchen, Kohlendioxid und Wärme. Erst in diesem Zusammenspiel entfaltet sich seine Schutzwirkung. Dazu kommt, dass nicht alle Mücken im Versuch die neue Zuordnung lernten. Ob der Effekt stabil ist oder sich außerhalb des Labors überhaupt bemerkbar macht, ist offen.

DEET wirkt außerdem nicht wie ein einzelner Schalter, den man umlegt, sondern hat verschiedene Wirkmechanismen. Es beeinflusst bestimmte Geruchsrezeptoren der Insekten direkt. Das führt dazu, dass menschliche Duftstoffe überdeckt werden und die Orientierung der Mücke gestört ist. Diese Effekte bleiben bestehen, auch wenn einzelne Tiere gelernt haben, den Stoff anders einzuordnen.

Warum werden wir dann trotz Mückenschutz gestochen?

Dass trotz Spray gelegentlich eine Mücke durchkommt, hat meist unspektakuläre Gründe: Das Mittel ist ungleichmäßig verteilt, wird durch Schweiß abgewaschen, der flüchtige Wirkstoff verdunstet, oder es sind einfach extrem viele Mücken unterwegs. Kein Repellent bietet hundertprozentigen Schutz – das war auch vor dieser Studie schon so.

Wichtige Erkenntnisse für die Zukunft der Infektionsforschung

Spannend wird die Arbeit vor allem mit Blick nach vorn. Wenn klarer wird, wie flexibel Mücken auf Gerüche reagieren und was sie lernen können, lässt sich gezielter an neuen Schutzstoffen, Lockstoffen oder Fallen arbeiten. Gerade für Regionen, in denen Mücken gefährliche Krankheiten übertragen, ist das essenzielle Grundlagenforschung.

Für uns gibt es aber Entwarnung: Anti-Brumm und Co. bleiben wirkungsvoll und ein Stich trotz Spray hat banalere Gründe als neu konditionierte Insektenhirne.

Titelbild: Jaromir Chalabala/Shutterstock

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Wissenschaftsredakteurin und Biologin. Ich liebe Tiere und bin fasziniert von Pflanzen, ihren Fähigkeiten und allem, was man daraus und damit machen kann. Deswegen ist mein liebster Ort immer draußen – irgendwo in der Natur, gerne in meinem wilden Garten.


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