Jean Tinguely: Der Pionier der nutzlosen Technik
Portrait

Jean Tinguely: Der Pionier der nutzlosen Technik

David Lee
David Lee
Zürich, am 30.08.2021

Heute ist der 30. Todestag von Jean Tinguely. Der Schweizer baute nutzlose, aber lustige Maschinen. Ist das Kunst oder kann das weg? Tinguely würde sagen: beides!

Als ich ein Kind war, kannte jedes Kind Tinguely. Seine Riesenmaschinen machten auf mich als Knirps grossen Eindruck. Da bewegen sich unzählige kleine bis sehr grosse Räder nach einem komplizierten System, ab und zu klonkt und scheppert es. Irgendwo in der Maschine ist ein Klavier zu sehen. Ab und zu schlägt ein Hammer in Form einer Comic-Ente drauf.

Wann ist eine Maschine Kunst? Reicht es, wenn ein Künstler sie baut, in ein Museum stellt und sagt: Das ist Kunst? Nein. Zur Kunst wird eine Maschine, wenn sie nicht gebaut wurde, um einen Job zu erledigen. Sondern um uns zum Nachdenken anzuregen, zum Lachen zu bringen oder auch aus reinem Selbstzweck.

Tinguelys Maschinen tun genau das. Sie zeigen das Maschinelle einer Maschine – ein Ausdruck des Industriezeitalters. Tinguely baute Maschinen, die nichts Sinnvolles taten. Die nichts produzierten, was man hätte brauchen können. Der Künstler sah dies auch als Abbild des modernen Alltags – des sprichwörtlichen Hamsterrads.

Manche seiner Maschinen produzierten nicht nur nichts, sondern zerstörten sich sogar selbst. Zum Beispiel «Homage to New York», die sich bei ihrer Uraufführung 1960 selbst abfackelt.

Bewegung ist Leben

«Es bewegt sich alles. Stillstand gibt es nicht», steht in Tinguelys Statik-Manifest von 1959. Versucht gar nicht erst, dagegen anzukämpfen, lautet die Botschaft. «Gebt es auf, Werte aufzustellen, die doch immer wieder in sich zusammenfallen.» Und: «Lasst es sein, Kathedralen und Pyramiden zu bauen, die in sich zusammenfallen wie Zuckerwerk.»

Tinguely schuf bewegliche Kunst, weil sich alles Lebendige bewegt. Weil er keine tote Kunst machen wollte.

Aber alles Lebendige stirbt auch irgendwann.

Ironischerweise wird heute ein Riesenaufwand betrieben, um Tinguelys Maschinen vor dem Zerfall zu bewahren. Einerseits bin ich dafür dankbar – im unten stehenden Video wird exakt jene Maschine revidiert, die ich als Kind bestaunen durfte. Die Erinnerung bleibt so lebendig. Andererseits ist dieses Einfrieren das exakte Gegenteil von Tinguelys Intention: «Widersteht den angstvollen Schwächeanfällen, Augenblicke zu versteinern!» Gut möglich, dass Tinguely es als passend angesehen hätte, das Ganze mit Benzin zu überschütten und als Kunst-Performance abzufackeln. Nach dem Motto: Ja, das ist Kunst, und ja, das kann weg.

Die Idee lebt weiter

Anders als im 20. Jahrhundert, als die Arbeiter ihr Geld in Fabrikhallen verdienten, erleben wir solche Monstermaschinen in unserem Alltag kaum noch. Die Idee hinter Tinguelys Kunstwerken ist jedoch nicht veraltet. Sie wurde und wird fortgeführt.

Als erstes kommt mir das Künstlerduo Fischli & Weiss in den Sinn. Dessen 30-minütiger Film «Der Lauf der Dinge» zeigt eine mit irrem Aufwand betriebene, komplett sinnlose Kettenreaktion von Rädern, Pendeln, Kippen, Flüssigkeiten und Explosionen. Ich bin froh, dass dieser Moment für die Ewigkeit «versteinert» wurde.

Und noch ein Schweizer, dessen Kunstwerke nur im Moment existieren und sich oft selbst zerstören: Der unvergleichliche Roman Signer.

Oder die Youtuberin Simone Giertz, die mit ihren «shitty robots» bekannt wurde.

Wäre Tinguely am 30. August 1991 geboren statt gestorben, wäre er vielleicht ebenfalls Youtuber. Diese unnützen Maschinen aus neuerer Zeit erinnern teilweise sehr an seine Werke. Ob das nun Kunst ist oder Satire oder nur ein Jux, spielt keine Rolle. Solange die Arbeit jemandem ein Lächeln ins Gesicht zaubert, ist sie eben nicht sinnlos.

Titelbild: Tinguely-Maschine Heureka am Zürichhorn. Quelle: Roland zh, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

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David Lee
David Lee

Senior Editor, Zürich

Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.

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