«Klimaschutz braucht Innovation»
Hinter den KulissenNachhaltigkeit

«Klimaschutz braucht Innovation»

Tobias Billeter
Tobias Billeter
Zürich, am 09.06.2021
«Unser Ziel ist noch lange nicht erreicht», sagt Roman Bolli von South Pole. Der Sustainability Adviser hat bei der Entwicklung des Klimakompensationsmodells aktiv mitgearbeitet und kennt sich in Sachen Klimaschutz aus. Wie die von der Community kompensierten 1’300’000 Franken eingesetzt wurden und was konkret dabei rausgeschaut hat, erzählt er im Interview.

Wie fällt dein Fazit zwölf Monate nach dem Go-live des Klimakompensationsmoduls aus?
Roman Bolli: Wir waren echt positiv überrascht, wie gut die Community die neue Dienstleistung angenommen hat. Wie die Zahlen zeigen, haben sich nach einer kurzen Anlaufphase die kompensierten Onlineeinkäufe bei rund 10 Prozent eingependelt. Das hat uns wirklich erstaunt und ist ein enormer Erfolg. Denn die Kundinnen und Kunden müssen bei jedem Einkauf die Kompensation aktiv per Knopfdruck anwählen. Das zeigt auch, dass wir damit ein Kundenbedürfnis für mehr Klimaschutz im Onlinehandel adressieren konnten.

Wie viel Geld ist von der Community die letzten zwölf Monate in die Klimaprojekte von South Pole geflossen?
Seit der Lancierung letzten Sommer sind über 1.3 Millionen Franken in die Klimaschutzprojekte geflossen. Das entspricht gut 60’000 Tonnen CO2, die vermieden wurden. Damit hat die Community signifikant zum Klimaschutz beigetragen. Unser Ziel aber ist noch lange nicht erreicht. Gemeinsam mit Digitec Galaxus wollen wir diesen Betrag stetig ausbauen und den Kundinnen und Kunden zeigen, dass die Kompensation zusätzlich zur persönlichen Emissionsreduktion ein sinnvolles und auch nützliches Klimaschutzinstrument ist.

Schwierig vorzustellen, was die Einsparung von 60’000 Tonnen CO2 konkret bedeutet. Kannst Du die Zahlen etwas näher bringen?
60,000 Tonnen CO2 sparen wir ein, wenn 21,000 Autobesitzer für ein Jahr auf das Autofahren verzichten. Und ein Economy-Class-Passagier müsste rund 8,500 Mal um die Erde fliegen, um gleich viel CO2 in die Atmosphäre zu blasen. Als Vergleichswert: Gemäss Bundesamt für Umwelt verursachen wir pro Jahr und Kopf innerhalb der Schweiz 4.4 Tonnen CO2. Allein durch die freiwillige Kompensation aller Online-Einkäufen, die wohlgemerkt nur einen Bruchteil des persönlichen Klimafussabdrucks ausmachen, haben die Kundinnen und Kunden von Digitec Galaxus den Jahresausstoss von etwa 13’500 Personen kompensiert!

Was geschieht konkret mit dem Geld?
Die Digitec-Galaxus-Community unterstützt ganz unterschiedliche Projekttypen. Da wäre zum einen der Schutz von Regenwäldern. Über lange Zeiträume gewachsene Ökosysteme, die verschiedene Tier und Pflanzenarten beheimaten, werden so bewahrt. Der Schutz der Regenwälder ist übrigens ein enorm wichtiger Hebel im Kampf gegen die Klimaerwärmung. Denn die Abholzung bestehender Waldflächen ist gemäss Studien für 15 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich, da das in den Bäumen gespeicherte CO2 durch die Entwaldung wieder freigesetzt wird. Das Geld aus der Schweiz fliesst in diese Projekte. So können in besagten Gebieten konkrete Schutzmassnahmen gegen die Abholzung umgesetzt werden. Ausserdem erhalten die Menschen vor Ort zusätzliche und alternative Einkommensquellen.

Was ist unter alternativen Einkommensquellen zu verstehen?
Am Beispiel Isangi lässt sich gut zeigen, wie positiv und vielfältig sich die finanzielle Projektbeteiligung auswirkt. Das Isangi-Projekt schützt über 187’000 Hektar eines der artenreichsten Regenwälder der Erde vor Abholzung. Schutz heisst auch, dass die lokale Bevölkerung eine Lebensgrundlage jenseits des Holzschlags braucht. Das Projekt setzt genau dort an. Indem es die lokale Wirtschaftsentwicklung fördert und Bildungsinitiativen durchführt, erhalten auch abgelegene Gemeinschaften die Chance ihre Zukunft aktiv mitzugestalten. So werden beispielsweise über das Projekt über 20 Lehrpersonen angestellt und den Menschen vor Ort verbesserte landwirtschaftliche Tätigkeiten beigebracht, welche zu Ertragssteigerungen führen.

Und wir wirken sich besagte Bildungsinitiativen konkret auf den Schutz des Isangi-Regenwaldes aus?
Der letzte Monitoringbericht des Projekts zeigt, dass über die gesamte Projektdauer im Projektgebiet eine geschätzte Netto-Emissionsminderungen von 2.5 Millionen Tonnen CO2 stattgefunden hat. Darüber hinaus sind 85 Einheimische in Vollzeit in die Projektaktivitäten eingebunden. Die oben angesprochenen Initiativen haben dazu geführt, dass im betrachteten Zeitraum mehr als 1,800 Menschen einen besseren Zugang zur Bildung erhielten. Der Beitrag der Community hilft dabei, dass diese Projektaktivitäten auch weiterhin umgesetzt werden können. Das Projekt mit seinen verschiedenen Initiativen bietet somit den Menschen vor Ort eine alternative Lebensgrundlage, bei welcher der Schutz des Regenwaldes statt dessen Abholzung im Vordergrund steht.

All unsere Projekte sind dabei nach internationalen Standards zertifiziert. Somit ist gewährleistet, dass sie die Anforderungen der sogenannten Additionalität erfüllen. Kurz gesagt: Ohne das Geld aus den Carbon-Credits wären die Projekte nicht wirtschaftlich und somit nicht umsetzbar.

Nun sind die ersten Zertifikate stillgelegt – also abgeschlossen. Was kommt als nächstes?
Wir sprechen von langfristigen Investitions- und Unterstützungszyklen. Die CO2-Kompensation funktioniert nicht nach dem Motto: «Für 2 Franken pflanzen wir einen Baum und hier ist ein Bild davon». Es geht darum, sinnvolle Projekte über Jahrzehnte zu entwickeln und nachhaltige Strukturen aufzubauen. Damit dies möglich ist, werden diese Projekte auch in Zukunft via CO2-Zertifikate finanziert werden müssen. Wer mehr über die Projekte erfahren möchte, kann sich jederzeit auf der Website von South Pole informieren.

Das Pariser Klimaprotokoll ist in aller Munde. Was kann die CO2-Kompensation zur Einhaltung der vertraglich vereinbarten Klimagasreduktion beitragen?
Um bis 2050 Netto-Null-Emissionen zu erreichen, muss der weltweite CO2-Fussabdruck bis 2030 um rund 30 Milliarden Tonnen CO2 sinken. Ein enormes Unterfangen. Um dieses Ziel zu erreichen müssen Unternehmen und Privatpersonen den eigenen CO2-Ausstoss massiv reduzieren. Das braucht Zeit, wird jedoch unumgänglich sein, um die globale Erderwärmung unter 2°C zu halten. Glücklicherweise ist die Reduktion nicht das einzige Werkzeug im Klimaschutzbaukasten. Durch die CO2-Kompensation zum Beispiel lassen sich Finanzmittel in weltweite Projekte leiten, die sofort Treibhausgasemissionen im grossen Massstab senken und effektive Klimaschutzmassnahmen vorantreiben. Und das in jenen Regionen der Welt, in denen pro investiertem Franken der grösste Impact erzielt wird.

30 Milliarden Tonnen CO2 einzusparen ist viel. Wie gross ist überhaupt das Potenzial der CO2-Kompensation über Zertifikate?
Durch das System der CO2-Zertifikate konnten insgesamt bereits über eine Milliarde Tonnen Treibhausgase aus der Atmosphäre reduziert oder vermieden werden. Die Zahlen zeigen, dass die CO2-Kompensation nur eine zusätzliche Massnahme sein kann, um unsere Klimaziele zu erreichen. Der primäre Fokus muss darauf liegen, dass die Emissionen gar nicht erst entstehen. Somit bleibt das nachhaltigste Produkt jenes, welches wir nicht kaufen.

Und wo seht ihr als Experten die grössten Hebel, um die Treibhausgase zu reduzieren?
Um die Erderwärmung zu stoppen, muss die ganze Gesellschaft mitziehen. Um effektiven Klimaschutz zu betreiben, braucht es neue rechtliche Rahmenbedingungen, welche die Unternehmen dazu bewegen bestehende Geschäftsmodelle und Lieferketten neu zu denken und klimaneutral zu gestalten. Und hierfür braucht es Innovation. Die Annahme des CO2-Gesetzes in der Schweiz wäre ein wichtiger Schritt zur Schaffung solcher Rahmenbedingungen.

Und wie sieht es mit der individuellen Verhaltensveränderung aus?
Es ist offensichtlich. Wir alle müssen unser Verhalten schrittweise ändern, um die Treibhausgase auf ein Mass zu reduzieren, das mit den so genannten planetaren Grenzen vereinbar ist. Das heisst, der Planet muss weiter atmen können. Alle nötigen Informationen, was zu tun ist, sind längst auf dem Tisch und auch logisch nachvollziehbar: «emissionsarme Mobilität, Ökostrom und mehr pflanzliche Nahrung». Ein Economy Flug von der Schweiz nach Neuseeland und zurück verursacht über 6 Tonnen CO2. Das entspricht ziemlich genau dem gesamten Jahresausstoss eines durchschnittlichen Erdbewohners. Auch die Wahl des richtigen Stromanbieters ist bedeutsam. Ein durchschnittlicher Haushalt kann mit dem Wechsel auf ÖKO-Strom im Jahr bis zu 1,9 Tonnen CO2 einsparen. Und wer sich ausgewogen und fleischreduziert ernährt, entschlackt den persönlichen Klimafussabdruck abermals um rund 400 Kilogramm CO2 pro Jahr.

Heisst das, wir müssen Urlaubsflüge unter Strafe stellen, die Stromanbieter zwingen CO2-neutral zu produzieren und eine fette Fleischsteuer einführen?
Es gibt Bereiche, in denen ein politischer Rahmen hilft. Aber das ist ein gesellschaftlicher Aushandlungsprozess. Die Klimakrise fordert verantwortliches Handeln von uns allen basierend auf den von der Wissenschaft vorgelegten Fakten und Empfehlungen. Ein guter Weg, um sich selbst mal des persönlichen CO2 Fussabdrucks bewusst zu werden, sind Online-CO2-Rechner. Wenn Mensch die Ursache des eigenen Klimafussabdrucks kennt, dann ist der Weg zur Reduktion und Kompensation nicht mehr weit.

Bild Thomas Kunz / Digitec Galaxus
Bild Thomas Kunz / Digitec Galaxus

Mobilität war die letzten 12 Monate pandemiebedingt kein Thema. Dies dürfte sich aber spätestens ab Herbst wieder ändern. Wie muss sich die Alltagsmobilität ändern, damit wir unsere ambitionierten Klimaziele erreichen?
Der Lockdown hat zwar in mehreren Ländern und Städten der Welt dazu geführt, dass sich die Luftqualität verbessert hat und die Treibhausgasemissionen kurzfristig gesunken sind. Deutschland zum Beispiel hat die eigenen Klimaziele für 2020 erreicht. Die tiefen Emissionswerte sind aber augenscheinlich das Resultat von temporären, politischen Massnahmen. Klar ist: Die Mobilität ist und bleibt gerade für die Schweiz in den nächsten Jahren das grosse Thema. Gemäss EnergieSchweiz legen Schweizerinnen und Schweizer durchschnittlich (ohne Pandemie) gegen 37 Kilometer pro Tag zurück, zwei Drittel davon im Auto. Das sind jede Menge Autokilometer, die hochgerechnet mehr als 30 Prozent des gesamten CO2-Ausstosses der Schweiz verursachen. Diese Emissionsquelle können und müssen wir schnell adressieren.

Heisst das, wir müssen alle auf die SBB umsteigen?
Nicht zwingend. Aber vermehrt im öffentlichen Verkehr zu reisen, ist mit Blick auf das Klima eine sehr effektive Massnahme, um unseren CO2-Fussabdruck zu senken. Gerade in der kleinen und gut organisierten Schweiz haben wir enorme Vorteile. Mit Zug, Bus und Tram oder für kürzere Distanzen mit dem Velo ist fast jede Ecke des Landes schnell und bequem erreichbar. Aber klar: Auf manchen Strecken macht es durchaus Sinn mit dem Auto unterwegs zu sein – am besten mit dem Elektroauto oder dann im Sharing Modell (Shared Mobility). Ich empfehle jedem die persönliche Mobilität und die daraus resultierenden Emissionen einmal bei der Swiss Climate Challenge zu tracken. Danach weiss man Bescheid und kann handeln.

Corona hat vor allem auch gezeigt, dass viele Businessflüge unnötig sind. Hilft der Trend hin zu Homeoffice und Videokonferenz nicht auch im Kampf gegen den Klimawandel?
Im April letzten Jahres hatten wir uns die Daten aus der Swiss Climate Challenge im Licht von Corona angeschaut: Die Mobilitätsbedingten Emissionen waren tatsächlich halbiert. Beim Flugverkehr ist der Anteil des CO2-Ausstosses in der ersten Phase des Lockdowns auf circa 10 Prozent und ab der dritten Woche praktisch auf 0 Prozent gefallen. Beim öffentlichen Verkehr war ein Passagierrückgang von rund 83 Prozent zu verzeichnen. Autofahrten hatten insgesamt um 35 Prozent abgenommen. Wer nach wie vor pendeln muss, steigt aber derzeit wegen «Social Distancing» scheinbar lieber aufs Auto um. Zu Corona Zeiten werden mobilitätsbedingte Emissionen daher praktisch nur noch vom Autoverkehr verursacht. Er hat einen Anteil von 84 Prozent. Aber auch die mit dem Velo zurückgelegten Distanzen haben sich verdoppelt. Vielleicht lässt sich das Gelernte aus der Pandemie ja auch zum Teil in den Post-Corona-Alltag übernehmen. Muss man jeden Tag ins Büro? Geht das nicht auch mit dem Fahrrad? Welche Dienstreise lässt sich durch Videokonferenzen ersetzen? Und ist Urlaub in der Schweiz nicht auch etwas ganz Fantastisches?

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Tobias Billeter
Tobias Billeter

Head of Corporate Communications, Zürich

Mitarbeitende und Medien auf dem Laufenden zu halten, das ist mein Job. Ohne reichlich frische Luft geht bei mir allerdings nix! In der Natur hole ich mir den langen Atem, um stets dran zu bleiben. Und beim Jazz die Ruhe, um meine Teenager zu bändigen.

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