Mehr als nur Tri Tra Trullala
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Mehr als nur Tri Tra Trullala

Natalie Hemengül
Natalie Hemengül
Zürich, am 06.01.2020
Spiel, Spass und Sorglosigkeit. Dafür stehen Puppen in der Regel. Manchmal bringen sie aber auch Belastendes ans Licht.

Mein Sehnerv ist überfordert. So viele Farben, Formen und Gestalten auf einem Haufen. Ich schaue mich um, gehe ganz nah an die Regale heran, sauge alle Details auf. Puppen wohin das Auge reicht. Eine starrt mich geradezu an. Es ist ein Totenkopf im schwarzen Umhang. Er thront auf einem Regal und sticht aus einem Meer von lebensfrohen Gesichtern heraus. Mir läuft ein Schauer über den Rücken. «Angst und Mut sind Emotionen, die hier immer wieder eine Rolle spielen», erklärt mir Brigit Oplatka. Sie ist Figurenspieltherapeutin und arbeitet in der bunten Kulisse des Winterthurer Märchen- und Figurenateliers «Sterntaler» mit Klein und Gross. «Hauptsächlich mit Klein. Erwachsene lassen sich wesentlich seltener auf diese komplementäre Therapieform mit Figuren ein, obwohl sie für jede Altersstufe geeignet ist.»

Der Tod mitten im Leben.
Der Tod mitten im Leben.

«Mithilfe von Figuren und Geschichten kann ich Entwicklungs- oder Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen spielerisch auf den Grund gehen und bei familiären Problemen oder seelischen Belastungen eine Hilfestellung bieten», sagt Brigit. «Kinder teilen im Spiel nonverbal sehr viel mit. Ich beobachte, notiere und spüre heraus, welche Gefühle und Stimmungen sich im Raum breitmachen.» Dabei beantwortet sie sich Fragen wie: Ist das Spiel strukturiert oder chaotisch, das Kind gehemmt oder überflutet? Welche Figuren und Themen zeichnen sich ab? Wenn sich ihre Klienten wohlfühlen, dauert es nicht lange, bis sie ihre Geschichten ungefiltert ausleben, sagt sie. Diese können widersprüchlich, schmerzhaft und aggressionsgeladen sein. Gewertet wird nicht, nur beobachtet. So versucht Brigit Oplatka herauszufinden, wo die Bedürfnisse liegen und welche Entwicklungsmöglichkeiten sich daraus ergeben. Auch Menschen mit Down-Syndrom kommen zu ihr. «Wenn der sprachliche Zugang an Grenzen stösst, helfen kreative Ausdrucksformen mit Materialien, Farben und kleinen Symbolen dabei, das Innenleben nach aussen zu tragen.»

Farben und Werkmaterial wohin das Auge reicht.
Farben und Werkmaterial wohin das Auge reicht.

Die Figuren erschaffen ihre Klienten in den meisten Fällen selbst. «Das ist ein wesentlicher Teil der Therapie. Mit Kindern mache ich dazu eine kleine Bilderreise. Dabei suchen sie in ihrer Fantasie nach einer Figur, mit der sie sich identifizieren können.» Dann wird geschnitzt, genäht und modelliert.

«Kreativ sein stärkt die Seele in einer Zeit, in der vieles schablonisiert wird.»

«Manchmal baue ich kleine Rituale in den Gestaltungsprozess mit ein. Das können Wünsche, Düfte oder versteckte Sterne sein, die in die Modelliermasse eingearbeitet werden. Kleine Geheimnisse, die nur mein Klient und ich kennen. Das verleiht der Figur eine grössere Bedeutung und vertieft die Beziehung, die zu ihr aufgebaut wird.» Es spiele keine Rolle, ob dabei ein Mensch, Tier oder magisches Wesen herauskomme, sagt die 46-Jährige. Die Figuren dienen als Symbolträger und projizieren Konflikte aus dem Inneren auf etwas Externes. So kann die betroffene Person ihre Probleme auf eine Bühne bringen, um sie aus einer neuen Perspektive zu betrachten und nach einer Lösung zu suchen.

Brigit mischt die Modelliermasse an. Die rote Farbe der Wanne ist kein Zufall.
Brigit mischt die Modelliermasse an. Die rote Farbe der Wanne ist kein Zufall.
Sie soll an eine Gebärmutter erinnern.
Sie soll an eine Gebärmutter erinnern.

Wem die fertige Figur gezeigt wird, ist wohlüberlegt. «Meine Klienten dürfen selbst entscheiden, ob ihre Eltern die Figuren zu Gesicht bekommen.» Ist dies der Fall, bittet Brigit die Eltern darum, sich mit Kommentaren und Deutungen zurückzuhalten. Das sei für die Eltern insbesondere dann schwer, wenn eine Gestalt viel Grauen ausdrückt. Selbst Hand anlegen ist jedoch kein Muss. Wer nicht bereit ist, eine Figur selbst zu gestalten, kann sich am Fundus bedienen. Den hat sich die Figurenspieltherapeutin in ihrer Ausbildung aufgebaut, jedes Stück selbst geschöpft. «Er besteht aus archetypischen Figuren, die die Menschheit prägen, seit sie entstanden ist», erklärt sie mir. Dazu gehört auch die Totenkopf-Figur. Bei ganz jungen Menschen – in der Praxis von Brigit Oplatka war der jüngste Klient dreieinhalb Jahre alt – greift sie bei Bedarf auf kleine, geschnitzte Figuren oder auf Knete zurück. «Handfiguren können je nach Entwicklungsstand die Motorik der Klienten überfordern oder ihnen gar Angst einflössen.»

Kleine Figuren bieten eine Alternative.
Kleine Figuren bieten eine Alternative.

Figuren können Menschen auch als sogenannte Übergangsobjekte dienen, als eine Art Verbündete aus der magischen Welt. «Kleine Hosensackfiguren oder ein Plüschtiere, die das Kind bei sich trägt, können einen Bezug zwischen der Aussenwelt und diesem sicheren Ort hier schaffen. Diese Objekte nehmen seinem Besitzer in schwierigen Situationen die Angst. Zum Beispiel, wenn jemand, der gemobbt wird, Mut benötigt, um über den Pausenplatz zu laufen.»

Brigit zeigt mir die weibliche Version des Kasperli, die sie erschaffen hat. Sie wollte, dass sich auch Mädchen mit der allgegenwärtigen Figur identifizieren können.
Brigit zeigt mir die weibliche Version des Kasperli, die sie erschaffen hat. Sie wollte, dass sich auch Mädchen mit der allgegenwärtigen Figur identifizieren können.

Hinter dem Vorhang

Was im Figurenspiel ans Licht kommt, ist häufig alles andere als märchenhaft: Mobbing, Hinweise auf häusliche Gewalt oder sexuelle Übergriffe. Themen, die Spuren hinterlassen. «Das sind Extremfälle. Hier ist Feingefühl gefragt», sagt Brigit Oplatka. Während ihrer Zeit als Kindergärtnerin waren es genau diese Fälle, die sie dazu bewegten, die Ausbildung zur Figurenspieltherapeutin zu machen. «Ich habe täglich gesehen, wie viele Kinder in schwierigen Lebenssituationen stecken. Als Lehrperson kannst du zwar viel bewirken, aber kaum jedem Kind gerecht werden. Ich wollte gezielter arbeiten. Geschichten und Figuren haben mir aber schon damals dabei geholfen, Zugang zu verschlossenen Kindern zu finden und Vertrauen aufzubauen. Sie schaffen in einer grossen Klasse mit Kindern verschiedener Herkunft eine Gemeinsamkeit.»

Bei Erwachsenen geht Brigit etwas anders vor. «Mit ihnen reflektiere ich vermehrt während der Therapiesitzung über das Figurenspiel. Bei Kindern wären Deutungen überfordernd und darum kontraproduktiv. Dafür führe ich Gespräche mit den Eltern, in denen ich erzähle, was ich beobachtet habe und wie sie positiv Einfluss auf die Entwicklung ihres Kindes nehmen können.»

Eine Figur...
Eine Figur...
...zwei Gesichter.
...zwei Gesichter.

Es war einmal

Neben ihrer Tätigkeit als Dozentin an der Höheren Fachschule für Figurenspieltherapie, der FFT HF in Olten, arbeitet sie als professionelle Erzählerin für Kinder und Erwachsene und gibt Kurse in Erzählkunst. «Ich erzähle in erster Linie Volksmärchen.» Diese übersetzt Brigit ins Schweizerdeutsche. Das sei wichtig, weil die Sprache näher am Herzen des Publikums sei, erklärt sie mir. Auch an der Wortwahl und der Länge feilt sie. Häufig existieren Parallelversionen einer Erzählung. Diese führt sie dann zu einer für sie stimmigen Fassung zusammen.

«Märchen sind für mich Kostbarkeiten. Sie funktionieren generationsübergreifend. Jeder zieht das aus ihnen heraus, was gerade zur aktuellen Lebenssituation passt.»

Zuhause hat Brigit eine grosse Märli-Sammlung, meist alte Funde aus dem Antiquariat. «Ich bin immer wieder auf der Suche nach guten Geschichten. Märchen können Kulturen verbinden und uns altes Brauchtum näherbringen, von dem wir heute weitgehend entfremdet sind. Sie schaffen eine Rückverbindung zu früheren Generationen. Es ist wichtig, zu wissen, woher wir kommen.»

Requisiten sind zentral in der Therapie. Sie bringen im Spiel die Handlung in Gang.
Requisiten sind zentral in der Therapie. Sie bringen im Spiel die Handlung in Gang.

Das Symbolisieren unterscheide uns von den Tieren, sagt Brigit Oplatka. «Menschen haben bereits in der Urzeit Statuen und Figuren erschaffen. Durch eine Therapieform, die diesen Aspekt miteinbezieht, werden Hirnareale wie das limbische System gestärkt. Dieser Bereich ist insbesondere für die Emotionen zuständig.» So speise sich die Figurenspieltherapie zwar aus ganz alten Wurzeln, lasse sich aber auch mit modernen Erkenntnissen untermauern, erklärt sie mir. «Wenn das Leben in Unordnung gerät, braucht man manchmal Hilfe beim Aufräumen. Figuren und Märchen packen mit an und bauen Wege, die aus dem Chaos herausführen.»

Ein Mobile aus zauberhaften Gestalten ziert die Decke des Figurenateliers.
Ein Mobile aus zauberhaften Gestalten ziert die Decke des Figurenateliers.

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Natalie Hemengül
Natalie Hemengül

Editor, Zürich

Als Disney-Fan trage ich nonstop die rosarote Brille, verehre Serien aus den 90ern und zähle Meerjungfrauen zu meiner Religion. Wenn ich mal nicht gerade im Glitzerregen tanze, findet man mich auf Pyjama-Partys oder an meinem Schminktisch. PS: Mit Speck fängt man nicht nur Mäuse, sondern auch mich.

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