Deine Daten. Deine Wahl.

Wenn du nur das Nötigste wählst, erfassen wir mit Cookies und ähnlichen Technologien Informationen zu deinem Gerät und deinem Nutzungsverhalten auf unserer Website. Diese brauchen wir, um dir bspw. ein sicheres Login und Basisfunktionen wie den Warenkorb zu ermöglichen.

Wenn du allem zustimmst, können wir diese Daten darüber hinaus nutzen, um dir personalisierte Angebote zu zeigen, unsere Webseite zu verbessern und gezielte Werbung auf unseren und anderen Webseiten oder Apps anzuzeigen. Dazu können bestimmte Daten auch an Dritte und Werbepartner weitergegeben werden.

Hintergrund

Mein Leben in zehn Liedern

Patrick Vogt
24.4.2026

Manche Lieder laufen einmal – und bleiben für immer. Diese zehn haben sich in die Rillen meines Lebens gebrannt. Sei bereit, laut aufzudrehen.

«Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum», diesem Bonmot des deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche stimme ich zu. Trotzdem kann – Musik hin oder her – ein Leben bisweilen erratische Züge annehmen. Was das mit mir zu tun hat? Natürlich nichts! Auf jeden Fall habe auch ich einen Soundtrack zum Leben. Musik, die mich geprägt hat. Songs, die mich seit Jahrzehnten bewegen. Lieder, die in meiner Erinnerung mit Ereignissen verbunden bleiben. Zehn davon teile ich mit dir:

Geier Sturzflug – «Bruttosozialprodukt» (1982)

Wir sind mitten in den 1980er-Jahren, Klein-Patrick geht in die erste oder zweite Klasse und hat keinen Schimmer von Musik und auch noch keinen Bezug dazu. Das ändert sich, als ich bei Schulkollege Martin zu Besuch bin und beim Spielen im Hintergrund ein Lied läuft. Darin wird in die Hände gespuckt, was das Zeug hält, irgendwas gesteigert und es geht um den «Arbeitstakt-takt-takt-takt-takt-takt-takt-takt» oder so, keine Ahnung.

Inhaltlich verstehe ich zunächst nur Bahnhof, trotzdem bin ich auf Anhieb fasziniert und begeistert. Ich darf die Kassette ausleihen und höre mir «Bruttosozialprodukt» in Dauerschleife an, was zu dieser Zeit bedeutet: anhören, zurückspulen, anhören, zurückspulen, anhören …

«… Die Krankenschwester kriegt 'n Riesenschreck
Schon wieder ist ein Kranker weg
Sie amputierten ihm sein letztes Bein
Und jetzt kniet er sich wieder mächtig rein …»

Dass der Text witzig wirkt, realisiere ich bald. Dass er darüber hinaus satirisch, politisch und gesellschaftskritisch gemeint ist und dass «Bruttosozialprodukt» von Geier Sturzflug auf der Neuen Deutschen Welle surft, verstehe ich erst viel später. Völlig egal – es hat mein Interesse für Musik geweckt. Mehr muss ich als Sieben- oder Achtjähriger nicht wissen.

Sandra – «(I’ll Never Be) Maria Magdalena» (1985)

Ohne jetzt näher darauf einzugehen, mag ich in mancherlei Hinsicht ein Spätzünder gewesen sein. Die Liebe hingegen hat mich schon sehr früh erwischt. Denn mit zehn Jahren bin ich unsterblich verliebt – nicht in ein gleichaltriges Gspänli, sondern in eine erwachsene Frau. Zum ersten Mal sehe ich Sandra im Video zu «(I’ll Never Be) Maria Magdalena» und bin sofort hin und weg – auch von der Musik.

So everlasting, wie sie Sandra selbst einmal besang, ist die Liebe dann doch nicht. Anstatt für mich entscheidet sie sich nämlich für Produzent und Komponist Michael Cretu, den sie sogar heiratet. Ich bin am Boden zerstört. Dabei hätte sie alles von mir haben können: meine «Masters of the Universe»-Figuren, meine «Matchbox»-Autos – sie hätte in meinem Kajütenbett sogar oben schlafen dürfen. Aber nein.

Dass die Ehe 2008 in die Brüche geht, ist für mich keine Genugtuung. Zu dem Zeitpunkt bin ich längst über Sandra hinweg. Was bleibt, sind die Erinnerungen an erste amouröse Gefühle – und ihre Musik, die mir bis heute gefällt.

Matchbox Twenty – «Push» (1997)

Schwer verliebt bin ich auch kurz vor der Jahrtausendwende. Wie zu dieser Zeit üblich, stellen wir uns gegenseitig Mixtapes zusammen mit Liedern und Bands, die wir mögen. Da höre ich zum ersten Mal die Stimme eines Mannes, die mich sofort in ihren Bann zieht. Es ist Rob Thomas, der Frontmann von Matchbox Twenty.

Dass «Push» kein romantisches Liebeslied ist, sondern eine toxische Beziehung beschreibt, weiss ich zu dem Zeitpunkt nicht, es wäre mir auch egal. Ich liebe meine Freundin schliesslich über alles. Leider verkommt das nach einem mehrmonatigen Auslandsaufenthalt ihrerseits zur Einbahnstrasse. Dass ich nicht im Liebeskummer ertrinke, verdanke ich ausgerechnet Matchbox Twenty. Der Musik also, auf die mich meine Verflossene aufmerksam gemacht hat.

Die Liebe geht, Rob Thomas bleibt. Fortan muss ich ihn mit ganz vielen Menschen teilen, denn noch im selben Jahr unserer Trennung wird er weltberühmt. Mit «Smooth», das er für Santana geschrieben hat und auch gleich selbst singen darf, brennt er alles weg und räumt Grammys ab.

Nirvana – «Territorial Pissings» (1991)

Anfang der 1990er-Jahre schwappt die Grunge-Welle nach Europa und über die ganze Welt. Ich bin 14 und all in dafür. Dass Musikjournalistinnen und Musikjournalisten Grunge als Soundtrack der Generation X bezeichnen, kommt schliesslich nicht von ungefähr. Dabei ist es viel mehr als Musik, es ist eine Attitüde. Ich bin wütend auf alles und weiss doch nicht so genau, auf was oder wen. Obwohl mir alles scheissegal ist, lässt mich nichts kalt.

Diesen Wust an widersprüchlichen Gefühlen vermittelt niemand besser als Kurt Cobain von Nirvana. Von ihm fühle ich mich in meiner Verzweiflung und Unsicherheit verstanden, Millionen andere junge Menschen auch. Wir haben eine Stimme. Als diese 1994 verstummt, trifft mich das, als hätte ich einen guten Freund oder lieben Verwandten verloren.

Nirvanas «Nevermind» gehört mit über 30 Millionen Exemplaren zu den weltweit meistverkauften Alben. Jedes einzelne Lied darauf habe ich mir so oft angehört, dass es sich in meine DNA eingefügt hat. Besonders angetan hat es mir «Territorial Pissings». Diese kurze, wütende und energiegeladene Nummer bringt für mich das Lebensgefühl von Grunge auf den Punkt. Mehr noch als die offensichtlichen Vertreter «Smells Like Teen Spirit» oder «Come as You Are». Die werden dafür bis heute im Radio gespielt. Ist das noch Grunge?

Nine Inch Nails – «Closer» (1994)

Apropos Kurt Cobain: An welch düsterem Ort er in seinen letzten Stunden war, kann ich nur erahnen. Rückblickend weiss ich, dass ich in den 2000er-Jahren auf bestem Weg dorthin war. Ich lasse üble Gedanken zu, suhle mich gar darin. In dieser Phase meines Lebens bin ich selbstzerstörerisch und verletze dabei auch Mitmenschen, ohne dass mich das kümmern würde.

Den Soundtrack dazu finde ich in «The Downward Spiral», dem Opus Magnum von Trent Reznor, dem Kopf hinter Nine Inch Nails. Stellvertretend für diese zynische, menschenverachtende und destruktive Abwärtsspirale in Albumform steht für mich «Closer».

Dank professioneller Hilfe bin ich nie ganz unten angekommen. Trent Reznor offensichtlich auch nicht; er macht immer noch Musik, ich war 2025 am Nine-Inch-Nails-Konzert in Zürich. Auch wenn er sich mit der Welt versöhnt zu haben scheint, ist er immer noch wütend – ein bisschen wenigstens. Ich mag seine Musik, sie gehört zu mir. Gleichzeitig brennt sie wie ein Feuer, das mich warnt, nie wieder an diesen dunklen Ort zurückzukehren, an dem ich einst war.

Johnny Cash – «Hurt» (2002)

Der Übergang von Nine Inch Nails zu Johnny Cash ist denkbar leicht: Letzterer hat nämlich «Hurt», das letzte Lied von «The Downward Spiral», gecovert. Und wie er das getan hat! Seine tieftraurige Version geht mir unter die Haut. Immer. Sie ist für mich nicht weniger als das beste Cover ever. Punkt.

«Hurt» ist Trent Reznors persönlichster Song, wie er selbst immer wieder sagte. Dass Johnny Cash ihn coverte, habe sich zunächst seltsam angehört:

«Hearing it was like someone kissing your girlfriend. It felt invasive.»

Seine Einstellung habe sich erst geändert, als er das Video zu Cashs Version sah:

«It really, really made sense and I thought what a powerful piece of art.»

Tatsächlich entfaltet Johnny Cashs «Hurt» in Kombination mit dem Video eine Wirkung, der ich mich kaum entziehen kann. Noch viel weniger, wenn man die Hintergründe zum «traurigsten Video aller Zeiten» kennt. Mit der Gesundheit des 71-Jährigen ging es abwärts, jahrelanger Drogenmissbrauch und Diabetes forderten ihren Tribut. Genau das zeigt uns das Video: Einen Mann am Ende seiner Tage, der zurückschaut und sich fragt, ob und was er der Welt hinterlässt ausser einem «empire of dirt». Cashs Frau June starb drei Monate nach den Dreharbeiten, er selbst nur vier Monate nach seiner grossen Liebe.

Jahrelang hatte ich die fixe Vorstellung, dass Johnny Cashs «Hurt» dereinst an meiner Beerdigung gespielt werden muss. Inzwischen bin ich mir nicht mehr so sicher. So traurig will ich dann doch nicht in Erinnerung bleiben.

Ben Howard – «Keep Your Head Up» (2011)

Genug von all dem Trübsinn und der Traurigkeit? Geht mir genauso! Ben Howard hilft mir seit einigen Jahren, den Kopf aufrechtzuhalten. Oder ihn wieder hoch zu kriegen.

«Keep Your Head Up» versprüht Optimismus, ohne im musikalischen Gewand eines seichten Dideldum-Songs à la Jack Johnson daherzukommen – no offence, Jack. Es motiviert mich, den Glauben an mich selbst nicht zu verlieren, auch wenn’s zwischendurch schwerfällt. So abgedroschen das auch klingen mag.

Den Platz in meiner Lebens-Playlist hat Ben Howard damit verdient. Vielleicht eignet sich sein «Keep Your Head Up» auch besser als Beerdigungsmusik. Zusammen mit «Lucky Man» von Emerson, Lake & Palmer … Klingt doch nach einem Plan, oder?

Kate Bush – «The Man with the Child in His Eyes» (1978)

Jahrzehnte, bevor «Running Up That Hill» von Kate Bush durch die Netflix-Serie «Stranger Things» einen zweiten Frühling erlebt, hört sich ein Kind durch die Plattensammlung seines Stiefvaters und bleibt bei genau diesem Lied und dieser Künstlerin hängen.

Was soll ich sagen: Es bleibt nicht bei diesem einen Lied. Über die Jahre sauge ich Kate Bushs musikalisches Oeuvre voller Vielseitigkeit und Experimentierfreude in mich auf. Dabei stosse ich auf «The Man with the Child in His Eyes», das sie mit gerade mal 13 Jahren geschrieben hat. Und weil es inzwischen zu meinen liebsten Liedern gehört, darf es hier für ihr gesamtes Schaffen stehen, das ich verehre.

Dass Kate Bush zu den bedeutendsten und einflussreichsten Künstlerinnen der Musikgeschichte gehört, steht für mich ausser Frage. Zweiflerinnen und Zweiflern empfehle ich eine der zahlreichen Dokumentationen über sie, zum Beispiel «Kate Bush: Intensiv und andersartig» von Arte.

Live werde ich sie wohl nie mehr zu sehen bekommen, hat sie Konzerten und Tourneen doch schon früh in den 1980er-Jahren den Rücken gekehrt. 2014 gab Kate Bush zwar nochmals Termine für eine Konzertreihe im Londoner Hammersmith Apollo bekannt. Die waren jedoch so schnell ausverkauft, dass trotz aller Bemühungen weder Kollege Simon noch ich eine Chance hatten. Schade.

Züri West – «7:7» (1987)

Geht es um Schweizer Musik, führt für viele kein Weg an Polo Hofer vorbei. Zweifellos war er einer der Mundart-Pioniere, die den Erfolg nachfolgender Bands wie Patent Ochsner oder Züri West erst ermöglichten. Dass für mich trotzdem letztere als Inbegriff für Schweizer Mundartpop oder -rock stehen, ist vielleicht auch generationsbedingt.

Züri West und Patent Ochsner haben in meinen Ohren jedenfalls zwei der grossartigsten Mundartlieder geschrieben: «Scharlachrot» und «7:7».

Warum darf denn Züri West auf deine Liste und Patent Ochsner nicht? Eine gute Frage, die ich mir auch gestellt habe. Vielleicht aus Trotz, weil «Scharlachrot» die offensichtlichere Wahl wäre. Vielleicht, weil mich Kuno Laueners Texte schon immer einen Hauch mehr berührt haben. Vielleicht, weil ich mich selbst so gut in der Geschichte erkenne, die «7:7» erzählt. Die Antwort weiss nur mein Herz, und es hat gesprochen.

«7:7, unentschiede ischs nid …
s isch 7:7 für mi»

Lunik – «Through Your Eyes» (2003)

Um den letzten Platz auf meiner Liste – die übrigens kein Ranking ist – haben mehrere Anwärterinnen und Anwärter gerungen. Die Entscheidung fiel mir nicht leicht. Ich zerbrach mir den Kopf darüber, bis auch hier das Herz gesprochen hat. Und das ging mir kürzlich auf der Reunion-Tour von Lunik auf. Als die Band in den Zugaben «Through Your Eyes» spielte, vergoss ich Tränen der Freude – der Fall war klar.

Lunik höre ich seit ihrem Debüt 1999. Ich mag ihre Trip-Hop-lastigen Stücke zu Beginn genauso wie die eher poppigen, die später dazu kamen. Dreh- und Angelpunkt war sowieso stets Sängerin Jaël mit ihrer elfenhaften Erscheinung und Stimme. Sie könnte mir auch das Telefonbuch vorsingen und ich wäre hin und weg. Ihre Solokarriere verfolgte ich deshalb ebenso, nachdem sich Lunik 2013 aufgelöst hatte. Und «Sensibeli», Jaëls Ausflug in die Mundart-Kindermusik, landete auf einem Tonie unserer Tochter. Musikalische Früherziehung nennt sich das.

2025 gaben Lunik bekannt, dass sie sich zusammengerauft haben und wieder gemeinsam touren wollen. Wie sehr sie mir gefehlt haben, weiss ich nun, seit ich sie wieder live gesehen habe. Den Platz im Soundtrack meines Lebens haben sie mehr als verdient. Und die Karten fürs nächste Konzert habe ich auch schon. Ich freue mich.

4 Personen gefällt dieser Artikel


User Avatar
User Avatar

Ich bin Vollblut-Papi und -Ehemann, Teilzeit-Nerd und -Hühnerbauer, Katzenbändiger und Tierliebhaber. Ich wüsste gerne alles und weiss doch nichts. Können tue ich noch viel weniger, dafür lerne ich täglich etwas Neues dazu. Was mir liegt, ist der Umgang mit Worten, gesprochen und geschrieben. Und das darf ich hier unter Beweis stellen. 


Hintergrund

Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.

Alle anzeigen

Diese Beiträge könnten dich auch interessieren

  • Hintergrund

    HORROR! Mein Weg vom verängstigten Kind zum abgebrühten Gorehound

    von Patrick Vogt

  • Hintergrund

    Ach, Axe! Der Duft meiner Jugend holt mich ein

    von Michael Restin

  • Hintergrund

    «Stranger Things Conformity Gate»: Eine Theorie, die das enttäuschende Finale retten sollte

    von Cassie Mammone

Kommentare

Avatar