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Lionsgate / Universal Pictures
Kritik

«Michael»: Brilliant, mitreissend – und kontrolliert

Luca Fontana
21.4.2026

Antoine Fuquas Michael-Jackson-Biopic ist grosses Kino voller Wucht und Emotion – und kontrolliert vom Estate des Mannes, den er porträtiert. Das merkt man.

Keine Sorge: Die folgende Filmkritik enthält keine Spoiler. Ich verrate dir nicht mehr, als ohnehin schon bekannt und in den Trailern zu sehen ist. «Michael» läuft ab dem 22. April im Kino – als erster Teil eines geplanten Zweiteilers.

Oh Mann. Könnte es eine weniger geeignete Person im Kinosaal gegeben haben, um «Michael» objektiv zu bewerten, als mich? Wohl kaum.

Schon beim ersten Takt von «I Want You Back» der Jackson Five konnte ich die Lippen kaum ruhig halten. Die Füsse wippten. Der Kopf nickte mit. Und spätestens bei Michael Jacksons legendärem «Billie Jean»-Auftritt an den Motown-25-Celebrations 1983, also der Nacht, in der die Welt zum ersten Mal den Moonwalk zu sehen bekam, war ich für einen Moment kein Filmkritiker mehr.

Ich war wieder das Kind, das diese Musik liebt, seit es denken kann.

Du musst wissen: Michael Jackson war eines meiner ersten Idole. Lange bevor ich irgendetwas von Skandalen, Vorwürfen oder «Neverland» wusste – war da einfach die Musik. Die Moves. Das Spektakel. Und er hat sich ja auch entsprechend inszeniert: als ewiges Kind, als Märchenfigur, als jemand, den man lieben und bewundern und anbeten durfte, ohne je hinterfragen zu müssen. Habe ich auch nicht. Ich war acht Jahre alt.

Was später kam, habe ich lange lieber nicht so genau angeschaut. Das ist keine Entschuldigung. Aber es erklärt, warum ich beim Verlassen des Kinosaals zwei widersprüchliche Dinge gleichzeitig gespürt habe: echte Begeisterung – und dieses leise, hartnäckige Unbehagen. Antoine Fuquas «Michael» reisst einen mit. Keine Frage. Aber genau das ist das Problem.

Kino, wie es sein sollte – und kaum noch ist

Reden wir zuerst über das Handwerk. Es verdient das Lob. Vorbehaltlos. Denn «Michael» sieht endlich wieder aus wie ein Film, der sich nicht schämt, einer zu sein. Da ist das körnige Bild, da sind die tiefen Kontraste. Und Farben! Satt, kräftig und ohne jene digitale Sterilität, die uns eine Dekade Streaming und über fünfzehn Jahre Marvel als kinematografische Norm verkauft haben.

Wenn Bild, Schnitt und Musik ineinandergreifen, entsteht genau dieser Sog, dem man sich bei «Michael» kaum entziehen kann.
Wenn Bild, Schnitt und Musik ineinandergreifen, entsteht genau dieser Sog, dem man sich bei «Michael» kaum entziehen kann.
Quelle: Lionsgate / Universal Pictures

Kein Wunder: Antoine Fuqua, vor allem bekannt für «Training Day», ist nicht nur ein Meister seines Fachs, sondern ein Regisseur mit Handschrift. Einer, der auch im grossen Studiosystem weiss, wie man einen Film körperlich spürbar macht. So haben gerade die Bühnensequenzen einen schier unfassbaren Sog, dem sich kaum einer entziehen kann – Schnitt, Kamerabewegung, Bildkomposition, alles greift ineinander, alles sitzt.

Und die Musik? Leute. Es ist Michael Jackson. Sie sitzt sowieso.

Aber Fuqua beschränkt sich nicht auf eine gute Inszenierung. Er versteht, dass ein Film über Michael Jackson auch ein Film über das Spektakel und die fast irrationale Wucht sein muss, die entsteht, wenn ein einzelner Mensch auf einer Bühne steht und zehntausend Menschen kollektiv den Verstand verlieren.

So sitze ich da, im Kino, und für zwei Stunden vergesse ich, dass draussen 2026 ist. Hier drinnen, hier ist Michael Jackson noch Anfang zwanzig, auf dem Höhepunkt seiner Kräfte – und es gibt keinen einzigen Grund, daran zu zweifeln, dass er der grösste Popstar würde, den diese Welt je gesehen hat.

Der Vater, das Regime und das verlorene Kind

All das funktioniert, weil im Zentrum jemand steht, dem ich glaube: Jaafar Jackson, Neffe des Originals und Filmdebütant. Und ja, er ist eine absolute Offenbarung. Denn was er hier abliefert, ist keine Imitation Jacksons, sondern etwas Selteneres und Schwierigeres: eine Verkörperung.

Ich meine – diese Körpersprache, diese Haltung, die Art, wie Jaafar eine Bühne betritt, das alles stimmt so verdammt präzise, dass es zwischendurch fast gespenstisch wirkt. Als wäre ein junger, revitalisierter Michael Jackson von den Toten zurückgekehrt, um noch einmal die grösste Show der Welt zu stemmen. Ob er singt, tanzt oder einfach nur steht und schweigt: Ich glaube es ihm. Vollständig.

«Billie Jean’s not my lover, she's just a girl who claims that I am the one – but the kid is not my son» Ich kann nicht anders als mitzusingen.
«Billie Jean’s not my lover, she's just a girl who claims that I am the one – but the kid is not my son» Ich kann nicht anders als mitzusingen.
Quelle: Lionsgate / Universal Pictures

Diese Leistung ist umso bemerkenswerter, weil der Film ihr ein solides Fundament baut. Was «Michael» inhaltlich nämlich überraschend gut gelingt, ist die Zeichnung von Joseph Jackson, Michael Jacksons Vater. Colman Domingo spielt ihn nicht bloss als Cartoon-Bösewicht, sondern als kontrollierten Tyrannen: einen ehemaligen Stahlarbeiter, der in seinen Kindern das sieht, was er selbst nie erreicht hat und dafür keinen Preis zu hoch findet. Den seiner Kinder schon gar nicht.

Damit bereitet «Michael» das psychologische Basis für alles, was später kommen wird. Ein Kind, das vor seinem zehnten Geburtstag schon Weltstar ist. Dessen Berühmtheit ihn vereinsamen lässt, weil er keine Freunde finden darf, keine Kindheit, keine Schutzzone. Stattdessen wird er von einem Vater gedrillt, der keine Zärtlichkeit kennt, und von einem Publikum vergöttert, das echte Nähe nicht ersetzen kann.

Zum Erschaudern: Colman Domingo hält als furchterregender, aber auch bequemer Antagonist her.
Zum Erschaudern: Colman Domingo hält als furchterregender, aber auch bequemer Antagonist her.
Quelle: Lionsgate / Universal Pictures

Die spätere Flucht ins Kindliche, um Verpasstes nachzuholen, überrascht daher kaum. Der Film erzählt das auch. Wie aus all dem ein Mensch hervorgehen konnte, der sich eine gigantische Ranch baut, sie «Neverland» tauft, um dort nie erwachsen zu werden, und später sogar zugibt, es unproblematisch zu finden, das Bett mit Kindern zu teilen. Das ist das Ehrlichste, was «Michael» sich traut.

Nur … zeigen tut «Michael» all das nicht. Und das ist ein Problem.

Der riesige, kaum zu ignorierende Elefant im Kinosaal

«Michael», der erste eines geplanten Zweiteilers, wie erst vor wenigen Monaten bestätigt worden ist, endet ungefähr 1988, also auf dem moralischen Höhepunkt von Jacksons Karriere. Das ist noch vor den Skandalen, noch vor «Neverland», den Anschuldigungen und all dem, was Jacksons Image ab 1993 dauerhaft erschüttern sollte.

Ich will an dieser Stelle kein Urteil fällen – weder über Jackson noch über die Menschen, die ihn beschuldigt haben. Das ist nicht die Aufgabe einer Filmkritik, und es ist auch nicht meine. Was ich aber sagen kann: Ein Biopic, das den Anspruch erhebt, eine Person in ihrer Gesamtheit zu porträtieren, muss auch das aushalten, etwas wehtut – und nicht im bequemsten Moment wegschneiden.

Ein Leben lang Peter Pan: Michael Jackson wuchs ohne Kindheit auf und suchte sie später wohl dort, wo er sie nie hatte.
Ein Leben lang Peter Pan: Michael Jackson wuchs ohne Kindheit auf und suchte sie später wohl dort, wo er sie nie hatte.
Quelle: Lionsgate / Universal Pictures

Dass ein Biopic seinem Protagonisten nichts schenken muss, haben andere gerade erst vorgemacht. Robbie Williams liess sich in «Better Man» als CGI-Schimpansen darstellen und genehmigte einen Film, der ihn als Egomanen, Süchtigen und emotionalen Totalausfall zeigt. Elton John indes befand die Rohfassung von «Rocketman» sogar noch als zu zahm und bestand auf Nachdrehs – seine Drogeneskapaden seien harmloser dargestellt gewesen, als sie es wirklich waren.

Beide wurden von der Kritik gefeiert. «Better Man» allerdings ging an den Kinokassen baden. Zu Unrecht. Falls dich das mit dem CGI-Affen abschreckt: Guck den Film trotzdem. Er verdient es, gesehen zu werden. Wirklich.

«Michael» hingegen wird zweifellos das Gegenteil erleben: volle Kinos, begeisterte Fans und Millionen an der Kasse. Vielleicht Milliarden. Das sagt mehr über uns als über den Film, mich eingeschlossen. Ich werde mir «Michael» sogar ein zweites Mal im Kino anschauen. Natürlich werde ich das.

Aber ich werde auch wissen, was ich schaue: einen Film, der Michael Jackson auf ein sehr hohes moralisches Podest stellt, während er Kindern Spielzeug kauft, sie im Spital besucht, seine Fans als «family» bezeichnet und der Welt «his light» bringen will. Dazu findet er mit Joseph Jackson einen perfekten Antagonisten, der alles, was Michael später vorgeworfen werden sollte, passend erklärt – und ihn dabei fast unmerklich von Schuld und Verantwortung freispricht.

Denn im schlimmsten Fall hat Jackson Kinder missbraucht. Im besten Fall hat er sich eben doch höchst unangemessen mit Kindern verhalten. Bei allem Verständnis für seine Kindheit und die guten Absichten hinter seiner rekordbrechender humanitärer Arbeit – das lässt sich nicht einfach so wegdiskutieren.

Der Film hingegen … nun, er schweigt dazu.

Wer kontrolliert, was der Film zeigt?

Das erstaunt weniger, wenn man weiss, wer den Film produziert hat. «Michael» ist eine Co-Produktion des Jackson-Nachlasses – konkret von John Branca, Jacksons langjährigem Anwalt und heutigem Testamentsvollstrecker, sowie von Jacksons Sohn Prince als ausführender Produzent. Und wer den Nachlass eines Künstlers verwaltet, hat ein vitales Interesse daran, wie sich die Nachwelt an ihn erinnert.

Who’s bad?
Who’s bad?
Quelle: Lionsgate / Universal Pictures

Dabei soll das ursprüngliche Drehbuch laut einem Bericht von Variety tatsächlich einen dritten Akt enthalten haben, der die Missbrauchsvorwürfe von 1993 aufgriff – aus Jacksons Perspektive, versteht sich. Er wurde allerdings für rund fünfzehn Millionen Dollar wieder herausoperiert, bezahlt vom Nachlass selbst. Dies, nachdem die Verantwortlichen eine juristische Klausel im Vergleichsvertrag von 1993 entdeckt hatten, die eine filmische Darstellung des damaligen Klägers untersagt.

Wie genau das erst nach monatelangen Dreharbeiten auffallen konnte, bleibt mir ein Rätsel. Was das für den fertigen Film bedeutet: Er endet nun, eben, recht abrupt auf dem Höhepunkt von Jacksons Karriere im Jahr 1988. Natürlich mit dem Hinweis, dass die Geschichte noch weitergeht. Irgendwann. Hoffentlich.

Der Film endet vor den Skandalen. Zufall?
Der Film endet vor den Skandalen. Zufall?
Quelle: Lionsgate / Universal Pictures

Die offizielle Erklärung hingegen lautet, man habe schlicht zu viel gutes Material gehabt, um alles in einen einzigen Film zu pressen. Dass ausgerechnet jener dritte Akt, der für fünfzehn Millionen Dollar herausgeschnitten wurde, nun wohl in abgeschwächter Form als «Part Two» nachgeliefert werden soll, gibt dieser Erklärung einen eher eigentümlichen Beigeschmack. Meine Vermutung ist eine andere – aber die darf sich jede und jeder selbst bilden.

Natürlich könnte man einwenden: «Luca, der Film endet ja 1988. Was hast du erwartet? Ein Biopic über Jacksons Aufstieg darf auf seinem Höhepunkt enden. Das ist keine Beschönigung, sondern Dramaturgie.» Der Einwand ist fair. Aber er setzt voraus, dass Part Two diese Lücke wirklich schliessen und das aushalten wird, was dieser erste Teil so sorgfältig vorbereitet hat. Ich wünsche es mir. Ich glaube es aber nicht.

Nicht, wenn gleichzeitig eine zivilrechtliche Klage gegen den Jackson-Nachlass läuft, in der es – mal wieder – um Missbrauchsvorwürfe geht.

Fazit

Ein glänzender Fanfilm – aber ein schweigendes Biopic

«Michael» ist ein Film, der genau weiss, was er will: mitreissen, begeistern – und verführen. Tatsächlich tut er das mit einer handwerklichen Brillanz, die ich nicht kleinreden kann und auch nicht will. Jaafar Jackson ist eine Offenbarung. Antoine Fuqua ist ein Könner. Und Michael Jacksons Musik ist, war und bleibt ein Phänomen, das seinesgleichen sucht.

Aber ein Biopic sollte kein Wunschkonzert sein. Es trägt den Anspruch in sich, eine Person in ihrer Gesamtheit zu zeigen, mit allem, was dazugehört. «Michael» tut das nicht. Der Film zeigt den Aufstieg, das Spektakel, den Glanz. Er findet in Joseph Jackson sogar einen Antagonisten, der so bequem sitzt, dass man fast vergisst, nachzufragen, was noch kommen müsste. Aber er endet genau dort, wo es ungemütlich wird.

Vielleicht liefert «Part Two» ja die Antwort. Ich wünsche es mir. Bis dahin bleibt «Michael» genau das, was er ist: ein glänzender, handwerklich makelloser Fanfilm. Gemacht von Menschen, die ein finanzielles Interesse daran haben, wie wir uns an Michael Jackson erinnern. Trotzdem: Ich liebe diesen Film. Ich kann nicht anders. Sorry.

Titelbild: Lionsgate / Universal Pictures

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Ich schreibe über Technik, als wäre sie Kino, und über Filme, als wären sie Realität. Zwischen Bits und Blockbustern suche ich die Geschichten, die Emotionen wecken, nicht nur Klicks. Und ja – manchmal höre ich Filmmusik lauter, als mir guttut.


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