Mimimi: Fünf Dinge, die mich an «Fünf Dinge...» aufregen
Meinung

Mimimi: Fünf Dinge, die mich an «Fünf Dinge...» aufregen

Martin Jud
Martin Jud
Zürich, am 09.11.2018

Im Netz wimmelt es von Artikeln mit diesen fünf Dingen. Bei watson.ch, auf stern.de und sogar bei digitec.ch respektive galaxus.de. Warum ausgerechnet fünf? Und weshalb muss ich darüber Bescheid wissen? Wollen mich die Verfasser etwa mittels Clickbait manipulieren? Oder sind sie einfach nur zu faul, um mal was Neues zu versuchen?

Die Journalisten der heutigen Zeit sind erfinderisch, wenn es darum geht, kreative Artikel zu schreiben. Lese ich Titel im Stil von «Fünf Dinge..., die du wissen musst», fühle ich mich wie im Film «Und täglich grüsst das Murmeltier». Ich kann es nicht mehr sehen. Ausserdem suggerieren diese Titel, dass ich ohne das Wissen aufgeschmissen bin.

Oder noch schlimmer; mein Leben könnte ohne die grossartigen Tipps, welche die Verfasser in fünf Minuten ergoogelt haben, auf die schiefe Bahn geraten. Warum tut ihr das, liebe Kollegen? Wegen den redaktionellen Auflagen, die euch dazu zwingen, eine bestimmte Anzahl an Artikeln pro Woche rauszuhauen? Wieso macht ihr dann nicht einfach mehr Interviews? Die sind genauso für faule Schreiberlinge gemacht, wie die fünf Dinge.

1. Immer dieselbe Leier

«5 Dinge, die Frauen nicht über Männertoiletten wissen (wollen)»
watson.ch

Weshalb belästigt ihr eure Leserschaft mit diesem Käse, wenn es, wie in eurem Titel erwähnt, keine Frau interessiert? Wollt ihr damit euer riesengrosses androgynes Publikum erreichen? Wir Männer kennen das alles bereits. Auch das Pissoir-Fussballtor ist uns seit den späten 90ern bekannt. Abgelichtet habe ich das Teil auch schon des Öfteren gesehen – und ja, ich durfte auch schon weltmeisterlich pieseln.

Ich gebe zu, dass aus meiner Feder stammende Artikel nicht alle geistreich sind. Na gut, einige mögen auch richtiggehend unterbelichtet sein, das stört mich nicht weiter. Aber was ihr tut, bringt das Fass allmählich zum Überlaufen – ihr penetriert mich über Monate und Jahre mit diesen fünf Dingen. Bestimmt bin ich nicht der Einzige, dem dies sauer aufstösst.

Mensch, wo sind wir da hingekommen? Nur weil jemand herausgefunden hat, dass diese fünf Dinge psychologisches Aphrodisiakum sind und als Clickbait funktionieren, bin ich nun beim täglichen News-Lesen eurem geistigen Infantilismus ausgesetzt. Muss ich nun nach dem Kündigen des TV-Abos auch noch die Watson-App deinstallieren?

2. Die doofe Fünf

«5 Dinge, die du bedenken musst, wenn du Lust auf hellblonde Haare hast»
stern.de

Oha, jetzt aber. Meinen die mit dem Titel, was ich bedenken muss, wenn ich meine Haare bleichen möchte? Oder wenn ich Lust auf die Blondine bekomme? Macht doch mal eindeutige Titel, dann muss ich da auch nicht draufklicken. Nein, habe keine Lust, meine Haare zu blondieren. Danke, next…

Wieso sind es eigentlich gerade fünf Dinge? Sind drei Dinge zu wenig für euren Chef-Redaktor? Warum nicht sechs Dinge? Habt ihr Angst, dass der Leser von heute damit überfordert sein könnte? Uns, dem Publikum, darf wohl nicht zu viel zugemutet werden. Muss, damit auch jeder versteht, was läuft, in der heutigen Zeit auf geistreiche Texte verzichtet werden? Das ist wie bei den Schweizer Wahlunterlagen, bei welchen du einen Begleittext mitbekommst, welcher den eigentlich wichtigen Gesetzestext umschreibt, verwässert oder einfach nur davon ablenkt.

3. Ausgelutscht

«Fünf Dinge, die Rockstar bei «Red Dead Redemption 2» falsch machen kann»
digitec.ch / galaxus.de

Ähm, okay – immerhin sind es hier keine Dinge, die ich gemäss Titel wissen «muss» oder «will». Aber bevor ich Schelte bekomme, höre ich besser auf, dazu was zu schreiben.

Dennoch: Diese fünf Dinge kommen doch längst nicht mehr bei der breiten Masse an. Ohne Abwechslung wird das Leben langweilig. Die fünf Dinge sind wie eine Ehe, die nach einigen Jahren zur Zweckgemeinschaft umfunktioniert wurde. Tag ein, Tag aus dieselbe Leier. Im Bett gibt's den wöchentlichen Pflichtsex in der gewohnten Pflichtposition und nach fünf Minuten sitzt der Mann wieder mit dem Bier in der Hand vor seiner PS4 Pro. Emotionen fliessen mehr Richtung «Red Dead Redemption 2», als in Richtung Frau. Und die Frau shoppt derweil auf Galaxus und freut sich darüber, dass der bestellte Womanizer am Folgetag in der Post liegen wird.

4. Quantität vor Qualität

«5 Dinge, die man im Homeoffice nicht tun sollte»
capital.de

Uiii, capital.de schreibt sehr seriös. Allerdings lese ich in ihrem Artikel nichts, was ich nicht gewusst hätte. Homeoffice im Bett würde mir nie in den Sinn kommen. Nein, liebe Chef-Etage, wirklich nicht. Ich liege zwar gerne auf Sitzsäcken oder in Gaming-Chairs, doch das muss ich für meine Reviews tun.

Wo bleibt der Mehrwert? Warum erzählt ihr mir nicht mal was, das ich noch nicht wusste. Der Redaktor von capital.de geht wohl davon aus, dass sein Publikum unterbelichtet ist. Hauptsache, viel Text schreiben, laut reden und doch nichts sagen. So, wie es Wichtigtuer dieser Welt immer gerne machen. Aber nein, ihr könnt mich nicht blenden, ihr Blender!

Natürlich könnte ich es nicht besser. Wer findet schon sinnvolle Dinge, die man im Homeoffice nicht tun sollte und noch nie davon gehört hat? Klar liegt ein Schäferstündchen auf Arbeitszeit nicht drin. Sowas wäre richtig pfui. Ist euch Autoren eigentlich bewusst, dass wir Leser auch einen gesunden Menschenverstand haben?

5. Unpassende animated GIFs

«5 Dinge, welche die Wirkung deiner Verhütung stark beeinflussen»
miss.at

Endlich eine wichtige Sache, die hier das österreichische Magazin für junge Frauen der Leserschaft mit auf den Weg gibt. Schade nur, dass nichts geschrieben wird, was nicht schon der Frauenarzt gesagt hätte. Dafür wird der minimalistische Text mit unpassenden animated GIFs aufpoliert. Wenn schon der Text keinen Mehrwert hergibt, muss mit anderen Mitteln um die Aufmerksamkeit der Leser gebuhlt werden.

Die Untertitel «Durchfall», «Erbrechen», «Antibiotika», «Alkohol» und «Unregelmässige Einnahme» reichen nebst dem Kurztext wohl nicht. Na gut, dann untermalen wir das ganze mit lustigen bewegten Bildern. Tolle Idee. Und dank giphy.com bleibt auch der Aufwand gering.

Bravo, liebe Kollegen. Ihr habt es alle wirklich drauf.

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Martin Jud
Martin Jud

Editor, Zürich

Der tägliche Kuss der Muse lässt meine Kreativität spriessen. Werde ich mal nicht geküsst, so versuche ich mich mittels Träumen neu zu inspirieren. Denn wer träumt, verschläft nie sein Leben.

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