
Kritik
«Monster Hunter Wilds» im Test: Der einsteigerfreundlichste Ableger ist immer noch sehr komplex
von Cassie Mammone

«Monster Hunter Stories 3: Twisted Reflection» ist ein Spiel, das mit sich selbst im Clinch liegt. Wer sich durch die uninspirierte Geschichte kämpft, wird mit einem der besten Kampfsysteme der letzten Jahre belohnt.
«Monster Hunter Stories 3: Twisted Reflection» ist eines der seltenen Spiele, bei denen Gameplay und Geschichte so weit auseinanderliegen, dass ich mich frage: Haben hier zwei völlig verschiedene Teams daran gearbeitet? Das Kampfsystem ist brillant, vielschichtig und absolut süchtig machend. Die Story hingegen: nett gemeint, aber grösstenteils so mitreissend wie ein verregneter Montagmorgen.
Capcom liefert ein JRPG ab, das mich mit seinen Mechaniken fesselt – und gleichzeitig regelmässig dazu verleitet, während der Zwischensequenzen aufs Handy zu schauen.
Die Welt in «Twisted Reflection» steht am Abgrund: Eine mysteriöse Kristallseuche verwandelt die Umgebung in ein glitzerndes Desaster und rottet nebenbei ganze Monsterpopulationen aus. Ich spiele wahlweise den Thronfolger oder die Thronfolgerin des Königreichs Azurias – meine Wahl fällt auf den weiblichen Part. Neben meiner Rolle als Adelige arbeite ich bei den Rangern und sorge mich um wilde sowie gefangene Monster.

Nach einem Schlagabtausch mit dem Nachbarkönigreich Vermeil tue ich mich ausgerechnet mit dessen Prinzessin Eleanor zusammen. Sie misstraut den Plänen ihrer Schwester, der Königin von Vermeil, und fürchtet, dass sich der Konflikt zwischen den beiden Reichen weiter zuspitzt. Als wäre das nicht genug, schlüpften vor Jahren noch zwei Rathalos-Zwillinge – drachenähnliche Monster. Ein Omen, das in dieser Welt ungefähr so viel Gutes verheisst wie ein Komet am Himmel.
Klingt spannend? Theoretisch schon.
Nach dem vielversprechenden Einstieg fällt das Spiel in ein erzählerisches Koma, aus dem es erst viel später wieder aufwacht. Die Dialoge dümpeln vor sich hin, neue Gebiete und ihre Bewohner huschen so schnell vorbei, dass sie kaum Eindruck hinterlassen. Viele der Begleiter wirken, als wären sie kurz vor Release noch ins Spiel eingefügt worden, weil jemand gemerkt hat, dass die Heldengruppe unterbesetzt wirkt.

Die Ausnahmen? Eleanor und der Palico-Begleiter Rudy haben tatsächlich echte Persönlichkeit und nachvollziehbare Motivationen. Der Rest der Truppe bekommt seine Charaktermomente in separaten Bonding-Episoden. Die sind thematisch weit von der Hauptgeschichte entfernt. Ich frage mich stellenweise, ob die Autoren zwei völlig verschiedene Spiele geschrieben haben und am Ende alles zusammengeworfen haben.
Positiv zu vermerken: Ein Grossteil der Geschichte ist vertont. Die Sprachausgabe gefällt mir, wobei auch hier vor allem Eleanor überzeugt. Andere hingegen, wie Neo-Monster-Ranger Thea, bleiben blass.
Kurz: Trotz der guten Ansätze musste ich mich bei mehr als einer Zwischensequenz aktiv dazu zwingen, nicht aufs Handy zu schauen.

Jetzt aber zum guten Teil – und der ist wirklich gut.
Das Kampfsystem von «Monster Hunter Stories 3» wirkt auf den ersten Blick wie simples Schere-Stein-Papier mit Monstern. Kraft schlägt Technik, Technik schlägt Geschwindigkeit, Geschwindigkeit schlägt Kraft – einfach, oder? Falsch. Darunter versteckt sich ein erfreulich tiefes System, das mich mit jeder neuen Begegnung herausfordert.

Ich kämpfe mit meinem Charakter, meinem Monster – das ich während des Kampfes auch tauschen kann – und einem verbündeten Menschen-Monster-Team. Dieses agiert autonom, während meine Entscheidungen den grössten Einfluss auf den Kampf haben. Verstehe ich die Angriffsmuster eines Gegners und wende das Schwächensystem richtig an, gewinne ich direkte Kopf-an-Kopf-Konfrontationen und lasse den Gegner mit Kontern buchstäblich ins Leere laufen.
Hinzu kommen verschiedene Waffentypen, herstellbare Items, ein Affinitätssystem für gemeinsame Angriffe mit meinem Monster, Spezialattacken mit verheerenden Effekten und anvisierbare Körperteile mit eigenen Stagger-Metern. Puh.
Beim ersten Anblick der Benutzeroberfläche habe ich kurz das Bedürfnis, das Spiel wegzulegen und nie wieder anzufassen. Aber dann klickt es – und plötzlich will ich nicht mehr aufhören.

«Twisted Reflection» ist spielerisch anspruchsvoll. Anfangs kann ich die Systeme noch ignorieren. Die Rechnung dafür erhalte ich nach wenigen Spielstunden. Die Schwierigkeit lässt sich nach Spielstart nicht mehr anpassen, was ich feiere: Das zwingt mich dazu, mich mit den Mechaniken auseinanderzusetzen, statt einfach auf Easy umzuschalten und durchzurauschen.
Der klassische Loop aus Scheitern, Verstehen und erneutem Versuchen ist enorm befriedigend. Wenn ich später in alte Gebiete zurückkehre und wilde Monster plätte, die mich früher noch in den Boden gestampft haben, fühlt sich das nach echtem, verdientem Fortschritt an. Ich spiele die Mainline «Monster Hunter»-Titel nicht – aber nach «Stories 3» verstehe ich, warum Menschen dafür ihre Wochenenden opfern.
Die Spielwelt ist gross genug, um sich bedeutsam anzufühlen, aber nicht so riesig, dass ich mich verloren fühle. Versteckte Pfade, Crafting-Materialien an jeder Ecke und versteckte Sammelgegenstände sorgen dafür, dass sich jeder Erkundungsausflug lohnt.

Besonders clever: Die Fortbewegung durch die Welt hängt direkt von meiner Monster-Aufstellung ab. Manche Viecher können graben, andere fliegen oder schwimmen und eröffnen so neue Wege in den Gebieten. Partybuilding und Erkundung greifen nahtlos ineinander, und das fühlt sich gut an. Schnellreisepunkte müssen erst freigeschaltet werden. Monstereier lassen sich bequem in Nestern sammeln und können ausgebrütet werden, um neue Monster für das Team zu gewinnen. Das wirkt alles gut durchdacht und fühlt sich befriedigend an.
Als wäre das alles nicht genug, gibt es noch das Habitat-Restaurierungssystem: Gefangene Monster können in die Wildnis entlassen werden, was Populationsdichten verschiebt und sogar Mutationen begünstigen kann. Thematisch passt das perfekt zu meiner Ranger-Rolle – und spielmechanisch ist es ein weiteres cleveres Zahnrad in einem bereits vollgepackten Getriebe.

In den Hubs warten ausserdem gekochte Mahlzeiten für temporäre Buffs, ein Channeling-Ritual zum Übertragen von Genen zwischen Monstern und passive Exkursionen, bei denen Monster selbstständig neue Fähigkeiten lernen.
Beim ersten Kontakt mit all dem fühle ich mich genauso wie beim Kampfsystem: komplett überfordert. Aber ich halte durch und werde mit einem tiefgründigen und befriedigenden Gameplay-Loop belohnt.
Besonders erfreulich: Das Spiel läuft äusserst flüssig und stabil. Ich habe die PC-Version getestet und selbst auf dem Steam Deck macht es Freude, die Welt zu erkunden.
«Monster Hunter Stories 3: Twisted Reflection» ist ab dem 13. März erhältlich für PS5, Xbox Series X/S, Switch 2 und PC. Das Game wurde mir zu Testzwecken von Capcom zur Verfügung gestellt.
«Monster Hunter Stories 3: Twisted Reflection» ist kein makelloses Spiel. Wer eine packende Geschichte erwartet, wird enttäuscht. Die meisten Charaktere bleiben blass, die Haupthandlung verliert sich früh in der Bedeutungslosigkeit und zu viele Zwischensequenzen kämpfen vergeblich um Aufmerksamkeit.
Wer bereit ist, diesen Makel zu akzeptieren, bekommt eines der befriedigendsten Kampf- und Progressionssysteme des Genres. Der Loop aus Scheitern, Verstehen und Meistern macht süchtig – und das Erkunden der Spielwelt fühlt sich zu jeder Zeit sinnvoll und belohnend an. «Twisted Reflection» ist ein Spiel für Geduldige, die wissen, was sie wollen: tiefes Gameplay über starkes Storytelling. Wer das in Kauf nimmt, findet ein Erlebnis, das lange nachwirkt.
Pro
Contra
Technologie und Gesellschaft faszinieren mich. Die beiden zu kombinieren und aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten, ist meine Leidenschaft.
Welche Filme, Serien, Bücher, Games oder Brettspiele taugen wirklich etwas? Empfehlungen aus persönlichen Erfahrungen.
Alle anzeigen