Netflix, Prime und Co.: Ausgeburten der Hölle?
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Netflix, Prime und Co.: Ausgeburten der Hölle?

Luca Fontana
Luca Fontana
Zürich, am 22.01.2019
Auf Streaming-Plattformen stehen uns Tausende Serien und Filme jederzeit und fast unbegrenzt zur Verfügung. Dabei beeinflussen Netflix und Co. unsere Sehgewohnheiten mehr, als du vielleicht denkst.

Serien boomen. Jedenfalls, seit sich Streaming-Plattformen wie Netflix oder Amazon Prime in unser Leben geschlichen haben. Die Zeiten, in denen es noch «die» eine Serie gab, von der eine Folge pro Woche am Fernseher lief, von allen geguckt und am nächsten Tag heiss debattiert wurde, sind längst vorbei. Dafür haben Netflix und Co. gesorgt.

Heute bieten Streaming-Anbieter eine scheinbar unerschöpfliche Quelle an Serien und Filme, die auf Abruf bereitstehen. Wer will, kann sich eine Folge nach der anderen reinziehen. Ganze Wochenenden hindurch. «Binge Watching» wird das genannt.

Aber was stellt das mit uns an?

Binge Watching, das neue Normal

61 Prozent der Netflix-Zuschauer schauen regelmässig zwei bis sechs Folgen pro Sitzung. Für die Mehrheit ist das normal. Und es entspricht in etwa jener Menge an Folgen pro Sitzung, die die Befragten als Binge Watching bezeichnen würden. Das hat eine von Netflix anno 2013 durchgeführte Umfrage ergeben. Sie ergab auch, dass Binge Watching keine negativen Assoziazionen beim Publikum auslöse. Für Netflix Grund genug, Binge Watching als «das neue Normal» auszurufen.

Nicht, dass der Streaming-Anbieter seine Zuschauer fragen müsste, um zu diesen Erkenntnissen zu gelangen. Denn während wir Serien und Filme schauen, sammelt Netflix fleissig Daten. Das kalifornische Streaming-Unternehmen weiss genau, wie lange wir welche Serie schauen und wann wir abspringen. So entwickelt es gezielt Formate, die uns Zuschauer noch länger vor die Glotze bannen. Dass es sich dennoch besser macht, wenn wir ganz von alleine zum Schluss kommen, dass wir binge watchen und es normal finden, versteht sich von selbst.

Eine anno 2018 von Netflix veröffentlichten Infografik darüber, wie populär Binge Watching ist
Eine anno 2018 von Netflix veröffentlichten Infografik darüber, wie populär Binge Watching ist
Quelle: Netflix

Nur macht Netflix einen Sport daraus. «Binge Racing» nennt das Unternehmen das. Binge Racer sind jene, die eine komplette Staffel innert 24 Stunden nach Release schauen. Der Streaminganbieter sagt dazu: «Binge Racer sind keineswegs Couch-Kartoffeln. Es sind Super-Fans, für welche die Geschwindigkeit des Zuschauens eine Leistung ist, auf die sie stolz sein und mit der sie prahlen können. Fernsehen ist ihre Leidenschaft, und Binge Racing ihre Sportart.»

Binge Racing ist ja so super, dass wir es eigentlich alle tun sollten
Binge Racing ist ja so super, dass wir es eigentlich alle tun sollten
Quelle: Netflix

So schöngeredet klingt das nicht einmal schlecht. Viel verreckter wird’s aber, wenn Netflix CEO Reed Hastings über die wahre Konkurrenz des Streaming-Anbieters spricht. Das seien nicht etwa andere Streamer. «Denkt darüber nach», sagt Hastings, «trotz unseres massiven Erfolgs sind auch andere Streaming-Anbieter gewachsen. Wir können koexistieren. Aber wenn Zuschauer eine Netflix-Serie sehen und süchtig werden, bleiben sie bis spät in die Nacht auf. [...] Eigentlich konkurrieren wir mit Schlaf.»

Ginge es also nach Netflix, sollten wir alle möglichst viel und möglichst oft Serien schauen und dabei so wenig wie möglich schlafen. Am besten gar nicht.

So machen uns die Streaming-Anbieter süchtig

Vielen von uns dürfte es gleich gehen: Ohne die strenge Terminplanung eines Senders, das neue Folgen nur häppchenweise zum Frass vorwirft, gibt’s kein Halten. Das ist Netflix bewusst.

«Unsere Daten zeigen, dass die Mehrheit es vorzieht, eine ganze Staffel einer Show in ihrem eigenen Tempo zu sehen», sagt Ted Sarandos, Chief Content Officer von Netflix. Wenn er vom eigenen Tempo spricht, dann auch davon, dass 46 Prozent der Paare, die zusammen eine Serie gucken, sich gegenseitig betrügen – indem einer weiter schaut, ohne, dass der andere es merkt. Davor will schon mal gewarnt sein.

Netflix warnt im Februar 2017 davor, vom Partner beim Netflix Schauen betrogen zu werden
Netflix warnt im Februar 2017 davor, vom Partner beim Netflix Schauen betrogen zu werden
Quelle: Netflix

Sarandos geht weiter: «Wir befreien die Zuschauer von den Einschränkungen des linearen Fernsehens. Unsere Inhalte sind so konzipiert, dass sie sich zum multiepisodischen Betrachten eignen». Das bedeutet, dass eine Folge meist mit einem Cliffhanger endet. Ein offenes Ende, das zum Weiterschauen verleitet.

Die nächste Episode einer Serie beginnt automatisch, sobald die vorherige zu Ende ist. Netflix hat diese Funktion vor etwa sechs Jahren eingebaut (danke @Facebook-Kommentare für den Hinweis!). Das fördert das Binge Watching zusätzlich – eine vom Streamer voll gewollte Konsequenz. Es sei denn, wir stoppen den 20-sekündigen Countdown vor dem Beginn der nächsten Folge. Aber der Griff zur Fernbedienung erfolgt meistens nur, um den Countdown zu überspringen. Nicht, um ihn zu stoppen. Auch das weiss Netflix natürlich.

Du brauchst wortwörtlich nichts zu tun, um die nächste Folge zu schauen
Du brauchst wortwörtlich nichts zu tun, um die nächste Folge zu schauen

Beängstigender ist, was das Ende einer Staffel auslöst. New-York-Times-Journalist Matthew Schneier schreibt in einem 2015 veröffentlichten Artikel über das nahende Staffelende von «Master of None»: «Ich war ängstlich, wehmütig und fühlte mich vorab beraubt. Einmal am Ende angelangt, wird es bis zur nächsten Staffel kein Futter mehr geben – wenn es überhaupt eine nächste Staffel gibt».

Passend dazu erfindet er einen neuen Begriff: Post-binge-watch-Depressionen.

Streaming-Anbieter kennen das passende Gegenmittel: Noch mehr Serien oder Filme. Ein Algorithmus sucht passende Vorschläge aus. Die Trailer dazu starten automatisch. Natürlich tun sie das. Bei der Auswahl der Vorschläge vergleicht Netflix die Datenbank mit der gerade beendeten Serie und den üblichen Sehgewohnheiten und Watchlisten. Denn Netflix, Prime und Co. wissen genau, welche Filme nach einer Serie, die soeben gebingewatched wurde, von den meisten Zuschauern als nächste geschaut werden.

Netflix zeigt anno 2016, welche Filme ihre Nutzer schauen, nachdem sie eine Serie gebinged watched haben
Netflix zeigt anno 2016, welche Filme ihre Nutzer schauen, nachdem sie eine Serie gebinged watched haben
Quelle: Netflix

So spinnen die Anbieter ein Netzwerk an Serien und Filmen, die genau zu uns zu passen scheinen. Wir werden neugierig. Eine Folge, zwei, drei Folgen... Streaming-Anbieter wissen, dass es meist die zweite oder dritte Folge ist, die darüber entscheidet, ob wir dranbleiben, oder nicht. Deshalb wird die aussergewöhnlich unerwartete Wendung in der Geschichte meist für diese dritte Folge aufgespart. Einmal überwunden, sind wir angefixt, und bleiben im Kreislauf drin.

Serien wirken sich auch aufs Kino aus

«Wenn du den Zuschauern die Möglichkeit gibst, ganze Staffeln auf einmal zu konsumieren, gibt es keinen Grund anzunehmen, dass sie es nicht tun werden», sagte Regisseur und Produzent David Fincher kurz nach Erscheinen von «House of Cards», der ersten Eigenproduktion von Netflix.

Denn was der Streaming-Anbieter damals zum ersten Mal gemacht hat, war nicht bloss eine eigene Serie zu produzieren – Netflix Originale genannt – sondern gleich alle Folgen einer Staffel gleichzeitig zu veröffentlichen. Also genau das, was Ted Sarandos mit «Befreiung von den Einschränkungen des linearen Fernsehens» gemeint hat.

Der Anfang von Binge Watching.

Egal ob am TV, auf dem Handy oder Tablet: Bingewatchen kannst du überall und jederzeit
Egal ob am TV, auf dem Handy oder Tablet: Bingewatchen kannst du überall und jederzeit

Das Binge Watching von Serien selbst hat uns an zwei Dingen gewöhnt, die in Filmen nur schwierig nachzuahmen sind:

  1. Komplexe Handlungsstränge, die mehr als zwei Stunden Laufzeit haben, um sich zu entfalten
  1. Charaktere, die nachvollziehbare Entscheidungen treffen, weil sie in besagter Laufzeit genug Raum haben, um sich zu entwickeln

    Gerade mit den Charakteren verbringen wir pro Staffel so viel Zeit, dass sie uns ans Herz wachsen. So sehr sogar, dass wir sie manchmal besser zu kennen meinen als Menschen, mit denen wir Tag für Tag zur Arbeit gehen. Und wenn eine Staffel zu Ende geht, fühlen wir uns von diesen Charakteren verlassen. Also diskutieren wir. Zum Beispiel über vergangene Geschehnisse. Oder über mögliche Entwicklungen. Bis zum Erscheinen der neuen Staffel. Anders als im Film ist in Serien bei «The End» noch lange nicht Schluss.

Das versucht Hollywood nachzuahmen. Und Hollywood ist gut darin. Das «Marvel Cinematic Universe» ist nichts anderes als eine Serie in Kinoformat: Im Juni 2019 wird es 23 Filme zählen. Andere Beispiele wären «Star Wars» oder «The Wizarding World of Harry Potter». Das funktioniert, wie ein Blick auf die zehn umsatzstärksten Filme des vergangenen Jahres zeigt.

Quelle: Box Office Mojo
Quelle: Box Office Mojo

«Bohemian Rhapsody» ist der einzige Film, der es in die Top 10 geschafft hat und keine Fortsetzung oder Teil eines bestehenden Film-Franchises ist. Alle anderen Streifen erzählen keine in sich abgeschlossenen Geschichten. Und wenn doch, dann beziehen sie zumindest Kontext aus ihren Vorgängern. Ähnlich, wie es Serien tun.

Serien und Streaming-Anbieter: Ausgeburten der Hölle?

Serien ändern unsere Gewohnheiten. Teils drastisch, teils tragisch. Mir fällt es beispielsweise schwer, einen Film, dessen Laufzeit zwei Stunden überschreitet, am Stück zu schauen. Das kommt mir dann wie eine lebenslange Verpflichtung vor, die bestimmt unbefriedigend enden wird. Es sei denn, ich kenne bereits die Figuren und die Handlungsbögen, in denen sie sich bewegen.

Sind Serien und ihre Schöpfer also Ausgeburten der Hölle, die uns süchtig machen?

Eine Antwort darauf zu finden, fällt mir schwer. Denn Sucht hat mit Eskapismus zu tun. Also dem Gefühl, in eine bereits bekannte Welt einzutauchen, die den grauen und stressigen Alltag für eine Weile vergessen lässt. Natürlich nutzen das Netflix und Konsorten aus. Wenn wir uns aber nicht in Serien flüchten, dann in anderen Dingen, die Spass machen. Bücher. Comics. Filme. Oder Sport. Wir brauchen alle irgendein Ventil, mit dem wir den Kopf freibekommen und alle Sorgen für ein paar Stunden pro Woche vergessen können.

Und ja: Auch ich liebe gute Serien und finde, dass ich vom enormen Serien-Angebot profitiere. Mich stört aber, wie Streaming-Anbieter unser Verhalten teils ins Krankhafte zu treiben versuchen. Etwa dann, wenn aus dem Hause Netflix verlautbart wird, dass Schlaf der eigentliche Feind sei. Oder aus suchthaftem Verhalten wie Binge Racing eine Sportart gemacht wird.

«And for what? For a little bit of money», sagt Marge Gunderson am Ende von «Fargo».


Luca Fontana
Luca Fontana
Editor, Zürich
Abenteuer in der Natur zu erleben und mit Sport an meine Grenzen zu gehen, bis der eigene Puls zum Beat wird — das ist meine Komfortzone. Zum Ausgleich geniesse ich auch die ruhigen Momente mit einem guten Buch über gefährliche Intrigen und finstere Königsmörder. Manchmal schwärme ich für Filmmusik, minutenlang. Hängt wohl mit meiner ausgeprägten Leidenschaft fürs Kino zusammen. Was ich immer schon sagen wollte: «Ich bin Groot.»

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