Oculus Go: Was kann die All-in-One-VR-Brille?

Oculus Go: Was kann die All-in-One-VR-Brille?

Philipp Rüegg
Philipp Rüegg
Zürich, am 05.07.2018
Bilder: Thomas Kunz

Eine VR-Brille, die weder PC noch Smartphone benötigt. Die Oculus Go will die VR-Brille für die Masse sein und macht tatsächlich fast alles richtig.

Aufsetzen und loslegen. Einfacher als mit der Oculus Go kannst du VR derzeit wohl kaum erleben. Anders als bei der Oculus Rift, HTC Vive oder Gear VR brauchst du dazu weder einen Highend-PC noch ein Smartphone. Die Oculus Go ist eine All-In-One-Lösung. Die nötige Hardware und das Display sind fix integriert. Du musst nur den beiliegenden Controller in die Hand nehmen und kannst sofort in die Virtual Reality abtauchen. Mit dieser Einsteiger-VR-Brille will Facebook den Massenmarkt erobern. Bloss ein Spielzeug oder ernstzunehmende VR-Alternative? Ich hab mir die Oculus Go aufs Gesicht gedrückt.

Was steckt drin?

Power-Button sowie Lautstärke-Regelung sind gut erreichbar.
Power-Button sowie Lautstärke-Regelung sind gut erreichbar.

Die Oculus Go benutzt nicht das gleiche OLED-Display wie die Rift. Stattdessen kommt ein 5.5-Zoll-LCD mit 2560 x 1440 Pixeln zum Einsatz. Es soll dafür sorgen, dass die Abstände zwischen den Pixeln weniger wahrgenommen werden und der Screen-Door-Effekt verschwindet. Das heisst, du solltest damit weniger merken, dass du auf ein Display unmittelbar vor deinen Augen starrst. Meine Erfahrung bestätigt das. Die Auflösung ist höher als bei der Rift (2160 x 1200 Pixel), aber niedriger als bei der HTC Vive Pro (2880 x 1600 Pixel). Die kostet aber auch rund viermal so viel.

Die Oculus Go ist mit neuen Fresnel-Linsen ausgestattet, die laut Oculus «God Rays» (Lichtdispersion) verhindern sollen. Diese können in besonders kontrastreichen Szenen auftauchen. Ob's tatsächlich an den Linsen lag, kann ich nicht beurteilen, aber mir sind jedenfalls keine göttliche Strahlen aufgefallen.

Ein Sensor erkennt, wann du die Brille auf- oder absetzt.
Ein Sensor erkennt, wann du die Brille auf- oder absetzt.

Angetrieben wird die Brille von einem Snapdragon-821-Prozessor, der auch im ersten Pixel-Phone von Google verbaut ist oder im OnePlus 3T. Je nach Version kriegst du 32 GB oder 64 GB NAND-Speicher. Spiele und Apps können zwischen 50 Megabyte und mehreren Gigabyte gross sein.

Abgerundet wird das ganze von 3 GB RAM. Alles in allem steckt in der Oculus Go etwa die gleiche Hardware wie in einem zwei Jahre alten Smartphone. Das reicht aber, um alle verfügbaren Apps und Games flüssig zu spielen.

Komfort und Design

Bei der Nase dringt etwas Licht in die Brille.
Bei der Nase dringt etwas Licht in die Brille.

Das erste, was mir beim Anziehen auffällt, ist, dass die Go etwas frontlastig ist. Das überrascht mich nicht, da schliesslich die ganze Hardware im Display steckt. So schwer, dass du Nackenstarre bekommst, ist sie aber nicht. Das Design ist schlicht und elegant. Die Verarbeitung ist tadellos. Was nicht verwundert, da das Gerät von Xiaomi produziert wird. Der chinesische Hersteller ist bekannt für qualitativ hochwertige Hardware. Mit Schlaufen auf der Seite sowie oben kannst du das Gerät an deine Kopfgrösse anpassen. Insgesamt sitzt die Oculus Go recht bequem, ein etwas zerknautschtes Gesicht kriegst du aber trotzdem, wenn du sie länger aufhast.

Display, Sound und Akku

Die Oculus Go besitzt am oberen Displayrand zwei Knöpfe: Einen zum Einschalten und einen für die Lautstärke. Zum Booten benötigt die Brille knapp 30 Sekunden. Ich hab sie aber meist im Standby-Modus gelassen. Von da ist sie in wenigen Sekunden einsatzbereit. Die Qualität des Displays ist überraschend gut. Ein deutlicher Fortschritt von Gear VR und Google Daydream. Ich würde sie bezüglich Bildqualität vor PS VR und Rift aber hinter der Vive Pro einordnen. Du musst die Brille relativ gut ausrichten, damit du scharf siehst. Mal eingestellt, überzeugen Bild und Sichtbereich. Einzelne Pixel sind zwar immer noch erkennbar, aber nur wenn man darauf achtet. Bei der Nasenaussparung dringt etwas Licht rein, was stören kann.

Die unscheinbaren Lautsprecher auf der Seite produzieren erstaunlich guten Sound.
Die unscheinbaren Lautsprecher auf der Seite produzieren erstaunlich guten Sound.

Du kannst deine eigenen Kopfhörer über den 3.5mm-Anschluss anschliessen oder die integrierten 3D-Lautsprecher benutzen. Diese sind in den schmalen Kunststoffvorrichtungen auf der Seite verborgen, die gleichzeitig als Halterung für die Kopfbänder dienen. Dank Bewegungssensor merkt die Go, wenn du deinen Kopf zur Seite neigst, weshalb sogar 3D-Audio möglich ist. Die Qualität ist wirklich gut, obwohl die Lautsprecher oberhalb der Ohren positioniert sind. Der 3D-Sound ist ebenfalls überraschend genau und auch die Lautstärke mehr als genügend. Dass Aussenstehende nur schwach hören, was du gerade treibst, ist ebenfalls erfreulich. Dein Gegenüber im Zug wird je nach Lautstärke wohl etwas mitbekommen, störender als fremde Kopfhörer ist die Go aber kaum.

Der Akku hält für Games etwa zwei Stunden und für Filme oder Videos etwas länger. Das klingt nach extrem wenig, aber meistens wirst du nicht viel länger in VR abtauchen wollen. Ansonsten kannst du auch ein microUSB-Kabel anschliessen und am Netz weiterzocken. Wenn du im Hintergrund Downloads am Laufen hast, verringert sich die Akkulaufzeit zusätzlich. Auch die Performance leidet dann etwas, was du besonders in den Menüs merkst, die dann plötzlich nicht mehr richtig reagieren.

Bedienung

Die Fernbedienung liegt sehr gut in der Hand.
Die Fernbedienung liegt sehr gut in der Hand.

Zum Einrichten musst du die Oculus-App auf deinem Smartphone installieren. Diese führt dich durch den Setup-Prozess. Dazu müssen beide Geräte mit dem Wlan verbunden sein und du benötigst entweder einen Oculus- oder einen Facebook-Account. Mit der App kannst du bei Bedarf Einstellungen vornehmen sowie Apps und Spiele installieren. Der Prozess ist unkompliziert und es hat alles im ersten Anlauf geklappt.

Für die Steuerung der Oculus Go wird ein Controller mitgeliefert. Er besitzt drei Tasten, sowie einen Touchbereich für den Daumen, der sich ebenfalls drücken lässt. Er liegt sehr gut in der Hand und gefällt mir deutlich besser als der der Gear VR oder Google Daydream. Mit den Controllern der Rift kann er aber niemals mithalten. Da die Go keine externen Sensoren besitzt, sieht die Brille nicht, wo sich der Controller befindet. Stattdessen wird er offenbar einfach in einer fixen Distanz zum Headset positioniert. Da du einstellen kannst, ob du Rechts- oder Linkshänder bist, stört das aber nicht gross. Aber es passierte mir regelmässig, dass ich dort hinlangte, wo mir in VR der Controller angezeigt wird, nur um eine leere Tischplatte vorzufinden. Allzu weit entfernt, war der Controller aber nie.

Die Navigation durch die Menüs oder in Spielen funktioniert ansonsten fast tadellos. Manchmal reagierte die Touchsteuerung nicht so wie ich wollte, was aber eher auf die Software zurückzuführen sein dürfte. Ob in den typischen VR-Schiessbuden-Games oder Adventure-Spielen, in denen es gemächlicher zugeht – der Go-Controller funktioniert präzise, zuverlässig und intuitiv.

Durch einen Sensor innerhalb der Brille schaltet sie sich automatisch ein, beziehungsweise geht in den Standby-Modus, wenn du sie an- oder abziehst.

Inhalte

Den Store kannst du auch von der App aus bedienen.
Den Store kannst du auch von der App aus bedienen.

Aber was kannst du eigentlich mit der Oculus Go alles machen? Über 1000 Gear-VR-Inhalte sind im Store verfügbar. Hinzu kommen über 100, die entweder neu oder zumindest überarbeitet wurden. Du findest diverse Video-Apps wie Netflix, Within, Oculus TV (hierzulande nur eingeschränkt verfügbar) etc. In Netflix kannst du dich in ein virtuelles Wohnzimmer setzen und auf einer riesigen Leinwand deine Serien schauen. Die Qualität hat mich dabei überrascht und ist mehr als genügend, um einen Film zu schauen. Gerade im Flugzeug, wenn du dich mal ausklinken willst und dir das winzige Board-System zum Gucken nicht ausreicht.

Neben Filmen und Serien sowie ein paar unterhaltsamen Chat-Apps dürften die meisten die Oculus Go zum Spielen benutzen. Unter den üblichen 0815-VR-Spielereien findest du mittlerweile doch das eine oder andere Highlight wie «Pet Lab», «End Space» oder «They Suspect Nothing». Insgesamt gibt es im Oculus Store genug Inhalte, um dich aktiv oder passiv zu unterhalten.

Da die VR-Brille wie erwähnt ohne externe Sensoren auskommen muss, sind die Spielerlebnisse auch alle stationär. Du bewegst dich also höchstens um deine eigene Achse. Ich bin beim Spielen meistens gesessen. Gerade bei Shooter-Games, wo du den Controller ausstrecken musst, wird das schnell anstrengend. Praktischer ist es darum, wenn du deinen Arm auf der Armlehne ruhen lässt.

Fazit: Die beste VR-Lösung für Einsteiger und «Sparfüchse»

Ein unkomplizierteres VR-Erlebnis gibt es praktisch nicht.
Ein unkomplizierteres VR-Erlebnis gibt es praktisch nicht.

Über 500 Franken für eine Oculus Rift oder über 1000 für die HTC Vive Pro sind stolze Summen. Nicht enthalten ist dabei der leistungsfähige PC, den du benötigst. Da ist die Oculus Go für 250 respektive 300 Franken ein richtiges Schnäppchen. Die All-In-One-Lösung ist extrem einsteigerfreundlich und macht trotzdem nur wenige Abstriche in der Qualität. Primär musst du bei der Leistung Kompromisse eingehen. Optisch und technisch haben Spiele für Rift, Vive oder PSVR die Nase vorn. Die Oculus Go besitzt eher kurzweilige Unterhaltung und ich zweifle daran, dass ich Abends lieber etwas auf der Go zocke, statt am PC. Aber wie es der Name schon sagt, ist die neue Go für Unterwegs gedacht. Und dort kann sie durch die einfache Handhabung punkten. VR-Skeptiker wird sie nicht bekehren. Wer aber auf der Kippe ist oder portable Unterhaltung sucht, für den ist die Oculus Go die ideale VR-Lösung.

Wir sollten die Oculus Go voraussichtlich in der Kalenderwoche 29 (16. - 22. Juli) erhalten.

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Philipp Rüegg
Philipp Rüegg

Senior Editor, Zürich

Als Game- und Gadget-Verrückter fühl ich mich bei digitec und Galaxus wie im Schlaraffenland – leider ist nichts umsonst. Wenn ich nicht gerade à la Tim Taylor an meinem PC rumschraube, oder in meinem privaten Podcast über Games quatsche, schwinge ich mich gerne auf meinen vollgefederten Drahtesel und such mir ein paar schöne Trails. Mein kulturelles Bedürfnis stille ich mit Gerstensaft und tiefsinnigen Unterhaltungen beim Besuch der meist frustrierenden Spiele des FC Winterthur.

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