Pop-up-Probleme: Nieder mit dem Wurfzelt

Pop-up-Probleme: Nieder mit dem Wurfzelt

Michael Restin
Michael Restin
Zürich, am 20.08.2021
Sie sind sekundenschnell einsatzbereit, aber beim Einpacken störrischer als jeder Esel. Strandmuscheln und Pop-up-Zelte sind nicht nur nervig und unhandlich, sondern selten die beste Lösung.

In Nullkommanichts aufgebaut! Das liest sich gut und stimmt ja auch. Deshalb ist das Pop-up-Prinzip nicht nur bei Wurfzelten beliebt. Es gibt alles, was entfernt an ein Zelt erinnert, auch zum Aufpoppen: Von der Gartentonne über das Fussballtor bis hin zur Strandmuschel.

Dass du unter Umständen eine kleine Ewigkeit zum Abbauen und Verstauen brauchst, in der du mehrmals an deinen geistigen Fähigkeiten zweifeln wirst, steht nirgends. Kein Warnhinweis. Selten eine ausführliche Anleitung, sondern nur ein paar Piktogramme, die das Problem des Zusammenfaltens harmlos und klein erscheinen lassen. Denn natürlich werden dir nur die positiven Aspekte des Produkts verkauft. Aber irgendwann drängt sie sich auf, die entscheidende Frage, die sich nicht nur bei der Strandmuschel GuGus stellt.

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Sicher gibt es Menschen, die einen kurzen Blick auf die Anleitung werfen, zupacken und so ein aufgepopptes Ungetüm auf Anhieb wieder in seine Hülle zwängen. Ich kenne vor allem die anderen. Die, die anfangs an den störrischen Fiberglasstäben dieser Dinger verzweifeln. Oder immer wieder aufs Neue. Denn üblicherweise brauchst du diese Pop-up-Produkte nur ein paar Mal im Jahr. Wenn der nächste Frühling kommt, ist der mühsam gelernte Trick längst vergessen.

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 Alles Gugus?

Positiv gedacht bekommst du nicht nur ein Zelt, sondern auch ein Gesellschaftsspiel. Falten? Drücken? Drehen? Wie soll das gehen? Ich habe selbst schon an diversen heiteren Rätselrunden teilgenommen, in denen anfangs zuversichtliche Menschen kläglich gescheitert sind. Mir drängt sich die Frage auf, warum so viele in die Pop-up-Falle tappen. Warum soll es eine gute Idee sein, wagenradgrosse Taschen durch die Gegend zu schleppen, die jederzeit zu explodieren drohen, statt einfach ein paar Stangen in ein klassisches Zelt zu stecken? Das lohnt sich höchstens für Festivalgänger, die sowieso nicht vor haben, es wieder abzubauen (was natürlich auch eine dämliche Idee ist). Ansonsten hält sich die Zeitersparnis in Grenzen, wohingegen der Pop-up-Ärger grenzenlos sein kann. Ganz besonders am Strand oder in der Badi, wo du sowieso nur ein paar Stunden verbringst. Ich jedenfalls bereue den Tag, an dem ich eine aufpoppende Strandmuschel gekauft habe.

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Am liebsten stelle ich sie gar nicht auf. Das Beste an ihr ist, dass es noch Platz in der Tasche hat, den ich für Handtücher, Sonnencreme und Kinderspielzeug nutzen kann. Kommt sie doch einmal zum Einsatz, bin ich heilfroh, wenn ich sie anschliessend ohne grössere Peinlichkeiten wieder in ihre Hülle zwinge. Denn die emotionale Fallhöhe ist gross, wenn Aufbruchstimmung herrscht. Selbst tiefenentspannte Menschen verwandeln sich binnen Minuten in gestresste Wesen, die sich von dem widerspenstigen Gestänge in aller Öffentlichkeit an der Ehre gepackt fühlen. Ich habe schon einige Egos daran zerbrechen sehen.

 Nieder mit der Pop-up-Kultur!

Mit Kleinkindern sind dir eventuelle Mühen oder Blamagen erst einmal komplett egal. Du denkst: Ein Schutzraum muss her. Möglichst schnell. Das ist (zu) kurz gedacht und vielleicht genau der Denkfehler, der in die Pop-up-Falle führt. Ich habe ihn jedenfalls gemacht und nach und nach festgestellt, dass nichts an so einer Muschel wirklich praktisch ist. Kaum fliegt sie in den Sand, verdeckt sie fortan mindestens drei anderen hinter dir die Sicht und Schatten spendet sie nur von der Sonne abgewandt. Während du einen Sonnenschirm einfach neigen kannst, musst du die Strandmuschel im dümmsten Fall um 180 Grad drehen. Such dir also immer einen passenden Ort aus, wenn du die heissen Stunden nicht mit Blick auf den Parkplatz und die genervten Leute, denen du die Aussicht verdeckst, verbringen willst.

Selbst unter Idealbedingungen ist das Ding ein schlecht belüfteter Brutkasten, der dir 75 Prozent der Aussicht nimmt, wegen der du gekommen bist. Du liegst zwar windgeschützt, doch oben, unten, links und rechts siehst du nur Nylon. Werden die Böen stärker, entwickelt die Muschel Kite-Qualitäten und du sitzt darin fest, um sie am Boden zu halten, in dem du bei deinem Abgang am liebsten versinken möchtest. Denn wie ging das Zusammenlegen noch gleich? Während ich meine Muschel auf Biegen und Brechen zurück in die Tasche stopfe, denke ich mir regelmässig: Nieder mit der Pop-up-Kultur! Ein grosser Wurf sind diese Konstruktionen allesamt nicht. Jeder halbwegs durchdachte Sonnenschirm oder ein Zelt mit Stangen ist handlicher, praktischer und stellt sie locker in den Schatten.

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Michael Restin
Michael Restin

Editor, Zürich

Sportwissenschaftler, Hochleistungspapi und Homeofficer im Dienste Ihrer Majestät der Schildkröte.

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