
Hintergrund
Sonnig und sauber statt düsterer Dystopie: Das Genre Solarpunk sieht’s positiv
von Debora Pape

Im Cozy-Game «Outbound» verschmelzen Roadtrip-Feeling und kreativer Basenbau zu einem entspannten Solarpunk-Abenteuer. Trotz kleinerer Tempoprobleme entfaltet das Spiel eine faszinierende Sogwirkung.
Die Sonne geht unter und die Nacht bricht herein. Die Scheinwerfer meines Wohnmobils durchschneiden die Dunkelheit. Es ist Zeit, das Fahrzeug abzustellen und das Nachtlager aufzuschlagen. Ich gieße noch schnell die Gemüsebeete, die ich vor dem Camper angelegt habe. Dann lege ich mich in mein gemütliches Bett und träume von den niedlichen Kaninchen, die ich heute gefüttert habe. Das Leben ist schön!
Einfach mal Alltag, Arbeit und Sorgen hinter mir lassen und mit einem Campervan drauflosfahren – das ist ein Traum, den ich mir im Cozy-Game «Outbound» erfülle. Ich setze mich ans Lenkrad eines kleinen Busses, der aussieht wie der Prototyp des Hippie-Mobils, und lasse die Seele baumeln. Vor mir liegt eine offene Welt mit sammelbaren versteckten Objekten wie Gartenzwergen und hübschen Aussichtspunkten.

Klingt für ein Spiel etwas dünn? Wäre es auch. Deswegen lässt mich «Outbound» den Bus zu einer gemütlichen, rollenden Basis ausbauen, für die ich neue Baupläne, Materialien und Deko benötige. Dadurch bekommt das Spiel eine kreative Komponente und motiviert mich, auch bereits bekannte Wege erneut abzufahren, um neue Pläne einzusammeln.
Anders als ich zunächst erwartet habe, nutze ich zum Ausbau des Vans keine Wohnmobilmodule, wie etwa eine Kochnische und Regale für mehr Stauraum. «Outbound» geht einen anderen Weg: Das Dach meines Vehikels wird zum Fundament für ein richtiges Haus, das ich aus Boden-, Wand- und Dachelementen zusammenzimmere. Wenn ich will – natürlich! –, spendiere ich meinem Haus sogar eine Veranda mit Blumentöpfen und ein gläsernes Gewächshaus für gesunde Mahlzeiten.

Nun eignet sich ein Einfamilienhaus nicht sonderlich gut für die Fahrt über Brücken und Waldwege. Deswegen lässt sich der gesamte Bau im Bruchteil einer Sekunde wieder im Wagen verstauen. Der Grundgedanke ist eigentlich simpel. Wer schon mal mit einem Campervan unterwegs war, kennt es: Abends wird die Markise hervorgezogen, das Stromkabel in die stationäre Steckdose gesteckt und der Campingstuhl vor dem Bus aufgestellt. Das bedeutet mehr Komfort für die Zeit des Aufenthalts.
Dieses Prinzip treibt «Outbound» mit Haus- und Gartenbau auf die Spitze. Dadurch habe ich sowohl einen kleinen, charmanten Bus zur Erkundung der vier Biome als auch die Möglichkeit, mir ein umfangreiches Heim nach meinem Geschmack aufzubauen und es immer dabei zu haben. Die Idee finde ich als Basenbau-Fetischistin super.
«Outbound» ist kein Survival-Crafting-Game, braucht beim Basenbau den Vergleich aber nicht zu scheuen. Durch Baupläne und Forschungen lerne ich, höherwertige Materialien und neue Werkzeuge herzustellen oder die vorhandenen aufzuwerten. Das gibt mir Zugriff auf weitere Bauelemente, Möbel und Werkbänke, mit denen ich wiederum mein Haus weiter verschönere.

Wenn ich durch ein Gewitter fahre und der Regen dumpf aufs Dach meines Vehikels prasselt, spüre ich, wie jegliche Anspannung von mir abfällt. Pflanzen, die sich im Wind wiegen, rauschende Wasserfälle und niedliche Kaninchen, die ich füttern kann, beruhigen die Seele.
Zum Gefühl der Entspannung im Spiel trägt für mich auch das Solarpunk-Setting bei. Das ist ein optimistisches Science-Fiction-Genre, in dem der Mensch technische Errungenschaften im Einklang mit der Natur nutzt, statt diese auszubeuten. In «Outbound» kann ich nicht einmal Bäume fällen, um an Baumaterial zu kommen. Brauche ich Holz, muss ich herumliegende Holzstücke oder umgekippte Baumstämme suchen.
An Rastplätzen sammle ich Müll ein und werfe ihn in den Recycler meines Campervans. Die Belohnung: Gutscheine für neue Baupläne. Manchmal stehen am Straßenrand auch Automaten. Dort kann ich unterwegs aufgelesene Kronkorken einwerfen und erhalte zufallsbedingt neue Dekoobjekte. Das motiviert zusätzlich, in der Welt die Augen offenzuhalten.

Die Batterien meines E-Fahrzeugs lade ich zunächst durch einen Generator auf, den ich mit Holz und Pflanzenfasern füttere. Später montiere ich Windturbinen und Solarmodule an meinem Haus, die für volle Akkus sorgen. Auch gläserne Gewächshäuser sind typisch für das Solarpunk-Genre, in dem alles auf Nachhaltigkeit ausgelegt ist. Eine witzige Entdeckung: An den Flügeln einer Windmühle – die an sich ja bereits nachhaltig Windenergie nutzt – sind Solarmodule angebracht. Warum nicht?

Obwohl mir «Outbound» viel Spaß macht, überzeugt mich nicht alles. Ein Beispiel ist die Laufgeschwindigkeit. Ruhe und Gemächlichkeit sind schön und gut, aber mein Charakter bewegt sich quälend langsam. Das ist keine Entspannung, sondern erzwungenes Zeitschinden. So vermeide ich längere Wege zu Fuß, weil sich auch kurze Strecken wirklich weit anfühlen. Für meinen Geschmack wäre das Ausdauer-Sprinten die ideale Geschwindigkeit für das normale Gehen.
Auch das Ressourcensammeln finde ich teilweise zu grindlastig. Weil ich keine Bäume fällen kann, muss ich nach Holz am Boden Ausschau halten. Immer wieder halte ich am Straßenrand an und springe aus dem Van, um ein einzelnes Scheit aufzuheben – ein Tropfen auf den heißen Stein. Durch die langsame Laufgeschwindigkeit sind Streifzüge durch die Wälder zum Holzsammeln auch eher nervig.

Mir fehlt zudem die Möglichkeit, POIs auf der Karte zu markieren. Sonst finde ich die Höhle mit den abbaubaren Erzen oder sonstige Landmarken später nicht mehr wieder. Wünschen würde ich mir außerdem mehr Informationen zu Gegenständen. Für ein spezielles Werkzeug brauche ich die Herstellungsressource «Faden». Wie ich Fäden herstelle, steht dort nicht.
Es gibt auch keinen Forschungsbaum, in dem ich auf eine bestimmte Werkbank hinarbeiten kann. Die meisten Baupläne werden mir zufallsbedingt zur Auswahl gestellt. So habe ich wenig Einfluss darauf, wann ich ein benötigtes Material oder ein Werkzeug herstellen kann. Dieses Frustgefühl stört den entspannenden Spielfluss.
«Outbound» ist ab dem 11. Mai für PC (Steam), PS5, Xbox Series und Nintendo Switch erhältlich. Das Spiel wurde mir von Square Glade Games zu Testzwecken für den PC zur Verfügung gestellt.
Obwohl mich der Grind, die langsame Laufgeschwindigkeit und die Orientierungslosigkeit bei den Bauplänen nerven, gefällt mir «Outbound» sehr gut. Die Idee mit dem Hausbau per «Lager aufschlagen» ist super. Sie verbindet die Roadtrip-Erfahrung mit umfangreichen kreativen Baumöglichkeiten.
Die Grafik ist einfach, aber liebevoll. Hin und wieder sorgen Mini-Games beim Herstellen oder zum Entsperren von Terminals für ein wenig Abwechslung. Die entspannte Atmosphäre lässt sich auch im Koop-Modus mit bis zu drei anderen Personen genießen. Ausprobiert habe ich das aber nicht.
Pro
Contra
Fühlt sich vor dem Gaming-PC genauso zu Hause wie in der Hängematte im Garten. Mag unter anderem das römische Kaiserreich, Containerschiffe und Science-Fiction-Bücher. Spürt vor allem News aus dem IT-Bereich und Smart Things auf.
Welche Filme, Serien, Bücher, Games oder Brettspiele taugen wirklich etwas? Empfehlungen aus persönlichen Erfahrungen.
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