Salone del Mobile: Fünf Designs für das neue Normal

Salone del Mobile: Fünf Designs für das neue Normal

Pia Seidel
Pia Seidel
Zürich, am 23.09.2021
Bilder: Pia Seidel
Nach zwei Jahren Pause konnte die Mailänder Möbelmesse endlich wieder vor Ort stattfinden. Trotzdem ging die Pandemie nicht spurlos an ihr vorbei. Das zeigt sich in einigen der ausgestellten Arbeiten.

Es gibt keine langen Schlangen vor der Messehalle, weil viele Leute anstehen. Dafür aber lange Schlangen, weil viele mit Maske und Sicherheitsabstand anstehen. Das ist, was mir bei meinem Besuch des diesjährigen Salone del Mobile als Erstes auffällt. Aufgrund der Pandemie wurde der «Salone» vergangenes Jahr verschoben und fand jetzt in reduzierter Form als «Super Salone» statt. Parallel zur grossen Messe gab es überall in der Stadt verteilt kleine Ausstellungen. Deshalb gab es dennoch viel zu sehen und hier und da auch zum gleichen Thema: dem Coronavirus. Viele Designer:innen greifen die aktuelle Situation auf und entwerfen nicht einfach nur den nächsten Stuhl, sondern erste Prototypen für das neue Normal. Fünf ganz unterschiedliche Arbeiten stechen für mich dabei besonders hervor.

1. Ökologische medizinische Uniformen

Medizinische Kleidung wurde wegen COVID-19 in den letzten anderthalb Jahren mehr als zuvor gebraucht. Ein Anlass für den Produktdesigner und ECAL-Absolventen Benjamin Bichsel, diese zu hinterfragen. Er hat im Rahmen seiner Abschlussarbeit «Cima – Circula Medical Apparel» ein nachhaltigeres und komfortableres Design für medizinische Hemden entwickelt.

Die Kleidungsstücke vom Projekt Cima sind in Zusammenarbeit mit Industriepartnern entstanden.
Die Kleidungsstücke vom Projekt Cima sind in Zusammenarbeit mit Industriepartnern entstanden.
Sie bestehen aus nachwachsenden Rohstoffen und sind vollständig kompostierbar. Ausstellung: Alcova, Milan Design Week 2021.
Sie bestehen aus nachwachsenden Rohstoffen und sind vollständig kompostierbar. Ausstellung: Alcova, Milan Design Week 2021.

Die normierten Hemden bestehen zurzeit meistens aus fossilbasierten Kunststoffen wie Polyester oder Polypropylen. Es gibt simple Varianten für Patient:innen und aufwendigere für Ärtzt:innen. Beide sollen funktional sein und vor Infektionen schützen. Nur generieren beide viel Abfall. Das möchte Benjamin ändern. Er hat medizinische Kleidung aus einem erneuerbaren Material entwickelt, das in speziellen Recyclinganlagen biologisch abgebaut werden kann. Es setzt sich aus pflanzlichen Fasern zusammen, die auch für mehr Tragekomfort sorgen, weil diese Feuchtigkeit besser absorbieren. Solche nachhaltigen Lösungen sind in der Textilbranche gefragter denn je. Die Chance, dass sich der Trend auch bei medizinischen Textilien durchsetzt, schätze ich als hoch ein. Ein Projekt mit guten Perspektiven.

2. Schönere Hygienescheiben

Ob im Restaurant oder an der Kasse – zerkratzte Plexiglasscheiben als Aerosolschutz, auch Spuckschutz genannt, sind funktional, aber alles andere als schön. Das japanische Kollektiv Spread hat diese Mittel zum Zweck ansprechender gestaltet. Mit dem Design «Flag Partition» kombinieren sie die Kraft der Farbe mit antiviraler Technologie. Die Trennwand besteht aus einem Netzmaterial, das für Filter in medizinischen Einrichtungen verwendet wird. Es wurde verarbeitet mit der antiviralen und antibakteriellen Technologie namens Cufitec, die 99,9 Prozent der Viren auf der Oberfläche eliminieren und eine Tröpfchenübertragung verhindern soll.

Die Trennwände Flag Partition sehen nicht nur gut aus...
Die Trennwände Flag Partition sehen nicht nur gut aus...
... sie sollen dank spezieller Beschichtung vor Tröpfchenübertragung schützen. Ausstellung: Alcova, Milan Design Week 2021
... sie sollen dank spezieller Beschichtung vor Tröpfchenübertragung schützen. Ausstellung: Alcova, Milan Design Week 2021

Durch die Trennwände möchte Spread erreichen, dass sich die Leute wieder sicherer fühlen, wenn sie Zeit miteinander verbringen. Gleichzeitig soll sie der farbenfrohe Anblick erfreuen. In meinen Augen gelingt Letzteres. Die flaggenähnlichen Stoffwände sind dekorativ und sind in einem Restaurant sicher «appetitlicher» als Plexiglas. Zwar sehe ich mein Gegenüber etwas unschärfer als gewohnt, aber das würde ich für mehr Sicherheit in Kauf nehmen. Nur ist die Cufitec -Technologie noch zu wenig verbreitet, als dass ich ihre Wirkung einschätzen könnte.

3. Neue Regeln für den Mannschaftssport

Viele Menschen haben Sport, aktiv oder passiv, vermisst. Der italienische Designer Giovanni Locatelli war einer davon. Er hat deshalb für sein Projekt «Sportest» neue, Corona-konforme Varianten existierender Sportarten entwickelt. Dabei soll ganz ohne Körperkontakt gespielt werden.

Die Idee von Sportest ist noch Theorie.
Die Idee von Sportest ist noch Theorie.
Sie könnte künftig aber neue Spielformen etablieren. Ausstellung: The Lost Graduation Show, Milan Design Week 2021
Sie könnte künftig aber neue Spielformen etablieren. Ausstellung: The Lost Graduation Show, Milan Design Week 2021

Statt Körperkontakt beinhalten die neuen Varianten Distanz als Teil des Spiels. Alle Spieler:innen haben fest zugewiesene Plätze und einen Bewegungsradius, der durch farbige Felder markiert wird. Um sich in einen neuen Bereich zu bewegen, muss die andere Person dort zuerst raus. Hierbei hält es sich noch um ein Gedankenspiel. Deshalb fällt es mir schwer zu glauben, dass die neuen Spiele so Anklang finden. Wie würde Basketball funktionieren, ohne dass du dich deinem Gegner nähern kannst? Trotzdem zählt bekanntlich oft schon der Gedanke.

4. Etwas, das beruhigt

Während des Lockdowns haben manche Leute ihr Zuhause in einen Dschungel verwandelt und andere haben Brot gebacken oder sonst ein neues Hobby angefangen. Die Designerin Michal Kleiner hat ihre persönliche Suche nach Trost und was ihr in schwierigen Zeiten guttut, genauer angeschaut. Dabei ist eine Reihe von Produkten unter dem Namen Three’s Company entstanden, die davon inspiriert ist.

Diese Wärmflasche schlängelt sich anders als die meisten um den Hals und die Brust.
Diese Wärmflasche schlängelt sich anders als die meisten um den Hals und die Brust.
Der Deckel des Sauerteig-Anfängerbehälters ist zart geformt und besitzt einen zarten Farbton. Ausstellung: The Lost Graduation Show, Milan Design Week 2021
Der Deckel des Sauerteig-Anfängerbehälters ist zart geformt und besitzt einen zarten Farbton. Ausstellung: The Lost Graduation Show, Milan Design Week 2021

Die Serie umfasst drei Objekte, die vom Umgang mit Stress inspiriert sind: eine Wärmflasche für den Körper, die du um den Hals und die Schultern wickeln kannst. Das soll dir das Gefühl geben, umarmt zu werden, wenn du Nähe brauchst. Einen Sauerteig-Anfängerbehälter und ein System für die Aufzucht und Kultivierung von Pflanzen, wenn du Ablenkung suchst. Auch wenn die Produkte nicht komplett neu sind, hebt sich ihre Formgestaltung von der Norm ab. Angefangen mit der schlauchförmigen Wärmflasche bis zum pastellfarbigen Glasbehälter, kommt alles sehr freundlich daher.

5. Das Fitnessstudio für den Schreibtisch

Im Homeoffice hat vielen Leuten das spontane Gespräch in der Kaffeeecke oder der Gang zum nächsten Meeting gefehlt. Für mehr Abwechslung bei der Büroarbeit hat die Industrial Design Studentin Louisa Pankow deshalb das Work-out-Toolkit «Spine» entworfen.

Spine ist eine Art Mini-Fitnessstudio im Büro.
Spine ist eine Art Mini-Fitnessstudio im Büro.
Das Toolkit soll dich auf Trab halten. Ausstellung: Haus by the Sea / Trunk Show, Milan Design Week 2021
Das Toolkit soll dich auf Trab halten. Ausstellung: Haus by the Sea / Trunk Show, Milan Design Week 2021

Das Kit besteht aus diversen Holzobjekten sowie einer Schreibtischunterlage, die wie ein Spielfeld mit Markierungen versehen ist. Die Linien auf der Unterlage helfen dir dabei, Übungen, die du via Code und Web-App erhältst, auszuführen und den Kopf einen Moment lang freizubekommen. Testen konnte ich das Objekt, das einem Rollholz gleicht oder das Kugelobjekt nur ohne Übung. Aber es hatte bereits etwas Beruhigendes, letzteres auf der in den Händen hin und her zu rollen. Ähnlich wie ein Anti-Stress-Ball – einfach nur in schön.

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Pia Seidel
Pia Seidel

Senior Editor, Zürich

Es gibt zwei Arten, sein Leben zu leben: entweder so, als wäre nichts ein Wunder, oder so, als wäre alles ein Wunder. Ich glaube an Letzteres. – Albert Einstein

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