Schneller gehen, langsamer altern
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Schneller gehen, langsamer altern

Michael Restin
Michael Restin
Zürich, am 22.10.2019
Schlechte Nachrichten für Flaneure: Wer schneller geht, altert im Schnitt langsamer und ist auch geistig fitter. Das gilt nicht nur für Senioren, sondern lässt sich schon sehr viel früher nachweisen.

Seit 45 Jahren schon läuft in Neuseeland die «Dunedin Study», die ihre Teilnehmer seit frühester Kindheit bis ins mittlere Erwachsenenalter begleitet hat. Dass die gut 1000 Kinder der Jahrgänge 1972 und 1973 immer wieder untersucht werden, war ursprünglich nicht geplant. Aber nach einer ersten Kontrolle im Alter von drei Jahren, bei denen die Kinder mittels standardisierter Methoden unter anderem auf Intelligenz und motorische Fähigkeiten getestet wurden, ging es weiter: Mit 5, 7, 9, 11, 13, 15, 18, 21, 26, 32, 38 und zuletzt 45 Jahren stellte sich der Grossteil von ihnen den Wissenschaftlern zur Verfügung.

Fast 95 Prozent der noch lebenden (und inzwischen weit verstreut lebenden) Probanden reisten dafür nach Dunedin. Diesmal standen auch Gehirnscans und eine Ganganalyse auf dem Programm. Und mit den gesammelten Daten konnte eine Forschergruppe um Erstautorin Line Jee Hartmann Rasmussen von der Duke University der Frage nachgehen, ob die Gehgeschwindigkeit schon in diesem Alter Aufschluss über die körperliche und geistige Fitness geben kann. Sie wurde bislang vor allem bei Senioren untersucht. Vom Rentenalter sind die Neuseeländer noch weit entfernt, aber die Wissenschaftler konnten trotzdem interessante Zusammenhänge feststellen:

  • Wer langsamer ging, war schneller gealtert. Allein in der Zeitspanne zwischen dem 26. und 45. Lebensjahr hatten die langsamsten 20 Prozent gegenüber den schnellsten 20 Prozent ganze fünf Jahre «verloren». Das biologische Alter wurde anhand von 19 Biomarkern wie Blutdruck, Cholesterinwerten oder Zahnfleischgesundheit sowie durch die optische Einschätzung einer Jury ermittelt. Die Schrittgeschwindigkeit wurde in drei Varianten (normal/maximal/mit kognitiver Zusatzaufgabe) gemessen und gemittelt. Der Durchschnitt lag bei 1.48 Metern pro Sekunde, die langsamste Gruppe würde mit 1.21 Metern pro Sekunde ganze 14 Zentimeter hinter einem Berner zurückbleiben.
  • Die schnellen Geher waren schlauer. Der IQ der schnellsten 20 Prozent lag im Durchschnitt 16 Punkte über dem der langsamsten Gruppe. Sogar eine Verbindung zum ersten Test im Alter von drei Jahren liess sich herstellen. Die heute Schnelleren schnitten schon damals bei den kognitiven Untersuchungen häufig deutlich besser ab.
  • Das Altern zeigt sich schon relativ früh im Leben. Genau wie bei Senioren liess sich schon bei den Mittvierzigern nachweisen, dass ein Zusammenhang zwischen der Gehgeschwindigkeit und dem allgemeinen körperlichen Zustand besteht.

Warum also nicht noch früher hinschauen? Genau das empfehlen die Autorinnen und Autoren der Studie für die Zukunft, da sie in der recht einfach durchzuführenden Untersuchung der Gehgeschwindigkeit einen wichtigen Indikator sehen.

Einerseits erscheinen ihre Ergebnisse logisch, da Intelligenz und ein höherer Bildungsgrad häufig auch einen gesünderen Lebensstil zur Folge haben. Und wer dreimal die Woche joggen geht, wird auch beim Einkaufen nicht in Zeitlupe vor dem Kühlregal mit den Joghurts auf und ab schlurfen. Andererseits ist es erschreckend, dass sich schon anhand von kognitiven Tests bei Dreijährigen ableiten liess, wie sie ein paar Jahrzehnte später durchs Leben laufen werden: schnell oder langsam, fit oder vorzeitig gealtert, schlau oder weniger schlau.

Wobei ich mich frage, was nun eigentlich schlauer ist: Vollgas geben oder entschleunigen? Die schnellsten Fussgänger der Welt wurden vor ein paar Jahren mal in Singapur verortet. In der Regel sind es doch vor allem gehetzte Grossstädter, die in den Burnout rennen oder gleich mit einem Herzinfarkt umkippen. Und das ist auch nicht gesund. Ich wette, es gibt eine Studie dazu.

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Michael Restin
Michael Restin

Editor, Zürich

Sportwissenschaftler, Hochleistungspapi und Homeofficer im Dienste Ihrer Majestät der Schildkröte.

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