So «einfach» kannst du deine alte Konsole entgilben
So «einfach» kannst du deine alte Konsole entgilben
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So «einfach» kannst du deine alte Konsole entgilben

Philipp Rüegg
Philipp Rüegg
Zürich, am 22.10.2018

Alte Konsolen neigen mit der Zeit dazu einen fiesen Gelbstich zu erhalten. Glücklicherweise haben ein paar gewiefte Nerds vor Jahren ein Gegenmittel entdeckt. Ich hab's an meinem Super Nintendo ausprobiert.

Sieht deine alte Konsolen auch aus, als wäre sie in den letzten 30 Jahren in einer verqualmten Bahnhofbeiz rumgestanden? Dann ist es Zeit für den Frühlingsputz. Mein Super Nintendo besitzt wie viele Konsolen und Elektrogeräte aus den 80ern dieses typische graue Plastikgehäuse – nur, dass sich das Grau bei meinem Gerät in ein hässliches Gelb verwandelt hat. Da mich dieser Schandfleck in meinem Konsolenregal schon länger stört, ist es Zeit für etwas DIY mit dem angeblichen Wundermittel: Wasserstoffperoxyd. Ich werde zwei Methoden ausprobieren: Die sogenannte Retr0bright-Mischung sowie eine Fertigvariante mit einem Mittel vom Coiffeur.

Besorgungstour mit Tücken

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Die erste Frage stellt sich beim Wasserstoffperoxid, das in unterschiedlichen Stärken erhältlich ist. Gemeinhin gelten 15%- oder 30%-Lösungen am erfolgsversprechendsten. Laut den deutschen Retro-Foren ist das Zeugs aber offenbar nicht ganz einfach zu beschaffen, wenn man nicht auf einer Terroristen-Liste landen will. Ich hatte allerdings bereits bei der dritten Apotheke Glück. Davor gab's schräge Blicke und lediglich eine 3%-Version. Damit kriegst du aber weder das Gelb von deinen Zähnen geschweige denn einen SNES wieder grau. «Wie viel hätten sie denn gern?», fragt mich die nette junge Dame in Apotheke Nummer drei. «So einen halben Liter», erwidere ich. «Ui, da muss ich schauen, ob wir noch so viel haben», sagt sie und verschwindet, vermutlich um mich an die Behörden zu verpfeifen. Nach ein paar Minuten kehrt sie mit zwei Flaschen und ohne Polizei zurück. Ich kauf noch einen Beutel Babynahrung zur Tarnung und bedanke mich.

Die Theorie

Die Vergilbung ist übrigens dem damals populären Kunststoff ABS (Acrylnitril-Butadien-Styrol-Copolymer) mit integriertem Flammschutzmittel zu verschulden. Wird der Plastik UV-Strahlen ausgesetzt, kommt es zu einer chemischen Reaktion. Die im Flammschutzmittel enthaltenen Brommoleküle werden dadurch instabil und dringen durch das Gehäuse an die Oberfläche. Dadurch verfärbt sich das Plastik gelb oder gar braun.

Zu unserem Glück hat das CBM Museum im deutschen Wuppertal 2008 entdeckt, dass es Heilung in Form von Wasserstoffperoxid gibt. Diese Meldung verbreitete sich wie ein Lauffeuer erst über deutsche Foren und schliesslich über englische Amiga-Foren. Am Ende entstand die Retr0bright-Gemeinde. Diese widmete sich bis zu der Schliessung der Website anfang Jahres den Tipps und Tricks rund um das Restaurieren alter Elektrohardware.

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Über die Jahre sind verschiedenste Rezepturen entstanden, die die Vergilbung rückgängig machen sollen. Ein 100%-Lösung gibt es nicht. Da nicht alles Plastik genau gleich ist, kann es vorkommen, dass beispielsweise die Unterseite der Konsole grau geblieben ist, aber der Deckel einen Gelbstich aufweist. Die variierende Materialqualität in Verbindung mit zahlreichen Mixturen machen es schwierig, die perfekte Lösung zu eruieren. Die Grundsubstanz ist aber in allen Fällen Wasserstoffperoxid, welches die hervortretenden Brommoleküle entfernt. Die Anwendung ist im Prinzip ganz einfach. Wasserstoffperoxid auftragen, in die Sonne legen und warten. Nach ein paar Stunden sollte sich das Gelb entfernt haben.

Eine haarige Angelegenheit

Da die Retr0bright-Methode etwas umständlich ist, sind ein paar Hobby-Chemiker (oder echte, wer weiss das schon) auf eine einfache Alternative gestossen. «40 Volume Creme Developer» heisst das Produkt auf Englisch, welches beim Haarefärben zum Einsatz kommt. Ich könnte es mir übers Internet bestellen, da es aber Coiffeur-Salons wie Sand am Meer gibt, versuche ich mein Glück offline.

Auf die Frage, ob ich meine Haare schneiden möchte, zeige ich dem Coiffeur um die Ecke das Bild aus dem Internet: «Ich bräuchte so Chemiezeug». Ich ernte noch schrägere Blicke als in der Apotheke, aber die Dame weiss immerhin sofort, was ich suche: «Du willst Oxy.» Als wir anfangen, über verschiedene Stärken zu diskutieren, komme ich mir vor wie beim Grasdealer. «Mit diesem Produkt kriegst du zwei Tönungen heller.» Ich versuche das auf meinen blondierten SNES anzuwenden, scheitere aber am Vorstellungsvermögen. «Gib mir einfach das stärkste, das du hast», sage ich ihr und komme mir nun wirklich vor wie beim Dealer. Sie verschwindet im Salon und kommt einen Moment später mit leeren Händen zurück: «Wofür brauchst du das eigentlich?», will sie wissen. Ich erkläre ihr mein nerdiges Anliegen, obwohl sie nicht aussieht, als hätte sie jemals einen SNES in freier Wildbahn gesehen. Trotz Verständnis will sie mir das Mittelchen nicht aushändigen. Sie verkaufen diese Sachen nicht und ich soll's stattdessen übers Internet bestellen.

Die Fertigmischung vom Coiffeur.
Die Fertigmischung vom Coiffeur.

So schnell gebe ich nicht auf. 200 Meter die Strasse runter ist ein weiterer Coiffeur. Die Dame dort kann zwar nicht perfekt Deutsch, versteht aber umgehend, was ich meine. Auch sie hat mein gesuchtes Mittel an Lager. Bevor sie es mir aushändigt, konsultiert sie noch kurz ihren Chef, der rauchend und kaffeeschlürfend vor dem Salon hockt. Aus irgendeinem Grund ist er noch misstrauischer als die Apothekerin und die erste Coiffeuse. In gebrochenem Deutsch will er wissen, was mir die Flasche wert ist. Ich zeig ihm die Internetpreise, die bei 10 CHF anfangen. «25 Franken», sagt er. Ja, bin ich hier auf einem Basar gelandet? Na gut, ich will endlich mit dem Bleichen anfangen und willige ein. Da hat er sich's bereits wieder anders überlegt. Offenbar denkt er, ich will ein Konkurrenzgeschäft aufmachen. Hat er mal meine Frisur gesehen? Ich hab keine. Als er erfährt, dass ich einen Artikel schreiben will, bietet er mir an, mir eine Flasche gratis zu überlassen, wenn ich ihm dafür helfe, ein Schreiben aufzusetzen. Er gibt nämlich seinen Salon auf und braucht dafür irgendeine schriftliche Bestätigung. Weil aber Deutsch nicht seine Muttersprache ist, benötigt er Hilfe. Was soll's, denk ich mir, Hauptsache, ich bekomm meinen Stoff.

Ich versteh zwar nur halb, was er genau will, aber bei einem Tarif von einer Flasche pro halbe Stunde, darf er auch nicht viel erwarten. Er scheint aber zufrieden mit dem Ergebnis und drückt mir am Ende eine Flasche mit dem Wasserstoffzeugs in die Hand – sie ist praktisch leer. «Reicht für zweimal auftragen», meint der Chef. Entweder gehört er heimlich der Retro0bright-Community an oder er glaubt immer noch, dass ich ins Haarbusiness einsteigen will. Ich zucke die Schultern und schüttle meine Mähne zum Abschied.

Warnhinweis

Bei der angewendeten Methode ist Vorsicht geboten. Sowohl für die Hardware wie auch für den Anwender. Wasserstoffperoxid kann Plastik spröde machen oder allfällige Aufdrucke verwaschen. Zudem handelt es sich um eine Säure, die auf keinen Fall in die Augen oder auf die Haut kommen sollte.

Ausserdem kann es sein, dass in ein paar Jahren wieder ein Gelbstich hervortritt. Es ist keine Garantie für die Ewigkeit.

Der Test beginnt

Diese Zutaten benötigst du.
Diese Zutaten benötigst du.

Nachdem ich endlich alle Zutaten beisammen habe, kann's losgehen. Die folgende Ausrüstung wird benötigt:

  • Wasserstoffperoxid oder Haarmittel vom Coiffeur
  • Handschuhe
  • Schutzbrille
  • Pinsel
  • Klarsichtfolie oder Behälter
  • Reinigungsalkohol oder Seife
  • Schraubenzieher
  • Verdickungsmittel, Xanthan

Als allererstes schraubst du die Konsole auseinander. Leider besitzen viele Geräte wie mein SNES Spezialschrauben, die auch spezielle Schraubenzieher benötigen. Diese kriegst du für rund 15 CHF im Netz. Alternativ kannst du einen Schlitzschraubenzieher einkerben. Das ist mir aber zu unzuverlässig. Merk dir, wo welche Schrauben hinkommen, sonst darfst du wie ich anschliessend Youtube-Videos durchspulen, um die genaue Platzierung wiederzufinden. Wir benötigen nur die Plastikteile der Konsole – die Elektronik oder die Schrauben würden bei dem Prozess kaputt gehen. Reinige die Teile vor dem nächsten Schritt noch ausgiebig. Entweder mit Alkohol, in der Waschmaschine oder einfach mit Seife.

Der SNES erfordert spezielle Schraubenzieher.
Der SNES erfordert spezielle Schraubenzieher.

Ich fange mit der Retr0Bright-Methode an. Je nach Menge von Wasserstoffperoxid könntest du die Flüssigkeit einfach in einen grossen Behälter giessen und die Gehäuseteile darin einlegen. Ich habe aber nur knapp einen halben Liter und weil ich nicht genau weiss, ob und wie stark ich die Säure verdünnen soll, wähle ich die Einseifmethode. Dazu musst du das Wasserstoffperoxid erst verdicken, damit es sich mit dem Pinsel auftragen lässt. Ich hab dafür von der Apotheke Resource erhalten. Das mische ich mit etwas Seife (z.B. Vanish), es sollte schön schäumen. Wenn du die Sachen in einer Flasche mixt, musst du beim Öffnen extrem aufpassen, dass dir nichts ins Gesicht spritzt – darum beim Mischen und Auftragen unbedingt Schutzbrille und Handschuhe tragen.

Meine Mischung sieht folgerndermassen aus: * 200 ml Wasserstoffperoxid 30 % * zwei Massbecher Vanish * mindestens zwei Esslöffel Resource

Der Schaum bildet sich erst nach etwa einer halben Stunde.
Der Schaum bildet sich erst nach etwa einer halben Stunde.

Die Mixtur solltest du anschliessend etwa eine halbe Stunde ruhen lassen, bis sie richtig schaumig ist. Anschliessend kannst du sie grosszügig mit dem Pinsel auf die Plastikteile auftragen. Verpacke danach alles schön in Klarsichtfolie. Das verhindert, dass das Wasserstoffperoxid verdunstet, wodurch Flecken entstehen können.

Das Einwickeln soll verhindern, dass das Wasserstoffperoxid verdunstet.
Das Einwickeln soll verhindern, dass das Wasserstoffperoxid verdunstet.

Den unteren Teil meines SNES behandle ich mit der Coiffeur-Mischung. Es ist sozusagen die Fertigversion von der Retr0bright-Mixtur. Auch diese habe ich dick aufgetragen und anschliessend in Klarsichtfolie gewickelt. Danach heisst es warten. Die einen sagen ein paar Stunden, andere reden von einem Tag. Da ich das Projekt im September durchgeführt habe, scheint die Sonne nicht mehr so stark. Zum Vergleich: bei Sonnenhöchststand am 21. Juni erreicht die Globalstrahlung über 1000 W/m2. Im Herbst sind es nur noch ungefähr 600 W/m2.

Jetzt heisst es, warten.
Jetzt heisst es, warten.

Und hat’s funktioniert?

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Die Lichtverhältnisse waren leider nicht gleich, aber der Unterschied ist wirklich deutlich sichtbar.
Die Lichtverhältnisse waren leider nicht gleich, aber der Unterschied ist wirklich deutlich sichtbar.

Nach rund vier Stunden in der Sonne habe ich die Klarsichtfolie entfernt und die SNES-Hüllen sorgfältig abgewaschen. Das Ergebnis sieht man sofort: Statt hässliches Nikotingelb, lacht mir wieder das helle SNES-Grau entgegen. Der rechteckige Bereich, wo Super Nintendo draufsteht, ist noch ein bisschen gelblich, aber deutlich hübscher als vor der Behandlung. Beide Methoden haben funktioniert. Die Retr0bright-Variante war aber etwas gründlicher. Dafür hat der Kunstoff auch mehr gelitten. Man erkennt relativ gut, wie ungleichmässig ich die Mixtur aufgetragen habe. Da ich nicht gewartet habe, bis sie schaumig war, hat sie sich vermutlich schlechter verteilt. Trotz dieses kleinen Schönheitsfehlers bin ich mit dem Resultat zufrieden. Mein SNES sieht wieder richtig gesund aus. Schade habe ich auch vergessen, das Frontpanel abzumontieren – beim nächsten mal.

Falls du nun selber zum Alchemisten werden willst, empfehle ich dir zuerst die Fertigvariante zu probieren. Du kommst leichter an die Zutat, es ist billiger und einfacher anzuwenden. Ich bin gespannt, auf eure Ergebnisse.

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Philipp Rüegg
Philipp Rüegg

Senior Editor, Zürich

Als Game- und Gadget-Verrückter fühl ich mich bei digitec und Galaxus wie im Schlaraffenland – leider ist nichts umsonst. Wenn ich nicht gerade à la Tim Taylor an meinem PC rumschraube, oder in meinem privaten Podcast über Games quatsche, schwinge ich mich gerne auf meinen vollgefederten Drahtesel und such mir ein paar schöne Trails. Mein kulturelles Bedürfnis stille ich mit Gerstensaft und tiefsinnigen Unterhaltungen beim Besuch der meist frustrierenden Spiele des FC Winterthur.

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