«Têt»: Virtuelle vietnamesische Küche
PortraitGaming

«Têt»: Virtuelle vietnamesische Küche

Simon Balissat
Simon Balissat
Zürich, am 30.09.2019
Bilder: Stephanie Tresch
Tofu schneiden, Rüebli schälen und in Reisteig einrollen. Das Koch-Game der Genfer Designerin Charlotte Broccard ist simpel, witzig und sehr persönlich. «Têt» ist eine Hommage an ihre vietnamesischen Wurzeln.

Sie habe sich selbst immer als Schweizerin gesehen, sagt Charlotte Broccard bei unserem Telefoninterview und lacht. Als Kind hat sie sich selbst auf Zeichnungen eher mit westlichen Augen gemalt. «Nur beim Essen bin ich Vietnamesin. Ich bin mit der vietnamesischen Küche aufgewachsen. Erst später habe ich realisiert, dass das eigentlich zu meinem kulturellen Erbe gehört», sagt die 25 Jährige. Ihre Mutter ist Vietnamesin, ihr Vater Schweizer. Vietnamesisch spricht sie nicht. Charlotte mag sich aber genau an die Düfte und Geräusche in der Küche ihrer Grossmutter erinnern. Sie war es, die damals aus Vietnam nach Paris auswanderte. Charlotte stammt also in dritter Generation von Einwanderern ab. Ihre Vergangenheit und eine längere Asienreise haben die Interaction Designerin schliesslich zu «Têt» inspiriert.

Es ist angerichtet! Quelle: playtet.com
Es ist angerichtet! Quelle: playtet.com

Vietnamesische «WarioWare»

«Ich bin eigentlich gar keine Gamerin», gibt die Designerin zu. «Mein Game ist daher eher simpel. Es ist von meinem Lieblingsspiel «WarioWare» inspiriert. Viele, kleine Aufgaben, die du in einem Zeitlimit lösen musst». Die hungrigen Gäste stehen pünktlich vor der Tür, das ist aber auch das einzig schweizerische an «Têt». Das Setting: ein Dinner zum namensgebenden vietnamesischen Neujahr. Der knallbunte, simple und leicht verrückte Stil der illustrierten Spielwelt passt zum festlichen Thema und kommt gut an. Charlotte Broccard durfte das Game bei der Design Biennale in Zürich, beim «Fantoche» Festival in Baden und sogar bei der «Game Developers Conference» (GDC) in San Francisco präsentieren.

«Têt» bei der Design Biennale in Zürich
«Têt» bei der Design Biennale in Zürich

«Têt» ist sowohl Game, als auch Kunst, ursprünglich entstanden als Bachelor-Arbeit an der ECAL (école d’art cantonal de Lausanne). Ein Spiel zu programmieren ist nicht ganz einfach, da Charlotte Broccard in erster Linie Designerin ist. Bei einem Game-Designer-Treffen in Lausanne hat sie Etienne Frank kennengelernt. Der Game-Entwickler unterstützt sie beim Programmieren.

Eine Herausforderung ist das Geld, da Charlotte derzeit keine Förderung bekommt. Ein Antrag auf Fördergelder wurde abgelehnt mit der Begründung, das Projekt habe sich seit dem letzten Antrag nicht genügend weiterentwickelt. Charlotte war damals mit Praktika beschäftigt und hatte daher wenig Zeit, an «Têt» zu arbeiten. «Es war mein erster Versuch, Fördergelder zu beantragen. In Zukunft werde ich das anders angehen», gibt Charlotte zu. Unterstützung hat sie in anderer Form erhalten. Dank der Stiftung «Pro Helvetia» konnte Charlotte Broccard ihr Game in San Francisco bei der Messe namens GDC vorstellen. Das Fachmagazin CNET wählte «Têt» sogar zu einem der Highlights.

Charlotte beim Fantoche 2017. Quelle: Fantoche.ch
Charlotte beim Fantoche 2017. Quelle: Fantoche.ch

Aktuell arbeitet sie vor allem an der Fertigstellung von «Têt» und lehrt Interessierte nebenbei «Unity». Das ist die Software, in der das Game programmiert ist. «Ich hoffe, dass ich «Têt» nächstes Jahr fertig habe», sagt die Genferin. Danach hat Charlotte Pläne für weitere Versionen von «Têt» mit japanischer oder indischer Küche. Von der Schweizerischen Küche lässt sie virtuell die Finger, für den Moment.

«Têt» erscheint 2020 für iOS und Mac OS. Weitere Versionen sind geplant.

6 Personen gefällt dieser Artikel


Simon Balissat
Simon Balissat

Teamleader Editorial, Zürich

Als ich vor über 15 Jahren das Hotel Mama verlassen habe, musste ich plötzlich selber für mich kochen. Aus der Not wurde eine Tugend und seither kann ich nicht mehr leben, ohne den Kochlöffel zu schwingen. Ich bin ein regelrechter Food-Junkie, der von Junk-Food bis Sterneküche alles einsaugt. Wortwörtlich: Ich esse nämlich viel zu schnell.

Diese Beiträge könnten dich auch interessieren