Tiermissbrauch in der Kosmetikindustrie

Tiermissbrauch in der Kosmetikindustrie

Natalie Hemengül
Natalie Hemengül
Zürich, am 01.07.2020
Tierversuche zu kosmetischen Zwecken sind in der Schweiz verboten. Dennoch kann es sein, dass du mit einem Kauf hierzulande Tierleid unterstützt. Eine Expertin erklärt, weshalb das so ist und wie du es vermeidest.

Dass die Tierversuchsbilder in der Mediendatenbank der Tierrechtsorganisation PETA nicht leicht zu verdauen sind, hatte ich schon vermutet. Dass mir die «Galerie des Grauens», wie ich sie getauft habe, noch tagelang schwer im Magen liegen würde, hingegen nicht. Aufnahmen, die mich beim Blick in den Spiegelschrank, beim Sitzen an meinem Schminktisch und beim Online-Shoppen von Beauty-Produkten verfolgen – zu Recht. Laut Anne Meinert, Biologin und Fachreferentin für den Bereich Tierversuche bei PETA Deutschland, werden jährlich weltweit Hunderttausende von Tieren für Versuchszwecke missbraucht, die im Zusammenhang mit der Kosmetikindustrie stehen. Zum Beispiel für Giftigkeitstests. Dabei handelt es sich um Eingriffe oder Behandlungen, die für das Tier mit Schmerz, Leid und Schäden bis hin zum Tod einhergehen.

Mäuse und Ratten machen den grössten Anteil der missbrauchten Tiere aus. Da sie klein sind, lassen sie sich einfach in enge Käfige zwängen. Ausserdem bekommen sie in kurzer Zeit viele Nachkommen. «Aber auch Kaninchen, Hunde, Katzen, Affen und andere Tiere werden bei Versuchen gequält. Wenn die Tiere nicht schon während dieser Versuche sterben, werden sie im Regelfall am Ende getötet. Also dann, wenn es keine 'Verwendung' mehr für sie gibt», sagt Meinert.

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China gibt den Ton an, die Hersteller tanzen

In der Schweiz ist der Verkauf von kosmetischen Mitteln, die an Tieren getestet wurden, untersagt. «Allerdings können für Inhaltsstoffe, die nicht ausschliesslich für kosmetische Produkte verwendet werden, im Rahmen der Schweizer Chemikalienverordnung Tierversuche verlangt werden», erklärt Meinert.

Ein anderes Schlupfloch sei der Export nach China. Dort verlangt die Regierung für einen Grossteil der auf dem Markt erhältlichen Produkte Tierversuche. Marken, die eine Zulassung für den chinesischen Markt wollen, müssen ihre Produkte zuvor an Tieren testen. So kann es sein, dass eine Mascara, die hierzulande ohne Tierversuche ins Regal gelangt, in einem anderen Land trotzdem Tierleid bedingt. «Die gesetzlichen Vorgaben für den chinesischen Markt sind sehr komplex. Erfreulicherweise hat sich in den letzten Jahren einiges zugunsten von tierversuchsfreien Testmethoden getan. Demnächst ist eine Gesetzesänderung geplant, die Tierversuche für den Import einer bestimmten Kategorie von Kosmetika nicht mehr vorschreibt. Leider wurde die Entscheidung über die Verordnung aufgrund der Corona-Pandemie vertagt», so Meinert zur aktuellen Lage.

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«Tierversuche sollen die Unbedenklichkeit von Produkten und Inhaltsstoffen belegen – dabei können Ergebnisse aus Tierversuchen die Reaktion beim Menschen in den meisten Fällen nicht vorhersagen. Es gibt zahlreiche tierfreie Testmethoden, die nicht nur ethisch vertretbar, sondern auch zuverlässiger sind und für den Menschen relevante Ergebnisse hervorbringen.» So könne man beispielsweise statt einem Kaninchen potenziell reizende Substanzen ins Auge zu reiben, an modernen Gewebekulturen mit menschlichen Zellen testen. Aber weshalb wird dann überhaupt noch an Tieren getestet? «Ein Paradigmenwechsel von Tierversuchen zu tierfreien Methoden wird unter anderem durch mangelnde Förderung, langwierige Anerkennungsprozesse und fehlende gesetzliche Vorgaben ausgebremst», erklärt die Fachreferentin.

Darauf kannst du achten

Wer als Konsument auf Tierleid verzichten will, verliert bei den zahlreichen Gütesiegeln schnell mal den Überblick. Zum Beispiel schliessen als «vegan» zertifizierte Produkte Tierversuche nicht automatisch aus. Der Begriff «vegan» ist laut der Expertin nicht gesetzlich geschützt. Möchtest du sichergehen, dass deine Kosmetik vegan und tierversuchsfrei ist, kannst du dich beispielsweise am «cruelty-free + vegan»-Logo von PETA orientieren oder einen Blick auf die Liste der Webpage Kosmetik-ohne-Tierversuche.de werfen. Diese Unternehmen haben schriftlich zugesichert, weltweit zu 100 % keine Tierversuche durchzuführen, in Auftrag zu geben oder zu finanzieren. Das schliesst auch die einzelnen Inhaltsstoffe ihrer Zulieferer mit ein. Auf der Liste sind vegane Marken zudem zusätzlich gekennzeichnet. Hier findest du ausserdem eine Liste verschiedener Labels im Vergleich. Alternativ kannst du auch auf der US-Liste tierversuchsfreier Kosmetik unter «Cruelty-free Product Availabilty by Country» die Schweiz auswählen. Auf der Liste für Deutschland Marken und Unternehmen findest du ebenfalls Hersteller, die zum Teil auch in der Schweiz ihre Produkte vertreiben.

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Viele Inhaltsstoffe, die heute verwendet werden, wurden vor Jahrzehnten in Tierversuchen getestet. Ein Unternehmen, das einen ehemals getesteten Inhaltsstoff verwendet, kann als tierversuchsfrei gelten, wenn es weder neue Tierversuche durchführt, noch welche in Auftrag gibt – auch nicht für Inhaltsstoffe, die in anderen Bereichen verwendet werden. Zudem darf es keine Tierversuche in Kauf nehmen, wie beispielsweise durch den Export auf das chinesische Festland.

«Das Tierleid der Vergangenheit können wir nicht ungeschehen machen – aber wir können uns dafür einsetzen, dass sich mehr und mehr Unternehmen gegen Tierversuche und für eine tierversuchsfreie Firmenpolitik entscheiden, trotz einer lückenhaften Gesetzeslage.»

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Bilder: PETA

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Natalie Hemengül
Natalie Hemengül
Editor, Zürich
Als Disney-Fan trage ich nonstop die rosarote Brille, verehre Serien aus den 90ern und zähle Meerjungfrauen zu meiner Religion. Wenn ich mal nicht gerade im Glitzerregen tanze, findet man mich auf Pyjama-Partys oder an meinem Schminktisch. PS: Mit Speck fängt man nicht nur Mäuse, sondern auch mich.

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