
Hintergrund
Der Volkskrankheit Rückenschmerzen gezielt den Kampf ansagen
von Patrick Bardelli

Ein amerikanischer Virologe hat ein Bier entwickelt, das vor einem gefährlichen Virus schützen soll. Der Gedanke ist keine Schnapsidee, sondern ein handfester Protest gegen ein Zulassungssystem, das aus seiner Sicht quälend langsam arbeitet. Doch der Selbstversuch bringt ihn nun in Schwierigkeiten.
Ein kühles Ale statt einer Spritze in den Arm, um sich gegen einen gefährlichen Erreger zu wappnen? Klingt absurd – ist aber die ernst gemeinte Idee des Virologen Chris Buck von den National Institutes of Health (NIH). Es blieb nicht bei der Theorie: Buck hat seinen Plan umgesetzt und zusammen mit seinem Bruder Andrew ein experimentelles Anti-Viren-Bier gebraut.
Warum betreibt ein gestandener Forscher so einen Aufwand? Die kurze Antwort: Frust. Buck arbeitet seit mehr als 15 Jahren an Impfstoffen gegen BK-Polyomaviren. Diese Viren tragen viele Menschen in sich, meist ohne es zu merken. Für Menschen mit stark geschwächtem Immunsystem, vor allem nach Organtransplantationen, können sie aber gefährlich werden und transplantierte Organe schwer schädigen.
Buck prangert an, dass klassische Impfstoffe oft nur durch einen langen, teuren und bürokratisch zähen Entwicklungsprozess kommen. Gerade weil Impfstoffe gesunden Personen verabreicht werden, sind große klinische Studien und strenge Sicherheitsprüfungen essenziell. Nur: Für jemanden wie Buck fühlt sich dieses System wie eine Gletscherwand an – riesig, kalt, unbeweglich.
Dazu kommt ein persönlicher Antrieb. Laut Buck bekam ein Freund von ihm als erwachsener Mann keinen Zugang zur HPV-Impfung, weil diese Impfung in den USA nur für andere Gruppen vorgesehen war. Später starb er an einem HPV-assoziierten Krebs. Für Buck war klar: Das System ist zu starr, zu langsam und schließt Menschen aus, die dringend Schutz benötigen. Er suchte nach einem Ausweg.
Der Ausweg führte ihn ausgerechnet zum Bierbrauen. Buck experimentierte mit gewöhnlicher Brauhefe, Saccharomyces cerevisiae, und veränderte sie so, dass sie virusähnliche Partikel produziert. Das ist praktisch wie die leere Hülle eines Virus. Sie sieht für das Immunsystem aus wie der Feind, enthält aber kein infektiöses Erbgut. Der Körper soll also lernen, Antikörper zu bilden, ohne dass eine echte Infektion entsteht.
In ersten Versuchen stellte Buck fest, dass die Hefe lebendig im Verdauungstrakt ankommen musste, um eine Immunantwort auszulösen. Da lebende Hefe Menschen vor allem in ungefiltertem Bier begegnet, war die Idee des «Impfbiers» geboren. Wer keinen Alkohol trinkt, so Buck, könne das Bier auch einfach abgießen und den Bodensatz – also die pure Hefe – löffeln.

Hier kommt der Geniestreich – oder der große Skandal, je nachdem, wen man fragt. Buck versuchte, ein regulatorisches Schlupfloch der US-Behörden zu nutzen. Wird ein Stoff injiziert, gilt er in den USA in der Regel als Arzneimittel oder biologisches Produkt und muss ein aufwendiges Zulassungsverfahren durchlaufen. Wird er hingegen getrunken oder gegessen und basiert auf Stoffen wie Brauhefe, kann er eher in die Nähe eines Nahrungsergänzungsmittels rücken. Ganz so einfach ist es allerdings nicht: Auch in den USA dürfen Supplements nicht damit werben, wie eine Impfung zu wirken oder Krankheiten zu verhindern.
Um diese Strategie in die Tat umzusetzen, gründete Buck eine gemeinnützige Firma und ließ die modifizierte Hefe in minimalem Umfang verkaufen. Außerdem stellte er die Methode und seine Daten auf Zenodo, eine Online-Plattform für wissenschaftliche Veröffentlichungen.
In der EU wäre so ein Umweg praktisch ausgeschlossen. Ein Produkt, das mit einem Impf- oder Infektionsschutz-Zweck vermarktet wird, würde hier nicht als normales Lebensmittel oder Supplement durchgehen, sondern arzneimittelrechtlich geprüft werden. In der Schweiz gelten für solche Produkte ebenfalls strenge arzneimittelrechtliche Hürden. Bei gentechnisch veränderten Organismen kämen zusätzliche Anforderungen hinzu.
Doch wie effektiv ist dieses Bier denn nun in der Praxis? Da das Ethikkomitee von den National Institutes of Health (NIH) einen solchen Selbstversuch strikt untersagte, braute und trank er sein Bier als Privatperson zu Hause. Er entwickelte tatsächlich Antikörper gegen mehrere BK-Subtypen. Wissenschaftlich betrachtet ist dieser Selbstversuch kein belastbarer Wirksamkeitsnachweis.
Bucks Geschichte trifft einen wunden Punkt der modernen Medizin: Die schwierige Balance zwischen unbedingter Sicherheit durch strikte staatliche Regulation und dem drängenden Bedürfnis, lebensrettende Innovationen schnell zu den Patientinnen und Patienten zu bringen. Ob sein Impfbier jemals eine echte Alternative zur herkömmlichen Spritze wird, bleibt fraglich. Aber es hat eine längst überfällige Diskussion dazu angestoßen.
Wissenschaftsredakteurin und Biologin. Ich liebe Tiere und bin fasziniert von Pflanzen, ihren Fähigkeiten und allem, was man daraus und damit machen kann. Deswegen ist mein liebster Ort immer draußen – irgendwo in der Natur, gerne in meinem wilden Garten.
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