Warum es keine kleinen Smartphones mehr gibt und wie du dem Grössenwahn entkommst
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Warum es keine kleinen Smartphones mehr gibt und wie du dem Grössenwahn entkommst

Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher
Zürich, am 01.06.2018
Bilder: Thomas Kunz

User Miklagard wünscht sich seit Ewigkeiten ein neues Phone mit kleinem Bildschirm. Den Wunsch wird er wohl noch lange hegen müssen. Ich erkläre, weshalb.

Outtakes. Unser liebstes Gut. Wenn Videoproduzentin Stephanie Tresch und ich unterwegs sind, dann quasseln wir dann und wann Unsinn. Dann und wann quasseln wir den Unsinn in eine Kamera. Noch seltener kommt etwas halbwegs Vernünftiges dabei raus. Die Outtakes behalten wir in der Regel für uns. Heute machen wir das aber mal anders. Denn es war User Miklagard, der mich zu einem kurzen Video-Editorial über kleine Phones bewegt hat.

Miklagard hat in der Kommentarspalte zum Live Stream des LG G7, folgende Wünsche an das damals noch unbekannte Smartphone gestellt:

«Hoffentlich mal ein Handy das man brauchen kann. Nicht einen grossen Klumpen der aus designtechnischen Gründen schon vom Zuschauen kaputt geht. Maximal fünf Zoll. Lieber kleiner. Ohne überlappende Bildschirmränder. Android one. Köpfhöreranschluss. QI Charge.»
Miklagard

Damit steht Miklagard nicht alleine da. Da ich aber jeden Kommentar auf meine Artikel lese, kenne ich ihn schon. Miklagard, der eine, der sich kleine Phones wünscht. Am Bahnhof Zoo in Berlin mache ich mich an einen Erklärungsversuch.

Warum es keine kleinen Phones mehr gibt

Kleine Smartphones sind Geschichte. Bis auf ein paar Aussenseiter und Exzentriker wird keiner mehr ein Smartphone mit einer Bilddiagonale unter fünf Zoll, also 12.7 Zentimeter, herstellen. Das wird Miklagard zwar nicht gefallen, aber er gehört leider zu einer Minderheit. Eine Minderheit, wenn sie denn grösser wäre, die den Smartphone-Markt etwas interessanter gestalten würde.

Denn wenn der Markt für kleine Phones relevant gross wäre, dann würden sich Hersteller mit einer ganz anderen Sorte von Problemen auseinandersetzen müssen. Die wohl grösste Herausforderung dürfte die Akkuleistung sein. Wir sind uns zwar schon gewöhnt, dass wir unsere Smartphones jeden Abend aufladen müssen. Stecker rein, schlafen gehen. Das Ritual hast du wohl auch.

Der Akku des Sony XPeria XZ Premium nimmt viel Platz ein. Der Akku ist der graue Block
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Android Blog Italy

Aber wenn du ein Smartphone ohne Rückenplatte anschaust, dann wirst du feststellen, dass diese Leistung im Wesentlichen nur durch die Grösse des Phones möglich wird. Denn der Akku nimmt einen Grossteil der Fläche hinter dem Bildschirm ein. Wenn du jetzt also ein kleineres Smartphone herstellen willst, dann gibt es zwei Möglichkeiten:

  1. Akku kleiner machen
  2. Phone dicker machen und den Akku und die Komponenten über den Akku schichten

Beides klingt irgendwie nicht so spektakulär gut aus Endnutzersicht. Aber ich bin überzeugt davon, dass da draussen Engineers und Tüftler sind, die sich dieser Aufgabe gerne annehmen würden. Da macht ihnen aber der Markt einen Strich durch die Rechnung.

Die Sache mit dem Markt

Es kommt noch schlimmer für die Mini Smartphones. Denn wenn nur Miklagard, ich und ein paar unserer Kollegen Interesse an Miniphones zeigen, dann investiert kein Hersteller, gross oder klein, Geld in die Erfindung eines Flaggschiffs. Denn die Entwicklung eines Smartphones kostet Geld. Viel Geld.

Sogar wenn die ganze Schweiz meint, dass jetzt jeder Handybesitzer ein Vier-Zoll-Phone haben sollte, dann sind wir immer noch 8.4 Millionen Eigenbrötler. Für acht Millionen Phones lohnt sich die Entwicklung eines Phones immer noch nicht. Die Schweiz ist einfach nicht der Zielmarkt oder irgendwie ein Benchmark für irgendwas im internationalen Rennen um die Spitze im Smartphone-Rennen.

Das grosse Geld für Smartphones liegt nicht in Europa. China und Indien scheinen derzeit den Ton anzugeben. Etwas weniger bedeutsam aber immer noch gross sind die USA. Daraus entstehen recht lustige Dinge, wie die Sache mit dem Beauty-Filter, den du auf praktisch jedem Phone deaktivieren musst. In China stehen die Nutzerinnen und Nutzer auf die Selbstverschönerung per AI. Schmales Gesicht, Blässe und grosse Augen. In Europa wirkt das befremdlich.

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Doch zurück zu den kleinen Phones. User /u/S4G3R_BUG hat auf der Social Content Aggregation Platform Reddit anno 2017 folgendes zu Protokoll gegeben.

«5.5 Zoll sind so die Norm und 6 Zoll verkauft sich gut, selbst wenn einige wie ich 5 Zoll bevorzugen. Aber alles unter dieser Grösse gilt als «winzig».»
/u/S4G3R_BUG

In der Kommentarspalte meldet sich /u/matterwitu zu Wort. Der Amerikaner lebt nach eigenen Angaben in Indien und arbeitet für den chinesischen Smartphone-Hersteller Xiaomi als Produktmanager. Ob das stimmt, oder nicht, lässt sich ohne weiteres nicht erhärten, aber er gibt weitere Aufschlüsse.

Huawei macht mit dem Mediapad 7 Youth Werbung: Du kannst mit dem Tablet telefonieren
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Huawei
«Ein Grund, weshalb viele Leute grosse Phones bevorzugen ist der, dass sie keine eigenen Computer haben. Wenn ein Smartphone alles können muss, dann bist du mit über 5.5 Zoll besser dran. Tablets in Indien sind beliebter wenn es um tatsächliche Benutzung geht. Tablets werden auch als Hauptphone genutzt – beinahe alle werden mit SIM-Slot verkauft und für Anrufe, nicht nur Datentransfer, genutzt. SD-Karten sind normal, da die User gerne TV oder Filme schauen, selbst wenn Datenvolumen günstig ist.»
/u/matterwitu

Wenn wir den selben Vergleich wie oben – In der Schweiz leben maximal 8 Millionen Smartphone User – anstellen, dann leben in Indien 1.3 Milliarden oder 1300 Millionen User. In China 1.4 Milliarden oder 1400 Millionen Nutzer. Kombiniert sind das 2.7 Milliarden Menschen oder 36.9 Prozent der Menschheit, wenn wir von einer Weltbevölkerung von 7.3 Milliarden Menschen/EXCEL_FILES/1_Population/WPP2017_POP_F01_1_TOTAL_POPULATION_BOTH_SEXES.xlsx) ausgehen.

Die USA, der andere Ort an dem Nutzer dann und wann wieder nach kleinen Bildschirmen krähen, machen mit 325 Millionen Menschen 4.3 Prozent der Weltbevölkerung aus. Kombinieren wir das mit den 0.1 Prozent der Schweiz, dann sind die nach kleinen Phones krähenden 4.4 Prozent der Weltbevölkerung.

Dies natürlich nach der Annahme, dass die ganze Nation kleine Phones will. Die nicht repräsentative Menge unserer Community zeigt aber, dass Miklagard bei uns der einzige ist, der seinen Wunsch nach kleinen Phones laut äussert.

Die Sache mit der Produktion

Nachdem wir nun festgestellt haben, dass kein signifikanter Part des Marktes kleine Smartphones will, machen wir einen Ausflug in die Entwicklung und Produktion eines Smartphones. Wenn ein grosser Hersteller, sagen wir mal Samsung, ein Phone herstellt, dann gehen der ersten Stunde Entwicklung einige Überlegungen voraus. Vor allem ein Gedanke regiert aber:

Wie viele davon können wir verkaufen?

Dieser Gedanke ist es, der den breiten Markt davon abhält, Flaggschiffe mit kleinen Screens zu produzieren. Eine Nische ist ja lustig und alles, aber wenn die Nische nicht rentiert, dann produziert keiner für sie.

Ein Blick in die zweite Produktionsstätte, die Vivo in Indien eröffnet hat
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indianexpress.com

Sollte sich Samsung aber doch entscheiden, das Mini Phone zu produzieren, dann käme die Sache mit dem Preis. Die Phones wären wohl unverhältnismässig teuer, denn die Entwicklungskosten und die Gewinnmarge müssen von der Nische getragen werden, da Samsung ja keinen Bock auf Verluste hat. Dazu noch die Marge des Verkäufers, der auch nicht aus reinem Goodwill Geräte anbietet. Beim Development des Phones können sich die Entwickler nicht auf aktuelle Best Practises verlassen, denn diese sind auf grosse Bildschirme ausgelegt. Also müssen sie praktisch bei null beginnen. Das macht das Development unverhältnismässig teurer.

Das reflektiert sich auch in den Bauteilen. Die Industriestandards sind auch auf grosse Phones ausgelegt. Daher müssen die Bauteile teuer zugekauft werden oder gar custom hergestellt werden. Die Bauteile sind unverhältnismässig teuer.

Und das alles wird von der Nische getragen, die nicht besonders viele Köpfe hat. Daher ist das Szenario vom Mini Phone zu Flaggschiffpreisen nicht ganz abwegig. Wenn dann die Hälfte der Nische sich das nicht leisten kann, dann ist Miklagard schon bald alleine mit seinem Phone.

Daher: Sorry, Miklagard, wird wohl nix.

Die Alternative für Liebhaber kleiner Phones

Das will aber nicht heissen, dass Miklagard und Co. mit einem gigantischen Ziegel oder keinem Phone rumrennen müssen. Denn da gibt es mindestens eine Lösung, nebst der offensichtlichen. Die offensichtliche Lösung ist die, dass du dir ein altes Phone aufbereitest. Hier bieten sich iPhones an, denn wo Android Developer gerne mal einfach aufhören, Software Updates für ältere Phones zu machen, so ist ein iPhone 6s nach wie vor auf die aktuelle Version des Betriebssystems iOS updatebar. Das 6s hat eine Bildschirmdiagonale von 4.7 Zoll. Wenn es noch kleiner sein soll: Auf dem iPhone 5c läuft iOS 10.3.3 stabil. Nachher wird es haarig.

Alternativ bieten sich die Dumbphones an. Wo Nokia nach wie vor auf KaiOS setzt und damit mit WhatsApp einen der wichtigsten Kommunikationskanäle der Schweiz aussen vor lässt, macht der Schweizer Hersteller Smilyphone einen Schritt in Richtung smart. Das Smilyphone läuft auf einer Android-Version, was WhatsApp möglich macht.

So. Fertig. Miklagard, danke für die Inspiration zu diesem Text und ich seh dein Problem echt nicht.

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Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher

Senior Editor, Zürich

Journalist. Autor. Hacker. Ich bin Geschichtenerzähler und suche Grenzen, Geheimnisse und Tabus. Ich dokumentiere die Welt, schwarz auf weiss. Nicht, weil ich kann, sondern weil ich nicht anders kann.

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