Was auf dem Spielfeld wirklich demütigend ist
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Was auf dem Spielfeld wirklich demütigend ist

Michael Restin
Michael Restin
Zürich, am 05.11.2019
Wenn ein Team seine Gegner reihenweise deklassiert, gibt es meistens Lob für den Erfolgstrainer. Nicht so im netten Nassau County auf Long Island im US-Bundesstaat New York. Dort wurde ein Football-Coach gesperrt, weil sein Team zu hoch gewann. Die Regel ist gut gemeint, aber grundfalsch.

Am Ende war es ein Touchdown zu viel. Ein Touchdown, der den 61:13-Sieg der Plainedge Red Devils gegen die South Side Cyclones besiegelte. 48 Punkte Differenz. Von zwei zuvor ungeschlagenen Highschool-Teams hatte eines ordentlich auf die Mütze bekommen. Und damit ging der Ärger los. Denn wann aus einem überzeugenden Sieg eine Demütigung für den Gegner wird, ist im Nassau County genau geregelt. 42 Punkte Vorsprung sind okay. Wer höher siegt, muss sich vor einem Komitee erklären.

Welche Lektion fürs Leben soll das sein?

Der Gedanke dahinter ist edel. Die Regel soll verhindern, dass schwache Teams gnadenlos überrannt werden. Sie appelliert an den Sportsgeist und soll Kinder davon abhalten, sich frustriert andere Hobbys zu suchen. Coach Robert Shaver hatte nicht die Absicht, den Gegner zu demütigen. Aber er hatte auch nicht die Absicht, den komfortablen Vorsprung im letzten Quarter noch aufs Spiel zu setzen. Also liess er weiter seine Topspieler ran, das Resultat ist bekannt. Dem Komitee genügte die Erklärung des Trainers nicht. Es sperrte den Coach für ein Spiel, womit das Nachspiel in der Öffentlichkeit begann.

Newsday berichtete. Die New York Times berichtete. Ausländische Medien berichteten. Der Plainedge-Superintendent verteidigte Coach Shaver in einem offenen Brief und warf die Frage auf, welche Lektion fürs Leben die Kinder durch diese Regel lernen.

«What are you teaching children by saying play fairly but now you are playing too well, don’t play anymore for the rest of the game. Where’s the life lessons? Of course we don’t want to embarrass others and we do that by moderating the players in the game.»
Edward A. Salina, Jr., Superintendent of Schools

Ich finde, der Mann hat recht. Zwar habe ich nie American Football gespielt, aber auf Fussballplätzen zweistellige Niederlagen kassiert oder zweistellig gewonnen. Vom Ergebnis habe ich mich nie gedemütigt gefühlt. Es spiegelt den Leistungsunterschied wider. Und der fühlt sich genauso gross an, wenn der Gegner nach zwei Dritteln der Spielzeit das Spielen einstellt. Klar ist es nett, wenn ein Trainer bei beruhigendem Vorsprung auch mal seine Ersatzspieler aufs Feld schickt. Nett gegenüber seinen Ersatzspielern und deren Eltern, die am Spielfeldrand auf den grossen Moment der Einwechslung warten.

Für den unterlegenen Gegner fühlt sich das keinen Deut besser an. Entscheidend ist der Umgang miteinander. Demütigend ist es, sich über andere lustig zu machen, sie zu beleidigen oder zu bedrohen. All das gehört leider vielerorts zum Alltag. Es ist kein Problem, ein Spiel zu dominieren und den Gegner dabei trotzdem zu respektieren. Dann fällt der Jubel beim 61:13 oder 12:0 halt etwas zurückhaltender aus und nach dem Match gibt es ein paar aufmunternde Worte. Das entspricht eher meinem Verständnis von Fair Play als die Regel aus Nassau County, die gut gemeint und grundfalsch ist.

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  • Sie ist gut und sorgt für mehr Fair Play.
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  • Sie ist gut gemeint, bringt aber gar nichts.
    91%

Der Wettbewerb ist inzwischen beendet.

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Michael Restin
Michael Restin

Editor, Zürich

Sportwissenschaftler, Hochleistungspapi und Homeofficer im Dienste Ihrer Majestät der Schildkröte.

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