Was wir als Frauen über die weibliche Sexualität nicht wussten

Was wir als Frauen über die weibliche Sexualität nicht wussten

Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger
Zürich, am 06.04.2020
Co-Autor: Natalie Hemengül
Weibliche Lust ist nicht nur für Männer, sondern oft auch für uns Frauen ein Mysterium. Komplexität wird mit Unergründlichkeit verwechselt, weshalb in dem Bereich lange Zeit kaum geforscht wurde. Langsam ändert sich das, was bei uns zu einer Reihe von Aha-Erlebnissen führt.

Natalie und ich sind sexuell aufgeklärte Frauen in unseren Zwanzigern. Wir reden über Sex. Mit Freundinnen. In unseren Beziehungen. Miteinander. Und doch gibt es Vieles, das wir über die weibliche Lust anscheinend nicht wissen. Beim Durchstöbern von OMGyes, einer Website, die sich mit der weiblichen Sexualität beschäftigt, und beim Schauen von aufklärerischen Netflix-Serien wie «explained», haben wir beide ein paar Aha-Momente. Wir erfahren Dinge über unseren Körper, die uns total neu sind.

Grundphasen der Lust

Hast du dich je gefragt, wieso sich gewisse Berührungen für Frauen in einem Moment gut anfühlen und in einem anderen total unangenehm sind? Das kann an den unterschiedlichen Phasen der Lust liegen. Je nachdem, in welcher sie sich befindet, verändern sich ihre Bedürfnisse und ihre Wahrnehmung. Klar, jeder Körper ist anders. Dennoch durchlaufen die meisten Frauen laut OMGyes dieselben Grundphasen der Lust. Dabei sind die Übergänge nicht klar definiert und je nach Frau können sogar ganze Phasen übersprungen werden.

In einer ersten Phase erwacht ihr Begehren. Es handelt sich dabei um das Vorspiel mittels Herantasten. Viele Frauen bevorzugen in diesem Stadium leichte Berührungen und das Aussparen der besonders empfindsamen Stellen. Dann geht’s übers Aufwärmen, einer stufenweisen Steigerung der Erregung, in die längste Phase: die zunehmende Erregung. In der darauffolgenden Plateauphase spüren Frauen zum ersten Mal, dass sich der Höhepunkt in ihrem Körper aufbaut. Für viele kann hier bereits die geringste Veränderung in Technik, Tempo und Co. dazu führen, dass die Erregung «verloren geht».

Durch und während des Orgasmus wird die Klit empfindsamer, wodurch eine Berührung von der einen Sekunde auf die andere als schmerzhaft wahrgenommen werden kann. Mit dem Ende des rhythmischen Zuckens der Muskeln im Becken endet auch der Höhepunkt. Anschliessend geht’s ans Runterkommen (oder nochmals kommen). Die Klitoris ist zu diesem Zeitpunkt überempfindlich und das «Autsch»-Potenzial bei weiteren Berührungen hoch.

Der G-Punkt ist eine Zone

Der Name ist hier nicht Programm. Er ist irreführend. Der G-Punkt ist kein magischer Punkt irgendwo in deiner Vagina. Er ist eine Zone. Und diese Zone kommt erst durch Erregung zum Erwachen – in der Phase der zunehmenden Erregung, der Plateauphase oder teilweise sogar erst nach einem Orgasmus. Laut OMGyes fanden 45 Prozent der Frauen G-Zonen-Stimulation im ersten Moment unangenehm, haben dann aber Wege gefunden, damit sie sich toll anfühlt.

Quelle: omgyes.com
Quelle: omgyes.com

Wie bei den meisten Formen von Erregung und Sexualität gibt es kein Patentrezept, das für jede Frau funktioniert. Es gibt aber Tendenzen, die sich durch Studien und Befragungen herauskristallisiert haben. Die G-Zone kann sich seitlich, oben oder unten in deiner Vagina befinden. Sie kann kurz hinter dem Eingang oder auch einen ganzen Finger tief drin liegen. Die Befragungen von OMGyes haben ergeben, dass sich bei 48 Prozent der Frauen die G-Zone an der oberen Wand der Vagina befindet. Was die Tiefe betrifft, geben 37 Prozent an, dass sie mit den Fingern so tief wie möglich eindringen. Diese Zahlen können bei der Suche helfen, aber schliesslich bleibt es eine Entdeckungsreise, auf die sich jede Frau alleine oder mit ihrem Partner begeben muss.

Die Klitoris ist viel grösser als ein Knopf

Wenn wir von der Klitoris sprechen, denken viele gleich an den kleinen, runden Knubbel am oberen Ende der Vulva. Dabei handelt es sich lediglich um die Eichel der Klitoris. Sie schaut unter der Kapuze ihrer Vorhaut hervor und ist nur ein Teil des Lust-Organs, in dem 8000 Nervenenden zusammenfinden. Der Rest liegt im Verborgenen, nämlich hinten um die Vagina herum. Dieses Klitoralsystem besteht aus zwei äusseren Schenkeln und zwei innere Schwellkörpern. Somit besitzt du als Frau gleich viel Schwellgewebe wie ein Mann, mit dem Unterschied, dass deine Erregung grösstenteils im Verborgenen stattfindet. Laut den Netflix-Dokuserien «explained» und «the goop lab» wurde die tatsächliche Grösse der Klitoris erst 1998 durch die australische Urologin Helen O’Connell entdeckt, indem sie zehn weibliche Leichen seziert hat. 2005 kartografierte sie dann als erste Wissenschaftlerin die gesamte Struktur der Klitoris mithilfe von MRT-Aufnahmen lebender Probandinnen.

So sieht die ganze Klitoris aus. Quelle: Netflix, the goop lab
So sieht die ganze Klitoris aus. Quelle: Netflix, the goop lab

Squirting hat oft nichts mit dem Orgasmus zu tun

Squirting, also die weibliche Ejakulation, ist für viele ein Mysterium. Kann das jede Frau? Kann ich das üben? Gibt es das überhaupt? Die Antwort auf die letzte Frage lautet: ja. Squirting ist kein Mythos, sondern für 41 Prozent der Teilnehmerinnen einer US-Studie Realität. Davon wussten viele jahrelang aber nicht, dass sie überhaupt ejakulieren können. Denn für viele Frauen löst die Technik, die zum Abspritzen führt, ein unangenehmes, ungewohntes Gefühl aus. So, als müssten sie auf einmal dringend aufs Klo. Wenn sie es dann aber passieren lassen, beschreiben viele Frauen Squirting als Gefühl totaler Befreiung. Fälschlicherweise wird oft angenommen, dass Ejakulation und Orgasmus ein und dasselbe sind. Realität ist aber: Lediglich 20 Prozent kommen während der Ejakulation auch zur Klimax.

Vaginaler und klitoraler Orgasmus können gleichzeitig passieren

Zwei Orgasmen gleichzeitig? Das mag unwirklich klingen, weil nur 18 Prozent der Frauen angeben, alleine durch Penetration überhaupt die Klimax zu erreichen. Der Rest benötigt klitorale Stimulation. Und genau diese wird dem Sex hinzugefügt, um gleichzeitig zwei verschiedene Orgasmen zu haben. 30 Prozent der Frauen berichten, schon einmal einen inneren und äusseren Orgasmus gleichzeitig – einen sogenannten «blended orgasm» – gehabt zu haben. Aber auch ohne dieses Erlebnis lohnt es sich, beim Sex die Eichel der Klitoris mit einzubeziehen. Denn die Kombination aus vaginaler und klitoraler Stimulation führt bei vielen Frauen zu mehr Lust und intensiveren Orgasmen.

So wie Nati und mir geht es auch vielen Frauen in unserem Umfeld. Wir alle werden immer wieder von Fakten und Erlebnissen überrascht. Es gibt so vieles, das wir über unsere eigenen Körper nicht wissen. Und das ist nicht weiter verwunderlich. Die weibliche Lust ist bis heute noch kaum erforschtes Terrain. Oft wird das Thema mit dem Satz «Das ist halt für jede Frau unterschiedlich» abgetan. Ja, die weibliche Sexualität ist vielschichtig und komplex, aber sie ist nicht unergründlich und unverständlich. Das zeigen nicht nur Plattformen wie OMGyes oder die Netflix-Serien «Lab Goop» und «explained», sondern auch unsere Gespräche mit Freundinnen.

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Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger
Editor, Zürich
Meinen Horizont erweitern: So einfach lässt sich mein Leben zusammenfassen. Ich liebe es, neue Dinge kennenzulernen und zu erlernen. Neue Erfahrungen lauern überall; ob beim Reisen, Lesen, Kochen, Filme schauen oder Heimwerken.

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