Wenn du einen Lauf hast, spielt dein Gegner schlechter
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Wenn du einen Lauf hast, spielt dein Gegner schlechter

Michael Restin
Michael Restin
Zürich, am 04.11.2019
Die breite Brust, der absolute Wille, die Coolness im entscheidenden Moment – Siegesserien erklären sich Sportler gerne mit der eigenen Leistung. Dabei hilft der Gegner oft ungewollt mit. Das zeigt eine Analyse von über fünf Millionen Tennis- und Schachpartien.

Erst hatten wir kein Glück, und dann kam auch noch Pech dazu. Fatalistische Analysen dieser Art stammeln Profisportler nach verlorenen Spielen bei Field-Interviews in die Mikrofone. Wahrscheinlich wissen sie, dass das nur die halbe Wahrheit ist. Dass mehr dahinter steckt, wenn der Gegner «die Big Points macht», «einfach einen Lauf» oder «das Momentum auf seiner Seite» hat. Aber wahrscheinlich ahnen sie nicht, wie sehr die simple Tatsache, dass der Gegner generell im Aufwind ist, ihre eigene Leistung negativ beeinflusst.

Das legt eine Studie der Duke University nahe, die 117 762 Profi-Tennismatches und mehr als fünf Millionen Schachpartien einschliesst. Beim eins gegen eins am Brett oder auf dem Court spielt der Kopf eine grosse Rolle. Und beim Schach fällt die körperliche Komponente der Leistung grösstenteils weg. Das ergibt zusammen eine solide Datenbasis, um zu schauen, was das berühmte «Momentum» auf der Seite des einen mit dem anderen macht.

Höhenflug vs. Nervenflattern

Üblicherweise stehen die Gewinner im Fokus. Sportler, die plötzlich über sich hinauswachsen, sind für Wissenschaftler schon lange interessant. So mühen sie sich seit Jahrzehnten, dem Phänomen der «hot hand» im Basketball auf die Spur zu kommen. Warum gelingt manchen Sportlern plötzlich scheinbar alles – und kann das Zufall sein?

Mit jeder gelungenen Aktion, jedem Sieg und jedem Aufstieg in der Rangliste wächst bei Sportlern nicht nur der Glaube an die eigenen Fähigkeiten. Es macht auch etwas mit den künftigen Gegnern. Egal ob beim Schach oder mit dem Racket in der Hand. Die Duke-Forscher konnten beim Auswerten ihrer Datenflut feststellen, dass Tennis-Profis gegen Spielerinnen und Spieler im Aufwind häufig unter ihren Möglichkeiten bleiben. Das liess sich zum Beispiel anhand der erhöhten Zahl der Doppelfehler zeigen. Mit Nervenflattern gegen Überflieger zu spielen, macht die Aufgabe ungleich schwerer – auch wenn die Ausgangslage aufgrund der vergleichbaren Spielstärken eigentlich offen ist.

Nicht alles ist rational: Auch beim Schach spielt «das Momentum» mit.
Nicht alles ist rational: Auch beim Schach spielt «das Momentum» mit.

Hoffentlich findet sich kein Gegenmittel

Die Studie spürt damit dem nach, was den Sport für viele von uns so interessant macht: Dass die Kräfteverhältnisse nicht zementiert sind und manchmal Aussenseiter die Chance haben, den Wahrscheinlichkeiten zu trotzen. So wie Leicester City, das als 5000-zu-1-Aussenseiter 2016 die Spitzenklubs der Premier League hinter sich liess und englischer Meister wurde. Irgendwann war zu spüren: die lassen sich nicht mehr aufhalten. Natürlich arbeitet im Profisport längst ein Heer von Psychologen daran, ihren Athletinnen und Athleten auszureden, dass der kommende Gegner momentan so gut wie unschlagbar ist. Bloss wie?

Eine Zauberformel haben die Studienautoren, die ihre Theorie an über 1800 Online-Teilnehmern getestet haben, nicht gefunden. Die erfolgversprechendsten Strategien sind, berechtigte Gründe zu finden, an der Stärke des Gegners zu zweifeln, und sich der eigenen Fähigkeiten zu versichern. «Sich auf die eigenen Stärken zu besinnen» ist noch so eine Sportler-Floskel. Sie stimmt anscheinend. Umso schöner, dass das anscheinend einfacher gesagt als getan ist und sich selbst gestandene Profis dem «Momentum» nicht entziehen können.

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Michael Restin
Michael Restin

Editor, Zürich

Sportwissenschaftler, Hochleistungspapi und Homeofficer im Dienste Ihrer Majestät der Schildkröte.

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