«Poolside Lounge» von Charlotte Taylor und Hannes Lippert.
«Poolside Lounge» von Charlotte Taylor und Hannes Lippert.
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Wie du aktuell trotzdem reisen kannst

Pia Seidel
Pia Seidel
Zürich, am 13.05.2020
3D-Renderings nehmen dich auf Reisen zu imaginären Landschaften mit. So kannst du trotz geschlossener Landesgrenzen neue Orte erkunden, die du ganz sicher noch nie gesehen hast.

Der Himmel wie zur blauen Stunde gefärbt, der Raum komplett gekachelt und die Aussicht auf Palmen und rosafarbenes Wasser. Mit dem Rendering «Poolside Lounge» schafft der 3D-Künstler Hannes Lippert eine Szene, die Ruhe ausstrahlt. Seit 2018 führt er ein zeitgenössisches Designstudio namens Form und Rausch in Berlin, das regelmässig Visualisierungen für Interior- oder Modedesignmarken wie Jacquemus umsetzt. Wie so viele 3D-Designstudios teilt auch Form und Rausch während des Lockdowns verstärkt gerenderte Aussen- und Innenwelten auf Social Media. Die meisten Renderings entstehen in der Zusammenarbeit mit anderen Studios. Die 3D-Designgemeinschaft unterstützt und beflügelt sich gegenseitig aus der Ferne.

Die Kreationen füllen einen Teil der Lücke, die durch abgesagte Designwochen sowie Reiseverbote entstanden ist. Sie stellen eine nachhaltige, umweltfreundlichere Alternative Grossveranstaltungen dar, weil sie keinen anderen «Abdruck», ausser einem Augenschmaus hinterlassen. Neben zwei weiteren 3D-Künstler*innen erklärt mir Hannes, wie es zu den Bildern kommt und welche Chancen sich in Zeiten des Social Distancings durch Renderings eröffnen.

«Poolside Lounge»

Was ist die Idee hinter der «Poolside Lounge»?

Hannes Lippert: Das Bild ist Teil der Serie «The Tiled House». Es entstand in Kollaboration mit der Londoner Designerin Charlotte Taylor, die ein komplettes Haus aus Fliesen der niederländischen Firma Dtile kreieren wollte. Sie fragte mich, ob ich ihr dabei helfen könne, die Idee zu visualisieren. Soweit ich weiss, begeistert sich Charlotte schon länger für Möbelstücke, die in die Architektur eines Raumes oder Gebäudes substanziell integriert werden. Dafür eignen sich die Kacheln «Dtiles» mit ihren vielen unterschiedlichen Formen bestens. Durch die abgerundeten Kanten bekommt das Ganze einen organischen und einen sehr ästhetischen Touch. Es fing mit einem Bad an. Dann entwickelte es sich in einem kreativen Austausch zwischen uns zu einem ganzen Haus, das unter anderem einen Aussenbereich mit Pool hat.

«The Tiled House» von Charlotte Taylor und Hannes Lippert.
«The Tiled House» von Charlotte Taylor und Hannes Lippert.

Wie habt ihr das Bild erstellt?

Charlotte schickte mir erste Handskizzen und Moodboards von den Räumen. Ich fing als erstes an, die Räume und den Aussenbereich in 3D zu zeichnen. In einem zweiten Schritt experimentierte ich mit Fliesenfarben und Lichtstimmungen. Anschliessend wurde der Raum durch Details wie Bücher, Vasen und Möbelstücke lebendiger.

«The Tiled House» von Charlotte Taylor und Hannes Lippert.
«The Tiled House» von Charlotte Taylor und Hannes Lippert.

Benötigt es zu irgendeinem Zeitpunkt reale Elemente für ein Rendering?

Grundsätzlich würde ich «nein» sagen. Je nachdem, welches Know-how vorhanden ist, kannst du (fast) alles digital nachbauen. Für jeden Bereich gibt es Spezialisten. Aber wenn du reale Objekte zur Verfügung hast, hilft das sehr, um ein Gefühl für Details und Materialbeschaffenheit zu bekommen. Deshalb werden Bildkompositionen oft erstellt, indem ein fotografiertes Objekt im Studio vor eine gerenderte Umgebung gesetzt wird oder andersherum. Ich benutze oft CAD-Zeichnungen oder Referenzfotos als Vorlage und baue dann die Objekte anhand dieser nach.

Wie arbeitest du mit anderen 3D-Designerinnen und Designern zusammen?

Durch digitale Kommunikationsmittel ist es einfach, sich über die Distanz auszutauschen. Wir schicken uns Skizzen, Screenshots oder Moodboards. Bestenfalls verwenden wir die gleiche Software. Das dient einem problemlosen Datenaustausch und soliden Workflow. Dennoch finde ich es am besten, persönlich und vor Ort zusammenzuarbeiten. Dies minimiert Kommunikationsschleifen und schliesst den «Stille-Post-Effekt» aus.

«The Tiled House» von Charlotte Taylor und Hannes Lippert.
«The Tiled House» von Charlotte Taylor und Hannes Lippert.

Wie siehst du aktuell die Rolle von Renderings?

In Zeiten des Lockdowns kann ein herkömmliches Produkt-Shooting durch ein Rendering ersetzt werden. Schon vor dieser Corona-Krise hatten Renderings viele Vorteile gegenüber der Fotografie. Es braucht kein einziges persönliches Treffen dazu. Auch in der Unterhaltungsbranche sind Renderings jetzt neben Virtual- und Augmented Reality eine gute Alternative. Sie bieten eine unbegrenzte Anzahl von Perspektiven und die Möglichkeit, schnell Material und Lichtverhältnisse anzupassen. Du bist sehr flexibel. Was den Weg bis zum gewünschten Ergebnis aber nicht weniger aufwendig macht.

Ist deine Arbeit bereits gefragter als zuvor?

Ja und nein. Vor Corona habe ich sehr viel für die Event-Branche gearbeitet und viele Konzepte visualisiert. Vorerst sind deshalb circa 90 Prozent meiner Aufträge weggebrochen. Auf der anderen Seite habe ich immer mehr Anfragen aus dem neuen Bereich Design und Architektur auf dem Tisch. Ich glaube schon, dass dies teilweise dem Lockdown zuzuschreiben ist. Mich freut es jedenfalls, weil ich dadurch die Möglichkeit habe, an spannenden Projekten zu arbeiten. Ich hoffe sogar, dass mein Weg noch mehr in diese Richtung führt – auch nach Corona.

«Maison Pilat»

Charlotte Taylor, die zusammen mit Hannes «The Tiled House» kreiert hat, ist nicht nur 3D-Künstlerin, sondern auch Set-Designerin. Sie fertigt grosse physische Installationen sowie Skulpturen für Kunden aus dem Interior- oder Modebereich an. Auf ihrem Instagram-Profil «Maison de Sable» lassen sich ihre neuesten Kreationen bestaunen. Darunter ist auch das Haus «Maison Pilat», nach dessen Standort ich vergebens gesucht habe als ich es zum ersten Mal sah. Es steht inmitten von einer Wiese voller Lavendel und wirkt durch die warmen Farben einladend.

«Maison Pilat»» von Charlotte Taylor und Joe Mortell.
«Maison Pilat»» von Charlotte Taylor und Joe Mortell.

Wie kam es zu «Maison Pilat»?

Charlotte Taylor: Der imaginäre Standort für dieses Haus am Meer entstand erst, nachdem der erste Raum entworfen wurde. Der Blick auf die Sanddünen, das warme Licht und die Stimmung des Raumes evozierten das Gefühl einer französischen Küste, das von der «Dune du Pilat» inspiriert ist – der grössten Wanderdüne Europas an der Atlantikküste bei Arcachon in Frankreich.

Wie sind die einzelnen Bilder entstanden?

Alles wurde digital kreiert. Ich habe mit Joe Mortell zusammengearbeitet, der ebenfalls 3D-Künstler ist. Er ist verantwortlich für die Einrichtung sowie die Beleuchtung, die eine grosse Rolle dabei spielt, Bilder realistisch aussehen zu lassen. Das Modell wurde aus Handskizzen und Moodboards gebaut, die ich erstellt habe. Joe interpretierte sie und fügte jedem Raum seine persönliche Note hinzu.

«Maison Pilat»» von Charlotte Taylor und Joe Mortell.
«Maison Pilat»» von Charlotte Taylor und Joe Mortell.

Verwendest du für solche Renderings auch physische Elemente?

In den Renderkollaborationen verwende ich zurzeit keine. Etwas, das ich für einige Kunstschaffende zu erforschen beginne, ist die Technologie des 3D-Scannens, um physische Möbel, Objekte und Räume zu digitalisieren.

Wie sehen die Kollaborationen mit anderen 3D-Studios aus?

Jeder, mit dem ich zusammengearbeitet habe, lebt woanders. Wir lernen uns über Social-Media-Kanäle kennen. Leider habe ich nur wenige Leute später persönlich kennengelernt. Joe gehört zu den Ausnahmen. Er lebt auch in London. Dennoch arbeiten wir zurzeit aus der Ferne zusammen. Der Prozess passt sich 3D-Designstudios an, mit denen ich zusammenarbeite. Manchmal konzipiere ich den gesamten Raum als Ausgangspunkt, mal übernimmt der Künstler die Führung und ich konzentriere mich mehr auf Innen- und Einrichtungselemente. Es ist immer ein fliessender Prozess, bei dem sich oft vermischt, wer für was verantwortlich ist.

«Maison Pilat»» von Charlotte Taylor und Joe Mortell.
«Maison Pilat»» von Charlotte Taylor und Joe Mortell.

Wie siehst du aktuell die Rolle von Renderings in Zeiten des Social Distancings?

Gerenderte Bilder ermöglichen es Marken, weiterhin Inhalte und Kampagnen in einer Zeit zu erstellen, in der physische Sets und Shootings unmöglich sind. Ich denke, dass sie deshalb nach der Quarantäne angesichts ihrer wirtschaftlichen und ökologischen Vorteile zukünftig beliebter werden. Renderings ermöglichen Kreativen auch so viel Freiheit, sich auszudrücken. Ich liebe die aktuell laufenden digitale Ausstellungen und Kollektionen, die mithilfe der 3D-Technologie stattfinden.

«Population 001»

«Wo ist das?», fragt eine Instagram-Nutzerin in der Kommentarspalte zu einem der Bilder von Alexis Christodoulouy, das kürzlich viral ging. Es scheint eine beliebte Frage zu sein, weil sie unter fast allen seiner Instagram-Posts vorkommt. Seit 2017 kreiert der in Kapstadt lebende 3D-Künstler Räume mit zeitgenössicher Ästhetik, die nicht von dieser Welt sind. Als Videospiel-Liebhaber brachte er sich die 3D-Kunst selber bei, um virtuelle Räume so gestalten zu können, wie er sie sieht: modern und idyllisch.

«Population 001» von Alexis Christodoulouy.
«Population 001» von Alexis Christodoulouy.

Was hat es mit diesem Rendering auf sich?

Alexis Christodoulouy: Ich wollte etwas kykladisches und ein Sommerfeeling zu einem Zeitpunkt kreieren, wenn der Herbst im Süden eintrifft und sich die Herbstblumenfarben einschleichen.

Wie hast du das Bild erstellt?

Wie Animations- und Architekturbüros, die Baupläne zeichnen, verwende auch ich 3D-Software und Modellierungswerkzeuge. Letztlich ist es der gleiche Prozess. Nur, dass ich meine Räume, anders als Architekturschaffende, aus dem Kopf gestalte. Und ich habe nicht vor, eine meiner Kreationen jemals zu bauen.

Benötigt «echte» Objekte für ein Rendering?

Ja, meine Tastatur, eine Maus, zwei Monitore und ein PC.

Wie arbeitest du mit anderen 3D-Kunstschaffenden zusammen?

Wir kommunizieren in der Regel nur via Mail und senden uns die Zeichnungen. Manchmal bin ich in der gleichen Stadt wie die andere Person, aber meistens ist es nur ein gutes altes Skype-Gespräch.

Stellst du einen steigenden Bedarf nach deiner Arbeit fest?

Es gab schon eine grosse Nachfrage vor dem Lockdown. Jetzt ist es einfach verrückt! Ich denke, Marken kämpfen darum, herauszufinden, wie sie ihre Produkte visualisieren können – ohne sie physisch zu fotografieren oder zu präsentieren. Das kann eine Chance sein, auch für die Zukunft.

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Pia Seidel
Pia Seidel
Senior Editor, Zürich

Es gibt zwei Arten, sein Leben zu leben: entweder so, als wäre nichts ein Wunder, oder so, als wäre alles ein Wunder. Ich glaube an Letzteres. – Albert Einstein


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