Wie ein Strohhut einst eine Massenschlägerei auslöste
HintergrundMode

Wie ein Strohhut einst eine Massenschlägerei auslöste

Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger
Zürich, am 08.04.2022

Der Hut spielt in der gegenwärtigen Mode nur noch eine untergeordnete Rolle. Vor 100 Jahren aber war er fester Bestandteil der männlichen Garderobe – und hatte sogar die Macht, Teile New Yorks lahmzulegen.

Heute kennen wir den Strohhut vor allem auf dem Kopf angetrunkener Touristen auf Mallorca oder als Merchandise auf Festivals. Es gab aber eine Zeit, da galt er als Sommerhut schlechthin. Dafür müssen wir 100 Jahre in der Geschichte zurück.

Wir befinden uns in New York im Jahr 1922. Der erste Weltkrieg ist vorbei, der Wirtschaftsaufschwung gibt der Dekade den Beinamen Roaring Twenties. Der Hut gehört zum Outfit wie Hemd und Schuh. Er schützt Passanten, Arbeiter und Müssiggänger nicht nur vor der Sonne, sondern auch vor Regen. Eine Aufgabe, die über die nächsten Jahrzehnte vermehrt vom Automobil übernommen werden und den Hut von der modischen Pflicht zum Accessoire machen wird.

Noch aber ist der «Boater» allgegenwärtig. Seit Anfang des Jahrhunderts bedeckt der Strohhut sämtliche männliche Köpfe der Grossstadt, vor allem auf einer sommerlichen Bootsfahrt (daher der Name) darf er nicht fehlen. Die New Yorker müssen bei 35 Grad nicht mehr unter einem Filzhut schwitzen. Der kommt erst wieder im Herbst zum Einsatz. Genauer gesagt ab dem 15. September, denn dann ist Cutoff-Day.

So sehen Boater-Hüte aus.
So sehen Boater-Hüte aus.

An dem Tag müssen die Männer New Yorks den Boater im Schrank verräumen und den Filzhut hervorkramen – besagt ein ungeschriebenes Modegesetz. Dieses wird rigoros befolgt. Wer am 16. September noch mit Strohhut auf der Strasse erwischt wird, wird Opfer von Mobbing in Form von Gelächter oder sogar Verlust des Huts. Immer wieder kommt es vor, dass mehrheitlich Bekannte den Strohhut vom Kopf ihres befreundeten Opfers schlagen und ihn danach gar zertrampeln.

Es wird klar: Mode ist damals mehr sozialer Code als Spielwiese. Ausser für ein paar Jugendliche in eben diesem Jahr 1922. Aus Langeweile oder Rebellion beschliessen ein paar Jungs, den Cutoff-Day vorzuverlegen und den Herren schon am 13. September die Strohhüte vom Kopf zu schlagen. Ihren Streifzug beginnen sie in Mulberry Bend in Manhattan. Das Gebiet, das heute Chinatown beherbergt, gilt damals als dicht besiedeltes, von Krankheit verseuchtes, kriminelles Viertel.

Die Jungs treffen zuerst auf Fabrikarbeiter, die sie mit der verfrühten Tradition überraschen. Es ist anzunehmen, dass diese mit ein paar Beschimpfungen reagieren, doch die Situation bleibt friedlich. Das änderte sich, als die Jugendlichen dasselbe bei Hafenarbeitern versuchen. Die finden die Aktion nicht wirklich witzig und schlagen zurück. Eine Massenschlägerei bricht aus, die den Verkehr auf der Manhattan Bridge behindert und von der Polizei aufgelöst werden muss. Ein paar Jugendliche werden verhaftet.

Die Schlagzeile der New York Times am 16. September 1922
Die Schlagzeile der New York Times am 16. September 1922

Damit sind die Strawhat Riots, wie die Ausschreitungen bald genannt werden, aber nicht vorbei. Am nächsten Abend marschieren unzählige Teenie-Gangs durch die Strassen der Stadt, um die Aktion weiterzuführen. Einige haben benagelte Stöcke dabei, um die Hüte vom Kopf des Trägers zu angeln. Ein gut 1000-Mann-starker Mob terrorisiert so ganze Blocks in der Nähe der Amsterdam Avenue. Mehrere Männer, die sich dem Hut-Diebstahl widersetzen, werden verprügelt und landen in der Notaufnahme. Gleichzeitig reiben sich die Besitzer von Hutläden die Hände. Sie bleiben extra länger geöffnet, um verängstigte New Yorker mit Filzhüten zu versorgen und machen so traumhafte Umsätze.

Die Polizei bekommt die Ausschreitungen nur langsam in den Griff. Sie verhaftet mehrere Jugendliche, doch wer unter 15 ist, kann nicht verhaftet werden. Die Polizisten müssen die Strafe den Eltern überlassen, empfehlen diesen aber eine ordentliche Tracht Prügel. Wer älter als 15 Jahre alt ist, kommt meist mit einer Geldstrafe davon, nur wenige landen im Gefängnis. Und wenn, dann höchstens für drei Tage.

Trotz dieses Zwischenfalls dauert die Tradition noch ein paar Jahre an. Im Jahre 1924 wird ein Mann wegen des zu langen Tragens des Strohhuts sogar ermordet. Das ist dem damaligen Präsidenten Coolidge zu viel, weshalb er beschliesst, den Cutoff-Day ein Jahr später einfach zu ignorieren. Damit schafft er es auf die Titelseite der New York Times und beerdigt gleichzeitig die Tradition des Hüteherunterschlagens.

Deluxe Strohhut
Kostüm Accessoire
Widmann Deluxe Strohhut
1
Trilby
Mütze
Beechfield Trilby
1

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Carolin Teufelberger

Meinen Horizont erweitern: So einfach lässt sich mein Leben zusammenfassen. Ich liebe es, neue Menschen, Gedanken und Lebenswelten kennenzulernen,. Journalistische Abenteuer lauern überall; ob beim Reisen, Lesen, Kochen, Filme schauen oder Heimwerken.


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