Luxus pur: Der Audeze LCD-3.
Luxus pur: Der Audeze LCD-3.
Luxus pur: Der Audeze LCD-3.
Luxus pur: Der Audeze LCD-3.
Produktmanager Dimitri nimmt auch ein Ohr vom Audeze LCD-3.
Produktmanager Dimitri nimmt auch ein Ohr vom Audeze LCD-3.
Review

Wie tönt eigentlich ein Kopfhörer für 2200 Franken?

Aurel Stevens
Aurel Stevens
Zürich, am 07.06.2016
Dieser Kopfhörer schneidet in vielen Situationen schlecht ab: Im ÖV? Vergiss es. Im Büro? Gibt Streit. Während der Hausarbeit? Eher nicht. Tanzen? Machst du Witze? Und trotzdem will man ihn nie mehr hergeben.

Der Audeze LCD-3 ist ein offener Kopfhörer. Das heisst, er gibt den Schall auch an die Umwelt ab – und das nicht zu knapp. Beim ersten Test im Wohnzimmer konnte meine Frau in der Küche noch mithören. Sie war am Kochen.

Ausserdem ist dieser Kopfhörer ein Monster: Bisher habe ich immer meinen AKG K-701 als üppig empfunden. Aber neben dem LCD-3 wirkt er wie ein Leichtgewicht. Tatsächlich drückt das Ding mit heftigen 550 Gramm auf den Kopf.

Und eben: 2149.- verd#@&! Franken!

Hab ich jetzt schon fast alle verscheucht? Gut. Wer nach den schlechten Nachrichten noch dabei ist, will wirklich mehr über den LCD-3 wissen. Herzlich willkommen!

Unboxing

Was der Audeze LCD-3 nicht kann, weisst du jetzt. Aber all das will er ja auch gar nicht. Er will nur gut tönen und ob er das tut, das erfährst du gleich. Fangen wir vorne an: beim Auspacken. Aus dem Karton ziehe ich eine monströse Plastikbox. Die martialisch wirkende «Travel-Box» wird garantiert jeden Zöllner misstrauisch machen. Darin vermutet man eher atomare Sprengköpfe als Kopfhörer. In der massiven Box befinden sich ein XLR-Kabel und eines mit einer grossen ¼-Zoll-Stereoklinke. Ein Adapter für einem kleinen 3.5mm-Stecker ist mit dabei. Und natürlich der LCD-3 selbst. Alles strahlt Luxus und Solidität aus.

Die massive Transport-Box.

Das Kabel wird auf Kopfhörerseite an zwei Mini-XLR-Buchsen eingesteckt. Es ist flach und recht steif. Und dann zieht man den LCD-3 das erste Mal an. Trotz seines eindrücklichen Gewichts hat die Entwicklungsabteilung von Audeze einen guten Job gemacht, um ihn bequem zu gestalten. Das weiche Lammleder schmiegt sich angenehm um die Ohren und das Gerät sitzt fest auf dem Kopf, ohne allzuviel Druck auf die Ohren auszüben. Der Bügel auf dem Kopf ist weich gepolstert und fühlt sich bequem an. Trotz all der Bemühungen: Der Audeze LCD-3 ist ein Gerät zum Sitzen oder Liegen.

Vielleicht noch etwas zur Optik. Geschmäcker sind verschieden. Das glatt geschliffene «Zebra-Holz» sieht auf jeden Fall edel aus. Mir persönlich wäre ein weniger protziges Auftreten trotzdem lieber.

Jetzt sag schon, wie tönts?

Das Setup sah wie folgt aus. Ich habe den LCD-3 mit einem Kopfhörer-Verstärker (SPL Phonitor 2) und einem anständigen CD-Player getestet. Nebst dem CD-Player habe ich mit einem USB-DAC mein iPhone als Signalquelle verwendet. Dabei kam Spotify mit der Einstellung «extrem», also 320kBit, zum Einsatz. Der LCD-3 musste sich gegen den erwähnten , einen Sennheiser MOMENTUM 2 Wireless (Over-Ear, Schwarz, ANC) und einen behaupten.

Was soll ich sagen? Der LCD-3 hat sie alle in Stücke gerissen.

Was mir zuerst auffiel, ist der ausgeprägte und immer präzise kontrollierte Bass. Insbesondere die höheren Bassbereiche gelangen mit erstaunlichem Druck ins Ohr. Der Kopfhörer erfindet dabei keine Bässe, die gar nicht da sind. Er vermatscht auch nicht alles unter 150 Hertz zugunsten eines fetten Oomph, wie das einige Hersteller tun, um einen fetten Sound vorzugaukeln (looking at you, Dr. Dre).

Beim LCD-3 ist alles vom Feinsten.

Bässe, Mitten und Höhen sind perfekt aufeinander abgestimmt. Insgesamt ist der LCD-3 ein sehr ausgewogener und recht neutraler Kopfhörer. Ich habe es mit diversen Stücken von Klassik, Pop, Rock, Singer/Songwriter über Jazz versucht, aber keine Schwächen entdeckt. Im Gegenteil, der LCD-3 gibt alles präzise und souverän wieder. Erwähnenswert ist, dass er das in allen Lautstärken so gut tut, dass es beinahe gefährlich ist. Ich habe mich dabei ertappt, wie ich ständig noch etwas mehr aufdrehte – bis ich erschreckt feststellte, dass das Potentiometer beinahe am Anschlag war.

Audeze empfiehlt für LCD-2 und den LCD-3 den Einsatz eines Kopfhörer-Verstärkers. Für direkten Anschluss am Smartphone wird der LCD-X bzw. -XC empfohlen. Ich habe den LCD-3 natürlich trotzdem an meinem iPhone getestet. Tönt auch super. Nur am oberen Ende der Lautstärke machte sich die magere Stromzufuhr des iPhone negativ bemerkbar.

Ein paar Worte zur Technologie

Audeze ist ein relativ neuer Player auf dem Markt. Erst seit sieben Jahren gibt es die Firma. Mit ihren Folienmembran-Kopfhörern haben die Kalifornier den Premium-Markt aufgemischt und rasch grosse Erfolge gefeiert. Der LCD-2 und später der LCD-3 wurden in nicht wenigen Reviews als die besten «Cans» auf dem Planeten gelobt.

Die allermeisten Kopfhörer (und auch Lautsprecher) verwenden den elektrodynamischen Membranantrieb. Audeze ist einer der wenigen Hersteller, die Experimente mit anderen Antrieben wagen. Der Grund dafür ist, dass sich elektrostatischen (Stax) und planarmagnetischen (Audeze, HifiMan, Oppo) Technologien nur eher voluminöse und schwere Geräte bauen lassen, weil sie auf extrem starke Magnete angewiesen sind.

Fazit

Ich machs kurz. Das ist der beste Kopfhörer, den ich je auf dem Kopf hatte. Wenn dir HiFi wichtig ist und das notwendige Kleingeld vorhanden ist: kaufen! Ich bin ehrlich gesagt sehr in Versuchung, das Teil nicht zurückzugeben.

LCD-3 Leder (Over-Ear, Black, Brown)
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Audeze LCD-3 Leder (Over-Ear, Black, Brown)
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Eine interessante Alternative zum LCD-3 sind der erwähnte Vorgänger LCD-2 oder die für Smartphones empfohlene Variante LCD-X. Wenn es kein Over-Ear-Modell sein muss, gibt es den neuen und sehr eleganten - der ist mit 230 Gramm auch deutlich leichter und als geschlossenes Modell auch ÖV-tauglich. Die verlinkte Variante hat das von Audeze entwickelte «Cipher»-Kabel dabei. Dieses innovative Kabel ist eigentlich fast einen eigenen Bericht wert: Es hat einen eigenen Digital-Analog-Wandler und Verstärker an Bord und umgeht die im Smartphone eingebauten Elemente. Ausserdem merkt es sich die Lautstärke- und allfällige Equalizer-Einstellungen - der Kopfhörer tönt also an allen eingesteckten Geräten gleich.

Update 20.6.2016

In den Kommentaren gab es Rückmeldungen zum Setup. Beziehungsweise wegen fehlender Angaben dazu. Die reiche ich gerne nach. Bei der Wiedergabe mit dem iPhone als Quelle habe ich selbstverständlich einen DAC eingesetzt: es kam der HRT iStreamer zum Einsatz. Das Gerät hat den Vorteil, dass das iPhone im Host-Modus rein gar nichts macht, ausser die Daten zum DAC zu schaufeln. Mit Cinch wurde das Signal an den Kopfhörerverstärker weitergeleitet. Der DAC kam nur für das Spotify-Setup zum Einsatz. Beim normalen Szenario wurden die Silberscheiben direkt vom CD-Player (Neukomm CD-41S) gewandelt und an den Kopfhörerverstärker geschickt.

Daneben habe ich mich tatsächlich erdreistet, den edlen LCD-3 direkt am iPhone anzustecken. Mehrere Kommentatoren haben darauf hingewiesen und haben natürlich recht: Empfehlenswert als Standardsetup ist das nicht und man reizt das Potenzial des LCD-3 nicht aus. Ein Kopfhörerverstärker ist dringend empfohlen und Audeze hat sogar ein eigenes Gerät im Line-Up. Es war mir aber wichtig, etwas zum Einsatz direkt am Smartphone zu schreiben, denn jeder wird früher oder später wie ich auf dem Balkon sitzen und den Kopfhörer mitnehmen wollen. Und siehe da: Der LCD-3 klingt nicht plötzlich schlecht, wenn er am iPhone angeschlossen wird. Rein darum geht es.

Als Referenz dienten mir übrigens oben genannter CD-Player, ein entsprechender Verstärker von Neukomm sowie ein Paar Piega Coax 90.2.

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Aurel Stevens
Aurel Stevens
Chief Editor, Zürich
Ich bändige das Editorial Team. Hauptberuflicher Schreiberling, nebenberuflicher Papa. Mich interessieren Technik, Computer und HiFi. Ich fahre bei jedem Wetter Velo und bin meistens gut gelaunt.

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