Review

«Andor» – Der Krieg der Sterne wird erwachsen

Luca Fontana
Luca Fontana
21.09.2022

Düster im Ton. Erwachsen in der Erzählweise. Fokus auf die Charaktere. «Andor», in ihrem Kern eine Spionage-Kriegsserie, ist das Reifste, was «Star Wars» je geboten hat – aber vor allem der dringend benötigte frische Wind.

Eines vorweg: In dem Review gibt’s keine Spoiler. Du liest nur Infos, die aus den bereits veröffentlichten Trailern bekannt sind.


Anders. Müsste ich «Andor», die Prequel-Serie zu «Rogue One: A Star Wars Story», in einem Wort zusammenfassen – es wäre «anders».

Anders, als ich «Star Wars» gewohnt bin. Anders, als ich «Star Wars» erwarte. Aber diese Andersartigkeit gefällt mir. Sie ist facettenreich. Düster. Reif. Und manchmal sogar widersprüchlich: Gross in ihrer Ambition und Tragweite, aber erzählt als kleine Geschichte in einer Spionage-Kriegsserie – anfangs zumindest. Vor allem aber ist «Andor» eines: kein Kinderkram. Und damit frischer Wind.

Darum geht’s in «Andor»

Die Macht des Imperiums ist seit 14 Jahren ungebrochen, und der Kampf der Widerständler gegen dessen Übermacht ist ein verzweifelter. Andor Cassian (Diego Luna) hegt für keine der beiden Seiten besondere Sympathien. Als Dieb, Gauner und Abzocker geht er seinen meist einsamen Weg in einer weit, weit entfernten Galaxis. Nicht grundlos: Andors Herkunft ist ein Geheimnis. Wenn das Imperium davon wüsste, würde er für weit schlimmere Mächte als seine ohnehin schon ruchlosen Gläubiger zur Zielscheibe werden.

Aber Andor wäre nicht Andor, wenn er keine Risiken einginge. Manchmal auch eines zu viel. So landet der Titelheld letztlich doch noch auf der Fahndungsliste des Imperiums – und bringt damit ungewollt Dinge ins Rollen, die ihn eines Tages zu jenem Revolutionär machen werden, den wir aus «Rogue One» kennen. Und der dereinst den Funken jener Rebellion entfachen wird, die die Galaxie gegen die Dunkelheit vereint.

Tony Gilroy: Merkt euch diesen Namen

Hättet ihr mich vor einem Jahr gefragt, auf welche «Star Wars»-Serie ich mich am meisten freue – «Andor» wäre bestimmt nicht die Antwort gewesen. Zu gross der Reiz von «Book of Boba Fett». Die Vorfreude auf «Obi-Wan Kenobi». Und die leise Hoffnung, die dritte Staffel von «The Mandalorian» doch noch dieses Jahr zu kriegen.

Aber «Andor»?

Vielleicht hätte es mehr auf der Hand liegen sollen. Bereits in «Rogue One», obwohl nicht der Hauptcharakter, gehört Andor Cassian zu den spannendsten Figuren: Zwar kämpft er dort für die Rebellen – für die Guten –, aber mit fragwürdigen Mitteln, die auch die hehrsten Zwecke kaum rechtfertigen können. Das war spannend, weil bei «Star Wars» traditionell klare Linien zwischen Gut und Böse gezogen werden. Nicht so bei Andor, der Hauptfigur, herausragend von Diego Luna gespielt. Tatsächlich wurde er gar mit dem Saturn Award als bester Nebendarsteller geehrt – im US-amerikanischen Fernsehen eine der wichtigsten Auszeichnungen im Genre von Science Fiction, Fantasy und Horror.

Herausragendes Creature Design? Auch das gehört zu «Star Wars».
Herausragendes Creature Design? Auch das gehört zu «Star Wars».
Disney+ / Lucasfilm

Ja, ich hätte es besser wissen müssen. Nicht nur, weil «Andor» – nach den ersten vier von Disney und Lucasfilm vorab zur Verfügung gestellten Folgen – tatsächlich das Potenzial hat, selbst «The Mandalorian» zu übertreffen. Sondern, weil «Rogue One» noch immer als einer der beliebtesten Star-Wars-Filme der Disney-Ära gilt. Gerade weil er melancholisch, ernst und für «Star Wars»-Verhältnisse erstaunlich erwachsen ist.

Genau diese Stärken zeichnen auch die Serie aus. «Andor» hat locker das Zeug, jene «Star Wars»-Serie zu werden, auf die niemand gewartet hat, die aber alle begeistern wird. Ambitioniert genug ist sie. Das hat einen Grund: Tony Gilroy. Als Produzent, Autor und Showrunner ist das sein Projekt. Sein Baby. Gut so. Denn wo der 65-jährige Amerikaner seine Finger im Spiel hat, kommt meistens Grossartiges raus. Etwa bei «Nightcrawler», zwar von seinem Bruder, aber nach Tony Gilroys Drehbuch inszeniert. Oder bei «House of Cards», als beratender Produzent. Bei der «Bourne»-Trilogie als Autor. Beim total unterschätzten «Bourne Legacy»-Film als Regisseur.

Und bei der mittlerweile ikonischen Hallway Scene in «Rogue One», in der sich Darth Vader durch bemitleidenswerte Rebellen schnetzelt. Diese Szene entstand nämlich nicht unter dem eigentlichen «Rogue One»-Regisseur Gareth Edwards. Der war zu dem Zeitpunkt bereits vom Projekt abgesprungen, weil er mit den massiven Reshoots nicht einverstanden war. Die Szene entstand tatsächlich unter Gilroy, der von Lucasfilm ins Boot gehievt wurde, um das letzte Drittel des Scripts von Grund auf neu zu schreiben und die Arbeiten am Film selbst zu beenden.

Mit Erfolg. Auch, oder gerade wegen der berüchtigten Hallway Scene.

Das vielleicht ambitionierteste «Star Wars»-TV-Projekt ever

Tony Gilroys komplizierte, aber durchaus erfolgreiche Geschichte mit Lucasfilm muss ihm viel Vertrauen eingebracht haben. Denn ausgerechnet sein «Andor» entpuppt sich als das bislang ambitionierteste «Star Wars»-TV-Projekt – nicht etwa «Book of Boba Fett» oder gar «Obi-Wan Kenobi», in denen es um zwei der populärsten «Star Wars»-Figuren überhaupt geht.

Dabei sollen Gilroy und sein Team alleine an dieser ersten Staffel länger gesessen haben als die Macher von «The Mandalorian», «The Book of Boba Fett» und «Obi-Wan Kenobi» zusammen. Das liegt an ihrem weitsichtigen Konzept: Die Serie beginnt fünf Jahre vor «Rogue One». Zwei Staffeln à zwölf Episoden à 40 Minuten sind bereits komplett durchgeplant. Inklusive Drehbuch. Es wird also kaum Reshoots geben. Kein nachträgliches Story-Korrigieren. Kein Spannungsaufbau um Dinge, die sich später als unwichtig entpuppen. Und auch keine dritte Staffel. Die Marschrichtung ist von der ersten Sekunde an klar; eine Lektion, die man nach dem Story-Wirrwarr der Sequels auf die harte Tour gelernt hat.

Damit nicht genug: Drei Folgen bilden stets einen «Blog». Anfang, Mitte und Schluss – ein zusammenhängendes Kapitel. Und jeder Blog wird von einem anderen Regisseur gedreht. Während die gesamte erste Staffel ein Jahr abbildet, bilden die vier Blogs der zweiten Staffel je ein Jahr ab. Das wiederum ergibt genau die fünf Jahre, die zwischen dem Beginn der Serie und «Rogue One» liegen. Schliesslich soll «Andor» genauso in die ersten Szenen von «Rogue One» münden, wie es «Rogue One» einst beim Anfang von «Star Wars: Episode IV» tat. Das sind epische «Game of Thrones»-Ausmasse, die’s bei «Star Wars»-Serien noch nie gegeben hat.

Auffällig: «Andor» hat mehr echte Locations als alle anderen «Star Wars»-Serien zusammen – und fühlt sich dadurch umso realer an.
Auffällig: «Andor» hat mehr echte Locations als alle anderen «Star Wars»-Serien zusammen – und fühlt sich dadurch umso realer an.
Disney+ / Lucasfilm

Deutlich cineastischer als die Schwester-Serien ist «Andor» auch in ihrer Machart: Gilroy verzichtet komplett auf Stagecraft, die neue Allzweckwaffe Hollywoods, die ironischerweise von den «The Mandalorian»-Machern mitentwickelt worden ist.

Nicht, dass Stagecraft schlecht wäre. Im Gegenteil: Eine Reihe hochauflösender LED-Bildschirme erzeugen um und über den Schauspielern eine Welt, die direkt von der Kamera eingefangen werden kann. Das sieht deutlich realistischer aus als nachträglich am Computer eingefügte Effekte, hilft den Darstellerinnen beim Schauspiel – und ist obendrein noch kostensparender.

Stagecraft ist aber auch einengend. Vor allem Action-Szenen nehmen niemals dieselben epischen Ausmasse an wie ein Dreh an echten Locations oder auf riesengrossen Sets. «Die Leute würden ständig versehentlich von der Bühne rennen», sagt Gilroy in einem Interview über die Entscheidung, auf Stagecraft zu verzichten. Genau darum wirken «The Book of Boba Fett» und besonders «Obi-Wan Kenobi» irgendwie … kleiner.

«Andor» hingegen wurde ausschliesslich an echten Locations oder auf grossen Sets gedreht. Das merkt man der Serie augenblicklich an. Sie ist bildgewaltiger. Epischer. Wirkt geerdet und real. Und eben cineastischer – kinohafter – als alle «Star Wars»-Serien zuvor, «The Mandalorian» mit eingeschlossen.

Eine Warnung: Nichts für Kinder – und keine oberflächliche Unterhaltung

So glänzen zumindest die ersten vier Folgen durch wunderschöne Shots – übrigens von «The Crown»-Kameramann Adriano Goldman –, fesselnde Dialoge und eine Geschichte, die sich bewusst nur langsam entfaltet. Wer hingegen alle 20 Minuten eine Verfolgungsjagd, Blaster-Schiesserei oder einen Lichtschwertkampf in bester «Star Wars»-Tradition erwartet, dürfte bitter enttäuscht werden. «Andor» hat Action – verdammt gute Action. Sie ist aber wohldosiert. Besser so: Budgetbedingte lahme Speeder will sowieso niemand sehen. Dafür bleibt mehr Platz für Charakterzeichnung.

Lass mich das erklären. Storytelling basiert stets entweder auf handlungs- oder charakterorientierten Geschichten. Gute handlungsorientierte Geschichten haben zwar fesselnde Charaktere, die Geschichte wird trotzdem vor allem vom Plot – von der Handlung – getrieben. Charakterorientierte Geschichten hingegen konzentrieren sich auf die Entwicklung tiefgründiger Figuren. Im Vordergrund stehen Emotionen und Gefühle. Die Handlung ordnet sich dabei der Entwicklung der Figuren unter – nicht umgekehrt.

Keine Bange: Dieser Speeder ist viel schneller als jene in «The Book of Boba Fett».
Keine Bange: Dieser Speeder ist viel schneller als jene in «The Book of Boba Fett».
Disney+ / Lucasfilm

«Star Wars» zählt zu den handlungsorientierten Geschichten. «Andor» nicht. Jedenfalls nicht eindeutig. Gilroys Script nimmt sich irre viel Zeit für seine Figuren. Nutzt das Serienformat wie keine andere «Star Wars»-Show, um uns zu erklären, wer unsere Figuren im Kern sind, warum sie tun, was sie tun, was ihre Ängste und Träume sind, und warum uns ihr Schicksal nicht egal sein sollte – ob Imperiale, Rebell oder Politikerin. Wir erfahren genau, wie’s um die Galaxie steht, wie sie vom Imperium geknechtet und ausgebeutet wird und wie trotzdem kaum jemand die Kraft findet, sich dagegen zur Wehr zu setzen. Oft wage ich es nicht, meinen Blick auch nur eine Sekunde abzuwenden. Zu sehr werde ich von dieser düsteren, unheilvollen Atmosphäre eingesaugt, die förmlich nach «Rebellion!» schreit.

Ein Beispiel aus der ersten Folge, ohne zu viel zu spoilern: Andor wird an einem Ort, den ich nicht verrate, bei einer Straftat erwischt, die ich nicht näher erläutere. Eigentlich müsste das allgegenwärtige Imperium dem nachgehen. Tut es aber nicht. Die Straftat wurde nämlich in einem Etablissement verübt, das es nicht geben dürfte, das sich die zu Schaden gekommenen imperialen Sicherheitskräfte gar nicht leisten dürften und in dem besagte Sicherheitskräfte speziellen Alkohol konsumieren, der verboten ist. Die Sache wird zunächst unter den Teppich gekehrt; niemand will riskieren, zu tief zu graben. Wer weiss, was dabei herauskommen könnte …

Und Andor? Chirrut Imwe (Donnie Yen), der machtsensitive Wächter aus «Rogue One», wird einst zu ihm sagen: «Es gibt mehr als eine Art von Gefängnis, Captain. Ich fühle, dass du deines mitschleppst, wohin du auch gehst.» Mit welch’ ambivalenter Moral Andor seine Ziele verfolgt, zeigt auch die Serie. Nur, dass Andors Vorgehensweise eben nicht spurlos an ihm vorbeigeht. Schuldgefühle quälen ihn. Schuldgefühle, die nach und nach das Gefängnis bauen, das der spätere Captain Andor mitschleppen wird, wohin er auch geht.

Andor geht seinen eigenen, einsamen Weg.
Andor geht seinen eigenen, einsamen Weg.
Disney+ / Lucasfilm

Es ist ein düsteres, kaum kinderfreundliches und ganz und gar dunkelgraues Bild, das «Andor» da von dieser Galaxie zeichnet. Voller Brutalität und politischer Intrigen. Egal, ob bei Andor im tiefsten Loch – oder in den luxuriösen, auf Hochglanz polierten, politischen Banketts des Senats auf Coruscant. Dort, wo andere faszinierende Charaktere wie etwa Mon Mothma (Genevieve O'Reilly) oder Luthen Rael (Stellan Skarsgård) verborgen und doch im Rampenlicht eine Rebellion aufzubauen versuchen, ohne dabei ihr eigenes Todesurteil zu unterschreiben.

Ein Drahtseilakt, der spannender nicht sein könnte. Und ein frischer Wind im Universum, der dringend nötig war, seit «Star Wars»-Schöpfer George Lucas höchstpersönlich einst sagte, dass «’Star Wars’ für 12-jährige Kinder gemacht» sei.

Fazit: Ich bin begeistert

Intrigen. Konflikte. Grautöne. Widersprüche. Mich faszinieren diese neuen, groben und andersartigen Facetten von «Star Wars». Kinder hingegen dürften sie langweilen oder gar abschrecken. Überhaupt halte ich es für ausgeschlossen, dass sich das jüngere Publikum gross für «Andor» interessieren wird.

Das ist keine Kritik, sondern ein Kompliment. «Andor» richtet sich an ein älteres, reiferes Publikum, das ein Epos zu schätzen weiss, dessen anfangs fest zusammengeknüllte Geschichte nur langsam und sachte auseinandergefaltet wird. Dass das «Star Wars» tatsächlich so gut stehen würde, überrascht selbst mich als grossen «Rogue One»-Fan. Und das ausgerechnet in der Disney-Ära von «Star Wars». Mutig. Angenehm mutig.


«Andor» läuft ab dem 21. September auf Disney+ und startet mit einer Drei-Folgen-Premiere. Danach folgt eine Folge pro Woche.

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Abenteuer in der Natur zu erleben und mit Sport an meine Grenzen zu gehen, bis der eigene Puls zum Beat wird — das ist meine Komfortzone. Zum Ausgleich geniesse ich auch die ruhigen Momente mit einem guten Buch über gefährliche Intrigen und finstere Königsmörder. Manchmal schwärme ich für Filmmusik, minutenlang. Hängt wohl mit meiner ausgeprägten Leidenschaft fürs Kino zusammen. Was ich immer schon sagen wollte: «Ich bin Groot.» 


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