Android Automotive: Google will den Automarkt beherrschen
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Android Automotive: Google will den Automarkt beherrschen

Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher
Zürich, am 03.02.2021

Ab 2023 rollen Autos der Marke Ford mit Android Automotive vom Band. Die Software aus dem Hause Google ist der Vorstoss des Unternehmens in einen Markt, der die Zukunft der Mobilität definiert. Doch es droht die Wiederholung von Problemen, die wir von Android Phones kennen.

Google prescht in den Automarkt vor. Die Fahrzeuge des Autoherstellers Ford werden ab 2023 auf Android Automotive laufen. Damit ersetzt Ford sein eigenes Betriebssystem Sync, das beim Launch der neuen Ford F-150-Serie noch gross als «neu mit OTA Updates» angekündigt wurde, durch ein extern gemanagtes und cloudbasiertes Betriebssystem, das wesentlich mehr ist als ein wenig Google Maps hier und etwas Spotify da.

Ab Modelljahr 2021 mit OTA Updates: Der Ford F-150
Ab Modelljahr 2021 mit OTA Updates: Der Ford F-150

Das ist ein riesiger Schritt für Ford. Der Konzern wird sich in Zukunft laut Medienmitteilung nicht mehr auf die Entwicklung von Software fokussieren, sondern die von Google bereitgestellte Software für seine Zwecke anpassen.

Android Auto, Android Automotive? Wait… what?

Du kennst Android Auto. Du steckst dein Phone ins Auto ein, das Display deines Ford Mustangs verabschiedet sich von der hauseigenen Software mit dem Namen Sync und zeigt dir ein Google Interface an.

Darum geht es nicht. Hier geht es um Android Automotive.

«The nomenclature can be confusing.»
source.android.com, 3. Februar 2021

Android Automotive ist eine Version Androids, die nicht über Fords Sync gesetzt läuft, sondern anstelle Fords Sync. Es ist keine wie auch immer geartete App auf deinem Phone, sondern die Software, die auf deinem Auto läuft. Also ein Ersatz zu Sync, UConnect oder wie sie alle heissen.

Da Android Automotive eine Version Androids ist und auf demselben Code basiert wie das Android auf deinem Smartphone, integriert es sich auch nahtlos mit deinem Google Account. Dazu, hinter den Kulissen, dieselben Security Updates, aber auch dieselben Vulnerabilities, dieselbe Kompatibilität, dieselben Developer Tools und generell gilt: Es ist genau wie das Android auf dem Phone mit ein paar Schnittstellen extra und einem anderen Look, der auf Autos optimiert ist.

Android Automotive ist, genau wie Android, open source und gratis. Dass dies aber im Betriebsalltag bestenfalls «leicht irreführend» ist, zeigt der laufende Handelskrieg, der zwischen Huawei und Google tobt. Das Fazit, abgesehen von der Politik und der Entwicklung von Parallel-Software, ist: Android ohne Google Services ist im Alltag nur mit grosser Mühe brauchbar. Google Services sind unter Android liegende APIs, die unter anderem Schnittstellen zu Google Maps, deinem Google Account und Google Pay bereitstellen.

Die Mobile Services werden von Google gestellt
Die Mobile Services werden von Google gestellt

Die Google Services aber sind in Besitz Googles, der US-amerikanischen Firma, und werden nicht einfach jedem gegeben. Das gibt dem Konzern viel Macht über einen ganzen Markt. Dasselbe dürfte auf Android Automotive zutreffen. Jeder chinesische EV-Hersteller, der in einer kleinen Garage Shenzhens ein Auto herstellen kann, kann Android Automotive benutzen, aber nicht die Google Services. Selbst wenn die chinesische Politik das erlauben würde. Du könntest theoretisch deine Seifenkiste mit Android Automotive versehen, genau, wie du auch deine eigene Android-Distribution lancieren kannst.

Der Volvo XC40 Electric läuft mit Android
Der Volvo XC40 Electric läuft mit Android

Damit die Weiterentwicklung Android Automotives, mit Google Services, schneller und näher am Endprodukt vorangeht, sucht sich Google, wie schon bei Phone Android, Partner. Einer dieser Partner ist jetzt Ford. Diese Partner haben Einfluss darauf, wie sich der Kern der Software entwickelt, bekommen Vorabversionen der Software und bestimmen den Development-Weg der Software mit. Volvo ist übrigens auch dabei. Der neue, vollelektrische XC40 läuft auf Android.

Die Fragen nach den Updates und der Weltherrschaft

Android Automotive ist ein recht transparenter Vorstoss zur Eroberung eines neuen Marktes. Autos sind so eine Sache, die die Menschen emotional und physisch bewegt. Autos sind ein Markt, in dem viel Geld ausgegeben wird und viele Daten gesammelt werden. Kein Wunder, will sich Google ein Stück davon abschneiden. Google verspricht sich vom Deal mit Ford und dem mit Volvo, weniger wohl mit der Randerscheinung Polestar – eine Marke im Besitz Volvos mit aktuell viel Marketing –, Milliarden Einnahmen und Abhängigkeiten. Denn wenn alle Ford-Autos auf Android laufen, dann müssen alle Ford-Autos auch aktualisiert werden.

Ford derweil verspricht sich weniger In-House Development, was die Kosten für Softwareentwicklung senken dürfte. Dazu natürlich das Werbeargument «powered by Android Automotive», das so interessant ist, dass ich vier A4-Seiten Text darüber schreibe.

Der Polestar 2, ein Auto aus dem Volvo-Konzern
Der Polestar 2, ein Auto aus dem Volvo-Konzern

Mit der Markteinführung kommt ein altes Android-Problem hoch. Die Updates. Historisch gesehen sind Updates auf Android bestenfalls verzögert und schlimmstenfalls geschehen sie nie. Das, weil jedes Smartphone andere Anforderungen hat. Bei einer durchschnittlichen Lebenszeit eines Smartphones von zwei Jahren und einem Release Cycle von mindestens einem neuen Flaggschiff pro Jahr lohnt es sich vom Aufwand, sowohl finanziell wie auch zeitlich nicht, alte Hardware mit neuer Software zu versorgen, wenn die neue Hardware gleich um die Ecke ist und die neue Software unter anderem als Verkaufsargument genutzt werden kann.

In der Vergangenheit sind dabei auch kritische Sicherheitsupdates auf der Strecke geblieben. Google hat anno 2017 Project Treble ausgerollt, das zumindest Sicherheitsupdates hinter den Kulissen und ohne grosse Code-Rekompilierung seitens des Phone-Herstellers hat einfliessen lassen. Das hat Updates allgemein stark beschleunigt, aber die Modell-zu-Modell Update-Strategie ist geblieben. Ein Samsung Galaxy S20 vom vergangenen Jahr läuft immer noch nicht auf derselben Software Version wie das Samsung Galaxy S21 vom laufenden Jahr, obwohl dem rein basistechnologisch nichts im Wege stünde.

Autos aber haben eine wesentlich längere Lebensdauer im Alltag als ein Smartphone. Anekdotisches Beispiel: Ein Land Rover mit Jahrgang 2011 und 190 000 Kilometern tut seinen Dienst noch so gut, dass an Ersatz nicht mal zu denken ist. Ein Mustang mit Jahrgang 2016 rast nach wie vor über die Autobahn, als ob nichts wäre und die 2020er Bullitt-Version unterscheidet sich, grob gesagt, nur optisch vom 2019er Mustang.

Der neue Ford Mustang Mach-1, der noch auf Ford Sync läuft. Ab 2023 soll er dann auf Android Automotive laufen
Der neue Ford Mustang Mach-1, der noch auf Ford Sync läuft. Ab 2023 soll er dann auf Android Automotive laufen
ford.com

Trotzdem: Jedes Jahr bekommt das Mustang-Portfolio Zuwachs. Dann und wann fällt eine Sonderedition weg, dann und wann kommt eine dazu, wie aktuell der Mach-1. Der Release Cycle von Autos ist also dem von Smartphones ziemlich nahe.

«Wir sind besessen davon, Ford-eigene Produkte und Services anzubieten, die du haben musst», sagt Jim Farley, Ford CEO. Das deutet darauf hin, dass Ford in der ausgerollten Version Änderungen an Android Automotive vornehmen wird. Genau wie Samsung das tut bei seinen Galaxy Phones, was dann zur Update-Politik führt, die nur den neuesten Modellen die neueste Software zukommen lässt.

Droht Android Automotive dasselbe Schicksal wie Android auf Phones?

Denn auch Ford dürfte mehr am 2021er-Mustang mit aktueller Software interessiert sein als daran, gratis den bereits verkauften Mustang zu aktualisieren. Denn Gratis-Updates wirken sich nicht positiv auf das Geschäftsergebnis aus.

Wenn du hinter dem Steuer sitzt: Was kann Android Automotive?

Nach dem Development ist dann die User Experience, aktuell oder nicht. Denn du als Fahrerin oder Fahrer des Mustangs bedienst das Fahrzeug. Da bietet Android Automotive eine weit tiefere Integration ins Fahrzeug als das Android Auto je könnte.

Kurz: Du kannst direkt mit den Systemen des Autos interagieren, da dein Auto softwareseitig Teil deines Google Ökosystems ist.

«Hey Google, schalte die Klimaanlage ein» soll funktionieren. Genau wie, zumindest theoretisch, ein Berechtigungssystem, das Zugriff regeln könnte. Bisher brauchst du für die Bedienung der meisten Autos einen Zündschlüssel. Keyless-Systeme sind im Kommen, aber noch lange nicht der Standard. Android Automotive macht einen grossen Schritt in Richtung granulare Berechtigungen im Fahrzeug. Folgendes Szenario ist plausibel:

  • Du mit deinem Google Account hast das Recht, die Autotüren zu öffnen, den Motor anzulassen und das Auto zu fahren. Dein Google-Account kennt sogar die Position deines Sitzes und des Steuerrads.
  • Deine Tochter darf nur die Türen öffnen und die Entertainment-Systeme bedienen. Die Zündung bleibt tot, wenn sie im Fahrzeug ist. Wenn nur sie im Auto ist und Gewicht auf dem Fahrersitz festgestellt wird, bekommst du eine Warnung.
  • Dein Ex konnte mal das Auto starten, aber du kannst ihm alle Rechte am Auto entziehen, da er dein Ex ist und in deinem Auto nichts verloren hat.

Von «keyless» ist bei Android Automotive offiziell noch nicht die Rede, trotz des fiktiven aber plausibel machbaren Vorschlags, den ich gerade gemacht habe. Noch nicht, denn ich bin überzeugt davon, dass ich nicht der erste mit dieser Idee oder einer Vergleichbaren bin. Navigation via Google Maps und Spotify-Integration aber sind gross dabei.

Android Automotive, übrigens, funktioniert auch ohne Android Phone. Apple User können die Software genauso nutzen wie Google-Jünger. Einfach, dass «Hey Siri» wahrscheinlich nur limitiert funktionieren wird.

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Dominik Bärlocher

Journalist. Autor. Hacker. Ich bin Geschichtenerzähler und suche Grenzen, Geheimnisse und Tabus. Ich dokumentiere die Welt, schwarz auf weiss. Nicht, weil ich kann, sondern weil ich nicht anders kann.


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