Barber Shops: Was hat es mit dieser Säule auf sich?

Barber Shops: Was hat es mit dieser Säule auf sich?

Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger
Zürich, am 16.07.2021
In den letzten Jahren sind sie wie Pilze aus dem Boden geschossen: Barber Shops. Oft haben sie an der Fassade oder im Schaufenster einen sich drehenden rot-weiss-blauen Pfosten. Um die Herkunft dieses Symbols ranken sich verschiedene Legenden – alle davon blutig.

Eine Männertraube steht vor den mit Schriftzügen versehenen Scheiben. Die meisten davon rauchend. Dahinter wird gerade Rasierschaum aufgetragen. Bartstoppeln werden gekonnt mit einem Messer entfernt. Ein herber Moschusduft dringt durch die offene Tür nach draussen. Einem Kunden wird gerade Aftershave auf den frisch rasierten Hals aufgetragen. «Der Nächste, bitte!»

Auch ohne diese Szene wäre mir sofort klar, was das hier ist. Eine rot-weiss-blaue sich drehenden Säule verrät das Gewerbe: ein Barber Shop.

Weltweites Erkennungsmerkmal

Egal, ob ich in Zürich, in Marrakesch oder in Hanoi bin, überall weisen sich die Männerfriseure mit diesem sogenannten Barbierpfosten aus. Diagonale Streifen in rot, weiss und blau drehen sich dabei so, dass es aussieht, als würden sie nach oben wandern. Aber was hat dieses universelle Symbol eigentlich zu bedeuten?

Es gibt auch moderne Neuinterpretationen.
Es gibt auch moderne Neuinterpretationen.

Die Geschichtsschreiber sind sich nicht einig. Es gibt einige Legenden rund um das Thema. Sie alle beginnen aber im Mittelalter in Europa. Schon damals gab es Barbiere. Neben dem Haare schneiden und Bart rasieren führten viele von ihnen auch chirurgische Eingriffe durch. Dazu zählten unter anderem das Zähneziehen aber auch der Aderlass. Dieser kam schon in der Antike auf. Zur Heilung von Krankheit wurden den Patient*innen zwischen 50 und 1000 Milliliter Blut entnommen. Diese Praxis kommt aus der Säftelehre, die besagt, dass Krankheit das Ungleichgewicht der Mischung von Blut, Galle und Schleim im Körper ist.

Der Aderlass ging meist nicht spurlos vorüber. Die blutigen Verbände sollen draussen an einem Pfosten zum Trocknen aufgehängt worden sein. Durch den Wind hätten sie sich dann diagonal um den Pfosten gewickelt und so ein rot-weisses Muster erzeugt. Aus diesem Grund sind die älteren Barbierpfosten auch nur rot und weiss. Diese Verbandspfosten wurden laut der Legende nach und nach zum Erkennungszeichen für Barbiere, die auch chirurgische Eingriffe durchführten und nicht nur Haare schnitten. Der blaue Streifen soll später als Zeichen amerikanischen Patriotismus’ dazu gekommen sein.

Aderlass im Mittelalter. Bild: history.com
Aderlass im Mittelalter. Bild: history.com

Andere Legenden besagen, dass sich die Menschen für den Aderlass an dem Pfosten festhielten, damit die – von aussen – blauen Adern hervortraten, was den zusätzlichen Streifen im Symbol erklären würde. Andere wiederum behaupten, die Farben symbolisierten das arterielle Blut (rot), das venöse Blut (blau) und den sauberen Verband (weiss).

Heute sind solche Universalberufe fast ausgestorben. Jede*r ist Expert*in auf einem kleinen Teilgebiet. Beim Barber gibt’s eine Art von Haarschnitt (oder zumindest scheint mir nur eine gewählt zu werden) und oben drauf eine Nassrasur. Das Ergebnis ist handwerklich perfekt. Blut fliesst lediglich, wenn der Barbier dir aufgrund einer Unaufmerksamkeit beim Rasieren ein Schnittchen zufügt.

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Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger

Editor, Zürich

Meinen Horizont erweitern: So einfach lässt sich mein Leben zusammenfassen. Ich liebe es, neue Menschen, Gedanken und Lebenswelten kennenzulernen,. Journalistische Abenteuer lauern überall; ob beim Reisen, Lesen, Kochen, Filme schauen oder Heimwerken.

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