Besser loswerden: Produktfotografie-Tipps

Besser loswerden: Produktfotografie-Tipps

Pia Seidel
Pia Seidel
Zürich, am 08.02.2021
«Ein Bild sagt mehr als tausend Worte» gilt vor allem bei Produktfotos. Willst du deine alten Produkte loswerden, musst du das gebrauchte Stück auch schön inszenieren. Ein wenig Zeit bedeutet Geld.

Ein Besuch auf einer Online-Wiederverkaufsplattform fühlt sich irgendwie schmuddelig an. Ich rieche zwar nicht die alte Kleidung wie in einem Secondhand-Shop, aber ich sehe unordentliche, teils unsaubere Wohnungen und lieblos platzierte Produkte. Auf Plattformen wie Ricardo, Tutti, Vinted oder unserer Wiederverkaufsplattform beobachte ich auch in Sachen Fotografie immer wieder dieselben Fehler: Schlecht beleuchtet, aus zu grosser oder kleiner Distanz und von oben herab fotografiert. Fast noch schlimmer: Originalbilder vom Hersteller, die mir nichts über den aktuellen Zustand des Produkts verraten. Niemand kauft gern die Katze im Sack. Je ehrlicher ich Makel sehe, desto vertrauenswürdiger wirkt das Angebot auf mich. Wir können nicht alle Starfotografen sein. Doch mit etwas Vorwissen und Aufwand lässt sich mehr aus den Bildern herausholen.

Für die richtige Kulisse sorgen

Das Mindeste

Den Auslöser zu betätigen, kostet dich später weniger als eine Sekunde. Also kannst du etwas Zeit in die Inszenierung investieren. Mach dir einige Gedanken zur Kulisse und zum Set-up. Was ist so besonders am Objekt der ehemaligen Begierde? Und wo muss es sein, um perfekt zur Geltung zu kommen? Kleidung sollte zum Beispiel an einem Bügel hängen, statt auf dem Boden zu liegen.

Erlaubt ist, was die Oberfläche und Silhouette des Gegenstands zur Geltung bringt.
Erlaubt ist, was die Oberfläche und Silhouette des Gegenstands zur Geltung bringt.
Andere Blickwinkel zeigen Details.
Andere Blickwinkel zeigen Details.

Lichte das Produkt auf einer sauberen und unifarbenen Tischfläche, einem Fussboden oder Stoff ab. Manchmal muss meine Kuscheldecke herhalten, weil mein Parkettboden optisch zu unruhig ist. Egal, was du wo ablichten möchtest – räume vorher das Zimmer auf.

Das bisschen Extra

Auch wenn das manchmal mit etwas Verrücken und Aufwand verbunden ist: Grosse Möbel wie Stühle und Tische lassen sich am einfachsten vor kahlen Wänden fotografieren. Achte bei der Wahl darauf, dass sie hell und mit sanften Farben gestrichen sind. Ein knalliges Blau oder Rot lenkt nur ab. Als Alternative zur Wand kann ein Vorhang zum Hintergrund werden. Wichtig ist nur, dass er unifarben ist oder ein zurückhaltendes Muster besitzt. Ausserdem sollte dieser nicht am Fenster hängen. Gegenlicht ist der Tod für schöne Fotos.

Im Netz gibt es zahlreiche gute Beispiele. Sie zeigen, wie kreativ Produktfotos sein können.
Im Netz gibt es zahlreiche gute Beispiele. Sie zeigen, wie kreativ Produktfotos sein können.

Lass dich von deinen Lieblingsmarken und deren Bildwelten inspirieren. Wie haben sie die Dinge in Szene gesetzt und dich zum Kauf verleitet? Kopieren ist erlaubt. Oft sind es Kleinigkeiten wie Blumen, die den Tisch aufhübschen oder pastellfarbene Hintergründe, die zum Klicken anregen. Wenn du dich für ein Stilelement entschieden hast, kann es mit der Suche nach dem geeigneten Background fürs Shooting losgehen. Ich spiele gern mit diversen Farben und Oberflächen. Das verleiht dem Bild mehr Tiefe und betont die Textur des Gegenstands.

Das Set-up muss nicht aufwendig sein.
Das Set-up muss nicht aufwendig sein.
Sofern der Bildausschnitt später stimmt.
Sofern der Bildausschnitt später stimmt.

Für kleinere Objekte eignet sich Papier in verschiedenen Farben als Hintergrund. Ich mag Geschenkpapier und befestige es an der Wand. Du kannst auch eine Holzplatte oder ein Kartonstück streichen. Diese Hintergründe kannst du dann immer wieder gebrauchen. Eine Papierrolle hat hingegen den Vorteil, dass sie gleichzeitig zum Boden wird. Befestige sie an der Wand, rolle sie ab und ziehe sie bis unter das Produkt. Das lässt die Horizontlinien verschwinden und das Produkt im Raum schweben.

Vertikale und horizontale Linien im Bild können vom Gegenstand ablenken.
Vertikale und horizontale Linien im Bild können vom Gegenstand ablenken.
Wenn für den Boden und Hintergrund dasselbe Papier verwendet wird, verschwindet die horizontale Linie.
Wenn für den Boden und Hintergrund dasselbe Papier verwendet wird, verschwindet die horizontale Linie.

Bildausschnitt wählen

Das Mindeste

Damit der Winkel stimmt, sollte deine Kamera auf der gleichen Höhe wie das Motiv sein. Andernfalls laufen senkrechte Linien nicht parallel. Die Kurztipps meines Kollegen David Lee verraten dir, wie du Verwackeln vermeidest. Kamerafunktionen wie die Timer-Einstellung wirken Wunder. Spiele auch mit den unterschiedlichen Modi. Der Porträtmodus eignet sich zum Beispiel für Bekleidung und Accessoires oder aber für eine Blumenvase. Der Landschaftsmodus eignet sich für eine Ganzkörperaufnahme oder grosse Möbel.

Ob ein Bücherstapel, Mobiltelefonständer oder Tripod – jedes Mittel ist recht, um das Smartphone zu fixieren.
Ob ein Bücherstapel, Mobiltelefonständer oder Tripod – jedes Mittel ist recht, um das Smartphone zu fixieren.

Die meisten Smartphones bieten dir eine Rasterfunktion an. Positioniere den Gegenstand mithilfe der Drittel-Regel oder einfach in der Mitte.

Das bisschen Extra

Bei der Ausrichtung können dir Stative helfen. So hast du die Hände frei und kannst die Kamera präziser ausrichten. Je mehr Fotos du knipsen musst, desto effizienter wird der Vorgang. Die Bilder werden schärfer und die Abstände sind bei mehreren Produkten immer gleich. Je häufiger du Produktfotos machst, desto mehr lohnt sich eine Anschaffung. Bis dahin rate ich dir zum selbst gebastelten Mobiltelefonständer:

So baust du einen *mobilen Smartphone-Ständer**
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Gut beleuchten

Das Mindeste

Das einfachste und schönste Licht ist natürliches Licht und doch sehe ich oft Fotos, die mit Blitz oder mit Kunstlicht entstanden sind. Das verfälscht die Farben und führt zu starken Kontrasten von Licht und Schatten. Fotografier deine Sachen lieber tagsüber im hellsten Zimmer in der Nähe eines Fensters, das nach Norden zeigt.

Mit einer hellen, weissen Umgebung lassen sich Verfärbungen vermeiden.
Mit einer hellen, weissen Umgebung lassen sich Verfärbungen vermeiden.

Geh auf Nummer sicher, dass die Umgebung nicht «abfärbt». Bereits ein rotes Sofa kann Farben im Bild beeinflussen. Sollte es zu dunkel sein, rücke dein Set-up so nah wie möglich ans Fenster.

Das bisschen Extra

Wenn deine Fenster in andere Richtungen zeigen und die Sonne zu stark scheint, zücke einen Spiegel oder eine Glasscheibe und stelle sie parallel zum Fenster auf. Das verhindert starke Schlagschatten, die ablenken. Ausserdem kannst du das Licht schwächen, indem du ein Tuch oder weisses Papier über das Fenster legst.

Ein Spiegel kann den professionellen Reflektor ersetzen.
Ein Spiegel kann den professionellen Reflektor ersetzen.

Es ist trotz Fensterplatz immer noch zu dunkel? Dann setze künstliche und stelle Lampen, die du mit Backpapier abdämpfst, in der Nähe auf. Für Einsteiger eignet sich auch eine Fotobox zum selber basteln:

Eine fast perfekte *Fotobox für Einsteiger**Video
HintergrundFoto + Video

Eine fast perfekte Fotobox für Einsteiger

Oder du verlagerst dein Set-up nach draussen. Bedenke dabei nur, dass du möglicherweise die Winkel oder das gesamte Set-up jedes Mal ändern musst, wenn die Sonne ihre Position ändert. Das schränkt ein. Je mehr Bilder du machen musst, desto praktischer ist ein Indoor-Setting, das du stehen lassen kannst.

Im Zweifelsfall kannst du jedes Bild im Nachhinein mithilfe des integrierten Bildbearbeitungsprogramms oder Apps wie Snapseed und Vsco aufbessern. Hier gilt nur: Weniger ist mehr. Vorsicht vor Filtern, die Farben verändern. Nehme die Apps lediglich dazu, den Kontrast zu erhöhen, Fotos leicht zu schärfen oder zu begradigen und den Weissabgleich zu korrigieren. Wichtig ist bloss, dass die Einstellungen bei allen Bildern eines Produkts gleich sind.

Vielfalt aufzeigen

Das Mindeste:

In vielen Fällen werden gebrauchte Produkte nur von einer Seite abgelichtet. Dabei haben sie mehr zu bieten. Nimm dein Produkt von jeder relevanten Seite auf und mach auf Details aufmerksam. Du solltest das Zubehör und die Originalverpackung, wo möglich, im Kasten haben. Ergänze ein Gruppenbild, wenn es sich um ein Set handelt. Du verkaufst eine Lampe? Dann zeige sie nicht nur einmal aus- und einmal angeschaltet, sondern auch mit ihrem Kabel.

Zusätzliche Bilder können zeigen wie's funktioniert.
Zusätzliche Bilder können zeigen wie's funktioniert.

Viele machen bei Secondhand-Sachen sehr bewusst kein Bild von Gebrauchsspuren und Beschädigungen. Das ist ein Fauxpas. Kratzer hindern mich nicht daran, ein Produkt zu erwerben. Im Gegenteil: Etwas Patina macht die Dinge schliesslich zu etwas Besonderem. Zeige daher bewusst was das Produkt vom Unbenutzten unterscheidet.

Um Features zu erklären, braucht es mehr als nur ein Foto.
Um Features zu erklären, braucht es mehr als nur ein Foto.
Spuren sollten offenbart werden.
Spuren sollten offenbart werden.

Zum Schluss solltest du mindestens diese Bilder im Kasten haben:
- Einzelaufnahme: eine Aufnahme des Produkts (mit neutralem Hintergrund).
- Detailaufnahme: eine Nahansicht, um bestimmte Merkmale und Makel hervorzuheben.
- Gruppenaufnahme: Produktgruppen und Zuberhör werden gemeinsam präsentiert.

Das bisschen Extra:

Berechne bei gewissen Produkten einen weiteren Shot ein, der Proportionen verdeutlicht. Dafür eignen sich Gegenständen, die alle schon einmal in der Hand hatten: eine Streichholzschachtel, eine 1-Liter-Trinkflasche oder die klassische «Banana for scale». Alternativ kannst du einen sogenannten Lifestyle-Shot machen. Er zeigt das Produkt in der Anwendung: Den mit Flaschen bestückten Barwagen oder das Kleid am Körper. Wie hast du das Objekt ursprünglich benutzt? Zeig es! Das Lifestyle-Bild gibt Betrachtenden eine bessere Idee davon, was sie mit dem Produkt alles anstellen können. Auch wenn es noch so banal wie im Fall eines Hakens für die Wand zu sein scheint, gibt ein solches Foto mehr her.

Ein Küchentuch veranschaulicht die Grösse des Wandhakens.
Ein Küchentuch veranschaulicht die Grösse des Wandhakens.

Die Go-tos von Interieur-Stylisten sind Blumen, Esswaren und Bücher oder Magazine. Sie machen Fotos von Möbeln lebendiger und «menschlicher» – ohne dabei zu dick aufzutragen. Lege einen Keks auf einen der Teller, die du verkaufen möchtest. Oder nehme die Kaffeetasse für den Lifestyle-Shot in die Hand. Je nachdem, was thematisch passt. Beim Schmuckkasten ist das Dekoaccessoire die Uhr oder dein Handgelenk.

Für die Einzelaufnahme ist eine leere Konsole gut.
Für die Einzelaufnahme ist eine leere Konsole gut.
Ein Lifestyle-Shot braucht ein wenig Deko.
Ein Lifestyle-Shot braucht ein wenig Deko.

Die Shots für das i-Tüpfelchen:
- Skalierte Aufnahmen: Gibt ein besseres Verständnis von der Grösse des Produkts.
- Verpackungsaufnahmen: ein Bild der Verpackung des Produkts.
- Lifestyle-Aufnahmen: Aufnahmen des verwendeten Produkts.

Wenig Aufwand, viel Ertrag

Als ich meinen Barwagen mit diesen Tricks kürzlich abfotografiert und angeboten habe, dauerte es keine halbe Stunde, bis ich Bieter hatte. Obs Zufall war oder am inszenierten Bild lag? Schwer zu sagen. Ich tippe auf Letzteres. Seit meiner Zeit als Stylistin weiss ich, dass gut inszenierte Produktfotos den Unterschied machen.

Welche Tricks hast du, um schnell zu guten Bildern zu kommen? Hinterlasse deine Antwort in der Kommentarspalte.

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Pia Seidel
Pia Seidel

Senior Editor, Zürich

Es gibt zwei Arten, sein Leben zu leben: entweder so, als wäre nichts ein Wunder, oder so, als wäre alles ein Wunder. Ich glaube an Letzteres. – Albert Einstein

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