Best of Make-up Shaming: Das sind eure Storys

Best of Make-up Shaming: Das sind eure Storys

Natalie Hemengül
Natalie Hemengül
Zürich, am 16.08.2021
Entweder ist es zu viel oder zu wenig. Beim Thema Schminken halten die wenigsten mit ihrer Meinung hinterm Berg. Eine Sammlung der nervigsten Kommentare und «gut gemeinten» Ratschläge, die ihr euch anhören musstet.

Neulich auf einem Spaziergang kam ich an einer Beiz vorbei, wo es sich eine Gruppe junger Männer gut gehen liess. Das Bisschen blauer Lidschatten, Glitzer und falsche Wimpern in meinem Gesicht schien die Truppe stark zu irritieren. So sehr, dass mir einer der jungen Herren beim Vorbeigehen zurief: «Hey, gehörst du nicht zur Band Kiss?» Es folgten zustimmendes Gelächter und anerkennendes Schulterklopfen.

Etwas Farbe reicht offenbar, um (wildfremden) Menschen überflüssige Kommentare zu entlocken. Nicht nur draussen erlebe ich solche Situationen. Büros und Social Media sind ebenfalls Hotspots des «Make-up Shamings». Ob und wie ich mich schminke, ist plötzlich jedermanns und jederfraus Sache. Für die einen bin ich zu stark geschminkt, andere finden wiederum, ich solle gar nicht erst zur Farbe greifen. Natürlichkeit sei das Nonplusultra. Alle reden mit. Solche Meinungen, Kommentare, «gut gemeinten» Ratschläge und «persönliche Präferenzen» kommen oftmals aus dem Nichts. Wie damals, als eine ehemalige Arbeitskollegin in der Kaffeepause meine Vorliebe für starkes Make-up, ohne vorangehendes Gespräch, als fasnachtstauglich labelte.

Mit meinen «Make-up Shaming» Erfahrungen bin ich kein Einzelfall. Ich habe euch auf Social Media gefragt, was ihr euch schon alles anhören musstet, weil ihr euch schminkt oder eben nicht schminkt.

Das sind eure Geschichten

Nicole, 29:
«Eine Kollegin, die mit mir in der HR-Abteilung arbeitete, meinte eines Tages, ich hätte den Job nur bekommen, weil zwei Männer das Bewerbungsgespräch mit mir geführt hätten und mein roter Lippenstift eine verführerische Wirkung auf sie gehabt hätte. Dass ich eine gute Ausbildung und das nötige Know-how mitbrachte, schien für sie keine Rolle zu spielen. Leider passiert es häufig, dass mir Menschen wegen meiner Art mich zu schminken, berufliche Kompetenzen absprechen. Dabei hat das eine mit dem anderen nichts zu tun.»

Lorena*, 31:
«Auf dem Weg in eine Sitzung versuchte mir eine Mitarbeiterin zu erklären, dass ich eine starke Persönlichkeit sei und mein auffälliges Make-up andere Frauen zusätzlich einschüchtere. Ich solle zu meinem eigenen Wohl in Zukunft aufs Schminken verzichten. Damals war ich mit Abstand die Jüngste im Team und liess mich durch so eine Aussage einschüchtern. Ich wollte dazugehören und erschien anschliessend wochenlang ungeschminkt zur Arbeit. Auch meine Art, mich zu kleiden, passte ich an. Schlabber-Look war angesagt. Aber mir fehlte das morgendliche Schminken, da es sich positiv auf meine Laune auswirkte. Durch das Wegfallen meines Rituals hatte sich nach einer Weile mein ganzes Wesen verändert. Irgendwann fiel das auch meiner Mutter auf. Sie redete mir gut zu und ich entschied, wieder ich selbst zu sein. Am Tag darauf traf ich die Dame auf der Toilette. Dort packte sie mich am Kinn, schüttelte ihren Kopf und meinte: 'Du hast also nicht auf mich gehört?' Das ging mir zu weit. Ich habe die Stelle relativ schnell gewechselt, obwohl mir die Tätigkeit dort gefiel.»

Bubu, 29:
«Ich durfte einmal an einer Social-Media-Kampagne eines Beauty Brands mitwirken. Dazu nahm ich eigenständig ein Make-up Tutorial auf, das später von der Marke als Werbung auf Instagram ausgespielt wurde. Die Kommentare darunter waren verletzend. Ich wurde als Clown betitelt. Jemand meinte sogar, dass man einen Spachtel bräuchte, um das Make-up wieder aus meinem Gesicht zu entfernen. Heute kann ich über solche dummen Sprüche hinwegsehen, aber wie man Menschen so verletzen kann, werde ich nie verstehen. Jede*r soll tragen, was ihr oder ihm gefällt.»

Juliana*, 22:
«Vor einiger Zeit führte ich eine Fernbeziehung. Mein Freund und ich trafen uns jeden Abend virtuell per Videochat. Eines Tages fragte mich mein Vater im Ernst, ob mich mein Freund denn schon je ungeschminkt gesehen hätte. Schliesslich gäbe es Männer, die wegrennen, wenn sie ihre Freundin plötzlich ungeschminkt sehen. Mit dieser Aussage unterstellte er meinem Freund nicht nur ein oberflächliches Interesse an mir, sondern auch, dass ich ungeschminkt zum Wegrennen bin. Ich nahm es mit Humor.»

Laila*, 27:
«Normalerweise trage ich im Büro ein leichtes Make-up. Nicht an diesem Tag. Ein Mitarbeiter fragte mich geradeheraus, weshalb ich denn heute nicht geschminkt sei und erklärte mir, dass meine Augen ohne Schminke kleiner aussehen. Ich verstehe ja, dass mein ungeschminktes Gesicht ein ungewohnter Anblick ist. Aber auf solche Kommentare kann ich gut verzichten.»

Laura*, 30:
«Am Wochenende habe ich mich nach langer Zeit mal wieder ganz fett geschminkt, weil wir feiern gehen wollten. Der Freund meines Freundes meinte dann ernsthaft: 'Wow, heute siehst du so schön aus, wenn dir dein Freund keinen Ring ansteckt, tue ich es.»

Tabea, 30:
«Mein Ex hat mir mal gesagt, dass er es nicht verstehen kann, weshalb ich so viel Zeit in mein Gesicht investiere statt in meinen Körper. Zu der Zeit war ich noch nicht Mama und schminkte mich gerne stundenlang, weil es mir Freude bereitete. Sein Kommentar verunsicherte mich damals, heute ist das zum Glück nicht mehr so.»

Amelia*, 34:
«Ich habe eine kreative Ader und lebe diese auch an meinem Schminktisch aus. In einem Gespräch kam ich mit meinem Arbeitskollegen auf das Thema 'geschminkte Frauen'. Daraufhin meinte er: 'Also du bist auf der Arbeit schon sehr stark geschminkt, das ist ja mehr als grenzwertig.' Ich machte ihm klar, dass mein Gesicht nur mir gefallen muss und er nicht darüber zu entscheiden hat, wer stark oder nicht stark geschminkt ist. Wem mein Make-up nicht gefällt, der soll gefälligst wegschauen. Das ist meine Einstellung. Ich entschuldige mich nicht dafür, wer ich bin oder was mir gefällt.»

Anna*, 40:
«Ich wirkte an einer Open-Air-Theaterproduktion mit, bei der ich von morgens bis abends auf den Beinen war. Unter der prallen Sonne als auch im Regen. Deshalb entschied ich mich, kein Make-up mehr aufzulegen, obwohl ich sonst gerne mal ein bisschen meine Augenringe kaschiere. Aber bei Sonnencreme, Schweiss, Regen, Schirmmütze und allem drum und dran sah ich es nicht ein, mir die Mühe zu machen. Beim Mittagessen fragte mich der Regisseur, ob es mir gut gehe und ob ich auch genug geschlafen hätte. Ich versicherte ihm, dass alles ok sei und dass ich lediglich sehr warm hätte. Anschliessend kamen zwei Schauspieler zu mir. Auch sie fragten, ob es mir gut gehe. 'Du siehst nicht fit aus. Bist du krank?' Ich verneinte erneut. Dann begriff ich allmählich. Ich war ungeschminkt. Am Abend kam einer dieser Schauspieler erneut auf mich zu. Er hatte bereits ein paar Bierchen intus und sprach mich wieder auf mein 'müdes' Gesicht an. Daraufhin wurde ich sauer. Mir kam dann zum Glück ein anderer Schauspieler zur Hilfe, um die Wogen zu glätten. Ich hätte wohl einfach sagen sollen, dass ich den Abend zuvor durchgesoffen und gekokst habe und darum so scheisse aussehe. Mit dieser Antwort wären bestimmt alle zufrieden gewesen.»

Auf die Zunge beissen, statt anderen auf die Füsse zu treten

Äusserlichkeiten wie dunkle Augenringe, ein knalliger Lippenstift oder eine dicke Schicht Foundation sind zwar für alle sichtbar, deswegen aber noch lange keine Einladung, Meinungen und Bemerkungen ungefragt abzuladen. Im Gegenteil. Sie sind Privatsache. Wer sich wie der Welt zeigen möchte, entscheidet jede*r für sich selbst. Und auf Beleidigungen, die als «hilfreiche Tipps» getarnt werden, verzichte ich in Zukunft gerne.

*Name von der Redaktion geändert.

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Natalie Hemengül
Natalie Hemengül

Editor, Zürich

Als Disney-Fan trage ich nonstop die rosarote Brille, verehre Serien aus den 90ern und zähle Meerjungfrauen zu meiner Religion. Wenn ich mal nicht gerade im Glitzerregen tanze, findet man mich auf Pyjama-Partys oder an meinem Schminktisch. PS: Mit Speck fängt man nicht nur Mäuse, sondern auch mich.

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