CGI: Kino aus dem Computer, Teil 2
Hintergrund

CGI: Kino aus dem Computer, Teil 2

Luca Fontana
Luca Fontana
Zürich, am 10.10.2018

Computereffekte in Filmen sind böse und kommen aus der Hölle. So die gängige Meinung, denn die Effekte wirken immer künstlicher, obwohl sie eigentlich besser werden. Warum ist das so? Ein Erklärungsversuch.

Letzte Woche habe ich einen Artikel über flüchtende Herr-der-Ringe-Soldaten veröffentlicht. Dort geht’s um eine eigens für die Filme entwickelte Software, die riesige Armeen animieren soll. Doof nur, dass bei den ersten Tests tausende Soldaten keinen Bock auf eine ordentliche Schlacht gehabt haben und stattdessen einfach davongelaufen sind.

Natürlich sind die Entwickler dahinter gekommen, was schief gelaufen ist – wortwörtlich –, und heute steht das Herr-der-Ringe-Franchise für augenöffnende Massenschlachten.

Dann aber lese ich diesen User-Kommentar:

«Ich persönlich fand die CGI Massenschlachten in der Hobbit-Reihe ziemlich... sagen wir mal mühsam. Es wirkt einfach nicht echt. Erinnert einen an die Agent-Smith-Szene in «The Matrix Reloaded», vielleicht könnte man dazu ja mal eine schöne Anekdote schreiben :-)»
Anonymous

Damit steht dieser Leser nicht alleine. Überhaupt scheinen die Meisten der Meinung zu sein, dass moderne 3D-Computereffekte (Computer Generated Imagery, kurz CGI) böse sind und direkt aus der Hölle kommen. Aus dem Grund schwebte mir sowieso schon eine Fortsetzung zu meinem ersten Beitrag «Kino aus dem Computer» vor.

*VFX**: Kino aus dem Computer*VFX**: Kino aus dem Computer
Hintergrund

VFX: Kino aus dem Computer

Aber warum mögen wir CGI nicht? Ich meine, du brauchst nur ein paar Minuten zu googeln, und schon findest du zahlreiche Artikel, Forenbeiträge oder YouTube-Videos, die sich mit der Frage auseinandersetzen, warum der 1993er T-Rex so viel echter wirkt als derjenige aus «Jurassic World» – ein Film, der ganze 25 Jahre später entstanden ist.

Offensichtlich läuft hier etwas falsch. Und ich will herausfinden, was.

Es gibt viel, viel mehr CGI als früher

November 2014. Der erste Trailer zur heiss erwarteten Fortsetzung zu «Jurassic Park» findet seinen Weg ins Netz.

Knapp zweieinhalb Minuten, die genau die richtigen Knöpfe drücken, um ein Millionenpublikum aufs nächste Dinoabenteuer heiss zu machen. Aber der Trailer – eigentlich der ganze Film – ist gleichzeitig auch Sinnbild dafür, warum Computereffekte so verpönt sind: Sie sind einfach überall.

Ein Beispiel. Achte dich auf die Sequenz ab etwa Minute 1:00. Sie zeigt eine Seaworld-würdige Wassershow – nur halt mit Dinos in den Hauptrollen.

1. Anflug auf die Arena
1. Anflug auf die Arena
2. Fischfutter für den Fischdino
2. Fischfutter für den Fischdino
3. Der Mosasaurus schnappt zu
3. Der Mosasaurus schnappt zu
4. Und weg ist er
4. Und weg ist er
Bildquelle: Universal Pictures

Die Szene will uns Zuschauern ums Verrecken zum Staunen bringen, uns «Oh!» und «Ah!» ausrufen lassen – wie die Zuschauer im Film –, versagt aber auf ganzer Linie. Wieso? Nicht unbedingt weil die Effekte nicht gut wären. Im Gegenteil; ganz nüchtern betrachtet sind sie sogar beeindruckend und deutlich besser als noch vor 25 Jahren. Aber bis auf ein paar Köpfe im Vordergrund ist nichts an dieser Szene echt – und hier liegt der Dinosaurier begraben.

Wir schauen nämlich zu, wie ein künstlicher Dino in einer künstlichen Arena vor einem künstlichen Publikum einen künstlichen Hai verspeist und anschliessend in künstliches Wasser plumpst – zwei echte Buben beklatschen das Geschehen. Die Künstlichkeit dieser Szene schafft nichts als emotionale Distanz. Da hocken ein paar Schauspieler vor einer grünen Wand und tun so, als ob sie irgendwas Spektakuläres bejubeln, das eigentlich gar nicht da ist. Das Geschehen ist so austauschbar, dass es vor Kino-Release tatsächlich ausgetauscht wurde.

So sah es im ersten Trailer aus
So sah es im ersten Trailer aus
Und so im fertigen Film
Und so im fertigen Film
Bildquelle: Universal Pictures

Versteh mich nicht falsch. Manchmal lässt sich eine Geschichte nicht anders erzählen. Aber wenn nicht nur vereinzelte Szenen, sondern der gesamte Film so wirkt, als ob er aus einem Videospiel stammen würde, dann dürfen sich Filmschaffende nicht wundern, dass ihr Publikum keine emotionale Bindung zum Film hat und anfängt, Computereffekte in Frage zu stellen.

Mehr Rechenpower = mehr Computereffekte

Warum aber gibt es heutzutage so viele Computereffekte? Die Antwort hat ironischerweise viel mit der Handlung von «Jurassic World» gemein: Im Film haben sich die Parkbesucher an die Existenz von Dinosauriern gewöhnt und lassen sich nicht mehr so einfach beeindrucken. Die Parkbesitzer beschliessen, dass sie neue, aufregendere Dinos erschaffen müssen, um das Interesse des Publikums zurückzugewinnen – und übertreiben’s.

Genauso läuft’s mit CGI. Die Zeiten, in der ein Brachiosaurus, der gemütlich Blätter von den Bäumen pflückt, ausgereicht hat, um uns in Staunen zu versetzen, sind längst vorbei. Es braucht mehr: Mehr Action, mehr Explosionen, mehr Computereffekte. Und die Macher übertreiben’s.

In «Jurassic World» behaupten die Figuren, dass sie dank Fortschritten in der Gentechnik noch bessere Dinosaurier herstellen können. Das Pendant dazu in der realen Welt sind deutlich leistungsstärkere Computer, mit denen sich bessere Effekte noch schneller produzieren lassen.

Erinnerst du dich an diese Jeep-Jagdszene aus «Jurassic Park»?

«You must go faster», die Jagd beginnt ab Minute 0:41

Die Macher benötigten fürs Rendern dieser Szene zwölf Stunden pro Frame. Eine Filmsekunde besteht aus 24 Frames. Die drei Sekunden, in die der T-Rex tatsächlich zu sehen ist, haben also 864 Stunden Rechenarbeit verschlungen. Das entspricht 36 Tagen oder etwas mehr als einen Monat. Eine Ewigkeit.

CGI schafft neue Realitäten und widersetzt sich der Physik

Etwas hat sich also tatsächlich geändert: Computereffekte waren früher viel aufwändiger und haben massiv mehr Zeit gefressen. Filmemacher überlegten es sich zweimal, ob sie den Aufwand, der mit CGI zusammenhängt, auf sich nehmen wollen oder nicht. CGI-Effekte waren der letzte Ausweg und haben dann für grosse Kinomomente gesorgt, wenn’s mit echten, praktischen Effekten partout nicht ging.

Das steht im krassen Gegensatz zu heute, wo es offenbar zum guten Ton gehört, mit CGI rumzukleckern und Dinge zu animieren, die genau so gut in echt hätten gemacht werden könnten.

And cut! Als *Chuckesme, die Mörderpuppe** am Twilight-Set für Horror sorgteAnd cut! Als *Chuckesme, die Mörderpuppe** am Twilight-Set für Horror sorgte
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And cut! Als Chuckesme, die Mörderpuppe am Twilight-Set für Horror sorgte

Dabei fällt auf: Computereffekte dienen zunehmend dazu, die Realität gänzlich zu ersetzen, statt sie nur zu erweitern oder zu ergänzen. Nehmen wir zum Beispiel die Matrix-Trilogie. In «The Matrix» siehst du die Schauspieler selber kämpfen oder durch die Luft fliegen. CGI wird nur ergänzend eingesetzt. Etwa bei der Darstellung der Bullet Time, wo Kugeln durch die Luft sausen, als ob sie Wasser wäre.

Bullet Time in «The Matrix»
Bullet Time in «The Matrix»
Warner Bros.

Nicht nur ergänzt, sondern komplett ersetzt wurden die Schauspieler in der Fortsetzung «The Matrix Reloaded». Die Kampfszene, in der Neo gegen hundert Agent Smiths kämpft, gehört mittlerweile zu den beliebtesten Beispielen für schlechtes CGI.

Zwei computeranimierte Schauspieler
Zwei computeranimierte Schauspieler
Warner Bros.

Am meisten kritisiert wird die Szene, weil sich die computeranimierten Schauspieler beim Zugucken viel zu leicht anfühlen. Wie Puppen, die von einem cholerischen Kleinkind mit Zuckerflash rumgeschleudert werden.

Das Problem geht aber weiter. Denn das eigene Verständnis für Physik kann uns zwar sagen, dass da mit dem Gewicht der Figuren irgendetwas nicht stimmt, aber wie genau Hunderte durch die Luft geschleuderte Menschen aussehen müssten, weiss das Gehirn eben auch nicht. Wir mögen uns vielleicht an die visuellen Schauwerte erfreuen, aber echte Spannung kommt keine auf, weil uns die Referenz im echten Leben fehlt: Wir kapseln uns emotional ab.

Ich meine, ich habe keine Ahnung, wie ein Roboter, der eine halbe Tonne wiegt, aussehen müsste, wenn er aus einem Bus gerissen würde. Aber so (ab Minute 0:23) sicher nicht:

Ab Minute 0:23 fliegt Arnie aus dem Bus raus, und erinnert dabei mehr an eine Puppe als an einen Killer-Roboter

Das sieht so lächerlich falsch aus, dass es kracht. Dasselbe gilt auch für Legolas Definierung der Gravitation in so ziemlich jedem Film, in dem er vorkommt.

Legolas walks the air
Legolas walks the air
Legolas rides the Orc
Legolas rides the Orc
«The Hobbit», New Line Cinema

Ich will nicht stänkern. Filme erzählen Geschichten, die grösser sind als unsere eigene, kleine Welt: Fantasy-Filme versetzen uns in fremde Welten, Superhelden bekämpfen Bedrohungen galaktischen Ausmasses und in Science-Fiction-Streifen besuchen wir die Zukunft oder durchstreifen das All – nicht alles lässt sich mit praktischen Effekten lösen oder auf uns bekannten Szenarien reduzieren.

Aber Filmemacher müssen sich daran erinnern, dass jedes fantastische Element die Gefahr birgt, dass sich das Publikum emotional vom Geschehen abkapselt. Wenn Charaktere nicht mehr Gefahren ausgesetzt werden, mit denen das Publikum sich identifizieren und mitfiebern kann, dann verkommen moderne Blockbuster zu nichts weiter als ausserordentlich teuren Zeichentrickfilmen.

Exzessive Nutzung von Color Grading

Etwas anderes, das moderne Blockbuster immer künstlicher aussehen lässt, ist die hemmungslose Nutzung der Farbkorrektur (Color Grading): Farben werden nachträglich so verändert, bis der Film den gewünschten Look bekommt.

Salonfähig gemacht haben das die Coen-Brüder mit dem im Jahr 2000 erschienenen «O Brother, Where Art Thou». Der Film spielt während den 1930er und hat nachträglich einen für die damalige Zeit üblichen gelblich-bräunlichen Sepia-Farbton verpasst bekommen.

Daraufhin haben Regisseure und ihre Kameramänner festgestellt, dass auf dem Farbrad gegenüberstehende Farben auch im Film besonders gut zusammenpassen. Weil die meisten Schauspieler in Filmen Weisse sind, und die Farbe, die dem Hautton am nächsten kommt, Orange ist, wird in Blockbustern das Orange besonders stark betont – und damit auch das gegenüberstehende Blau.

Blau und Orange siehst du mittlerweile auf fast jedem Filmposter und dominiert die Farbwelt von fast jedem Blockbuster
Blau und Orange siehst du mittlerweile auf fast jedem Filmposter und dominiert die Farbwelt von fast jedem Blockbuster
tvtropes.org

Das führt zu einem modernen Blockbuster-Look, den du schon so oft gesehen hast, dass du allein am Color Grading feststellen kannst, ob ein Film eher vor oder nach der Jahrtausendwende in die Kinos gekommen ist. Das Problem: Das für uns so übliche Film-Color-Grading entspricht überhaupt nicht der Realität.

Was bedeutet das für Computereffekte? Für die Antwort möchte ich auf die am Anfang des Artikels eingeführte These zurückkommen: Der 1993er T-Rex wirkt viel echter als derjenige aus «Jurassic World». Das hat hauptsächlich mit besagtem Color Grading zu tun.

Zu «Jurassic Parks» Zeiten hat es kein Color Grading in Filmen gegeben. Stattdessen mussten die Macher den Film wie unsere echte, reale Welt aussehen lassen – ich weiss, verrückt. Damals wie heute gilt: Computereffekte sollen möglichst nicht auffallen. Sie werden also so produziert, dass sie zum Look des Films passen.

So sieht der T-Rex in «Jurassic Park» aus:

Essenszeit
Essenszeit
Universal Pictures

Klar, das CGI selbst ist etwas in die Jahre gekommen, aber der T-Rex fügt sich immer noch so gut in seine Umgebung ein – die eben natürlich aussieht –, dass die Effekte auch nach heutigen Standards ganz passabel wirken.

«Jurassic World» hingegen ist genau so Opfer der Orange-Blau-Farbkorrektur wie die meisten modernen Blockbuster auch. Wie mag das wohl aussehen, wenn künstliche Computereffekte in ein künstlich eingefärbtes Bild eingefügt werden?

Wenig überraschend lautet die Antwort: künstlich.

Rexy in «Jurassic World»
Rexy in «Jurassic World»
Universal Pictures

Ich habe ein Experiment gewagt. Ich habe mich gefragt, wie der T-Rex in «Jurassic World» aussehen würde, wenn ich die Farben so korrigiere, dass sie eher dem natürlichen Look des Erstlings entspricht.

Eines vorweg: Ich bin kein Photoshop-Profi und bin mir bewusst, dass ich es nicht perfekt hingekriegt habe. Dennoch – ich bin zufrieden.

Rexy in «Jurassic World», aber mit der Farbgebung von «Jurassic Park»
Rexy in «Jurassic World», aber mit der Farbgebung von «Jurassic Park»
Universal Pictures

Vielleicht liegt’s daran, dass ich das Bild selber angepasst habe. Aber meiner Meinung nach sieht der T-Rex im nachbearbeiteten Bild deutlich natürlicher und echter aus als im künstlichen Original. Jedenfalls wirkt der T-Rex auf mich viel plastischer und massiger. Dabei handelt es sich um den genau gleichen Computereffekt wie vorher, ich habe nur an den Farben etwas rumgeschraubt.

Fazit: CGI wird immer besser, Filme aber immer künstlicher

Werden Computereffekte immer schlechter? Nein, im Gegenteil. Und auch wenn dieser Artikel wie ein Riesen-Mimimi wirken mag: Ich finde gut bedachte Computereffekte super, wenn sie das Geschichtenerzählen unterstützen – und nicht ersetzen.

*VFX**: Kino aus dem Computer*VFX**: Kino aus dem Computer
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VFX: Kino aus dem Computer

Aber siehst du, was Color Grading anstellen kann? Computereffekte, die eigentlich immer besser werden, müssen sich nahtlos in Filme einfügen, die immer künstlicher und damit unechter wirken: Ein Schuss ins Knie.

Das alleine ist es noch nicht. Dank fortgeschrittenen Computern steht den Machern immer mehr Rechenpower zur Verfügung, um Probleme bequem via CGI zu lösen. Das hat dazu geführt, dass Filme nur so vor Computereffekten strotzen. Aber computeranimierte Protagonisten bei unmöglichen Schlachten zuzuschauen wirkt aufs Filmpublikum ähnlich ermüdend wie Durchfall: Es koppelt sich emotional vom Geschehen ab und echte Spannung kommt nicht mehr auf.

Das Tüpfelchen auf dem künstlichen «i» sind jene Computereffekte, die auch noch Realitäten neuerfinden und die Gesetze der Physik umgehen. Nicht, dass ein Film keine fantastischen Elemente beinhalten dürfte – aber Filmemacher müssen sich neue Wege und Mittel überlegen, nachvollziehbare Gefahren für ihre Protagonisten zu erschaffen. Nur so verhindern sie, dass sie ihr Publikum vollends verlieren.

Oder, um es im Geiste von Ian Malcom aus «Jurassic Park» zu sagen: Statt sich zu überlegen, ob sie mit explodierenden Helikoptern um sich schmeissenden Dinosaurier erschaffen können, sollten sie lieber darüber nachdenken, ob sie das überhaupt tun sollten.

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Luca Fontana
Luca Fontana

Editor, Zürich

Abenteuer in der Natur zu erleben und mit Sport an meine Grenzen zu gehen, bis der eigene Puls zum Beat wird — das ist meine Komfortzone. Zum Ausgleich geniesse ich auch die ruhigen Momente mit einem guten Buch über gefährliche Intrigen und finstere Königsmörder. Manchmal schwärme ich für Filmmusik, minutenlang. Hängt wohl mit meiner ausgeprägten Leidenschaft fürs Kino zusammen. Was ich immer schon sagen wollte: «Ich bin Groot.»

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