Bild: filip bossuyt/Flickr/CC BY 2.0
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HintergrundSport

Cool bleiben – bloss wie? Der Spitzensport und die Hitze

Michael Restin
Michael Restin
Zürich, am 17.07.2021
In Tokio wird es sterile Olympische Spiele geben. Doch neben Covid drohen weitere Gefahren: Hitze und Luftfeuchtigkeit. Der richtige Umgang damit wird im Spitzensport immer wichtiger.

Olympische Spiele ohne Publikum, wie sie in Tokio stattfinden werden, haben einen Vorteil. Niemand muss im Stadion oder entlang der Marathonstrecke schwitzen. Niemand – ausser denen, die Höchstleistungen erbringen sollen. Die Athletinnen und Athleten können in Tokio extremen Wetterbedingungen ausgesetzt sein. 2018 und 2019 zogen im Juli und August Hitzewellen über die Megacity. Temperaturen jenseits der 30 Grad Celsius bei einer Luftfeuchtigkeit von über 70 Prozent waren in den vergangenen Jahren eher Regel als Ausnahmefall in Japans Hauptstadt. Diese Kombination ist doppelt schwer zu verkraften, da der Körper dehydriert ohne abzukühlen, wenn der Schweiss nicht mehr verdunsten kann.

Rund die Hälfte der olympischen Wettkämpfe, vor allem am späten Vormittag und frühen Nachmittag, könnten unter extremen Bedingungen stattfinden. Bei Grossveranstaltungen ist das fast schon der Normalzustand. Wo Sommerspiele oder andere Wettkämpfe in Zeiten des Klimawandels gesundheitlich vertretbar sind, spielt bei der Vergabe bislang keine Rolle. Dass es dabei nur ums Geld und den maximalen Nutzen für die Verbände geht, ist nicht erst seit der Vergabe der Fussball-WM nach Katar klar. Strategien, um die Sportler zu schützen, müssen andere entwickeln. Es ist ein grosser Feldversuch, der neue Techniken und neue Probleme mit sich bringt. In jedem Fall bleibt das Thema langfristig wichtig, denn das Problem mit Extrem-Temperaturen wird nicht kleiner werden.

Kühlung für die Athleten an der WM in Doha.
Kühlung für die Athleten an der WM in Doha.
Bild: filip bossuyt/Flickr/CC BY 2.0

Körper im Grenzbereich

Bei einem Hitzschlag steigt die Körpertemperatur auf über 40 Grad. Er kann zu Verwirrung, Zusammenbrüchen oder Schlimmerem führen. Deshalb ist es wichtig, solche Fälle frühzeitig zu erkennen und für Kühlung zu sorgen. Wenn es gelingt, die Körpertemperatur Betroffener innerhalb von 30 Minuten wieder unter 40 Grad zu senken, stehen die Chancen auf einen glimpflichen Ausgang gut. Dass sich «cool bleiben» in warmer Umgebung auch unterhalb dieses Grenzbereichs positiv auf die Leistungsfähigkeit auswirkt, ist kein Geheimnis: Kühlung vor oder während der Belastung wirkt deutlich leistungssteigernd, je nach Studie liegt der Vorteil bei etwa fünf bis zehn Prozent. Naturgemäss profitieren Ausdauersportlerinnen und -sportler am meisten. Eisbäder, Kühlwesten und ähnliche Anwendungen sind längst keine Seltenheit mehr. Wer in der Hitze gewinnen will, darf auch nicht kälteempfindlich sein. Alles für den Erfolg – oder um zumindest gesund ins Ziel zu kommen.

Nur Trinken und Schwitzen reicht nicht.
Nur Trinken und Schwitzen reicht nicht.
Bild: filip bossuyt/Flickr/CC BY 2.0

Wie das Thema in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen hat, zeigen exemplarisch Zahlen von der Leichtathletik WM 2019 im schönen Doha: Bei den Strassenrennen setzten 80 Prozent aller Athletinnen und Athleten Kühlungsstrategien vor dem Wettkampf ein. Besonders häufig kamen Eiswesten zum Einsatz. Während der Rennen war das Thema noch zentraler: 93 Prozent griffen unterwegs zur kalten Dusche und legten sich Kühlpacks oder kalte Handtücher in den Nacken, um die extremen Bedingungen zu überstehen. Es zeigte sich: Wer mit kühlerer Haut startete, war erfolgreicher und hatte bessere Chancen, das Rennen zu beenden. Beim um Mitternacht gestarteten Marathon der Frauen lag die Temperatur beispielsweise bei 32,7 Grad Celsius, die Luftfeuchtigkeit bei 73,3 Prozent. Nur 40 der 68 Teilnehmerinnen erreichten das Ziel. Eine Veranstaltung, die auch in der Rückschau befremdlich wirkt.

Telemetrie aus dem Magen

Wie es den Sportlern während des Wettkampfs geht, ist von aussen schwer abzuschätzen. Aber es gibt längst technische Lösungen, die weiter gehen als Wearables, um Herz- und Schrittfrequenz zu überwachen. Sie heissen CorTemp, e-Celsius, myTemp oder VitalSense und sind kleine Sensoren in einer Kapsel, die verschluckt und wieder ausgeschieden wird. Aus dem Inneren des Körpers sendet diese dann die jeweils aktuelle Körpertemperatur. Würde man die zahlreichen Daten zusammenführen, stünden gläserne Athletinnen und Athleten am Start, deren Zustand in Echtzeit überwacht werden könnte. Temperatur, Puls und mehr – es wären alle relevanten Infos da. Dass es noch nicht ganz so weit ist, liegt auch an ethischen Fragen wie der, wann in einem Wettkampf eingegriffen werden soll und wer darüber entscheidet.

Müssen Sportlerinnen und Sportler, deren Körpertemperatur einen bestimmten Wert überschreitet, sofort aus dem Rennen genommen werden? Oder dürfen sie beim Kampf um den Sieg kurz vor dem Ziel in den kritischen Bereich vordringen, weil im Falle eines Kollapses schnelle Kühlung und medizinische Versorgung gewährleistet ist? Wo liegt die Grenze? Bei Radsportlern wurden Körperkerntemperaturen von bis zu 41,5 Grad Celsius gemessen, ohne dass ein Zusammenbruch die Folge war. Andererseits liegt der Grenzwert für Zellschäden bei 40,83 Grad Celsius. Und natürlich ist ein Kollaps auch darunter nicht ausgeschlossen.

Diese Kapsel enthält keine Medizin: Mit CorTemp wird die Körperkerntemperatur gemessen.
Diese Kapsel enthält keine Medizin: Mit CorTemp wird die Körperkerntemperatur gemessen.
Screenshot: hqinc.net

In der Formel 1 ist es üblich, das Auto aufgrund telemetrischer Daten einzuschätzen, zu schonen oder, wenn nötig, bis in den Grenzbereich zu belasten. Im dümmsten Fall kapituliert der Motor. Wie sähe so etwas in der übrigen Sportwelt aus, wo der Motor der Mensch ist? Und wer entscheidet, welches Risiko ein Sieg wert ist? Auf gleiche Weise mit einem menschlichen Körper zu spielen, fühlt sich ebenso falsch an, wie auf potenziell rettende Technik zu verzichten. Noch fehlen Standards, auf deren Grundlage die Daten von Wearables & Co. genutzt werden können. Aber die International Federation of Sports Medicine arbeitet daran. Gäbe es belastbare Standards und würden die Daten zur gesundheitlichen Überwachung von ganzen Teilnehmerfeldern genutzt, könnte das den Sport verändern. Immerhin wären alle Athletinnen und Athleten gleichgestellt und entsprechend ausgerüstet.

Anders sieht es bei Kühlhilfen für unterwegs aus. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es besser am Körper tragbare Klimaanlagen als eine Eisweste gibt. Sony arbeitet daran, das MIT-Start-up Embr ebenfalls und auch Textilien werden weiterentwickelt, um für kühlere Haut zu sorgen. Sobald Athletinnen und Athleten einen Vorteil aus der Technik ziehen können, stehen Entscheidungen an, was im Wettkampf erlaubt ist und was nicht. Du erinnerst dich sicher an die Schwimmanzüge, die verboten und alle darin aufgestellten Weltrekorde gestrichen wurden. Oder an den Streit um Nikes zu schnellen Laufschuh. Der Sport, die Hitze, die besten Mittel dagegen und der faire Umgang damit sind Themen, die heiss diskutiert werden müssen. Damit das in Ruhe passieren kann, wäre es eine gute Idee, nicht jedes zweite Sport-Event in die Wüste zu vergeben. Es soll nur der Sieg und nicht die Gesundheit der Teilnehmenden auf dem Spiel stehen.

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Michael Restin
Michael Restin

Editor, Zürich

Sportwissenschaftler, Hochleistungspapi und Homeofficer im Dienste Ihrer Majestät der Schildkröte.

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