Das Fenster zum Hof – Corona-Edition
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Das Fenster zum Hof – Corona-Edition

Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger
Zürich, am 19.01.2021
Seit ich den ganzen Tag im Homeoffice sitze, sind mir meine Nachbarn viel näher. Ich habe zwar noch nie mit ihnen geredet, doch ich erlebe ihren Alltag durchs Fenster mit.

Beinbruch. Gips. Rollstuhl. Der Bewegungsradius beschränkt sich auf die eigenen vier Wände. Viel gibt’s nicht zu tun, Langeweile kehrt ein. Die Nachbarn zu beobachten wird zum amüsanten Zeitvertreib. Was unschuldig beginnt, wird immer mehr zum obsessiven Verhalten.

So in etwa lautet der Kurzbeschrieb zu Alfred Hitchcocks «Das Fenster zum Hof». Es könnte aber auch ein Ausschnitt aus meinem Leben sein. Zwar habe ich kein Bein gebrochen, doch auch ich, wie so viele andere, bin aufgrund der Corona-Massnahmen mehrheitlich an meine eigene Wohnung gebunden. Die letzten Monate habe ich so viel geputzt wie noch nie in meinem Leben, ich habe umgestellt, Pflanzen gekauft, dekoriert und optimiert. Und ich habe angefangen, meine Nachbarn zu beobachten. Erst unbewusst, doch dann wurde es immer mehr zur Gewohnheit.

Ein paar schüchterne Blicke

Die Wohnungen gegenüber wurden klar nach der Redewendung «Wer im Glashaus sitzt …» entworfen. Wie in einem Puppenhaus habe ich freie Sicht auf das häusliche Leben meiner Nachbarn, da die komplette Fassade verglast ist. Anfang Jahr warf ich ab und zu einen Blick herüber, wenn ich gerade auf dem Balkon war. Dass das fast nicht anders geht, merkten auch alle Freunde, die zu Besuch waren. So lernte ich die Menschen um mich herum kennen.

Zum Beispiel das junge Paar direkt gegenüber. Erst zu zweit im Homeoffice, unterdessen eine kleine Familie mit Leinwand und Beamer. Ein Stockwerk darunter lebt ein kinderloses Paar. Thomas und Sylvia nenne ich sie liebevoll. Ich wurde durch nicht nachvollziehbare Einrichtungsclous auf sie aufmerksam: Der Fernseher stand lange so, dass die beiden das Bild vom Sofa aus nicht sehen konnten. Unterdessen wurde diese Entscheidung revidiert. Dafür bewundere ich ihr Händchen für Pflanzen jeglicher Sorte.

Seit einigen Wochen ist Home Fitness ein grosses Thema in meiner Nachbarschaft. Nicht nur bei den frischgebackenen Eltern, die wahrscheinlich die kaum vorhandenen Schwangerschaftspfunde purzeln sehen wollen, sondern auch bei Thomas und Sylvia. Erst haben sie einzeln vor dem Spiegel getanzt, dann ab und zu zusammen und jetzt haben sie extra das Wohnzimmer umgestellt, um Yogamatten zu platzieren. Letzthin haben sie ihr Licht brennen lassen, als sie abends unterwegs waren.

Vom Schlafzimmer aus sehe ich auf ein anderes Mehrfamilienhaus. Wenn ich morgens von Sam Cooke geweckt werde, sitzt dort eine junge Familie am Küchentisch und frühstückt. Alle anderen Lichter sind meist noch aus. Nur der Prime Tower leuchtet schon in täglich wechselnden Schattierungen. Aus dem Küchenfenster sehe ich wieder in andere Wohnungen. Dort konnte ich monatelang einem Mann Anfang 30 beim Kochen zusehen. In letzter Zeit scheint er die Gastroszene zu unterstützen und nur noch Take Away zu holen, denn in der Küche sehe ich ihn kaum mehr.

Eine einseitige Freundschaft auf Distanz

Unterdessen sind mir meine Nachbarn richtig ans Herz gewachsen, obwohl ich noch nie ein Wort mit ihnen gewechselt habe. Ich vermisse sie, wenn sie im Urlaub sind. Und ich bin verwirrt, wenn sie plötzlich feste Rituale weglassen. Noch verwirrter bin ich, wenn ich sie auf einmal auf der Strasse treffe. Für mich leben die Menschen nur in ihren Wohnungen. Wie bei einer Sitcom schalte ich ein und spiele Voyeur. Ich vergesse, dass alles echte Leute mit echten Leben und echten Problemen sind. Erst wenn ich sie in Fleisch und Blut vor mir sehe, wird mir das bewusst.

Auch zu Leuten auf der Strasse habe ich ein (einseitig) freundschaftliches Verhältnis aufgebaut. Da gibt es einen Mann mit Dreadlocks, der auf einem Elektroroller laut Dancehall hört. Oder sein älteres Pendant, das seine Umgebung auf einer Vespa mit Italo-Klassikern erfreut. Zwischendurch geniesse ich aber auch den beiläufigen «Kontakt» mit Fussgängern und Autofahrern. Ich höre Paare, die sich lautstark beim seitwärts Einparkieren streiten. Oder informelle Gespräche von Angestellten während ihrer Mittagspause. Und als es vor ein paar Tagen so geschneit hat, habe ich den Frust mehrerer Autofahrer hautnah mitbekommen, als sie nicht mehr aus der Parklücke kamen.

Vor lauter Glotzen vergesse ich hin und wieder, dass zumindest ein Teil meiner Nachbarn auch mich sehen kann, wenn er das denn will. Meine Fenster sind zwar kleiner und dreckig, doch vor allem abends, wenn mein Licht an ist, wird man mir beim Essen, Lesen, Backgammon spielen oder Faulenzen zusehen können. In diesem Moment der Klarheit fühle ich mich etwa eine Sekunde lang unwohl, bis es mir wieder egal wird. So funktioniert unsere Beziehung für mich untereinander eben. Innig, aber dennoch distanziert. Etwas gruselig, aber dennoch schön.

Und jetzt bitte sag mir, dass ich nicht alleine damit bin ...

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Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger

Editor, Zürich

Meinen Horizont erweitern: So einfach lässt sich mein Leben zusammenfassen. Ich liebe es, neue Menschen, Gedanken und Lebenswelten kennenzulernen,. Journalistische Abenteuer lauern überall; ob beim Reisen, Lesen, Kochen, Filme schauen oder Heimwerken.

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